Album der Woche| Ebony Bones – Nephilim

Keine Zeit zum Durchatmen

23.07.2018

Die britische Künstlerin Ebony Bones ist alles andere als Durchschnitt. Ihre Musik ist eine schwer einzuordnende Mischung aus Postpunk, Afrobeat, elektronischer und klassischer Musik. Auf ihrem dritten Album „Nephilim“ beschäftigt sie sich unter anderem mit Zensur und Rassismus.

Legt den Finger in die Wunde: Ebony Bones.
Foto: Antonello Trio

Ebony Bones - Nephilim

Nephilim

Ebony Bones

(1984 Recording, bereits erschienen)

Sie fühle sich gerade nicht wie eine Bürgerin ihres Landes, sagt Ebony Bones in einem Interview. Und sie sei wohl nicht die einzige, der es momentan so geht. Das ist Thema des Songs No Black In The Union Jack auf ihrem dritten Album Nephilim. Darin zitiert sie die sogenannte „Rivers of Blood Speech“ – eine 50 Jahre alte, rassistische Rede des rechtskonservativen Politikers Enoch Powell, die einem die Haare zu Berge stehen lässt. Durch den wiedererstarkten Nationalismus und Rassismus nach der Brexit-Entscheidung habe sie sich verunsichert und unerwünscht gefühlt. Und diese Gefühle haben ihren Weg auf das Album gefunden.

Unabhängig und eigenwillig

Ebony Bones heißt bürgerlich Ebony Thomas und wächst als Tochter jamaikanischer Eltern im Londoner Stadtteil Brixton auf. Schon mit 12 übernimmt sie eine Rolle im Shakespeare-Drama Macbeth. Sie geht mit Amy Winehouse auf die Sylvie Young Theatre School und steht später unter anderem in der TV-Serie „Family Affairs“ vor der Kamera. Außerdem schreibt sie Musik, lädt anonym Songs auf ihre sonst leere MySpace-Seite hoch. 2008 wird ihr Stück We Know All About U zum meistgespielten Song einer Künstlerin ohne Label beim Sender BBC Radio 1. 2009 erscheint das erste Album Bone Of My Bones. Immer auf Unabhängigkeit und künstlerische Freiheit bedacht, gründet sie 2013 ihr eigenes Label 1984 Records.

Dort erscheint nun auch Nephilim, auf dem sie ihren selbstbestimmten, kompromisslosen Weg weitergeht. Sie vereint Elemente aus dem experimentellen Jazz mit Klassik, Afrobeat und Pop. Ein geisterhafter Kinderchor singt den Reggae-Klassiker Police & Thieves, den schon The Clash gecovert haben. Satte Beats erklingen zu uneilvollen Streicherpassagen, die sie vom Beijing Philharmonic Orchestra hat einspielen lassen. Bones liebt diese Art von Herausforderung: Raus aus dem Bekannten, um etwas von anderen Kulturen zu lernen. Und so scheut sie sich auch nicht davor, mit Musikern zusammenzuarbeiten, deren Sprache sie nicht spricht. Aber, so sagt sie selbst, die Musik ist das Bindeglied, das Menschen zusammenbringt.

Die Schattenseiten der modernen Welt

Auf Nephilim thematisiert Bones nicht nur Rassismus. Die Songs handeln zum Beispiel auch von der Kinderarbeit in den Coltan-Minen im Kongo und der brutalen Unterwerfung der afrikanischen Bevölkerung durch die Kolonialmächte. Keine Schattenseite der modernen Welt bleibt unkommentiert. Da bleibt nicht viel Zeit zum Durchatmen. Am Ende gibt es dann doch ein wenig Optimismus, wenn sie in dem Song Bone Of My Bones, Pt. 2 singt „I saw the light, soundtracking life, through a fascist regime“. Unbequem und verstörend ist Nephilim, aber auch kraftvoll und bewegend – ein äußerst originelles, gelungenes Album.