Album der Woche: Lambchop – FLOTUS

Für Mary

01.11.2016

Seit über 20 Jahren ist Lambchop das Vehikel, mit dem Kurt Wagner seine musikalischen Ideen zu Gehör bringt. Von Alt-Country über Disco bis Post-Rock hat Wagner immer wieder neue Elemente in seine Songs einfließen lassen. Lambchops neues Album „FLOTUS“ sollte vor allem seiner Frau gefallen.

Der Kopf von Lambchop: Kurt Wagner. Foto: Elise Tyler.

Lambchop - FLOTUS

FLOTUS

Lambchop

(Cityslang, bereits erschienen)

Diese Stimme: tief, flüsternd, ein wenig rauchig, unter die Haut gehend. Egal ob Lambchop-Songs gerade in ein countryeskes, loungiges oder souliges Gewand gekleidet waren, immer konnte man sich an Kurt Wagners dunkler Croonerstimme festhalten. Das geht jetzt nicht mehr so einfach, denn auf dem neuen Album FLOTUS hat Wagner seine Stimme verfremdet, verstellt, sie durch Filter, Sequenzer und Prozessoren geschickt. Er wollte ein Album machen, das seiner Frau Mary gefällt.

Es hat sich herausgestellt, dass sie meine Stimme so mag, wie sie immer klingt. Sie hört viel aktuelle Pop und Dancemusik. In diesen Songs werden oft Beats und Stimm-Modulation verwendet. Und dafür bin ich eigentlich nicht so der Typ. Aber ich wollte diese Sounds verwenden und dachte mir: Das wird ihr sicher gefallen! Das hat nicht so ganz funktioniert.

Ein Gefühl vermitteln

Ein weiterer Grund war Wagners Begeisterung für aktuelle HipHop-Musik von Kendrick Lamar, Frank Ocean oder Kanye West. Im Hiphop sind Stimmverfremdung und die kreative Verwendung von Technik ganz normal und für Wagner klang das ziemlich revolutionär.

Dieser neue HipHop aus L.A. wirft die alten Regeln, wie eine Aufnahme zu klingen hat, über den Haufen. In den letzten Jahrzehnten ging es vor allem darum, einen Sound so pur und schön wie möglich aufzunehmen. Mit HipHop und der neuen Technologie verändert sich das. Deswegen ist dieses Genre auch so innovativ und beeinflusst alle anderen Arten von Musik.

Kurt Wagner hat seine Ideen für die neuen Songs nur mit seiner Stimme und einem kleinen Effektgerät namens Black Box aufgenommen. Der Fokus liegt auf Schlagzeug, Bass und Klavier, die Gitarre tritt in den Hintergrund. Der Gesang ist nicht mehr das Zentrum der Songs, sondern wird zum Teil des Ganzen. Das hat zur Folge, dass man die Texte oftmals nicht versteht. Dabei waren doch gerade die doppeldeutigen und zurückhaltend vorgetragenen Ausführungen Wagners ein Markenzeichen von Lambchop.

Ich gelte wohl als sehr wortreicher Künstler und ein Teil von mir wollte mit dieser Vorstellung aufräumen. Ich wollte mit den Songs stattdessen ein Gefühl vermitteln. Wenn ich Musik höre, verstehe ich oft auch nicht was die Leute sagen, nicht nur weil es eine andere Sprache ist. Als R.E.M. angefangen haben, wusste ich nicht, was der Typ gesungen hat. Und ich glaube er wusste es auch nicht. Das fand ich faszinierend.

Lambchop machen jetzt also Musik, die stark von Hiphop und Technik beeinflusst ist, bei der man die Texte nicht versteht. Und bei der selbst Kurt Wagners Frau Mary skeptisch ist, obwohl er das Album doch hauptsächlich für sie gemacht hat. Klingt gewöhnungsbedürftig und das ist es auch. Aber wenn man den ersten Schock überwunden und sich auf den neuen Sound eingelassen hat, umschließt er einen wie eine wohlig wärmende Decke.

Großzügig, witzig, berührend

Der Albumtitel FLOTUS kann einerseits als Abkürzung für „First Lady Of The United States“ gelesen werden, es könnte laut Wagner aber auch „For Love Often Turns Us Still“ heißen. Wobei die politische Interpretation nahe liegt, nicht nur wegen der anstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA. Wagners Frau Mary Manzini ist Vorsitzende der Demokratischen Partei in Tennessee und Politik zu Hause ein wichtiges Thema.

Um Teil ihrer Welt sein zu können – so wie sie auch ein Teil meiner Welt ist – muss ich sie zu politischen Anlässen begleiten und ihr zur Seite stehen. Damit ich mich dann an den Gesprächen dort beteiligen kann, muss ich auf dem Laufenden sein. Ich versuche mich also immer über politische Entwicklungen zu informieren, damit ich als intelligentes Anhängsel meiner Frau akzeptiert werde.

Trotz Black Box–Stimme und programmierter Beats, die Band drückt den Songs ihren Stempel auf. Die Stücke sind großzügig und zurückhaltend, witzig und berührend – man kann sich ganz im neuen Lambchop-Klanguniversum verlieren. Sie klingen völlig anders, als alles was die Band vorher gemacht hat und trotzdem unverwechselbar nach Lambchop. Auch Wagners Frau Mary hat sich nach anfänglicher Skepsis übrigens mit dem neuen Sound angefreundet. Also alles nochmal gut gegangen.