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Rapperin Die P.
Foto: Barkowski

Keine Angst vor Hits

Waldspaziergang

Neoklassik-Kauz Martin Kohlstedt vertont den Wald, die Bonner Rapperin Die P zeigt den männlichen Kollegen was ein Flow ist und Will Joseph Cook ist der Feelgood-Manager des Indiepop. Das und noch mehr Neuigkeiten aus der Welt der Popmusik gibt’s diese Woche in Keine Angst vor Hits.

Neue Alben

Martin Kohlstedt – Flur

Martin Kohlstedt ist bekannt für seine reduzierten Klavierstücke, die er ab und zu auch mit Elektrogefrickel vermischt, was vor allem live sehr überraschend ist. Zuletzt hat er sogar mit dem Leipziger Gewandhauschor Musik aufgenommen und ist auch mit ihm aufgetreten. Auf seinem neuen Album “Flur” kehrt er der extrovertierten, ausladenden Geste wieder den Rücken und besinnt sich auf seine Wurzeln. Die Stücke hat Kohlstedt zu Hause in Weimar aufgenommen und passend dazu rauscht es heimelig, die Musik fließt und mäandert, ab und zu hört man auch Regenrauschen oder Krähen krächzen. Ein Album zum In-sich-reinhören und Sich-fallenlassen.

https://www.youtube.com/watch?v=PRtz4e5WVkQ

Will Joseph Cook – Something To Feel Good About

Der Engländer Will Joseph Cook ist Anfang 20 und für die Promo seines zweiten Albums “Something to feel good about” hat er vor alle das Videoportal TikTok genutzt. Einige seiner äußerst eingängigen Gute-Laune-Indiepop-Songs gab es schon vorab zu hören und vor allem “Be around me” wurde in vielen Videos genutzt und so millionenfach angehört. Zumindest 15 Sekunden davon. Seine bildhaften geradeaus-Lyrics eignen sich dafür auch sehr gut. Für einen anderen Song hat er sich sogar eine Choreographie ausgedacht, die Fans nachtanzen können.

https://www.youtube.com/watch?v=pjolhlLBb6g

Das Paradies – sammlung 1 / pause an der kurve in vektoria

Das Paradies alias Florian Sievers hat die Gitarre nicht verbannt, aber zumindest etwas weiter weggestellt. Auf seiner neuen EP „sammlung 1 / pause an der kurve in vektoria“ orientiert sich der Leipziger für vier Stücke an der Idee der Musique concrète, wonach das gesamte Aufnahmestudio ein einziges Instrument ist. Er singt zudem nicht selbst, sondern hat sich dafür Gäste eingeladen, wie den Kölner Musiker Keshavara, Albrecht Schrader und die Sängerin Pola X. Verrutschte Bässe und wobbelnden Flächen tauchen auf, mal hupt ein Saxophon oder die Synthies grooven atemlos. Weniger leicht verdaulich als sein Debütalbum „Goldene Zukunft“, dafür schön schräg.

https://www.youtube.com/watch?v=AM7pulSOP-s

Neu auf der Playlist

Arlo Parks – Caroline

Kaum jemand hat in 2020 so treffsicher abgeliefert wie Arlo Parks. Sie ist gerade erst dem Teenager-Alter entwachsen, schreibt aber dennoch sehr reife Texte. Mit ihrer souligen und gleichzeit nahbaren Stimme besingt sie Themen wie psychische Gesundheit und Identitätsfindung – oft aus ihrer persönlichen Sicht als queere, schwarze, junge Frau. Und natürlich ist mit Anfang 20 auch das Scheitern von Beziehungen ein Thema. Arlo Parks neueste Single “Caroline” handelt von den inneren und äußeren Verbrennungen bei einer Trennung. Und wie hilflos man ist, wenn sich Enttäuschung und Schmerz plötzlich in einem öffentlichen Streit an der Bushaltestelle entladen. Mehr komplexes Storytelling mit simplen Sätzen wird es auf Arlo Parks Album „Collapsed in Sunbeams“ geben, das Ende Januar 2021 erscheinen wird.

https://www.youtube.com/watch?v=T4kYkFRYbaU

Die P – Hood 53

Was ist eigentlich die letzten Jahre im Deutschrap falsch gelaufen? Untalentierte Straßenrapper mit geschwollenen Gonaden kriegen Millionenverträge bei den Majorlabels. Und drehen mit dem vielen Geld noch eins von diesen immergleichen Videos, in denen sie mit dem gemieteten AMG Mercedes durch die Nacht fahren und gefährlich gucken. Gegenentwurf gefällig? Bittesehr: Die P. Gefährlich gucken kann sie auch – und böse rappen. Gleichzeitig ist das so artikuliert, dass Die P damit die ganzen Hohlnüsse der Möchtegern-Koks-und-Nutten-Rapper knackt. In „Hood 53“ repräsentiert Die P über einen old-schooligen Beat ihre Heimatstadt Bonn. Und die Zahlenspiele wird sie im kommenden Frühjahr mit „3,14“ fortsetzen, denn so wird ihr Album heißen. Das wird die erste LP des neu gegründeten Labels 365XX von Lina Burghausen sein, das ausschließlich weibliche, trans und nicht-binäre Acts signt.

https://www.youtube.com/watch?v=jRPg3OYg_p4

M. Byrd – Mountain

Ist ein Berg, der nur 147 Meter hoch ist, wirklich ein Berg? Dieser Frage hat sich M. Byrd in Dänemark gestellt. Und nachdem er den Gipfel (?) des Himmelsbejerget bestiegen hatte, war seine Antwort: Ja! Denn der kleine Erdhaufen in der dänischen Landschaft fühlte sich für ihn plötzlich sehr hoch an. Dass die positive Sicht eine Frage der Perspektive ist, will M. Byrd in seinem Song „Mountain“ vermitteln. Der Song ist ein absoluter Überraschungshit. Seit Ende September hat er 500.000 Plays gesammelt. Und das ganz ohne Promo- und PR-Maschine. Einzig ein kleiner Anstupser von Ilgen-Nur war nötig, bei der M. Byrd Tour-Bassist war. Nachdem er ihr im Tourbus eine Songidee vorgespielt hatte, ermutigte ihn die Hamburger Slacker-Königin, mehr draus zu machen. Und wenn dann so eine geschliffene Neo-Psychrock-Nummer á la War on Drugs rauskommt, können wir das nur unterschreiben.

https://www.youtube.com/watch?v=W8gcS7_aElw

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