Album der Woche: Julia Holter – Loud City Song

12.08.2013

Julia Holter hat bereits mit ihren beiden ersten Alben gezeigt, wie gut sich Popmusik für Klangexperimente eignet. Mit ihrer neuen Platte hat die 28-jährige aus Los Angeles nun auch den Weg vom Schlafzimmer in ein echtes Studio gemacht. Das Ergebnis kann sich hören lassen.

Julia Holter studierte am California Institute Of The Arts Komposition (Foto: PR)

Nur wenige Musiker schaffen es heutzutage noch, mit ihren Songs aus dem Rahmen zu fallen. Während die Mehrheit versucht, sich mit aufgeblasenem Sound in die Köpfe der Masse zu spielen, geht Julia Holter den entgegengesetzten Weg. Mit fühlbarer Ruhe entwickeln sich auch auf ihrem dritten Album Loud City Song experimentelle Klanggewebe. Ihr Draht zum Pop geht hier dennoch nicht verloren. Gezielt vermittelt sie zwischen den Fronten ernster und populärer Musik und behält dabei ihren gewohnt hohen Anspruch.

Klatsch und Tratsch

Ganz in diesem Sinne sind Holters Platten auch thematisch alles andere als willkürlich. Auf Loud City Song hat ihr der französische Roman Gigi von Colette als Ideenvorlage gedient. Im Buch dreht sich alles um die junge Gigi, die in Paris eine Karriere als Mätresse einschlagen soll – gegen ihren Willen. Den Rahmen dieser Geschichte bildet das oberflächliche Verhalten der Gesellschaft um die Jahrhundertwende. Holter reflektiert die Situation im Buch und vergleicht sie mit ihrer eigenen Umgebung mitsamt ihrem Klatsch und Tratsch:

Ich finde es ist eine wirklich merkwürdige Situation, die wir alle mal mitbekommen haben in unserem Leben. Man kommt an einen Ort mit einer sehr sozialer Atmosphäre und die Leute tratschen. Es gibt Leute, die das wirklich genießen. Einige fesselt es sogar richtig und sie sind wahnsinnig interessiert an anderen Leuten. Das Internet macht das Ganze sogar noch verrückter. Vielleicht sorgt es auch dafür, dass man sich vor anderen zurückhält, weil man es einfach online macht. Es ist interessant, darüber nachzudenken, wie sich die Gesellschaft verändert.

Trotz ihrer kritischen Haltung soll Loud City Song kein politisches Album sein:

Bei jeder meiner Platten könnte sich ein Wissenschaftler oder Journalist Themen herausziehen, um sie politisch oder soziologisch zu diskutieren. Ich bin nicht die Person, die sich mit der politischen Ebene auseinandersetzt. Ich denke nicht, dass das meine Rolle ist. Ich erschaffe nur eine Geschichte und habe darin meine eigenen Meinungen. Ich werde darüber auch in Interviews reden und erklären, was jeder Song für mich bedeutet, aber niemandem meine Meinung aufzwingen.

Kunst durch Überzeugung

Die Songs von Julia Holter strotzen geradezu vor Originalität. Es ist nicht verwunderlich, dass hier eine ehemalige Kompositionsstudentin am Werk ist. Musik der klassischen Avantgarde steckt auch auf der neuen Platte wieder in allen Ecken. Gemeinsam mit Einflüssen diverser Pop-Genres wird Loud City Song zu einem heimlichen Kunstwerk. Wenn man Julia Holter fragt, was einen guten Song ausmacht, glaubt sie an Überzeugung:

Ich denke Überzeugung ist ein wichtiger Bestandteil einer Komposition. Überzeugung macht sie zu etwas Gutem. Das muss mir nicht unbedingt persönlich gefallen, aber für Kunst allgemein ist etwas Essentielles. Oft sieht oder hört irgendjemand ein Stück Kunst und es gefällt ihm nicht, auch wenn er gar nicht weiß, warum. Dann, glaube ich, liegt es oftmals daran, dass dem Künstler die Überzeugung gefehlt hat.

Studio statt Schlafzimmer

Für die Produktion von Loud City Song ist Julia Holter zum ersten Mal in ein echtes Studio gegangen. Und das hat durchaus seine Spuren hinterlassen. Vom Lo-Fi-Charme der ersten beiden Platten ist nicht mehr viel zu spüren. Im Rahmen des Albums ist diese Entwicklung jedoch vorteilhaft. Die neue Ästhetik unterstreicht den filmischen Charakter ihrer Songs. Vor allem die gezielte und sparsame Instrumentierung profitiert enorm von den neuen Aufnahmemöglichkeiten im Studio.

Julia Holter ist es auch mit ihrem dritten Album gelungen, eine ganz eigene Klangwelt zu kreieren, die einen direkt einfängt. Ungewöhnliche Harmoniefolgen, gekoppelt mit noch merkwürdigeren Melodien vermitteln von Minute zu Minute nie gehörte Eindrücke. Erst mit Ende des letzten Stückes entlässt sie einen zurück in die Welt üblicher Hörgewohnheiten. Die Frage ist nur, ob man dann darauf überhaupt noch Lust hat.


Julia Holter – In The Green Wild (Official Video) von domino