Saitenwechsel: Die Saisoneröffnung

05.09.2012

Gute Popmusik abseits von Charts und Formatradio - damit kennen wir uns aus. Aber was verbirgt sich auf der anderen Seite - E-Musik? Hochkultur? Ist das wirklich so angestaubt, wie es klingt? Früher mussten die Leute ja auch zu irgendwas raven. Wie geht Klassik? Das wollen wir rausfinden im "Saitenwechsel".

Das Gewandhausorchester erwacht aus der Sommerpause und probt für die neue Spielzeit (© detektor.fm / Susann Jehnichen)

51179Saitenwechsel | detektor.fm entdeckt Klassik wird präsentiert vom Gewandhaus zu Leipzig 

Ein warmer Sommerabend Ende August. Es ist traditionell die Zeit im Jahr, in der sich auch das Gewandhaus wieder mit Leben füllt. Das Konzerthaus erwacht.

Ich befinde mich im Großen Saal. Die Orchester-Musiker sitzen in Flip-Flops und Shorts an ihren Instrumenten und spielen sich warm. Die Instrumente verstummen, als Riccardo Chailly flinken Schrittes den Raum betritt. Er ist hier sowas wie der Bandleader. Genaugenommen ist er „Gewandhauskapellmeister“. So heißen hier die Chefdirigenten. Chailly zückt den Taktstock und eröffnet eine der ersten Proben für die neue Spielzeit. Endlich geht’s wieder los.

Foto: Gert MothesJedes Jahr habe ich am Anfang der Saison diesen Hunger, wieder Musik zu machen. Ich verstehe mich so gut mit dem Orchester. Und die Musiker kennen mich.Riccardo ChaillyFoto: Gert Mothes 

Und nicht nur die kennen Chailly. Er ist eine internationale Koryphäe. Mailand, San Francisco, Chicago – Chailly hatte schon so manches Orchester unter seinen Fittichen. Seit 2005 ist er das Herz des Gewandhaus-Orchesters. Und traditionell beginnt die neue Spielzeit in ein paar Tagen mit den Mendelssohn-Festtagen. Aber wie laufen eigentlich die ersten Proben ab, so kurz nach der Sommerpause? Lassen die das erst mal piano angehen, oder geht’s direkt zur Sache?

Konzentration, Stille, eine positive Elektrik.

Tatsächlich geht es wahnsinnig diszipliniert zu. Und trotzdem wirken alle ziemlich gelassen. Auch wenn der Maestro heute nicht immer zufrieden ist.

Die Konzentration ist fantastisch. Alle sind erholt und haben das große Verlangen, wieder Musik zu machen. Das ist fabelhaft. Aber in den ersten zwei Proben suchen die Musiker noch nach Identität des Klanges und danach, wie sie diesen Klang in den Gewandhaus-Saal bringen.

Okay, dann lass ich das Orchester mal in Ruhe proben und schau mir die Büros im Gewandhaus an. Die Mitarbeiter sind meist schon eine Woche vor dem Orchester wieder im Haus und bereiten das Feld für Herrn Chailly und die Musiker. Aber niemand wuselt hier aufgeregt durch die Flure, alle wirken noch tief entspannt. „So ist das immer in den ersten Tagen“, erzählt mir der Gewandhausdirektor Andreas Schulz.

Eine der ersten Aufgaben ist es, die Tourneen des Orchesters zu wichtigen Festivals zu koordinieren. Aber nicht etwa für die kommende Spielzeit. Auch nicht für die nächste. In der Klassik sind die ihrer Zeit ganz schön voraus.

