Obst in der Tüte, Müsli in der Packung und die eingeschweißte Gurke – ein Großteil unserer Lebensmittel wird in Plastikverpackungen verkauft, ganz gleich ob im Supermarkt, beim Discounter oder im Bioladen. Dabei entsteht eine ganze Menge Verpackungsmüll aus problematischen Materialien, die längst nicht alle recycelt und aufbereitet werden. Die Menschen hinter sogenannten Unverpackt-Läden wollen das ändern und bieten ihre Produkte so an, wie es der Name schon sagt: unverpackt eben. Und wie das funktioniert, was das bedeutet und was die junge Branche braucht, um zu bestehen, darum geht’s hier heute. Ich bin Gerolf Meyer und ich sage Hallo, detektor.fm – zurück zum Thema.
Die Entwicklung der Unverpackt-Läden
Seit 2014 gibt es in Deutschland Unverpackt-Läden. Die sind in den 10er Jahren in einigen deutschen Städten entstanden. Und das hat gut in die Zeit gepasst, in der Schülerinnen und Schüler fürs Klima gestreikt haben und dafür von ihren Eltern oft Applaus bekommen haben. Das Gefühl, selbst etwas für eine nachhaltigere Welt tun zu können, hat vielleicht auch die Unverpackt-Läden inspiriert und eine Weile getragen. Doch wir wissen es alle: Mit Covid-19 und der russischen Vollinvasion in der Ukraine hat sich die Stimmung in Deutschland deutlich geändert. Gefühlte Ohnmacht und Inflation haben Einzug gehalten, und manche Menschen sprechen seitdem von Polikrise. Auch den Unverpackt-Läden geht es nicht so gut. Von 340 im Jahr 2022 hat die Hälfte inzwischen wieder geschlossen. Der Peak ist vorbei, das sagt Chrissi Holzmann vom Bundesverband der Unverpackt-Läden im Klimapodcast von detektor.fm – Mission Energiewende.
Politische Forderungen
Um nochmal auf den Verband zurückzukommen: Ihr habt ja auch einige politische Forderungen. Wie sehen die aus und welche ist vielleicht die wichtigste davon? Wenn du mich fragst, ist die wichtigste politische Forderung tatsächlich die Abschaffung der Mehrwertsteuer auf unverpackte Produkte oder solche in Mehrweggefäßen. Wir sind der Meinung, dass ein nachhaltiges Einkaufen, ressourcenschonendes Einkaufen für die VerbraucherInnen tatsächlich am Preisschild sichtbar sein sollte. Und wenn man jetzt bedenkt, dass Kunststoff, Plastik, aber auch jede andere Verpackung – also auch Papier und Glas – wächst nicht einfach so, und ich kann es beliebig oft und easy abernten. Die Kosten, die da letzten Endes für die Bevölkerung, für uns als Gesamtgesellschaft entstehen durch Verpackung, die externalisierten Kosten, die sind so hoch und die tragen wir gesamtgesellschaftlich. Während die Profite, die die Kunststoffindustrie einstreicht, die sind privat. Also da machen sich ein paar wenige die Taschen voll. Und das, was an Umweltfolgekosten und Gesundheitsfolgekosten dabei rauskommt, das müssen wir als Gesellschaft stemmen. Und deswegen wäre es für uns einfach folgewichtig zu sagen: Jeder Bürger, jede Bürgerin, die sich dazu entschließt, ressourcenschonend einzukaufen, zahlt dafür tatsächlich auch weniger. Und wenn das dann letzten Endes am Preisschild sichtbar ist, dass Nachhaltigkeit weniger kostet, dann wäre das ein riesengroßer Schritt und tatsächlich auch der größte Hebel, den die Politik hätte, um unverpackten Einkauf attraktiv zu machen.
