Die Ursprünge des Rock ’n‘ Roll

Rock 'n' Roll ist schwarz

06.08.2014

Glattproduzierte Rockmusik? Mit den rebellischen Ursprüngen des Rock'n'Roll haben moderne Produktionen oft nur noch wenig gemein. Die ersten wahren Rockmusiker klangen dreckig und ungekünstelt - und waren schwarz.

Auch Ike & Tina Turner haben Rock 'n' Roll in den 60ern groß gemacht. Foto: PR

Various - Please Don't Freeze

Please Don't Freeze

Various

(Trikont, bereits erschienen)

Wer sich heute durch die Popradios hört, bekommt schön glattproduzierte Songs. Die Technik macht fast alles möglich, also wird’s auch gemacht. Rihanna und co. wollen ja auch möglichst schön und sauber klingen. Aber Produzenten jagen selbst den Sound dreckiger, bierbäuchiger Rockmusiker nochmal durch sämtliche Verschönerungstools.

Den Bierbauch hatte der King of Rock ’n Roll Elvis Presley zwar später auch. Seine Musik war aber eben erst die zweite Rock ’n‘ Roll-Generation – glattgebügelt für weiße Teenies. Die Vorreiter von Elvis, Bill Haley und Konsorten haben ihren Rock ’n‘ Roll aus dem Rhythm & Blues gebaut. Für die großen Plattenfirmen waren schwarze Musiker aber für den Erfolg erstmal ein No-Go. Wer will die Platten schon kaufen im Amerika der 50er Jahre? Nehmen wir doch lieber Weiße und klauen die Musik von den Schwarzen.

Aufklärer des Dreckigen

Jonathan Fischer

Jonathan Fischer kennt sich mit den Ursprüngen des Rock’n’Roll aus.

Viele der schwarzen Rock ’n‘ Roller von damals sind heute den meisten unbekannt. Zu Unrecht, findet Musikjournalist Jonathan Fischer. Deshalb will er Aufklärungsarbeit leisten, mit seiner mittlerweile 3. Compilation mit schwarzem Rock ’n Roll: „Please Don’t Freeze. Early Black Rock ’n Roll.“

Die großen Plattenfirmen haben den Rock ’n‘ Roll damas schon erfolgreich verkauft. Aber sie haben ihn gezuckert und gesüßt und mit Geigen und schönen Harmonien aufgetuned. Dieses Dreckige war ja eigentlich das Revolutionäre, das die Musik aus diesem Schönklang rausgebracht hat und dieses Gefährliche, vielleicht auch sexuell Aufgeladene in den Pop reingebracht hat. Das haben die wieder versucht, rauszudividieren. Es ist immer noch viel zu wenig bekannt, was diese Musik damals für den Pop geleistet hat, bis heute.

Schon damals haben sich die Plattenfirmen eine goldene Nase mit dem Rock ’n Roll verdient. Hauptsächlich mit weißen Musikern. Natürlich, auch Chuck Berry oder Muddy Waters haben es in die Charts und irgendwann zu den großen Plattenfirmen geschafft. Aber die wollten sie erst, wenn sie schon einen gewissen Bekanntheitsgrad hatten.

Die Chance für die Kleinen

Das hatte für die kleinen Labels aber auch einen positiven Effekt. Die wahren Väter des Rock ’n Roll haben ihre Songs in den Studios kleiner Plattenfirmen aufgenommen, wenn auch unter harten Bedingungen. Aber die haben letztlich zu dem ehrlichen Sound geführt, der auf  „Please Don’t Freeze. Early Black Rock ’n Roll“ zu hören ist.  Musiker und Produzenten mussten sich oft Verstärker und Effektgeräte selber bauen. An professionelle Studios war da nicht zu denken. Der Sound ist dadurch aber unverwechselbar geworden.

Für schwarze Musik gab es in den Medien auch nur vereinzelt Möglichkeiten, an die Öffentlichkeit zu kommen. Einer der bekanntesten Förderer ist Radiomoderator Alan Freed. Er hat in seiner Show oft den Rhythm & Blues der afroamerikanischen Musiker gespielt und gilt als der erste, der den Begriff Rock ’n Roll benutzt und auch populär gemacht hat.

Was heute übrig bleibt vom Rock ’n‘ Roll…

… ist oft nur die Elvis-Scheibe in Papas Plattenschrank und ein paar Übungsstunden in der Tanzschule. Jonathan Fischer glaubt, dass das zu einer falschen Wahrnehmung von Rock ’n‘ Roll führt.

Rock ’n Roll ist heute schon fast ein Schimpfwort für so 50er-, 60er-Jahre-Musik, die von etwas Konservativen noch zelebriert wird, die da so einen braven Tanzschritt rübergerettet haben über 50 oder 60 Jahre. Und man vergisst, welche Sprengkraft, welche revolutionäre Dreckigkeit und welcher Vagemut in dieser Musik steckte. Kann man auch vergessen, wenn man vielleicht eher Bill Haley hört oder diese geschliffenen Versionen. Und diese schwarzen Originale, die zeigen halt, warum diese Musik bis heute funktioniert.

Sie funktioniert sogar ganz hervorragend. Denn glücklicherweise gibt es auch heute noch genügend Musiker, die kein Bock darauf haben, sich von ihren Produzenten glattbügeln zu lassen. Bei Jack White etwa klingt’s immer noch schön dreckig. Er selbst ist bekennender Fan der afroamerikanischen Blueser und Rock ’n‘ Roller bis zu den 60er Jahren.

Die Strahlkraft dieser Musiker auf den folgenden Rock ist gar nicht zu ermessen. Ohne diese schwarzen Idole gäbe es heute nicht den Rock ’n‘ Roll und auch nicht die Rockmusik.