Foto: Gert MothesMan trinkt nochmal in Ruhe einen Kaffee und denkt: Urlaub war vielleicht doch schöner als schonwieder zur Arbeit zu gehen. Dann holt einen der Alltag allmählich wieder ein. Die Stadt kommt mit ihren Problemen, die Politik kommt und viele andere Themen: Sponsoren kommen aus dem Urlaub zurück. Der Schreibtisch füllt sich sehr schnell.Andreas SchulzFoto: Gert Mothes 

Ich könnte Ihnen jetzt sagen, in welchem Land oder in welcher Region wir im September 2015 sind. Das zu planen ist ein langwieriger Prozess. Sie haben z.B. eine Periode von zwei Wochen, in der sie Einladungen aus Salzburg, Luzern und London bekommen. Schlimmstenfalls liegen die alle taggleich. Dann müssen Sie mit den Festivals verhandeln: Können wir zwei Tage nach vorne, zwei Tage nach hinten…

Und dann gehen die großen Planspiele los. Schließlich muss ja auch noch das Routing stimmen. Wer will schon von Salzburg nach London fliegen, um am nächsten Tag von London nach Luzern zu eiern. Ist ja im Pop-Business nicht anders. Naja, nur dass das Glastonbury sicher noch nicht weiß, wer 2015 Headliner ist. Aber auch für das Gewandhausorchester gilt: Wenn man sich international einen Namen machen will, muss man sich auf diesen Festivals zeigen. Und so wie Bands auf Festivals ihre großen Hits spielen, geht es beim Gewandhausorchester darum,…

…dass wir uns immer bestens mit dem Repertoire präsentieren, für das das Orchester insbesondere von seiner Geschichte her steht.

Damit dieses Repertoire gut zur Geltung kommt, muss es mit Bedacht in den Spielplan eingebaut werden. Hier kommt Sonja Epping ins Spiel. Sie ist die Dramaturgin des Gewandhauses und leitet das Konzertbüro. Das ist vergleichbar mit der Arbeit eines Bookers in einem Club. Viele Fäden laufen bei ihr zusammen, wenn es darum geht, einen stimmigen Spielplan zu bauen.

DramturginLos geht es mit der Saalbelegung. Wann ist der Saal frei? Dann muss man schauen: Passt es in die Dienstbelastung des Orchesters? Dann kommen die kleineren Reihen, Kammermusik, Klavierabende. Dann geht es im ersten Recht an Herrn Chailly: Welche Programme und Konzerte wird er dirigieren? Was ist die grobe Richtung? Wird es große Zyklen geben? Gibt es ein großes Jubiläum zu feiern?Sonja EppingFoto: René Jungnickel 

Und so kommt man auf bis zu 250 Veranstaltungen in einer Spielzeit, davon allein 70 große Konzerte mit dem Orchester. Aber wie kommt man eigentlich an die Werke, die da aufgeführt werden? Muss man die einkaufen?

Die Antwort ist: Jein. Sofern der Urheber eines Stückes seit mindestens 70 Jahren tot ist, darf man das frei verwenden. Die alten Kamellen gibt’s also kostenlos. Fast jedenfalls.

 Man muss für das reine Werk nichts mehr bezahlen, sofern man das Notenmaterial besitzt. Wenn man es nicht besitzt, muss man es von einem Verlag leihen und das kostet Gebühren. Wenn man moderne Stücke spielt und etwas in Auftrag gegeben hat, dann muss das Material erst erstellt werden. Das heißt, man muss den Auftrag bezahlen, man muss den Komponisten bezahlen und meistens auch noch einen Obulus zur Materialerstellung und noch eine Leihgebühr.

Und dann muss man für moderne Klassik ganz schön tief ins Portemonnaie greifen. Am Ende zählt aber nicht das, was auf dem Kontoauszug steht, sondern wie der Spielplan aussieht. Der für die kommende Saison steht fest, die Musiker und Mitarbeiter sind in den Startlöchern. Fehlen nur noch die Besucher. Das Gewandhaus ist erwacht. Man ist wieder hungrig auf Musik. Auch wenn die Musik selbst eigentlich keine Sommerpause kennt. Auch nicht im Kopf von Riccardo Chailly.

Ich versuche, mir eine Auszeit von der Musik zu nehmen. Das gelingt aber nicht immer. Für einen Musiker ist die Musik immer in Bewegung. In der Seele und im Kopf.