Album der Woche | Angel Olsen – All Mirrors

Du bist was du fühlst

Angel Olsen schreibt Songs für verwundete Seelen. Am Anfang nur mit Stimme und Gitarre. Ihr letztes Album „My Woman“ kam mit einer ordentlichen Prise Indierock und Synthie-Pop daher. Für „All Mirrors“ hat sie wieder eine andere Richtung eingeschlagen: jetzt baden die Songs in ausladenden Streicherarrangements.

Singt von Trennung: Angel Olsen.
Foto: Cameron McCool

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Das Album der Woche wird präsentiert von Dockin. Promo-Code: detektor.fmDockin10


Sind wir alle auf Gedeih und Verderb unseren Gefühlen ausgeliefert? Sind sie vielleicht sogar das einzig reale? Anhänger des Buddhismus würden vermutlich widersprechen, aber Angel Olsen zieht diese Möglichkeit zumindest in Erwägung. Wie gut kennen wir uns selbst, müssen wir wirklich immer wieder die gleichen Fehler machen, warum verleugnet man sich und seine Bedürfnisse? All diese Fragen bearbeitet sie auf ihrem neuen Album All Mirrors. Um’s gleich vorwegzunehmen: Antworten gibt es keine – es handelt sich hier schließlich nicht um eine Therapiesitzung – dafür ausladend orchestrierte, dramatische Popsongs.

Zwei Versionen

Eigentlich wollte die 32-Jährige das Album in zwei Versionen veröffentlichen. Denn geschrieben hat sie die Songs zuerst nur mit Klavier und Gitarre. Ganz intim und reduziert, denn sie wollte zurück zu ihren Wurzeln. Nach endlosen Touren mit ihrer Band wollte sie wieder alleine Songs schreiben und performen, wie sie das am Anfang ihrer Karriere gemacht hat. Nachdem sie die Songs also in dieser rudimentären Form im Kasten hatte, sollte die zweite Version mit Streichern aufgenommen werden. Produzent John Congleton hat das ganze dann in die passende Richtung geschubst.

John hat uns ein paar Tipps gegeben. Wir haben über Songs mit Streichern gesprochen, die wir mögen. Vor allem solche, wo Streicher nicht nur Deko sind, sondern mit dem Gesang interagieren. Scott Walker tauchte immer wieder auf. Einer seiner Songs heißt „It’s raining today“ und am Anfang gibt es da so eine Art Summen. Das finde ich super und wir haben unsere eigene Variante davon aufgenommen. Man hört das zum Beispiel in „Impasse“.

Mehr Drama geht nicht

Gleich im ersten Stück Lark ziehen die Violinen, Violas und Celli alle Register – erst flirren sie kaum hörbar im Hintergrund um sich nach und nach zu einer massiven Wall of Sound aufzutürmen und schließlich mit Getöse einzustürzen. Dazu durchlebt Angel Olsen die verschiedenen Phasen eines Streits, sei flüstert, sie schreit, sie wirft alles rein. Mehr Drama geht nicht. Passend dazu ist das Thema das Ende einer Beziehung.

Ja es geht um eine Trennung, aber nicht nur in dem einen Song, das ganze Album ist ein Trennungsalbum. Es geht aber nicht nur um eine romantische Beziehung, es ist das Ende eines Lebensabschnitts für mich. Ich habe kein Problem das zuzugeben. Es ist Musik und man darf dick auftragen und dramatisch sein.

Synthies, Klavier und immer wieder Streicher durchziehen das ganze Album, verleihen den Songs nicht nur Drama, sondern auch eine Filmsoundtrack-Atmosphäre. Ein pluckernder Bass, verhallte Drums und zu allem Olsens wandlungsfähige Stimme – auf All Mirrors reichen die Einflüsse von Gary Numan-80s-Pop über Nico und Robert Fripp.

Gefühle sind vielleicht nicht das einzig reale, aber sie können sehr mächtig sein. Was für ein Glück, wenn man sie in so wunderbar üppige Popsongs verpacken kann.