Seite 37 | Die Avenidas-Debatte

Von Straßen und Wänden

18.05.2018

Über Monate schien sich Deutschland mit einem Gedicht zu beschäftigen. Welche Erkenntnisse und Fragen bleiben nach der Avenidas-Debatte?

Der Fassadenstreit

Ein kleines Gedicht hat den gesamten deutschsprachigen Raum beschäftigt. Dabei ging es nur um sechs kleine Worte.

Avenidas

Avenidas y flores

Flores

Flores y mujeres

Avenidas

Avenidas y mujeres

Avenidas y flores y mujeres y

un admirador.

Mit diesem Gedicht hat Eugen Gomringer gleich in mehrfacher Hinsicht Lyrikgeschichte geschrieben. Zum einen ist es zu einem Schlüsselwerk der konkreten Poesie geworden. Zum anderen wurde selten derart über ein Gedicht gestritten. Hier noch einmal die Kurzfassung: Seit 2011 stand das Gedicht groß auf der Südfassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule. 2016 sprach sich der Studierendenausschuss dafür aus, das Werk von der Wand zu entfernen. Das Gedicht würde Frauen  herabsetzen und erinnere an sexistische Übergriffe.

Wie über „Avenidas“ sprechen

Daraufhin ist eine weite Debatte über Zensur und Sexismus entbrannt. Das „Avenidas“ wanderte über Wände, eine Villa, das Brandenburger Tor und schließlich an ein Bürgerhaus in der Heimatstadt von Eugen Gomringer, nach Rehau. Nach zahlreichen Abstimmungen an der Hochschule soll nun ein neues Gedicht die Fassade schmücken – aber nur für eine bestimmte Zeit.

Ein vernünftiges Gespräch darüber kann man auch nicht führen, weil es gibt nur Hardliner. Aber mich geht das nichts an, ich finde es langweilig. Vielleicht auch weil ich das Gedicht langweilig finde. – Martin Piekar

Die ganze Diskussion lässt sich schnell als eine in sozialen und anderen Medien aufgebauschte Debatte betrachten. Doch an ihr manifestieren sich auch soziologische und ästhetische Fragen. Gibt es für Kunst ein Ablaufdatum? Oder muss gute Literatur jenseits seiner historischen Werte funktionieren? Wo liegen Deutungshoheiten? Und darf man von einer Interpretation auf den Künstler schließen? Wie wollen wir miteinander sprechen? Muss Sexismuskritik immer als Anklage verstanden und müssen verletzte Gefühle nicht ernst genommen werden? Eigentlich zu viele Fragen, um sie in einer Sendung zu beantworten.

Hausbesuch bei Nora Gomringer

IMG_5821Ich bin meinem Vater nicht einmal besonders nahe. Ich würde das auch für ein Gedicht der Romantik tun, wenn es mir richtig erschiene. Die Dichterin Nora Gomringerwurde für ihre Statements auch von Kollegen kritisiert. 

Das können wir gar nicht. Aber wir wollen zumindest zum Nachdenken anregen. Auch bei Nora Gomringer scheinen diese Fragen im Kopf zu kreisen. Sie ist die Tochter von Eugen Gomringer und selbst Schriftstellerin. In mehreren Beiträgen hat sie sich für den Erhalt des Gedichtes „Avenidas“ an der Fassade eingesetzt und wurde dafür auch von Kollegen stark kritisiert. Was Nora Gomringer von der Kritik hält und mit welchen Humor sie inzwischen die Debatte betrachtet, erzählt sie bei unserem Hausbesuch. Außerdem gewährt sie Einblicke in die Villa Concordia.


Wir schreiben mit Euch (eine) Geschichte

Für diese Ausgabe haben wir euch nach Texten aus dem Giftschrank gefragt. Auch wenn die eingesendeten Gedichte eigentlich zu gut waren, haben sich auch unsere Moderatoren in die Karten schauen lassen. Denn obwohl Franziska und Claudius eigentlich Prosa schreiben, gibt es auch einige Zettel mit lyrischen Zeilen. Für das nächste Mal wollen wir mit Euch zusammen einen Text schreiben – immer einen Satz nach dem anderen. Wir fangen an.

Die Wellen plätscherten leise, während die Sonne langsam im Meer versank. – Claudius Niessen

Gebt uns eure Sätze, wir schreiben dann weiter. Kommentiert auf unseren Social Media-Kanälen oder schreibt uns eine Mail an literatur(at)detektor.fm. Der schönste Satz oder die spannendste Wendung gewinnt ein Bücherpaket. Vermutlich werden alle schön sein. Das ist der aktuelle Stand:

  • Die Wellen plätscherten leise, während die Sonne langsam im Meer versank.
  • Ganz dort hinten, am Horizont, tauchte plötzlich ein Kugelfisch mit Blähungen auf.
  • Ich lachte stumm vor mich hin. Langsam wandte ich meinen Blick von den Spiegelungen auf dem Wasser ab und drehte mich zu Jana um.
  • Sie trocknete gedankenversunken die letzten Tropfen des Salzwassers auf ihrer Haut mit einem großen Handtuch, während sie zum Horizont blickte.
  • Als sie merkte, dass ich sie beobachtete, schaute sie mich kurz fragend an, bevor ihr Gesicht einen fragenden Ausdruck annahm, als würde sie in meinem Blick eine noch unerkannte Wahrheit suchen.
  • Wir sahen uns in die Augen, während jeder so seinen Gedanken nach hang.
  • In der Zwischenzeit war der Anteil von Licht in der Dämmerung beinahe vollständig versunken und ich – um dem Moment eine literarische Qualität zu geben – dachte: „Wenn die Sonne sich schlafen legt, kommen die Schatten zu ihrem nächtlichen Reigen.“
  • In unseren Augen verblassten langsam unsere Spiegel und obwohl der Wind weiterhin wehte, unterbrach das Meer seine plätschernde Rede und sein plötzliches Schweigen dröhnte uns in den Ohren.

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