Album der Woche: CocoRosie – Tales Of A Grass Widow

27.05.2013

Nach diversen Tanz- und Theaterprojekten und anderen künstlerischen Seitensprüngen widmen sich CocoRosie aktuell wieder ihrem Bandprojekt. Auf ihrem fünften Album „Tales Of A Grass Widow“ erschaffen die beiden eine Welt, die mit diversen Kunstfiguren bevölkert ist und nach ihren eigenen Regeln funktioniert.

CocoRosie - Tales Of A Grass Widow

Tales Of A Grass Widow

CocoRosie

(City Slang, bereits erschienen)

CocoRosie-Landscape“, so nennen Bianca und Sierra die musikalische Welt, die sie für ihre Figuren erschaffen und aus deren Kontext sich die Songs entwickeln. Auf Tales Of A Grass Widow sind es vor allem Geschichten vom Verlassenwerden, von Isolation und Einsamkeit – zugegeben ein Universum mit wenig lichten Momenten.

Viele der Charaktere haben sich schon lange vor dem ersten Gedanken an eine neue CocoRosie-Platte in den Köpfen der beiden Schwestern eingenistet. Und wenn sie einmal existieren, sagt Bianca, dann tauchen diese Figuren immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen auf. Sie weiterzuentwickeln und zu begleiten sei wie eine Entdeckungsreise in ihre eigene Geschichte.

Uns geht es oft so, dass ein neuer Charakter nicht nur einmal auftaucht – sobald die Figur da ist, wird sie Teil der Coco-Rosie-Landschaft. Es gibt zum Beispiel dieses Kind und die Totengräberin, die wir gerade erst anfangen zu entdecken und deren Geschichte wir jetzt Stück für Stück schreiben. Es ist ein bisschen so, als würde man einen Traum dokumentieren – man lehnt sich zurück und macht Notizen.

Die Geschichten auf Tales Of A Grass Widow werden in ganz unterschiedlichen Stimmen erzählt, oft genug im Dialog zwischen den verschiedenen Figuren. Einige davon, wie das Waisenkind und die Totengräberin, begleiten CocoRosie schon seit dem Tanztheaterstück Nightshift, das die beiden im vergangenen Jahr in Hamburg auf die Bühne gebracht haben.

Im Zeichen des Bauchgefühls

Im Grunde waren es sogar die vielen Nebenprojekte von Bianca und Sierra, die letztlich das Entstehen des Albums beschleunigt haben. Die meisten davon waren als Live-Performances konzipiert und nichts davon wurde wirklich aufgezeichnet. Als die Schwestern sich irgendwann mit einigen freien Wochen im Kalender in New York trafen, entschlossen sie sich spontan, die Platte einzuspielen. Die Charaktere und Geschichten gab es ja schon, mit der Musik und der Produktion ging dann alles ganz schnell.

In diesem Fall war es sehr befreiend für uns, spontan zu sein. Wir haben das Gefühl, wir könnten gerade einen ganzen Haufen Platten aufnehmen. Es war gut, unser bisheriges Muster zu durchbrechen und wieder so zu arbeiten wie bei unserem ersten Album. Wir haben einfach losgelegt – ohne lange nachzudenken.

Auch wenn die Schwestern damit manchmal ein Risiko eingehen, CocoRosie vertrauen auf ihr Bauchgefühl. Die Emotionen, die ihre Figuren durchleben, basieren in vielen Fällen auf schmerzhaften persönlichen Erfahrungen. Die Musik macht es leichter, sich mit den dunklen Facetten des Lebens auseinanderzusetzen, sagt Sierra.

Emotionen zu erleben, zu verarbeiten oder überhaupt an die Oberfläche kommen zu lassen ist manchmal leichter, als sie zu verdrängen. Musik ist eine sehr sanfte Art, sich dieser Seite des Lebens – oder unserer Persönlichkeit – anzunähern.

Familienband(e)

Die eigene Gefühlswelt so offen mit einem Publikum zu teilen, kostet Überwindung. Aber gerade darin haben sich Sierra und Bianca in den zehn Jahren, die sie mittlerweile als CocoRosie zusammenarbeiten, immer wieder gegenseitig ermutigt. In dieser Hinsicht hat es wohl Vorteile, wenn man nicht nur seine Familiengeschichte teilt, sondern auch die Vorstellung davon, was es bedeutet, kreativ zu sein und dabei ehrlich zu bleiben.

Ich weiß nicht, ob das was mit Familie zu tun hat oder ob wir einfach nur die gleichen Werte haben, was das Kreativsein angeht. Wir versuchen, dabei immer ehrlich zu sein, und da gibt es wenig Raum für Vorurteile. Das heißt nicht, dass wir nicht auch kritisch sein können. Aber das ist eine feine Balance, und wir können uns gegenseitig daran erinnern und uns darin unterstützen, nicht vorschnell zu urteilen.

Tatsächlich schaffen es CocoRosie sehr gut, sich vom Urteilsdruck der Außenwelt frei zu machen und einfach das in Musik oder Tanz, Bilder und Texte umzusetzen, was ihnen in den Kopf kommt – egal, ob das für andere immer leicht zugänglich oder nachzuvollziehen ist. Was oder wen sie mit ihrer Kunst erreichen wollen, ist eine Frage, mit der die Schwestern nicht viel anfangen können.

Wir werden immer gefragt, welche Absicht wir mit unserer Musik verfolgen und wir haben darauf keine richtige Antwort – wir wissen es einfach nicht genau. Aber ich mag die Vorstellung, damit eine Art Landschaft oder einen Ort zu schaffen, wo Veränderung möglich ist.

Für CocoRosie zählt das Ergebnis weniger als der Prozess, über den man dahin kommt und die Veränderung, die man dabei durchläuft. Also bevölkern sie weiter ihre Welt mit neuen Figuren und erfinden sich damit auch selbst immer wieder neu.