Album der Woche: Radiohead – A Moon Shaped Pool

Beklemmende Schönheit

09.05.2016

Die Gerüchte um ein neues Radiohead-Album haben sich in letzter Zeit verdichtet. Erst waren sämtliche Internetpräsenzen der Band plötzlich leer, dann gab es kryptische Hinweise. Seit gestern wissen wir: Das neunte Radiohead-Album heißt "A Moon Shaped Pool". Und es gibt darauf so einiges zu entdecken.

Thom Yorke von Radiohead im Video zu "Daydreaming". Foto: Screenshot.

Radiohead - A Moon Shaped Pool

A Moon Shaped Pool

Radiohead

(XL Recordings, bereits erschienen)

Die älteren unter unseren Hörern können sich vielleicht noch an Herrn Fuchs und Frau Elster aus dem Sandmännchen erinnern. Mit netten kleinen Geschichten haben die freundlichen und etwas spießigen Tierfiguren alle Kinder mit einem guten Gefühl ins Bett verabschiedet. Der Vogel am Anfang des neuen Radiohead-Videos zu Burn The Witch hat große Ähnlichkeit mit Frau Elster. Und auch die Menschenfiguren im Video wirken furchtbar nett und rechtschaffen, ihre kleine Stadt aufgeräumt. Bis sie den Fremden mit Melonenhut in einer Art riesigen Strohpuppe verbrennen wollen. Spitze Streicher im Stakkato und wummernde Trommeln begleiten das Szenario, darüber jault Thom Yorke in altbekannter Manier und zieht die Vokale kaugummigleich in die Länge.

Fokussiert ohne Gewaber

Die neuen Stücke sind fokussierter, es gibt kein unzugängliches Gewaber mehr wie auf King Of Limbs, man könnte sie fast schon als poppig bezeichnen. Fast. Es gibt immer noch vielschichtige Arrangements, in denen die verschiedenen Instrumente scheinbar gleichzeitig unterschiedliche Songs spielen. Elektronische Klang-Experimente stehen mit nahezu klassischem Songwriting auf A Moon Shaped Pool Seite an Seite.

Aufgenommen haben Radiohead die neuen Stücke in den La Fabrique Studios in Südfrankreich. Mit von der Partie war wieder ihr Haus- und Hofproduzent Nigel Godrich. Die idyllische Umgebung schlägt sich nur bedingt in der Musik nieder. Die Stücke sind schön und beklemmend zugleich.

Thom Yorke sorgt sich in seinen Texten um Umweltzerstörung, Gedankenlosigkeit und darüber, wie es weitergehen soll. Jede Form von persönlichem Glück sei nur möglich, wenn man den Rest der Welt beharrlich ignoriert, singt er in Daydreaming: „Dreamers they never learn“.

Ältere Stücke endlich auf Platte

In Tinker Tailer Soldier Sailor machen ein verzerrtes Klavier und ein wabernder Klangteppich aus Hintergrundgeräuschen schmelzenden Streichern Platz. Die perfekte Symbiose aus Gitarrist Jonny Greenwoods Filmsoundtrack-Arbeit und Thom Yorkes DJ-Tätigkeiten.

Einige der Songs auf A Moon Shaped Pool sind nicht neu, True Love Waits zum Beispiel gab es schon einmal in einer Live-Version auf dem 2001er Album I Might Be Wrong. Sie hätten immer wieder versucht, den Song im Studio aufzunehmen, aber erst jetzt hat es geklappt, ließ Nigel Godrich dazu verlauten.

Mit A Moon Shaped Pool verhält es sich so wie mit allen Radiohead-Alben. Und wie es idealerweise mit jeder guten, interessanten Musik sein sollte: mit jedem Hören findet man etwas Neues, erschließt sich eine weitere Ebene. Wir sind gespannt, was wir auf A Moon Shaped Pool noch entdecken werden.