Album der Woche: Junior Boys – Big Black Coat

Eine graue Stadt im Winter

08.02.2016

Schon seit 1999 stehen Junior Boys für einen intelligenten Mix aus Elektropop und R&B. Jetzt erscheint ihr fünftes Studioalbum "Big Black Coat". Darauf haben sie ihre Liebe zu frühem Techno aus Detroit und Chicago wiederentdeckt.

Jeremy Greenspan und Matt Didemus sind Junior Boys. Foto: Tom Weatherill

Junior Boys - Big Black Coat

Big Black Coat

Junior Boys

(City Slang, bereits erschienen)

Die Stadt Hamilton in Ontario ist die Heimat von Jeremy Greenspan und Matt Didemus alias Junior Boys. Wie in vielen Industriestädten Nordamerikas, haben sich die Lebensbedingungen dort in den letzte Jahrzehnten drastisch verändert. Der ehemals größte Arbeitgeber, die Stahlindustrie, beschäftigt statt früher 90.000 heute noch 5.000 Menschen. Es sei zwar nicht gefährlich, aber könne schon sehr deprimierend sein durch die Stadt zu laufen, sagt Greenspan. Trotzdem oder gerade deswegen ist das neue Junior Boys Album Big Black Coat von Hamilton inspiriert.

Der Großteil der Platte ist im letzten Winter entstanden. Das Album fühlt sich also an wie ein Winteralbum aus unserer Heimatstadt Hamilton, Ontario – einer postindustriellen Stadt Kanadas, in der früher die Stahlindustrie dominierte. Ich wollte die Stimmung, die Atmosphäre und den Geruch dieser grauen, düsteren, kalten Stadt im Winter einfangen.

Kein Zeitdruck

Aufgenommen haben Junior Boys das Album in Greenspans eigenem Studio in Hamilton. Matt Didemus lebt seit einigen Jahren in Berlin und musste deshalb extra hinfliegen. Unter anderem deshalb hat es auch so lange gedauert. Aber nicht unter Zeitdruck zu stehen, war auch sehr angenehm, sagt Greenspan. Und Däumchen gedreht haben beide in den letzten fünf Jahren auch nicht.

In der Zwischenzeit habe ich ein Album mit Jessy Lanza aufgenommen, das ich mit ihr geschrieben und produziert habe. Dafür ist viel Zeit draufgegangen. Parallel zum Junior Boys Album habe ich ebenfalls an Jessy Lanzas zweitem Album gearbeitet. In den letzten vier Jahren habe ich also enorm viel Musik gemacht – insgesamt vier Alben: die Junior Boys Platte, meine Soloveröffentlichungen und zwei Alben für Jessy Lanza. Das ist eine ganze Menge. Die Pause fühlt sich also länger an, als sie eigentlich war.

Auf Big Black Coat macht ihr früherer Mix aus Synthiepop und R&B Platz für betont härtere Elektronika, die an frühen Techno aus Detroit oder Chicago erinnert. Trotzdem bleiben sie ihrer Ästhetik treu, wiederholen sich aber nicht. Vor allem am Klang ihrer Synthesizer haben sie herumgeschraubt, erklärt Jeremy Greenspan.

Das Equipment zu verändern, bedeutet für uns nicht unbedingt, einen neuen, teuren Synthesizer zu kaufen. Es kann stattdessen bedeuten, dass man einfach nur seinen Kram in einem anderen Raum aufbaut. Oder man verändert nur eine winzige Kleinigkeit an der bestehenden Ausrüstung und auf einmal sieht man die Geräte aus einer neuen, interessanten Perspektive. Das fängt schon an, wenn man seine Synthesizer nur auf einen anderen Tisch stellt. Und auf einmal beschäftigt man sich wieder auf ganz neue Art und Weise mit den Instrumenten.

Gothic-Mäntel und Bomberjacken

Der Albumtitel Big Black Coat bezieht sich auf die Entstehungszeit der Platte, also Winter. Tatsächlich hat sich Jeremy Greenspan am Tag als der Titeltrack entstanden ist, einen Mantel gekauft. Der war zwar grau, aber black ließ sich einfach besser singen.

Ich dachte „Big Black Coat“ würde als Albumtitel ganz gut passen, weil ich darin eine Metapher für verschiedene Aspekte des Albums sehen. Zum einen steht der Titel für das Gefühl, etwas im tiefsten kanadischen Winter zu erschaffen, und zum anderen ist es eine Referenz an die 90er. Damals haben wir angefangen, Musik zu machen und uns mit elektronischer Musik zu beschäftigen. Und alle unsere Kumpels trugen lange, schwarze Mäntel – Gothic-Mäntel und glänzende Bomberjacken.

Die Richtungsänderung auf Big Black Coat ist Junior Boys gelungen. Der neue, rauere Sound funktioniert im kanadischen Winter, aber auch zu jeder anderen Jahreszeit.