Saitenwechsel: Der Tag eines Orchestermusikers

17.04.2013

Mit Musik genug Geld verdienen, um davon leben zu können – das klingt nach einem Traumberuf. Doch wie sieht der eigentlich aus? Was treiben Orchestermusiker den ganzen Tag? Abends ein bisschen konzertieren und sich tagsüber einen Lenz machen? Zeit für einen Saitenwechsel.

Den typischen Tagesablauf gibt es nicht, trotzdem hat jeder seine Rituale. Foto: detektor.fm

in Kooperation mit dem GewandhausSaitenwechsel | detektor.fm entdeckt Klassik wird präsentiert vom Gewandhaus zu Leipzig 

Es klingt nach einem Traumberuf: Mit Musik genug Geld verdienen, um davon leben zu können – den Gedanken kennt ja eigentlich jeder, der schon mal ein Instrument in der Hand hatte. Klar, mit Punkrock und drei Akkorden bleibt das meistens eine Illusion. Wer sich aber für die lange und harte Klassik-Schule entscheidet, hat später theoretisch Chancen auf eine Festanstellung im Orchester. Aber wie sieht er eigentlich aus – der Traumberuf Musiker? Und was treiben Orchestermusiker überhaupt den ganzen Tag?

Ich treffe Hendrik Zwiener. Der spielt Cello im Gewandhausorchester und erklärt mir erst mal, auf welche Arbeitszeiten ich mich einstellen kann.

schwingt sich in der freien Zeit auf sein Rennrad.An Probetagen sind unsere Kernarbeitszeiten so zwischen zehn und eins und abends nochmal zwischen sieben und zehn. Wenn morgens um zehn eine Probe ansteht, ist vorher noch ein bisschen Zeit zum Einspielen, entweder direkt im Gewandhaus oder noch zu Hause. Um zehn sind wir dann alle beisammen, eingestimmt und warten drauf, dass der Dirigent den Startschuss gibt.
Hendrik Zwienerschwingt sich in der freien Zeit auf sein Rennrad 

Musizieren von früh bis spät

Morgens drei Stunden, abends drei Stunden – das klingt erst mal überschaubar. Aber klar, nebenbei muss man zusätzlich viel alleine üben und eine Wagner-Oper ist ja auch nicht mal eben so zwischen Abendbrot und Tagesschau abgefrühstückt. Immerhin, so richtig früh aufstehen ist eher die Ausnahme, berichtet mir der Cellist Michael Peternek.

Wenn um zehn die Probe anfängt, muss ich um viertel nach neun aus dem Haus. Das ist jetzt nicht so früh wie andere, die um halb acht in der Firma sein müssen. Aber bei uns geht ja auch mal eine Vorstellung am Vorabend bis zehn, halb elf. Und dann ist es auch nicht wirklich Ausschlafen.

Um gut in den Tag zu kommen, hat jeder so sein Geheimrezept. Während mancher nach dem Müsli direkt zum Instrument greift, geht’s für Bratschistin Claudia Bussian erst mal auf die Turnmatte.

 Ich fange gerne mit Körperübungen an, z.B. Qigong. Das bringt einen in Schwung, lockert die Gelenke und zentriert mich ganz gut. Abends nach einer Aufführung meditiere ich gerne, um mich zu entspannen. Andere brauchen ein Bier, ich versuche das nicht unbedingt zu vermeiden, aber es gibt auch andere Methoden um sich gut zu entspannen.

Ist morgens die erste Probe absolviert trifft man sich nicht selten zur gemeinsamen Mittagspause, zum Beispiel in der Gewandhauskantine.

unterrichtet Bratsche an der Musikhochschule in Mainz.Das ist auch wichtig für die sozialen Kontakte, für die Kommunikation untereinander. Viele wichtige Dinge werden in der Kantine besprochen, weil es sonst keinen Raum dafür gibt.Claudia Bussianunterrichtet Bratsche an der Musikhochschule in Mainz. 

Rituale ordnen den Tag

Den typischen Tagesablauf gibt es eigentlich nicht. Da hängt viel vom Spielplan und den Tourneen ab. Trotzdem hat an einem Konzerttag jeder so seine Rituale.

Ich brauche abends vor dem Konzert immer eine Dusche, weil ich das Gefühl habe, dadurch frischer zu sein (Michael Peternek).

Ein Fixpunkt ist die Mittagspause, die ich gerne nutze um Mittagsschlaf zu halten oder ein bisschen rauszugehen und Sport zu treiben (Claudia Bussian).

Ich gebe darauf Acht, dass ich mich im Laufe des Tages nicht allzu sehr erschöpfe. Wenn ich am Donnerstagmorgen die Generalprobe habe, dann aufs Rad gehe und mir dann noch eine Quartettprobe vor das Konzert klemmen würde, dann würde die Konzentration und Kondition am Abend darunter leiden (Hendrik Zwiener).

Wer ganze Tage mit einem Instrument verbringt, zum Teil mitsamt Orchesterbegleitung, hat natürlich auch körperlich ganz schön was zu stemmen. Und dann ist da noch die Lautstärkebelastung. Eine Oper wie „Elektra“ von Richard Strauss erreicht Dezibel-Werte, die weit über die in vielen Ländern gesetzlich festgelegte Höchstgrenze hinausgehen.

