Saitenwechsel: Jugend & Klassik

03.10.2012

Der Konzertsaal - ein imposanter Raum, umgeben von einer Aura aus Contenance und Disziplin. Ist er zugleich ein rotes Tuch für junge Menschen? Fakt ist: Das Klassik-Publikum wird immer älter. Wie also kommt frischer Wind rein in den "bildungsbürgerlichen Silbersee"? Zeit für einen Saitenwechsel.

Wie begeistert man junge Menschen für klassische Musik? (© detektor.fm / Susann Jehnichen)

50323Saitenwechsel | detektor.fm entdeckt Klassik wird präsentiert vom Gewandhaus zu Leipzig 

Der Konzertsaal – ein imposanter Raum, umgeben von einer Aura aus Contenance und Disziplin. Ich, der Zuschauer, sitze stundenlang brav in meinem Sessel und halte mich an Regeln. Ich gehe nicht mal eben an die Bar und hol mir einen Gin Tonic. Alle tragen förmliche Kleidung haben sich schick gemacht. Die Songs sind verdammt lang und verdammt alt.

Vielleicht muss man sich einfach mal darauf einzulassen. Ist ja schließlich ein klassisches Konzert. Und dem würde ich es auch nicht abnehmen, wenn es auf angestrengt jugendlich getrimmt wäre. Sage ich jetzt, als Erwachsener. Aber was hätte ich mit 16 oder 18 gesagt? Das ist schon nachvollziehbar, warum sich diese Art des Konzerterlebens schwer an ein junges Publikum vermitteln lässt, auch für Gewandhaus-Dramaturgin Sonja Epping.

Dramturgin Ein Konzerthaus, ein Opernhaus – was soll ich da? Da wird Musik von vor 200 Jahren gespielt. Das interessiert mich alles nicht. Dieses Desinteresse gilt es zu überwinden. Das ist wie jedes Museum, in das junge Leute ja auch ohne Probleme gehen.Sonja EppingFoto: René Jungnickel 

Oder wie jede Vernissage für zeitgenössische Kunst, wo ja auch junge Leute Schlange stehen. Dabei ist Musik noch nen ganzen Zacken lebendiger. Trotzdem: Das Konzertpublikum beim klassischen Konzert ist alt. Zwischen 55 und 60 Jahren im Schnitt. Und es wird immer älter. Stirbt das Klassik-Publikum aus? Ganz so schlimm ist es nicht, versichert mir Gewandhaus-Direktor Andreas Schulz.

Foto: Gert MothesDenn in der über 300-jährigen Geschichte des Konzertwesens ist noch nie ein Publikum ausgestorben. Aufgrund der Bevölkerungsstruktur und –Schichten hat es immer enorme Verschiebungen gegeben.Andreas SchulzFoto: Gert Mothes 

Na gut, die Demographie wird’s schon richten oder wie? Mitnichten, sagt Schulz, man könne sich darauf nicht ausruhen. Und spricht damit eine Reihe von Bemühungen an, mit der Konzerthäuser von San Francisco bis Taiwan junge Leute locken wollen. Denn klassische Musik wird heute kaum noch als selbstverständliches Kulturgut an die Jugend weitergeben. Um das zu ändern, gibt es seit ein paar Jahren an Konzerthäusern den Bereich Musikvermittlung. Aber warum muss Musik denn vermittelt werden? Tut sie das nicht von selbst? Nachgefragt bei der Musikvermittlerin des Gewandhauses Franziska Vorberger.

Die meisten behaupten, sie tut es eben nicht und deswegen sind die Musikvermittler gerade so im Kommen, damit man eine Art Höranleitung zur Verfügung stellt. Als jemand, der im Rockbereich sehr bewandert ist, aber in vielen anderen, modernen Musikrichtungen nicht, würde ich mich auch freuen, wenn ich hin und wieder einen Musikvermittler z.B. aus dem Bereich elektronische Musik kennenlernen würde.

Da ist wohl was dran. Gerade in Anbetracht des Siegeszuges von Laptops und Synthesizern auf den Bühnen der Popkultur würde mich schon mal interessieren, was die da machen, wenn die an den Knöpfen drehen und wo die Einflüsse herkommen, Querverweise usw. Im Gewandhaus gibt es dafür zum Beispiel die Entdeckerkonzerte, bei denen ein Moderator die gespielten Werke mit einer Menge Hintergrund-Infos unterfüttert. Revue passieren lassen kann man das Gehörte in der anschließenden Lounge mit DJ und Kaltgetränken. Klassik und Popkultur an einem Abend zu vereinen – auch darin sehen die Macher um Dramaturgin Sonja Epping eine Chance, neues Publikum zu erreichen.

Man kann das verbinden. Die Audioinvasion ist das beste Beispiel dafür: Natürlich kann man eine Stunde klassische Musik hören und sich dann dem Techno-Beat hingeben. Das hat unsere Generation auch schon getan und hat nie einen Widerspruch darin gesehen. Das tut der Leidenschaft meiner Klassik-Liebe keinen Abbruch, dass ich gerne mal auf die Tanzbühne zappeln gehe.

Das Konzept geht auf: Viele der Audio-Invasion-Besucher waren noch nie im Gewandhaus. Bleibt die Frage, ob sie darüber hinaus mal wieder zurückkommen. Vielleicht muss man ja mal aus dem Konzerthaus rausgehen und mit dem Orchester in einer alten Fabrikhalle oder in einem Club spielen. Wie wär’s, frage ich Chefdirigent Riccardo Chailly.

Foto: Gert MothesFür mich ist es die ideale Situation, wenn wir in einem Spitzen-Konzertsaal spielen. Besser wäre die jungen Menschen einzuladen.Riccardo ChaillyFoto: Gert Mothes 

Keine Frage: In Sachen Experimentierfreude kann man den Konzerthäusern nichts vorwerfen. In Zürich gibt es zum Beispiel Late-Night-Konzerte, die bis in die frühen Morgenstunden gehen. Und die Berliner Philharmoniker sind mal zusammen mit tanzenden Kindern und Jugendlichen aufgetreten. Vielleicht braucht es ja genau diesen Mitmach-Faktor, damit junge Menschen Klassik als etwas Spannendes für sich entdecken. Für Musikvermittlerin Franziska Vorberger ist genau das der Punkt.

Foto: René JungnickelEgal, ob ich singe, tanze, male oder ein Instrument spiele - dann kann ich das, was da auf der Bühne stattfindet, besser wertschätzen. Das geht mir ja auch nicht anders, wenn ich in ein Konzert gehe und da ein Super-Drum-Solo höre. Dann bin ich zum einen bewegt und fasziniert davon, wie der Drummer das macht, zum anderen denke ich auch: Das möchte ich auch gerne können! Und in dem Moment, wo mir einer die Chance gibt, mich an so ein Drumset zu setzen, dann bin ich einfach infiziert.Franziska VorbergerFoto: René Jungnickel 

Und so gibt es auch im Gewandhaus die Chance, sich zusammen mit Orchestermusikern an Instrumenten auszuprobieren. Vorberger sagt, es gehe nicht nur darum, neues Publikum zu generieren. Man will den Leuten zeigen, was Musik zu bewegen vermag. Und auch Riccardo Chailly weiß: Wer sich darauf nicht einlässt, verpasst was.

Das ist schade für die jungen Leute, denn klassische Musik soll Spaß machen und das tut sie auch.