Album der Woche: Max Richard Leßmann – Liebe in Zeiten der Follower

Keine Angst vor Kitsch

17.07.2017

Die deutschsprachige Popmusik ist endgültig im digitalen Zeitalter angekommen. Aktuellstes Beispiel ist Max Richard Leßmann. Der schreibt und singt auf seinem ersten Solo-Album über „Liebe in Zeiten der Follower“. Und zwar so charmant und eingängig, dass ein Ohrwurm-Warn-Aufkleber auf die Platte gehört.

Es geht um Liebe bei Max Richard Leßmann. Foto: Ingo Pertramer

Max Richard Leßmann - Liebe in Zeiten der Follower

Liebe in Zeiten der Follower

Max Richard Leßmann

(Caroline, bereits erschienen)

So ganz handlich ist das ja nicht als Künstlername: Max Richard Leßmann. Und allen, die bisher dem Namen und dem Mann dahinter nicht sofort seine Vierkanttretlager-Band-Vergangenheit zuordnen können, lässt sich auch gar nicht unbedingt ein Vorwurf machen. Ab sofort gibt es aber keine Entschuldigung mehr, Max Richard Leßmann nicht auf den mentalen Merkzettel zu setzen: Seine neue und erste Solo-Platte Liebe in Zeiten der Follower ist nämlich ein starker Kandidat für die mitsingbarste Liedsammlung des Sommers. Entstanden ist das Album als Ergebnis einer glücklichen beruflichen Zufallsbeziehung zwischen Max Richard Leßmann und seinem Kollaborations-Gegenpart Sebastian Madsen. Kreativ gesehen war es zwischen den beiden so was wie Liebe auf den ersten Blick:

Man kann das nicht so richtig beschreiben, was da in einem vorgeht, sondern man fühlt sich auf einmal nahe einem anderen Menschen, den man vorher noch gar nicht so kannte, und hat so eine ganz große Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander. Und das war bei uns relativ schnell so. Und wir haben ganz schnell angefangen, einfach Lieder miteinander zu schreiben, ohne uns groß Gedanken darüber zu machen. Und die Verliebtheit von Sebastian und mir, was das Musikalische angeht, das hält auch immer noch an. Also da ist immer noch sofort der Funke da, wenn wir irgendwie zusammen in einem Raum sind und da ist ein Instrument, dann entsteht immer irgendwas.

Die schönste Sache ist das Songschreiben

Die Funken sind nicht nur im Studio im abgeschiedenen Prießeck im Wendland geflogen, sondern auch digital. Da Leßmann und Madsen beide viel unterwegs sind, passierte ein Großteil des Ideen-Austauschs mobil: Leßmann hat Texte verschickt und bekam Handy-Demos zurück mit ersten Ansätzen von Gesang, Gitarre oder Klavier. Fünfzehn Songs sind so zusammengekommen und immerhin zwölf davon auch auf der Platte gelandet. Max Richard Leßmann sieht sich vor allem als Schreiber, sein Job ist es, Worte aneinander zu reihen. Manchmal wird ein Gedicht draus – und manchmal, wenn man dazu auch gleich den richtigen Ton im Ohr hat, eben auch ein Song.

Die schönste Sache für mich ist wirklich das Songschreiben, also der Entstehungsprozess. Es gibt ja andere Leute, die sagen für sie ist das Schönste, auf Tour zu sein, oder das Schönste, im Studio zu sein. Für mich ist es wirklich der Moment, in dem man aus dem Nichts, aus dem luftleeren Raum, aus ein paar Worten und ein paar Tönen irgendwie Lieder zusammenschreibt. Es ist für mich ein schönes Gefühl – dieses: Da war nichts, das Blatt war leer, der Raum war still und dann ist da jetzt was da.

