Album der Woche: DJ Koze – Amygdala

25.03.2013

Ob DJ Koze, Kosi, Adolf Noise, Monaco Schranze oder Swahimi - Stefan Kozalla hat viele Namen. Unter seinem bekanntesten Pseudonym bringt er jetzt sein neues Album "Amygdala" raus. In typischer Manier vereint der Hamburger darauf House mit skurrilen, aber bitterernsten Popspielereien.

DJ Koze war in den Neunzigern Teil der Hip Hop-Combo Fischmob. (Foto: kompakt/DJ Koze)

Er ist einer der ersten DJs, der im Feuilleton stattfand. In den Leserpolls der Musikmagazine landet er regelmäßig auf Platz eins der besten DJs. Doch in DJ Koze steckt mindestens genauso viel Musiker. Auch wenn das „DJ“ in seinem Namen anderes vermuten lässt. Mit Songs wie Zuviel Zeit oder Deine Reime Sind Schweine hat er Hymnen geschaffen und schon für so manches Gelächter auf der Tanzfläche gesorgt. Bei allen Stücken von Kosi kann man diesen gewissen humorigen Underton finden. Auch auf seinem neuen Album Amygdala.

Kosi, der bürgerlich Stefan Kozalla heißt, ist ein Songsammler. Sein drittes Album ist er ohne einen wirklichen Masterplan angegangen:

Es war wie eine große Leinwand mit vielen kleinen Zeichnungen und ich hab versucht eine komplette Landschaft drum herum zu zeichnen. Das fiel mir gar nicht so schwer, auch wenn die Stücke verschiedene Tempi, Genres oder auch Stimmungen haben. Denn alle Stücke tragen ja meine Handschrift. Trotzdem war es gar nicht so einfach, da einen Flow reinzukriegen, damit es auch als Album funktioniert, weil es auch sehr lang ist. Am Ende hat es sich irgendwie ergeben.

Amygdala ist der Name eines Bereichs im Gehirn, der für die Aufmerksamkeit zuständig ist. Aber nicht nur das: Die Amygdala beeinflusst auch Emotionen wie Angst oder Wut. Bei Tierversuchen führte eine gereizte Amygdala zu vermehrten Kaubewegungen und geweiteten Pupillen.

Nun möchte man DJ Koze nicht unterstellen, dass er mit seinem Album zum Drogenkonsum aufruft. Vielmehr ist sein Album die Droge selber. Amygdala ist lustig, traurig, intelligent und lädt zum Tanzen ein. Um all diese Emotionen aus seinem Publikum rauszukitzeln, hat sich DJ Koze Unterstützung geholt. Und so lief die Aufnahme auch in typischer Kosi-Manier ab:

Die Typen haben sich bekifft in die Aufnahmekabine gestellt und ich habe dann in tagelanger Kleinarbeit ein wunderbares Lied daraus gemacht. Trotzdem kriegen die jetzt 50 Prozent der GEMA-Rechte. Ich sehe das auch nicht als Hilfe von denen, sondern als Hilfe für die. Ich stoße deren Karrieren jetzt an, weil sie auf meiner Platte mit ihren besten Stücken verewigt sind. Im Ernst: Ich hab das nicht geplant. Ich wollte mal was Neues machen. Noch nie hab ich mich geöffnet. Ich habe sonst immer nur meine Lieder anderen Leuten vorgespielt, wenn sie fertig produziert waren. Diesmal habe ich Skizzen und unfertiger Stücke rausgeschickt und geschaut, ob man sich vielleicht mit anderen Künstlern befruchtet.

Diese anderen Künstler sind im Speziellen Dirk von Lowtzow, Matthew Dear, Ada, Caribou und Apparat. Allesamt etablierte Meister ihres Fachs und Freunde von Kosi. Stefan Kozalla ist der Dirigent dieser Musiker, so die Idee hinter Amygdala, wenn es denn überhaupt eine gibt.

Ich hatte diesmal Lust, produzentenmäßig an die Sache ranzugehen. So dass ich den Gesang bekomme und dann schöne neue Musik drum herum baue. Es ist ja auch viel schöner, als mit einem weißen Blatt Papier anzufangen. Manchmal dachte ich, ich kann nicht mehr und da klingelte es: „Hör doch mal, ich hab hier was aufgenommen.“ Das inspiriert dann sofort und es geht wieder weiter.


DJ Koze ist nicht nur Musiker und DJ, seit 2009 ist er auch Betreiber eines eigenen Labels – Pampa Records. Darauf finden sich neben dem eigenen Album auch Platten von Robag Wruhme, Ada und Isolée. Der Sound von Amygdala spricht stellvertretend für den ganzen Pampa-Sound und umgekehrt:

Ich habe das Gefühl, der Pampa-Sound zeichnet sich dadurch aus, was wir alles nicht sind. Weil wir das dann alle kollektiv nicht mögen. Also stumpfe Musik mit lauten, obvious Rave-Signalen, Vorhersehbarkeit, nur auf Funktionalität ausgerichtet sein – das sind wir alles nicht. Wir haben alle ein Interesse an Sounddesign, an akribischem Geflexe auf Mikroebene und im Nano-Mü-Bereich. Wir sind detailverliebt und haben Interesse an atmosphärischer Verdichtung. Jeder von uns ist schon sehr eigen. Das verbindet uns. Wir klingen nicht wie irgendjemand anderes.

Die Zeiten als Kosi noch Teil der Hip Hop-Combo Fischmob war, sind längst vorbei. Trotzdem ist seine Sozialisierung auch heute noch zu spüren und ihm selbst auch bewusst:

Ich habe eine gewisse Frühsozialisierung genossen. Das war damals Hip-Hop wie Flavor Unit, Public Enemy, Naughty By Nature und Dr. Dre. Musik, die samplebasiert aufgebaut ist. Hip-Hop kam ja wie Punk vom Nicht-richtig-Musik-machen-können. Man hat etwas Neues ausprobiert und dann einfach behauptet: „Das ist jetzt Musik.“

Amygdala ist elektronischer Pop der anspruchsvollen Sorte. Pop, der sich nicht zu ernst nimmt und gerade dadurch an Nachhaltigkeit gewinnt.