Saitenwechsel | Mieczyslaw Weinberg

Zu Unrecht vergessen

Dem Komponisten Mieczysław Weinberg wurde aufgrund seiner jüdischen Herkunft eine Karriere zu Lebzeiten erschwert. Erst in den letzten Jahren entdeckt ihn die internationale Musikwelt und ist bewegt von seiner Biographie.

+++Saitenwechsel wird präsentiert vom Gewandhausorchester.+++


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Saitenwechsel wird präsentiert vom Gewandhausorchester.

Mozart, Beethoven, Mahler, Schostakowitsch – diese Namen sind quasi in jedem Spielplan zu finden. In der klassischen Musik gibt es, wie in anderen Künsten auch, einen Kanon – Hauptwerke und Komponisten, die einfach dazu gehören. Aber warum eigentlich? Warum stehen genau diese Namen im Kanon und nicht andere? Natürlich – die Qualität der Musik, aber das allein reicht nicht.

Was immer auch eine Rolle spielt: Geld und Politik. Schon immer waren Komponisten auch angewiesen auf die Gunst der Reichen und Mächtigen – und waren von Diskriminierung und Repressalien bedroht, wenn sie dem falschen Fürsten, der falschen Ideologie oder Religion nahe standen.

Die Nazis trieben das mit der „entarteten Kunst“ auf die Spitze aber auch in anderen Regimes blieb großartigen Künstlern und Musikern aus politischen und religiösen Gründe eine große Karriere verwehrt: So auch dem Komponisten Mieczyslaw Weinberg, einem Zeitgenossen und engen Freund Schostakowitschs in der Sowjetunion.

Vom Krieg verfolgt

Weinberg wird 1919 als Sohn einer jüdischen Familie in Warschau geboren. Sein Vater ist dort Komponist und Musiker an einem jüdischen Theater. Als Zwölfjähriger beginnt Weinberg ein Klavierstudium am Konservatorium. Direkt nach seiner Abschlussprüfung 1939 bricht der Krieg aus und er muss vor den deutschen Truppen fliehen.

In Minsk studiert er zwei Jahre lang Komposition bis ihn der Krieg einholt und er erneut fliehen muss, dieses Mal nach Usbekistan. In Taschkent findet er eine Anstellung als Korrepetitor an der Oper und komponiert mit Kollegen zusammen Bühnenwerke.

Kollegen auf Augenhöhe

Dimitrij Schostakowitsch, 13 Jahre älter als Weinberg, ist zu der Zeit bereits international bekannt und steht in Stalins Gunst. Er hört vom Talent des Musikerkollegen und als er die Partitur seiner ersten Sinfonie in die Hände bekommt, organisiert er eine Aufenthaltsgenehmigung und holt Weinberg 1943 nach Moskau. Der Beginn einer engen Freundschaft und Zusammenarbeit, sagt Tobias Niederschlag, Leiter des Konzertbüros des Gewandhausorchesters, das sich diese Saison Weinbergs Musik widmet:

Es war dann aber kein Lehrer-Schüler-Verhältnis sondern zwei Komponisten, die sich auf Augenhöhe begegnet sind. Schostakowitsch hat Weinbergs Musik von Anfang an geschätzt und die beiden haben sich auch regelmäßig über ihre Musik ausgetauscht. – Tobias Niederschlag, Leiter des Konzertbüros Gewandhausorchester

Für regimetreue Kulturmacher ist es riskant, den Juden zu engagieren, sodass er immer wieder Probleme hat, an Aufträge zu kommen. Schostakowitsch unterstützt ihn zeitweise. Auch wenn ihm finanziell nicht der Durchbruch gelingt, ist er unter Musikerkollegen doch hoch geschätzt: Sofia Gubaidulina, eine der wichtigsten Komponistinnen der Gegenwart, lernt ihn als junge Studentin in Moskau kennen.

Er war ein bisschen älter als ich und ich sah damals auf ihn als Komponisten als etwas Hochgestelltes. Schostakowitsch, Weinberg, das waren für mich Vorbilder und sehr wichtige Persönlichkeiten. – Sofia Gubaidulina, Komponistin

Welche Steine Weinberg in den Weg gelegt wurden und wie er dennoch nie aufhörte, zu komponieren, erzählt Eva Morlang im aktuellen Saitenwechsel.