Max Richard Leßmann kann fröhlich-euphorisiert genauso gut wie feine Melancholie. Seine Texte sind smarte Alltags-Poesie mit viel Witz und Liebe fürs Detail. Musikalisch lässt sich ein Draht für und ein Hang zum Altmodischen nicht leugnen. Die Leidenschaft für den Sound und die Beschwingtheit der 20er, 50er und 60er teilt er mit Sebastian Madsen. Es gebe eben viele Dinge in der Popgeschichte, die beiden gefallen und deshalb einen Platz auf der Platte gefunden haben. Nur das Wort „Retro“ gefällt Leßmann gar nicht. Er möchte seine Songs eher als ein respektvolles Kopfnicken an eine bestimmte musikalische Tradition verstanden wissen. Er will nichts nachahmen, sondern Lieder aus dem Jetzt schreiben.

Zwölf zeitgemäße Liebeslieder also, atmosphärisch angelehnt an eine bunt beschwingte Pop-Tradition? Das hätte auch leicht schiefgehen können. Um da die entscheidende Kurve zu kriegen, bevor man zu tief im Kitsch landet, gab es für Max Richard Leßmann nur eine ganz simple Strategie.

Ich hab einfach versucht, ehrlich zu sein, so stumpf oder so einfach das klingt – ich hab einfach versucht, wirklich über Dinge zu sprechen, die mich jetzt beschäftigen. Es geht ganz viel um Gefühl. Wir hatten auf jeden Fall keine Angst davor, kitschig zu sein. Keine Angst davor, uns da in eine Sackgasse zu manövrieren, weil es von Vornherein so ehrlich war.

Keine Angst vor Kitsch und auch keine Angst vor Nerd-Romantik: Max Richard Leßmann kann und will sich der Zeit, in der er lebt, nicht entziehen. Also schreibt er ganz bewusst über Themen, die mit unserer technologisierten Lebenswelt etwas zu tun haben. Der Albumtitel deutet ja durchaus zwiespältige Gefühle an gegenüber dem, was das Internet mit Menschen und Beziehungen macht. Diese Skepsis wird verarbeitet auch wenn so etwas wie Social Media nicht unbedingt ein Themenbereich ist, der sich für einen Song aufdrängt.

Zum Beispiel Lieder über Social Media – das fand ich immer so unästhetisch. Und ich hab aus diesem Unbehagen dem gegenüber dann eine Tugend gemacht und versucht, wie kann ich darüber schreiben, so dass ich es doch gut finde. Wie kann ich Themen, die mich tatsächlich beschäftigen, die in meinem Leben eine wichtige Rolle spielen, so gestalten, dass ich das nicht unästhetisch finde.

Popmusik und Liebe

Sogar mit dem Wort „Follower“ im Albumtitel hat Max Richard Leßmann eigentlich ein ästhetisches Problem, aber er mag den Bruch, der sich auftut im Rest des Titels. Und der lässt ja immer noch eine romantische Ader erahnen. Die meisten Lieder auf Liebe in Zeiten der Follower drehen sich in der Tat um die Liebe und diverse Fallstricke in ihrer modernen Ausprägung. Was soll man sagen? Popmusik und die Liebe – das ist eben immer noch eine ziemlich unschlagbare Konstellation.

Es geht ja im Leben um nicht so besonders viel außer der Liebe. Es gibt so ein paar Pfeiler im Leben, aber eigentlich läuft ja alles so ein bisschen darauf hinaus. Viele Leute schreiben, auch wenn sie jetzt keine expliziten Liebeslieder schreiben, dann doch, um irgendjemandem nahezukommen oder um irgendwas zu verarbeiten oder vielleicht um jemanden zu beeindrucken. Viele Bands sind, glaube ich, auch entstanden, um andere Menschen zu beeindrucken und sie davon zu überzeugen zu … knutschen.

Egal welche Motivation es nun genau bei Max Richard Leßmann war – er hat da vermutlich schon alles richtig gemacht. Liebe in Zeiten der Follower ist eine Platte für die großen Ferien, für die Sommerliebe oder die nächste Landpartie – 100 Prozent picknick-, cabrio- und knutschtauglich. Und weil wir ja im Zeitalter der Follower leben: fürs leichte Urlaubsgepäck am besten digital mitnehmen, auf Repeat schalten, laut mitsingen und vor allem diesen einen Satz merken: „Außer küssen muss man nichts!“