Der Einfluss der Mehrwertsteuer
Was meinst du, welchen Impact hätte so eine Entscheidung, wenn die kommen würde? Oh, ich denke in riesengroßen. Also jetzt bei Lebensmitteln sage ich mal, ob ein Kilo Reis – das ist natürlich viel zu teuer, was ich jetzt sage. Ich sage es nur, weil ich es leichter rechnen kann: Statt 10,70 Euro einfach nur 10 Euro kostet, das macht einen Unterschied. Bei Kosmetik und Reinigungsprodukten sind es 19 Prozent Mehrwertsteuer, die einfach gespart würden. Und ob dann eben Shampoo 11,90 Euro kostet oder nur 10 Euro, das macht einen riesengroßen Unterschied. Und für den, sage ich mal, Bundeshaushalt ist das, was dadurch verloren ginge, ein Minimum an dem, was wir tragen müssen für Müllabfuhr, für Recyclinganlagen, für die Gesundheitsfolgekosten, die durch Mikroplastik entstehen. Und die sind schon da. Ja, insofern wäre das eine Win-Win-Situation für alle.
Müllvermeidung durch Unverpacktläden
Weil du gerade so auf die Unterschiede zu sprechen gekommen bist: Welchen Unterschied macht denn überhaupt ein Unverpacktladen in der Menge an Müll, wenn Menschen dort einkaufen statt im herkömmlichen Supermarkt? Also für mich als Privatperson macht es natürlich einen riesengroßen Unterschied. Wenn ich jetzt von meinem eigenen Haushalt ausgehe – und ich meine klar, ich bin jeden Tag im Unverpacktladen. Für mich ist das ein Luxus. Ich gehe, ich würde sagen, vielleicht einmal in zwei Monaten bringe ich meinen Restmüll weg. Also mein Biomüll ist ab und zu natürlich voll. Sonst war es das komplett, weil ich als Privatperson zu 95 Prozent unverpackt einkaufe. Natürlich entsteht im Unverpacktladen Müll, weil, wie gesagt, die Produkte kommen jetzt nicht lose aus dem Heuwagen des Bauern direkt zu uns in den Laden. Aber der große Unterschied ist eben, dass die Produkte im Großgebinde kommen, dass die Produkte meist in Papier verpackt werden und eben ganz viel in Mehrweg kommt. Und der Müll, der entlang der ganzen Lieferkette eingespart wird, vom Unverpacktladen zum konventionellen Bioladen, beträgt 84 Prozent. Also insgesamt werden 84 Prozent Verpackungsmaterialien eingespart, nur durch den Verkauf im Unverpacktladen.
Der persönliche Weg zum Unverpacktladen
Du hast es ja gerade beschrieben: Ist ja klar, wenn man einen Unverpacktladen besitzt, dann steht man ja auch mit jeder Faser seines Körpers quasi dahinter. Wie bist du denn da hingekommen, das zu machen? Ach, also du hast ja wahrscheinlich nicht schon für immer unverpackt vorangetrieben. Das gibt es ja auch vielleicht noch gar nicht so ewig lange. Genau, tatsächlich hat der erste Unverpacktladen in Deutschland 2014 aufgemacht. Also wir sind wirklich noch eine sehr, sehr junge Branche. Und meine Reise hat vielleicht – also mein Laden habe ich seit sechs Jahren, meine private Reise hat vielleicht vor acht Jahren angefangen. Da habe ich vom WWF tatsächlich einen Bericht gelesen über Plastik in den Meeren und über grundsätzlich Mikroplastik in unserer Umwelt. Und ich war so erstaunt. Erst habe ich das für Fake News gehalten, weil ich dachte: Nee, da würde doch irgendjemand, der für uns verantwortlich ist, würde das doch zu verhindern wissen. Also da gäbe es doch Bemühungen, das tatsächlich so weit nicht kommen zu lassen. Und Plastik in Kosmetik, die ich mir auf die Haut schmiere, das ist doch bestimmt verboten. Und je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigt habe und da eingelesen habe, habe ich festgestellt, dass das leider, leider bittere Realität ist. Und dann habe ich für mich selbst beschlossen, einfach so verpackungsfrei, plastikfrei wie möglich einzukaufen und zu konsumieren und habe ganz schnell festgestellt, wie schnell ich an Grenzen stoße. Also dass unser Einzelhandel oder die Art und Weise, wie wir in unserer Gesellschaft handeln, darauf nicht ausgerichtet ist. Dann habe ich mir gedacht: Okay, ich habe mich selber schon immer als Teil der Lösung empfunden und gesehen. Dann habe ich mir gedacht: Okay, wenn es mir so geht, geht es vielleicht auch anderen Leuten in meiner Hood so. Dann versuche ich, das nicht nur für mich selber möglich zu machen, sondern auch für meine Nachbarinnen und Nachbarn.
