Saitenwechsel: Nikolai Rimski-Korsakow – Scheherazade

Orientalische Märchenmusik

25.04.2018

Der russische Komponist Nikolai Rimski-Korsakow hat sich im 19. Jahrhundert von den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht zu einer sinfonischen Suite inspirieren lassen, die das Geschichtenerzählen ins Musikalische überführt.

In Rimski-Korsakows "Scheherazade" dient die Violine als Geschichtenerzählerin. Foto: Loic Venance/AFP

+++Saitenwechsel wird präsentiert vom Gewandhausorchester.+++


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Saitenwechsel wird präsentiert vom Gewandhausorchester.

Eigentlich hat der russische Komponist Nikolai Rimski-Korsakow alle Hände voll zu tun. Er hat mehrere Jobs gleichzeitig, unterrichtet am Konservatorium und leitet Ensembles. Für eigene Kreativität ist da wenig Platz. Er ist kein Vielschreiber. Keiner, der Unmengen von Werken fabriziert. Vielmehr trägt er lange eine Idee mit sich rum, bis er ganz plötzlich ein großes Werk hervorzaubert. Im Jahr 1888 ist es mal wieder so weit. Er schreibt die sinfonische Suite „Scheherazade“.

Musiktrend Orient

Das Werk beruht auf der Erzählung Tausendundeine Nacht. Und so wie sich in der literarischen Vorlage indische, persische und arabische Einflüsse mischen, so finden sich auch in der Musik orientalische Klänge. Überhaupt: Der Orient war Ende des 19. Jahrhunderts in der klassischen Musik schwer angesagt.

ann-katrin_zimmermannDas war wirklich eine Mode in der Zeit und ist bei Rimski-Korsakow eigentlich sehr viel dezenter behandelt als bei anderen. Es ist bei ihm kein greller Orientalismus, eher Nuancen in der Behandlung der Solo-Violine, aber auch in anderen Themen, die sich durch das Orchester ziehen.Ann-Katrin Zimmermann 

In Tausendundeine Nacht ist „Scheherazade“ der Name einer jungen Frau, die ihrer Hinrichtung durch ihren Ehemann, den Sultan, entgeht, indem sie ihm spannende Geschichten erzählt. Beide Charaktere haben in der Musik ein entsprechendes Motiv. Gleich zu Beginn hören wir den tyrannischen Sultan.

Ein beliebtes Motiv, das sogar schon in der Popkultur verwendet wurde. Im Kubrick-Film „Clockwork Orange“ untermalt die Melodie eine Tagtraum-Szene der Hauptfigur Alex. Während er im Gefängnis die Bibel liest, sieht er sich als Römer, der Jesus auspeitscht.

Vage Inspirationen

Die orientalisch angehauchte Musik, die märchenhafte Handlung – das Kopfkino funktioniert bei Rimski-Korsakows Scheherazade schon ganz gut. Allerdings wäre es viel zu kurz gegriffen, die Musik mit einem reinen Geschichtenerzählen gleichzusetzen.

Innerhalb der einzelnen Sätze kann man nicht davon reden, dass da irgendeine Geschichte nacherzählt würde. Das sind vage Inspirationen. Seewelten oder ein leicht orientalisch angehauchtes Kolorit oder vielleicht mal ein buntes Markt-Treiben, aber nicht enger mit einem programmatischen Hintergrund verknüpft wie andere Sinfonien auch. – Ann Katrin Zimmermann

Verkaufsargument Storytelling

Dennoch tragen die einzelnen Sätze Titel wie „Das Meer und Sindbads Schiff“ oder „Feier in Bagdad“. Das klingt ja dann doch wieder nach relativ konkreten Geschichten.

Rimski-Korsakow hat damit geliebäugelt die Sätze mit „Prelude“, „Ballade“, „Adagio“ und „Finale“ zu überschreiben, war sich also selber der Tatsache sehr wohl bewusst, dass er gewisse Einflüsse aufgreift, aber nichts direkt verknüpfen möchte mit den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Ihm haben aber Freunde davon abgeraten und gesagt: „Das ist doch immer sehr werbewirksam, wenn man Musik eine Kopplung mit Geschichten unterstellt.“ – Ann Katrin Zimmermann

Musik verkauft sich eben besser, wenn man eine spannende Geschichte dazu erzählen kann. Und wahrscheinlich hat der Bezug auf Tausendundeine Nacht, auf das Meer und den Orient, seinen Teil dazu beigetragen, dass Scheherazade von Nikolai Rimskij-Korsakow noch heute regelmäßig in den Konzertsälen erklingt.