Album der Woche: The xx – Coexist

10.09.2012

Auch auf ihrem zweiten Album entzücken The xx mit gewohnt leisem Wave-Pop. Neu erfinden musste sich die Band aus England dafür nicht. "Coexist" ist die konsequente Weiterführung einer Erfolgsgeschichte, die vor allem von Reduktion lebt.

The xx - Coexist

Coexist

The xx

(Young Turks/Xl Recordings/Beggars, bereits erschienen)

Das schwierige zweite Album – viele sind daran gescheitert, gerade wenn der Erstling überragend ist und alles überstrahlt. Die Erwartungen beim Hörer sind groß, hat er doch den Sound des Künstlers beim Debüt kennen und lieben gelernt. Er hat dem Künstler mit einem Albumkauf oder Konzertbesuch Tribut gezollt und drängt auf Nachschub. Dabei möchte er aber nicht mit Experimenten oder gar Stilwechseln auf dem Zweit-Werk verunsichert werden. Der Druck beim Künstler steigt demnach proportional zur Vorfreude beim Hörer.

2009 erschien das fulminante Debüt von The xx. Sowohl die Feuilletons als auch die Hörerschaft überschlug sich vor Begeisterung. Die Band aus London hatte mit ihrem Sound etwas Neues geschaffen. Sie streift mit ihrem Synthie-Pop die Achtziger und versieht ihn mit den warmen Bässen, die gerade so modern sind.

Doch nun sind auch The xx nicht mehr das neue Ding, müssen nachliefern und sich den Erwartungen der neugewonnen Fans stellen. Zumindest den ersten Teil haben sie bereits hinter sich gebracht, denn Coexist, so der Name des Zweitlings, ist fertig. Die Promo-Maschinerie ist angelaufen und seit Freitag steht das Album offiziell in den Läden.

Coexist – dieser Albumtitel kommt nicht von ungefähr. The xx sind sich genau bewusst, dass ihr Zweitwerk zwangsläufig im Schatten des Debüts stehen wird. Warum also nicht offensiv damit umgehen? Nicht nur das Albumcover und die Albumlänge sind an den Erstling angelehnt, vor allem musikalisch bleiben sich The xx treu und machen keine Experimente. Einfache Gitarren-Riffs gehüllt in viel Hall, darüber säuseln Romy Madley-Croft und Oliver Sim leise über die täglichen Hürden ihrer symbolischen Beziehung.

Und genau darin liegt auch der Unterschied zum Debüt. War es damals noch die Hoffnung, überwiegt jetzt die Verzweiflung in ihren Texten. Man könnte auch sagen: Auf xx findet sich die Liebe, auf Coexist geht sie wieder auseinander. In Fiction zum Beispiel singt Oliver Sim nur noch resigniert über die wahre Liebe.

Come real love, why do I refuse you?
Cause if my fear’s right, I risk to lose you
And if I just might wake up alone
Bring on the night

The xx sind zusammengewachsen, haben das Album gemeinsam aufgenommen und produziert. Das war nicht immer so. Beim Vorgänger schickten sich die Mitglieder die Songfetzen noch überwiegend per Mail hin und her. Auch Drummer Jamie Smith ist nun im Songwriting involviert. Unter dem Pseudonym Jamie xx machte er sich als DJ und Remixer einen Namen. Das Schreiben überließ er früher lieber dem Rest der Band.

Manche Medien haben The xx mit Wunderkindern verglichen. Auch wenn dieser Vergleich übertrieben erscheint, sind ihr Artwork und Auftreten mindestens so clever wie ihre Songs. Die Band trägt nur Schwarz und auf Pressefotos sieht man sie selten lächeln. Auf ihrem Tumblr-Profil posten sie Lieder und Bilder von Künstlern, von denen man selten schon einmal gehört hat. Das wirkt konzipiert und trotzdem glaubhaft. Wie es für The xx bisher läuft, wird es aller Voraussicht nach mit Coexist weiterlaufen. Denn so ein konsequentes und schlüssiges Zweitwerk hat selten jemand abgeliefert. The xx erfinden sich auf Coexist nicht neu. Wozu auch? Ihre Neuinterpretation von Wave-Pop ist noch lange nicht ausgereizt.