Forschung zu Zero Waste
Ich habe auf Instagram gesehen, dass ihr euch auch mit Forschungsvorhaben zum Thema Zero Waste und Kreislaufwirtschaft beschäftigt. Was kannst du darüber erzählen? Ja, also das Wort Kreislaufwirtschaft ist ja heutzutage in aller Munde, sei es im Bau oder weiß der Geier was. Und es macht natürlich auch Sinn. Das Thema Recycling hat so ein bisschen das Logo geklaut und natürlich auch das Wort geklaut, weil Recycling steht ganz am Ende der Abfallpyramide. Das heißt, Recycling sollte wirklich als aller, allerletztes erst rankommen. Und wirklicher Kreislauf sieht tatsächlich so aus, dass Verpackungen so oft wie es geht und so lange wie es irgendwie möglich ist, wiederverwendet werden. Wir kennen das alle von Bier: Dass wir irgendwie eine leere Bierflasche nicht wegwerfen oder zum Altglas tragen. Das ist mittlerweile in unserer DNA einfach drin. Joghurt, Milch auch. Und bei uns in den Unverpacktläden gibt es super viel in diesen ganz standardisierten Mehrweggläsern und Flaschen. Ob das Wein ist, ob das Senf ist, Ketchup, Olivenaufstriche, süß und salzig, Nussmus, Nussnougataufstrich und so weiter und so fort. Und dann, wie ich ja vorhin erzählt habe, dass ganz viel in Großgebinde kommt, versuchen wir natürlich auch, die Verpackung, die letzten Endes bei uns im Unverpacktladen noch ankommt, die auch zu minimieren. Das heißt, da sprechen wir dann von 20-Liter-Gefäßen, in denen dann beispielsweise die Cashews ankommen oder auch die Schokolade, was teilweise jetzt schon bei uns der Fall ist. Aber da versuchen wir eben immer mehr Produkte zu beziehen und das dann tatsächlich auch zu erforschen, wie viele Einsparungen es dafür geben kann. Und ob das dann eben nicht nur für uns Unverpacktläden sinnvoll wäre, sondern beispielsweise auch in der Gastronomie, in der Hotellerie, in der Außerhausverpflegung ganz grundsätzlich, um da als PionierInnen einfach nach vorne zu gehen.
Fazit
Schwierige Bedingungen für Unverpacktläden und ein Problem, das wir aus einigen gesellschaftlichen Bereichen kennen: Kosten werden sozialisiert und Gewinne privatisiert. Aber das ist sicher nicht der einzige Grund für den Abschwung in der Unverpacktszene. Wie der Handel ohne Verpackung funktioniert, was ihn gegenüber dem klassischen Handel herausfordernd macht und warum es aus ihrer Sicht trotzdem eine gute Idee ist, im Unverpacktladen einzukaufen, darüber spricht Chrissi Holzmann vom Bundesverband der Unverpacktläden im Klimapodcast von detektor.fm namens Mission Energiewende. Und ihr habt gerade nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Gespräch gehört. Die komplette Folge habe ich euch in den Shownotes verlinkt. Und wenn ihr noch mehr Interesse an Nachhaltigkeits-, Klima- und Umweltthemen habt, dann folgt doch einfach Mission Energiewende. Dort gibt es jede Woche einen neuen Beitrag zu spannenden Themen. Und wenn euch dieser kleine feine Podcast gefällt, den ihr jetzt gerade hört, dann empfehlt auch „Zurück zum Thema“ gerne weiter. Hier bekommt ihr immer einen Einblick in das Universum von detektor.fm und unsere spannenden Podcastthemen. Die Produktion dieser Ausgabe hat Stanley Baldauf übernommen und ich bin Gerolf Meyer und sage Tschau, detektor.fm. Zurück zum Thema.