 Es gibt Dienste, die extrem anstrengend sind. Wenn man zum Beispiel die Meistersänger-Oper von Wagner spielt, sitzt man fünfeinhalb Stunden im Graben. Das ist schon richtig anstrengend, das spürt man auch am nächsten Tag (Michael Peternek).

Gerade in der Oper haben wir jetzt eine neue Sitzordnung, in der wir direkt vor den Trompeten sitzen. Die letzten Pulte haben Schallschutz, aber die vorletzten nicht. Da ist der Lärm oft sehr belastend und dann bin ich froh, wenn ich mal eins, zwei Tage mal nichts hören muss außer mein eigenes Spiel (Hendrik Zwiener)

Ein Ausgleich zur Musik ist wichtig

Und so sucht sich jeder seine Inseln, auf die er flüchten kann, um mal den Kopf und die Ohren freizukriegen. Jeden Montag treffen sich zum Beispiel Gewandhaus-Leute zum Fußballspielen. Trainiert wird dort für die Duelle mit anderen Orchestern. Sofern es der Terminplan einer Tournee zulässt, organisiert Cellist Michael Peternek die Spiele. Während beim Auftakt noch Luft nach oben war, spielen die Leipziger mittlerweile auf Orchester-Champions-League-Niveau.

organisiert Fußballspiele gegen andere Orchester.Der Einstieg in Hamburg war ziemlich bitter – da haben wir eine 5:1-Klatsche gekriegt. Auf derselben Tour wurde es aber besser. Wir haben in Spanien gewonnen und auf der letzten Tour auch in Salzburg und Finnland.Michael Peternekorganisiert Fußballspiele gegen andere Orchester. 

Und auch Hendrik Zwiener findet seinen Ausgleich im Sport. Ist die morgendliche Probe absolviert, schwingt er sich nachmittags auf sein Rennrad.

Es ist natürlich eine ganz andere Aktivität, obwohl es auch erstaunlich viele Parallelen zwischen Trainingsaufbau und Übestrategien gibt. Teilweise profitiert eins vom anderen. Aber es ist natürlich viel körperlicher, es ist draußen, man kann die Gedanken schweifen lassen, die Konzentration ist nicht so sehr gefordert. Selbst wenn es mich körperlich anstrengt, bin ich danach mental immer sehr erholt.

Unser Orchesterwart Lothar Petrausch ist mir da eine ganz große Hilfe, denn auf Tourneen, wo die Instrumente mit einem LKW durch die Gegend gefahren werden und wir hinterher oder vornweg fliegen, ist manchmal noch ein kleines Plätzchen im LKW für mein Rad. Wenn dann manchmal ein freier Tag auf Tournee ist, möglichst noch in schöner landschaftlicher Umgebung, dann nutze ich das natürlich sehr gerne für einen Ausflug.

Orchestermusiker unter Doppelbelastung

Ist Sport also das Non-Plus-Ultra, um sich von den musikalischen Berufsstrapazen zu erholen? Nicht für Claudia Bussian, die neben ihrem Engagement im Gewandhausorchester an der Musikhochschule in Mainz unterrichtet.

Ich hatte leider nicht das Glück, bei jemandem zu studieren, der Orchestermusiker war. Der war Solist und in Orchesterdingen fühlte ich mich nicht so gut ausgebildet. Ich möchte das, was ich jetzt im Orchester erlebe, weitergeben. Ich weiß, dass gewisse Dinge die Eintrittskarte in das Orchester sind und die müssen sitzen im Studium, da lege ich großen Wert drauf. Ich empfinde das auch als sehr beglückend, zu sehen, wie die Leute besser werden. Zu sehen, wie sie eine Sache meistern und am Vortragsabend toll spielen, ist ein ganz anderes beglückendes Erlebnis als selber zu spielen.

Beides unter einen Hut zu kriegen, ist aber gar nicht so einfach, zumal man im Orchester selbst oft doppelgleisig fährt: Auch wenn man eine Woche lang nur ein bestimmtes Programm spielt, muss man sich in dieser Woche schon wieder auf die nächste Woche und somit auf das neue Programm vorbereiten. Keine Spur also vom gängigen Vorurteil, Musiker würden sich tagsüber einen Lenz machen, abends ein bisschen konzertieren und für das Konzert, also das „Vergnügen“, auch noch gutes Geld verdienen.

Das ist vergleichbar mit manchen Sportlern. Wenn Usain Bolt nicht mal zehn Sekunden läuft und dafür Hunderttausende kriegt, dann ist das natürlich auch nicht auf den Stundenlohn hochrechenbar. Der Mann trainiert ohne Ende und stellt sein ganzes Leben darauf ein. Es sind also nicht die Sekunden, in denen der Schall kommt, für die wir bezahlt werden und was unser Beruf ist, sondern es ist die Vorbereitung und es geht darum, das Instrument gelernt zu haben. Wir fangen unser Studium eben nicht mit 18 an, sondern in der Regel mit sechs oder acht, manche sogar noch früher.