Reingehört: Beck – Morning Phase

Keine Masken mehr

07.03.2014

Früher wollte er immer alles zusammenrühren: Hip-Hop-Beats und Folk-Gitarren, Scratching und Country, Funkbässe und Elektronikspielereien. Nach sechs langen Jahren meldet sich Beck zurück. Auf „Morning Phase“ reicht ihm zurückgelehnter Pop. Und das steht ihm erstaunlich gut.

Beck - Morning Phase

Morning Phase

Beck

(Caroline, bereits erschienen)

Gefühlvolle Streicher eröffnen das neue Album von Beck. Die Sonne geht auf. Passend dazu das Anschlusslied Morning. Langsam wird man geweckt von Gitarre, Glockenspiel und Piano. Dazu eine sphärische Stimme, die durch den Raum schwebt.

Ich habe lange am Sound meiner Stimme gefeilt. Ich wollte genau diesen Sound, den ich schon in meinem Kopf hatte. Es sollte ein bisschen nach Simon & Garfunkel oder Crosby, Stills And Nash klingen. Die Stimme kommt einem da so furchtbar nah vor.

Sein neues Album Morning Phase beschreibt den Moment bevor die Sonne aufgeht. Er ist der Mann, der am letzten Urlaubstag noch am Strand sitzt und Lieder auf seiner Gitarre spielt. Selbst wenn das Feuer schon aus ist. Einschlafen will er nicht, denn er will den Moment nicht verlieren.

Beck gelingt es, diesen Moment musikalisch festzuhalten. Diese Schönheit eines anbrechenden Tages und das gleichzeitig nostalgische Gefühl, den vergehenden Tag loslassen zu müssen. Dabei wird es aber nicht kitschig oder überladen. Alles bei diesem Album scheint an dem richtigen Platz zu sein, von allem genau die richtige Dosis.

Einheitlich, aber nicht eintönig

Nach einem schnellen, vielleicht sogar tanzbaren Song sucht man auf Becks neuem Album vergeblich. Doch das macht auch nichts. Soetwas würde die ganze Atmosphäre des Albums wohl eher zerstören. Jeder Song ist auf seine Art und Weise besonders.

Auch wenn Beck früher ein musikalisches Chamäleon war und immer seine verschiedensten Facetten zeigen wollte, braucht er jetzt nur eine akustische Gitarre, ein Piano und ein ganz bedächtiges Schlagzeug. Beck singt oft in Kopfstimme, was ihn sehr verletzlich erscheinen lässt. Dazu flächige Arrangements mit Chorgesängen und Streichern. Die Streicher hat Becks Vater komponiert – ein Filmmusiker und das hört man. Es zieht einen hinein in die träumerische Welt, die Beck uns zeigen will.

Der neue Beck ist zwar gesetzt und nachdenklich, aber seine Musik zieht einen nicht in ein tiefes Loch. Das hebt ihn ab von den Massen an traurigen Singer-Songwritern, die sich in ihrem Leid selbst ertränken. Becks Platte bietet eher Raum zum Abschalten. Abschalten vom Leben und dem schnellen Alltag. Es geht ums Altern der Eltern, um Scheidungen, das Kinderhaben und das Ende von Freundschaften. Dabei versteckt sich Beck nicht hinter Phrasen, sondern sagt es einfach, wie es ist.

Die Texte sind in allen Songs sehr einfach gehalten, mit einer Direktheit, die ich schwer finde. Ich tendiere immer dazu, mit Wörtern zu spielen, Bilder entstehen zu lassen, damit die Interpretation offen bleibt. es war fast ein bisschen unheimlich, etwas so direkt zu sagen. Schnell wird das banal oder zu sentimental. Ich finde, da gibt es viele Fettnäpfchen, in die man treten kann

Keine Masken mehr

Der Höhepunkt des Albums ist wohl der Song Wave. Beck singt: „If I surrender and I don’t fight this wave, / I won’t go under/ I’ll only be carried away.“ Er traut sich ohne Hilfsmittel ins Wasser. Er wagt lange, gehauchte und verletzliche Töne. Seine Stimme verliert sich im Hall. Dazu ein Streicherarrangement, das einer Sinfonie gleicht. Keine ironischen Texte mehr, keine Samples, keine Stilbrüche, so wie er es früher brauchte.

Es gab durchaus Momente, in denen ich besorgt war, dass alles zu ruhig und zu ähnlich ist. Aber dann habe ich wieder daran gedacht, wie viele Menschen über die Jahre hinweg zu mir gekommen sind und gesagt haben, dass sie „Sea Change“ mögen und dass dieses Album aus all meinen anderen heraussticht. Lange habe ich es vermieden nochmal etwas zu machen, das so ähnlich klingt. Aber jetzt dachte ich mir, warum eigentlich?

Beck versteckt sich hinter gar nichts mehr. Er hat seine tausend Masken abgelegt und will nun zeigen, was er die Jahre darunter verborgen hat. Und das steht ihm erstaunlich gut.