Album der Woche: Arcade Fire – Reflektor

28.10.2013

Mit Erwartungen ist das ja so eine Sache: Nach einem grandiosen Debütalbum kann man sie als Band quasi nie wieder ganz erfüllen. So ging es Franz Ferdinand, den Arctic Monkeys – und eben auch Arcade Fire. Und genau wie ihre Kollegen schaffen es auch Arcade Fire 2013 ihre Kritiker mit einem neuen Album positiv zu überraschen.

“Reflektor” ist Arcade Fires viertes Album seit ihrer Gründung 2001. (Foto: JF Lalonde)

Für die Verhältnisse im Musikbiz sind Arcade Fire entweder extrem langweilig oder unerwartet beständig: Zuverlässig melden sie sich seit 2004 alle drei Jahre mit einem neuen Album zurück, das ebenso zuverlässig immer ein bisschen besser ist als der Vorgänger. Dazu das völlig skandalbefreite Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne an der Spitze der Band. Doch ein Besuch in Haiti, dem Herkunftsland von Régine Chassagnes Eltern – und dann sowas: Disco Beats, Synthesizer. Und: David Bowie.

Siebeneinhalb Minuten schweben Arcade Fire auf dem Titeltrack ihres neuen Albums Reflektor zwischen dem Reich der Lebenden und dem der Toten. Das ist ihr Thema, seit dem Debütalbum Funeral. Kaum zurück aus Haiti holen Arcade Fire ausgerechnet James Murphy an Bord, den Mann der mit seiner Band LCD Soundsystem für elektrisierende Dancetracks bekannt war – nicht aber für orchestrale Rocksongs, die Arcade Fire so gut können. Inspiriert von der afro-karibischen Kultur wollen sie einen tanzbaren Sound. Sie kriegen ihn.

Vielfalt ohne Hektik

Leichtfüßig schreiten Arcade Fire mit Hilfe ihres Produzenten Murphy von Disco zu Dub. Ein Weg den viele große Künstler vor Arcade Fire gegangen sind. Arcade Fire gehen noch weiter. Und sie nehmen sich die Zeit dafür: Reflektor verteilt sich auf zwei CDs und 75 Minuten. Viele der 13 Songs sind länger als sechs Minuten. Sie sind komplex, kleine Dramen voller Tempo- und Rhythmuswechsel.

James Murphys Handschrift ist laut. Er unterstreicht die großen Gesten der Band, inszeniert sie im Tanztempel und nicht in der Kirche. Es ist, als ob Arcade Fire nie woanders gewesen wären. Nur konsequent, dass sie sich vor Michael Jacksons Billie Jean verneigen, indem sie einfach die ikonische Bassline abschauen. Mit Normal Person und Joan Of Arc schließlich streifen sie Punk und New Wave. Und dann ist plötzlich Stille. Der zweite Teil des Epos beginnt.

Griechische Mythologie zum Tanzen

Die tragische Liebesgeschichte um Orpheus und Euridyke, aus der griechischen Mythologie bildet das Kernstück des zweiten Teils. Und auch hier geht’s um die Liebe und den Tod. Das Jenseits, versinnbildlicht durch die Nacht, spielt sich auf der Tanzfläche ab. Während Murphys Beats unbezwingbar grooven, verführt Régine Chassagnes zarte Stimme im Wechsel mit dem lasziven Gesang ihres Mannes Win Butler. Wer hätte gedacht, dass Arcade Fire klingen können, wie ein dänischer Dance-Act?

Arcade Fire wollten ein Album machen, dass tanzbar und klug ist und das ist ihnen gelungen. Reflektor ist reich an merkwürdigen Details, die wie Ornamente ihren großartigen, neuen Sound verzieren. An jeder Stelle rauscht, zischt, rasselt es. Stille ist ein Stilmittel, das sehr bewusst – und sparsam eingesetzt wird.

Stille und Klang, Leben und Tod, Intellekt und Tanz – die Symmetrie des Lebens. Und mit dem letzten Track Super Symmetry schließt dann auch das Album, das beste, das Arcade Fire bislang gemacht haben.