Album der Woche | Cat Power – Wanderer

Zurück zum Wesentlichen

08.10.2018

Seit dem letzten Cat Power-Album ist viel passiert: Chan Marshall hat sich von ihrem Label getrennt und ist Mutter geworden. Außerdem hat sie elf neue Songs geschrieben, die auf "Wanderer" zu finden sind. Sie verzichtet auf die dicken Arrangements des Vorgängers und konzentriert sich ganz auf das Wesentliche.

Verzichtet auf dicke Arrangements: Chan Marshall alias Cat Power.
Foto: Eliot Lee Hazel

Cat Power - Wanderer

Wanderer

Cat Power

(Domino Records, bereits erschienen)

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Das Album der Woche wird präsentiert von Dockin. Promo-Code: detektor10


If I had a dime for every time/ You tell me I’m not what you need – singt Cat Power alias Chan Marshall in Woman, dem zentralen Stück ihres neuen Albums Wanderer. Sie klingt selbstbewusst und wissend: ja, sie hat Einiges durchgemacht, aber die Zeiten von Alkohol-Missbrauch und Nervenzusammenbrüchen auf der Bühne sind vorbei. Der Refrain besteht nur aus der Zeile „I’m a woman“ – mehr muss dazu nicht gesagt werden. Dabei waren die zurückliegenden Jahre auch nicht nur einfach, sie hat sich von ihrem alten Label gelöst, das sie unter Druck setzte, noch ein Hitalbum zu schreiben. Wegen einer Autoimmunerkrankung musste sie immer wieder ins Krankenhaus. Aber die Geburt ihres Kindes wiederum hat ihr Kraft gegeben. Außerdem ist sie jetzt einfach älter und kann ein wenig gelassener auf die Vergangenheit schauen, sagt sie.

Während der Aufnahmen zu „Sun“, habe ich permanent diesen Druck gespürt. Das Label wollte ein Hitalbum und sie haben mir das deutlich mitgeteilt. Ich bin Künstlerin und so funktioniert das einfach nicht. Sie haben in Harvard studiert, ich habe nicht mal die High School abgeschlossen. Ich bin keine Marketing-Expertin. All diese Erkenntnisse der letzten Jahre, die ich sozusagen als ältere Frau hatte – ich werde in drei Jahren 50 – kommen auf dem Album zum Ausdruck. Als Frau, als Künstlerin, als Mensch, als Mutter.

Intime direkte Atmosphäre

Musikalisch ist nichts mehr von den dichten geschichteten Arrangements des letzten Albums übrig geblieben. Die reduzierte Instrumentierung schafft eine intime Atmosphäre, die Songs wirken dadurch um so direkter. Das Titelstück besteht nur aus Marshalls angenehm warmer, leicht kratziger Stimme, die mit sich selbst im Chor singt. Bei In Your Face wird der Gesang nur von handgespielten Percussions, ein paar Pianoakkorden und eine akustischen Gitarre begleitet, die irgendwo weit hinten im Raum erklingt.

Vor ein paar Jahren ist Marshall solo auf Tour gegangen, ohne Band. Sie hat die direkt Verbindung zum Publikum gesucht und Inspiration für ihre Songs.

2013 bin ich solo auf Tour gegangen. Ich wollte wieder einfache, direkte Songs schreiben und die Beziehung zum Publikum hilft mir dabei. Ich spüre die Verbindung zum Publikum bei Konzerten sehr stark. Die Leute sehnen sich auch nach Liebe und Beziehungen zu anderen Menschen oder zu sich selbst. Das ist einfach menschlich, da sind wir alle gleich. Und ich brauchte das, um den Freiraum in meinem Kopf zu schaffen, um wieder Songs zu schreiben.

Eigenes Leben als Textvorlage

In ihren Songs erzählt sie von ihrer Familie, einer gewalttätigen Beziehungen, Begegnungen mit dem Tod. Ihre eigene Vergangenheit, die schwierige Beziehung zur Mutter, Alkohol- und Drogenmissbrauch liefern dabei die Vorlage für die persönlichen Texte. Traurigkeit, Selbstvertrauen, Loslassen werden in eine Mischung aus Blues, Rock und Folk gepackt. Wanderer ist ein starkes, berührendes Album einer großartigen Künstlerin, die damit nach sechs Jahren Pause ein überzeugendes Comeback hingelegt hat.