Album der Woche: Stephen Malkmus And The Jicks – Wig Out At Jagbags

06.01.2014

Menschen mittleren Alters sind zwischen 30 und 50, haben ein Haus und waschen sonntags das Auto. Stephen Malkmus fällt mit 47 in diese Kategorie, verzichtet aber auf spießige Atribute. Auf dem neuen Album "Wig Out at Jagbags" beschäftigt er sich augenzwinkernd mit dem "Middle Age".

Stephen Malkmus and The Jicks: Mike Clark, Joanna Bolme und Jake Morris. (Foto: Leah Nash/Domino)

Stephen Malkmus and The Jicks - Wig Out At Jagbags

Wig Out At Jagbags

Stephen Malkmus and The Jicks

(Domino Records, bereits erschienen)

Um sich Ideen für sein neues Album Wig Out At Jagbags zu holen, ist Stephen Malkmus mit seiner Familie für zwei Jahre nach Berlin gezogen. Neben Clubbesuchen haben ihn dort vor allem die Sonntage in einem chinesischen Restaurant inspiriert.

Es hat mich inspiriert, weil ich dort viele nette Sonntage mit meiner Familie verbracht habe. Wir haben Dim Sum gegessen und wir konnten von unserer Wohnung dort immer zu Fuß hingehen. Ich habe mein Album von den Highlights meines Berlinaufenthalts inspirieren lassen, und nicht von solchen langweiligen Dingen wie meinen täglichen Zugfahrten zur Schule. Das Album ist eines der tollsten Ereignisse der letzten zwei Jahre für mich, und die Sonntage im „Aroma“ in Charlottenburg“ waren es auch.

Chinesisches Essen, Can und „Two Dads“

Neben chinesischem Essen hat er außerdem Weezer, die Red Hot Chili Peppers und die Krautrockband Can als Inspiration genannt. Aus diesem Potpourri an Einflüssen zaubert Malkmus auf Wig Out At Jagbags immer noch Indierock im besten Sinne. Leichte, verspielte Arrangements mit Klavier, Schlagzeug und schrammeligen akustischen oder quietschenden elektrischen Gitarren. Dazu seine unverwechselbare Stimme, die immer zwischen tatsächlichem Gesang und haarscharf-am-Ton-vorbei-Krächzen schwankt.

Hilfreiche musikalische Nachbarn

Unterstützung hat er sich unter anderem von Travis Frontmann Fran Healy geholt. Der war in Berlin sein Nachbar und hat ein eigenes Studio.

Ich habe bei ihm zunächst den Gesang aufgenommen. Anschließend habe ich ihm ein paar Demos vorgespielt, auf denen synthetische Bläser zu hören waren, und ihm gesagt, dass ich stattdessen gern echte Instrumente auf der Platte hätte. Er hat dann den Kontakt zu ein paar Typen hergestellt, die in einer Brass-Band spielen. Sehr nette Jungs, die für wenig Geld die Bläser eingespielt haben. Das waren die „Two Dads“.

Versöhnlicher Rückblick

Hat Malkmus mit Pavement in den 90ern noch das Ende der RocknRoll-Ära besungen, schaut er jetzt versöhnlicher auf diese Zeit zurück. Bücher, Musik und ab und zu ein Rausch, das waren die wichtigsten Dinge im Leben, singt er im Song Lariat.

Der Song Shibboleth beschäftigt sich mit dem Thema Religion. Denn auch wenn hierzulande immer weniger Menschen zum Gottesdienst gehen, bietet das Christentum uns einen moralischen Rahmen, mit dem man sich auch als Künstler auseinandersetzen kann, meint Malkmus.

Religion ist ein moralisches Grundgerüst, gegen das man rebellieren kann. Das, was in der Musik- oder Theaterszene passiert, ist oft eine Reaktion auf diese vorgegebenen Werte, auch wenn wir das nicht zugeben wollen. Wenn wir das nicht hätten, würde wahrscheinlich Anarchie herrschen. Vielleicht willst du einer Frau in der U-Bahn an die Brust fassen, und du würdest es einfach tun, ohne zu denken, dass es falsch ist. Du würdest gar nicht verstehen, was du falsch gemacht hast. Du kannst zwar frustriert darüber sein, denn du willst doch so unbedingt diese Brust anfassen… Zumindest geht es mir manchmal so, aber ich weiß, dass das nicht geht. Wenn ich deshalb frustriert bin, schreibe ich ein Lied darüber, anstatt mich einfach wie ein wildes Tier zu benehmen.

Songs schreiben zum Frustrationsabbau

Statt sich wie ein wildes Tier zu aufzuführen, schreibt Malkmus über seine Erfahrungen lieber Songs. Das darf er gerne noch eine Weile tun, denn mit Wig Out At Jagbags hat Malkmus ein Album aufgenommen, das entspannt und selbstironisch ist und voller kleiner Hits steckt. Damit fängt das Musikjahr 2014 doch schon sehr vielversprechend an. Außerdem ist es gut zu wissen, dass ein Leben jenseits der 40 auch ohne Autowäsche und Eigenheim möglich ist.