Die Nerven: Deutschpunk mit Kunsteinschlag

20.02.2014

Es gibt Millionen Bands da draußen. Von der Musik zu leben, das schaffen aber nur wenige. Die Nerven sind gerade in aller Munde, obwohl sie sperrige Musik machen und es nicht auf den großen Erfolg absehen. Gerade haben sie ihr zweites Album „Fun" veröffentlich. Wir haben Julian Knoth, Max Rieger und Kevin Kuhn getroffen. Ein Protokoll vom Fluch und Segen der Musikindustrie.

Fun ist nach Fluidum von 2012 bereits das zweite Album von Die Nerven (Foto: PR).

Die Nerven machen Deutschpunk mit Kunsteinschlag. Also nicht so plakativ wie typische Punkbands à la Turbostaat oder Oma Hans. Eher einzelne Wortfetzen, statt ganze Geschichten.

Die dreiköpfige Band kommt aus Stuttgart. Eine Stadt die zuletzt mit Cro und den Orsons musikalisch aufgefallen ist. Es gibt aber auch den Untergrund, aus dem Die Nerven entstammen. Doch den muss man suchen.

Max Rieger: Wenn jemand von ausserhalb nach Stuttgart kommen würde, würde er überhaupt nichts von dieser Musikszene, in der wir involviert sind, mitbekommen.
Julian Knoth: Das sind freundschaftliche Strukturen, Kumpels die Musik machen.
Kevin Kuhn: Eigentlich kommt man da nur durch Zufälle rein.
Max: Und jetzt bekommt das alles ein bisschen Anklang.

Laute Rockmusik

Die Nerven, ein Bandname, auf den ersten Blick nur ein Witz. Auf den zweiten, das Cleverste was man seit langem gelesen hat.

Julian: Wir könnten wahrscheinlich Stadiontouren spielen, wenn wir den Namen nicht hätten.
Max: Man könnte das genauso andersrum betrachten. Ich könnte mir nämlich vorstellen, dass viele Bands nicht ernstgenommen werden, weil sie ein Scheiß-Bandnamen haben. Ich würde nämlich inzwischen behaupten, dass unser Bandname nicht mehr zu der Musik passt, die wir im Moment machen. Durch den Bandnamen werden wir ja oft einfach auf „Laute Rockmusik“ runtergebrochen werden. So einfach ist es aber dann doch nicht.

Die Nerven sind sich inzwischen ihrer Außenwirkung bewusst und spielen mit ihrem Image. Im Netz sind sie die kleinen Jungs mit Schülerband-Charme, auf der Bühne sind sie brutal ernst, präsent und erwachsen.

Genau das macht die Nerven gerade zu Band der Stunde. Labels und Agenturen buhlen um sie. Gerade wurden die drei von einer renommierten Agentur unter Vertrag genommen, die auch schon ihre aktuelle Tour gebucht hat.

Die Musikpresse liebt sie, aber nicht nur die. Spiegel Online lobt die Band seit Monaten, sie werden von der taz und der Süddeutschen hochgeschrieben. Doch die Jungs bleiben erstmal cool.

Max: Wir erfüllen die Erwartungshaltung indem wir Konzerte spielen. Das was wir immer konnten und auch am besten können, ist Konzerte spielen. Die Arctic Monkeys wurden am Anfang, als sie gerade gehypt wurden, auf Tour geschickt, obwohl sie noch gar keine gute Band waren. Bei uns ist das total andersrum.

Freie Kunst

Die Verlockung des Ruhmes kommt aber doch unaufhörlich näher und erinnert ein bisschen an Tocotronic. Wie sie 1996 beispielhaft für ihre gesamte Karriere den Comet in die Kategorie „Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben ablehnten. Die Nerven gehen einen ähnlichen Weg, bleiben standhaft und bilden damit die Antithese zu Poetry-Phänomen Julia Engelmann, endlosen Konfetti-Raves und dem Zeitgeist vom Magazin Neon.

Max: Es wäre schön, wenn wir irgendwann davon leben könnten. Aber wir denken nicht daran, wie wir den Massen gefallen könnten. Das was wir machen ist freie Kunst. Das ist das Konzept der Band und auch immer der Grundegedanke gewesen.

Die Nerven haben Erfolg weil sie glaubhaft rüberbringen, keinen Erfolg haben zu wollen. Eine Band die ihre Kraft nicht aus dem Applaus zieht, sondern aus der Sache an sich. Die Nerven würde es auch geben, wenn sie niemand hören würde.

Max: Wir wollen, dass die Leute sich für das was wir machen interessieren. Wenn sie das nicht tun, können wir auch sagen: Ihr verpasst was.
Kevin: Vielleicht leisten wir uns kurz vor der Rente noch so ein Ding wie Tubthumping von Chumbawamba.