Saitenwechsel: Die Spielstätten des Gewandhausorchesters

Ein Orchester fährt dreigleisig

15.05.2013

Gewandhaus, Oper, Thomaskirche - die Musiker des Gewandhausorchesters können sich über mangelnde Abwechslung nicht beklagen. Dank der drei Spielstätten bekommen sie es mit höchst unterschiedlichem Repertoire zu tun. Inwiefern müssen Musiker sich darauf einstellen und wie entstand die Dreigleisigkeit? Zeit für einen Saitenwechsel.

Das Gewandhaus bei Nacht, eine von drei Spielstätten des Gewandhausorchesters (Foto: Gewandhaus)

43620Saitenwechsel | detektor.fm entdeckt Klassikwird präsentiert vom Gewandhaus zu Leipzig 

Bands haben ihren Proberaum und wenn sie live spielen, treten sie mal hier, mal da auf, gehen auf Tour und stellen sich Abend für Abend auf die neuen Räumlichkeiten ein. Das Gewandhausorchester dagegen hat seinen eigenen Club. Strenggenommen nicht nur den einen. Die Leipziger spielen sowohl im Gewandhaus als auch in der Thomaskirche und in der Oper. Drei Spielstätten, ein Orchester – für Musiker wie den zweiten Geiger Tobias Haupt heißt das…

…dass man ein unglaublich breites Repertoire spielen kann und kennenlernt. Das würde man in einem reinen Sinfonie- oder Opernorchester nie erreichen. Auch jüngere Kollegen sagen, dass sie in diesem Orchester sind, weil sie einerseits die Bachsche Kirchenmusik spielen, andererseits Opern von Gluck bis Strawinsky oder noch weiter in die Moderne und noch die Konzertschiene fahren können. Das ist nicht einmalig auf der Welt aber es stellt auch eine Besonderheit dar.

Natürlich heißt das für die Musiker auch: Es gibt viel mehr Variablen, auf die man reagieren muss. Eine normale Konzertwoche im Gewandhaus läuft z.B. so ab: Von Montag bis Donnerstag wird geprobt. Donnerstag und Freitag sind im Normalfall die Konzerte. Man erarbeitet also in der Woche etwas, das man an den zwei oder drei Konzerttagen auch so aufführen wird.

Zweiter Geiger und OrchestervorstandIn der Oper ist es anders. Da liegt die Probenphase schon einige Zeit zurück. Natürlich gibt es manchmal noch eine Wiederaufnahmeprobe, aber es ist so, dass man am Abend auf alles, was auf der Bühne und im Graben passiert reagieren muss. Sei es, weil ein Sänger auf der Bühne für den Weg, den er da eingeplant hat etwas länger braucht und plötzlich nicht dort einsetzt, wo man das gewohnt ist. Es kann also letztendlich viel mehr passieren, aber das ist auch das Spannende daran.Tobias HauptZweiter Geiger und Orchestervorstand 

Wer wo spielt, das machen die Musiker der einzelnen Instrumentengruppen unter sich aus. Die Besetzung zirkuliert, so dass jeder mal drankommt.

Ein Blick in die Geschichtsbücher

Aber wie kam es eigentlich dazu, dass das Gewandhausorchester an diesen drei Orten präsent ist? Ich werfe einen Blick in die Geschichtsbücher und treffe mich mit dem Haushistoriker Claudius Böhm.

Er berichtet mir von den ersten Konzerten, die 1743 stattgefunden haben. Organisiert von der gerade gegründeten Konzertgesellschaft. Einmal die Woche hat die in einem bürgerlichen Privatsalon gespielt, später in einem Gasthaussaal. Und genau wie heute gab es auch damals den Kampf zwischen etablierter Kultur und sich neu gründender Kultur. Da hatten es die Musiker der Konzertgesellschaft am Anfang gar nicht so einfach.

Archivar des GewandhausesDie konnten natürlich nicht von dem wöchentlichen Konzert leben. Wer sich als freier Musiker behaupten wollte, musste mehr Auftritts-Möglichkeiten finden. Also versuchten die Musiker, vor allem das Theater zu erobern und verdrängten dort die etablierten Musiker aus ihrem angestammten Gebiet. Weil es dort jede Woche mehrere Vorstellungen gab, brachte das auch mehr Geld ein.Claudius BöhmArchivar des Gewandhauses 

Ab den 1770er Jahren konnte man die Konzertmusiker zunehmend auch im Schauspiel antreffen. 1786 haben sie sich dann zu einer Art gewerkschaftlicher Vereinigung zusammengeschlossen. Fortan war das Gewandhausorchester sowohl im Konzertsaal als auch im Theater fest installiert.

Der innerstädtische Kampf der Kulturen wurde nicht nur am Theater ausgefochten, sondern auch im Bereich der Kirchenmusik.

Das war damals eine öffentlich geregelte Sache, die in den Händen der Stadt lag. Das Privileg, in den Kirchen zu spielen und dort die Musik zu stellen, hatten die städtischen Musiker, also die Ratsmusik, die Stadtpfeiffer. Die waren den steigenden Anforderungen nicht mehr gewachsen, so dass sie von sich aus Musiker des Konzert- und Theaterorchesters baten auszuhelfen. Mit der Anerkennung des neuen Stadtorchesters 1840 durch den Rat der Stadt Leipzig ist das Gewandhausorchester zum festen Kirchenorchester Leipzigs geworden.

Eine Win-Win-Situation

Gewandhauskapellmeister war damals Felix Mendelssohn Bartholdy. Der hat sich dafür stark gemacht, die Musik von Johann Sebastian Bach für das alltägliche Konzertrepertoire und die Kirchenmusik wiederzugewinnen. In der Thomaskirche sind Bachs Werke heute bei den Auftritten von Gewandhausorchester und Thomanerchor allgegenwärtig. Dank der Regelmäßigkeit sind Orchester und Chor ein eingespieltes Team, meint Thomaskantor Georg Christoph Biller.

ThomaskantorJedes Stück hat andere Herausforderungen und muss natürlich geprobt werden. Aber die Verlässlichkeit der Musiker ist groß, so dass das nicht mit großem Aufwand erfolgen muss.Georg Christoph BillerThomaskantor 

Und auch finanziell ist diese Fusion effizient. Schließlich wäre es um einiges teurer, ein eigenes Orchester zu bertreiben.

Das ist durchaus eine finanzielle Erleichterung, zumal diese Bachkantate, also die zirka 20 Minuten am Sonnabend, keine Auslastung für ein eigenes Orchester wäre. Das ist auf diese Weise wunderbar mit dem Gewandhaus geklärt.

Drei Spielstätten, drei Terminkalender

Man könnte meinen, drei Spielstätten sorgen für proppevolle Terminkalender bei den Musikern. Stimmt nicht ganz. Das Gewandhausorchester ist mit 185 Planstellen das größte in Deutschland überhaupt und ermöglicht somit rotierende Besetzungen. Doch wer auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzt, kommt natürlich irgendwann an seine Grenzen.

Wenn in der Oper eine große Orchesterbesetzung verlangt wird und parallel dazu ein Konzert stattfindet oder eine große Besetzung auf Reisen ist, dann wird es schon mal eng. Da gibt es dann Absprachen, dass vielleicht die Kantate, die auch eine große Besetzung braucht, mal geändert wird oder dass Probenarbeit reduziert wird.