Reingehört: Dirtmusic – Bu Bir Ruya

"Vernunft hat derzeit keinen guten Stand"

01.02.2018

Hinter Dirtmusic stecken Walkabouts-Sänger Chris Eckman und Hugo Race, ehemals Gründungsmitglied von Nick Caves „Bad Seeds“. Anfangs haben sie Folk und Americana gespielt, dann mit westafrikanischen Musikern zusammengearbeitet. Ihr fünftes Album "Bu Bir Ruya" haben Dirtmusic in Istanbul aufgenommen, zusammen mit dem türkischen Psychdelic-Visionär Murat Ertel.

Murat Ertel mit Chris Eckman und Hugo Race in Istanbul. Foto: Jaka Babnik

Dirtmusic - Bu Bir Ruya

Bu Bir Ruya

Dirtmusic

(Indigo, bereits erschienen)

„Wir brauchen Musik wie diese, um nicht den Verstand zu verlieren“ sagt der türkische Musiker Murat Ertel über das neue Dirtmusic-Album Bu Bir Ruya. Darauf reflektieren die Musiker über die Situation in der Türkei, aber auch in Europa und anderen Teilen der Welt. Anfangs war unklar, ob sie überhaupt Texte zur Musik haben wollten. Aber Ertel war der Meinung, dass Ort und Zeit der Aufnahmen danach verlangten. Und so ist eine Geschichte über Grenzen und Mauern entstanden, von kalten Fronten und kalten Herzen.

In einer Werkstatt in Istanbul

Aufgenommen haben Dirtmusic das Album in einer umgebauten Autowerkstatt in Istanbul. Vorbereitet hatten sie nur eine handvoll Beats und Loops, alles andere war spontan, erzählt Bandgründer Chris Eckman.

Für Hugo Race und mich ist Dirtmusic das Vehikel, mit dem wir eine zeitgenössische Form von psychedelischer Musik erforschen. Damit meine ich nicht die 60s Hippie-Variante. Wir benutzen dröhnende Gitarren und hypnotische Beats. Nachdem ich Murat ein, zwei Mal live gesehen hatte, dachte ich mir, dass er gut zu uns passen würde. Aber bis wir tatsächlich zusammen im Studio standen, hatten wir keine genaue Vorstellung davon, wie das Album klingen würde. Schon eine Stunde nachdem sich Hugo und Murat zum ersten Mal getroffen hatten, haben wir aufgenommen. Es war alles sehr spontan.

Echolastige Gitarrenflächen, hypnotische Beats, Ertels Langhalslaute Saz und verschiedene andere Trommeln und Percussion-Instrumente prägen die Musik. Die gleichzeitig meditativen und ruhelosen Songs lassen einen nicht mehr los. In den gesprochenen Texten finden sich unter anderem Zeilen wie: „People are cruel and their minds are closed to reason“. Das klingt ziemlich negativ. Aber für viele Menschen, vor allem in den USA, spielten Vernunft und Argumente keine große Rolle.

Im Moment leben wir in einer Zeit in der Vernunft keinen guten Stand hat. Und das ist verstörend. Vor allem in den USA gibt es viele Menschen, die Wissenschaft und detaillierte Argumente ablehnen. Für sie ist die Ideologie wichtiger als alles andere. Sie denken nicht darüber nach, welche anderen Optionen es geben könnte. Das stecken wir gerade sehr tief drin.

Hoffnung durch Kunst und Musik

Trotz dieser ziemlich deprimierenden Bestandsaufnahme des aktuellen Weltgeschehens – die Musik ist kraftvoll und vermittelt auch ein bisschen Hoffnung. Nicht umsonst heißt das Album Bu Bir Ruya zu deutsch: „Es ist ein Traum“. Denn auch wenn die Realität düster ist, durch Kunst und Musik kann man sich Freiräume schaffen, sagt Chris Eckman.

Wir können die Dinge ändern. Dank unserer Kreativität können wir Freiräume schaffen, auch wenn die vielleicht nicht ganz so frei oder ganz so groß sind, wie wir das gerne hätten. Aber diese Möglichkeit gibt es. Das steckt hinter dem Albumtitel, dass man eine andere Realität erträumen kann. Und Musik, Kunst und alle kreativen Ausdrucksformen ermöglichen uns das.

Die langen, komplexen Stücke erschließen sich bei jedem Hören ein bisschen mehr. Ob tranceartige Gitarrenloops oder ein Teppich aus Geräuschfetzen, mit Bu Bir Ruya hat das Projekt Dirtmusic seine bislang vielversprechendste Form angenommen.