Saitenwechsel | Richard Strauss

Mehr als nur Weltraum-Soundtrack

16.04.2014

Dank Stanley Kubrick ist Richard Strauss auch ein Stück Popkultur. Doch bei Strauss kann man noch viel mehr entdecken als nur die pompöse Titelmelodie aus "2001: Odyssee im Weltraum". In diesem Jahr feiert die Klassikwelt den 150. Geburtstag von Richard Strauss. Zeit für einen Saitenwechsel.

33092Saitenwechsel | detektor.fm entdeckt Klassik wird präsentiert vom Gewandhaus zu Leipzig 

Am Anfang ist alles schwarz. Langsam kommt der dunkle Erdball ins Bild. Dahinter der Mond. Und dann geht sie Sonne auf. Es ist eine der legendärsten Szenen der Filmgeschichte – der Vorspann von Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum. Und das hat er auch seinem Soundtrack zu verdanken.

Das Motiv stammt aus „Also sprach Zarathustra“, einer sinfonischen Dichtung von Richard Strauss. Geschrieben hat er die 1885. An das Medium Film hat da noch keiner gedacht. Gewandhaus-Dramaturgin Ann-Katrin Zimmermann weiß, was die Filmemacher an Strauss so zu schätzen wussten.

Er konnte musikalische Formulierungen bringen, die einen einfach umwerfen. Dieser Zarathustra-Beginn zum Beispiel ist einfach so genial musikalisch formuliert. Der hat eine solche Wucht, eine musikalische Sprachgewalt. Diese Durschlagkraft hat Strauss attraktiv gemacht für alle möglichen Verwendungsarten.

Geballte Klangkraft

Und so kennen wir Strauss nicht nur aus dem Kino, sondern auch aus der Werbung und sogar von Elvis Presley, der Zarathustra als Intro-Musik für seine Konzerte verwendet hat. Dabei ist gerade der Anfang der Sinfonie nicht unbedingt ein Hexenwerk.

Gewandhaus-DramaturginDas ist ganz simpel gemacht, mit ganz einfachen Tönen, Quinten und Oktaven. Gar keine krass dissonanten Klänge, sondern einfach geballte Klangkraft.Ann-Katrin ZimmermannGewandhaus-Dramaturgin 

Die Magie des Einfachen. Funktioniert ja auch bei so manchem Popsong. Dank dem Film ist Strauss also auch ein Stück Popkultur. Doch hinter jedem Künstler, der auf diesen einen Hit reduziert wird, steckt bekanntlich noch viel mehr. Und so ist das auch bei Strauss, sagt Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly.

GewandhauskapellmeisterIch verehre den Film, er gibt einem aber ein falsches Bild von Strauss. Das entspricht nicht der Bescheidenheit bei seiner Herangehensweise an Musik. Glücklicherweise gibt es Aufnahmen, die beweisen, dass es Strauss nie um den großen Effekt ging. Die Musik sollte das aus sich heraus tun, ohne es groß zu betonen.Riccardo ChaillyGewandhauskapellmeister 

Für jedes Werk ein eigener Tonfall

Trotz aller Bescheidenheit gilt Strauss als einer der erfolgreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Aber was macht ihn eigentlich so besonders?

Zum Beispiel der mehrdimensionale, bunte Orchestersatz, bei dem sich wirklich jedes Instrument über schöne Stellen freuen kann. Das ist herrlich, auch für die Musiker. Man langweilt sich nie, muss nie stundenlang Pausen zählen und elend lange Töne halten, sondern hat immer schöne Aufgaben. Das ist so ein Merkmal von Richard Strauss, das sich durchzieht von den ersten bis zu den letzten Werken.

Im Popbereich gibt’s ja diese Bands, von denen man gerne mal sagt: „Da klingt jede Platte gleich“. Ann-Katrin Zimmermann sagt: Strauss ist das komplette Gegenteil davon.

Besonders faszinierend finde ich, dass Richard Strauss für jedes einzelne Werk einen eigenen Tonfall findet. Keine zwei Opern sind identisch und für jeden Stoff findet er eine besondere Art der musikalischen Umsetzung. Ich glaube, man kann x-beliebige zehn Takte aus Salome vorspielen und man würde sofort sagen: Das ist Salome! Oder: Das ist Elektra, das ist Heldenleben, das ist Don Juan.

Strauss und das NS-Regime

Richard Strauss – eine musikalische Lichtgestalt mit einem bewegten Leben. Er erlebt zwei Weltkriege und vier Staatsformen. Die NS-Zeit setzt ihm zu. Die Theater liegen danieder, die Kulturlandschaft ist am Boden. In seiner Villa in Garmisch scheint er jedes Gefühl für die weltpolitischen Vorgänge zu verlieren. Er realisiert viel zu spät, welche Gefahren vom Nationalsozialismus ausgehen, kollaboriert sogar mit den Nazis.

Er war Präsident der Reichsmusikkammer und hat dieses Amt auch in der Annahme versehen, wenn er es nicht macht, macht es jemand anderes. Er war sich wohl der Verantwortung bewusst und hat nach dem Gespür der Machthaber immer viel zu wenig die Aussortierung der jüdischen Kollegen betrieben. Er hat sich zurückgehalten, aber auch nicht wirklich entgegengewirkt. Das muss man ihm schon vorwerfen.

Strauss gibt sich unpolitisch, will an erster Stelle seine musikalischen Ziele verwirklichen. Und das gelingt ihm. Auch Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly zählt Strauss zu seinen größten Einflüssen.

Ich staune immer wieder über Till Eulenspiegel. Strauss hat das Stück 1895 geschrieben. Diese Sinfonie klingt so modern verglichen mit anderen Werken aus der Zeit. Da stecken viele Vorahnungen in der Orchestrierung, die enthüllen, was im nachfolgenden Jahrhundert musikalisch passiert. Außerdem ist es unglaublich, dass Strauss alles, was es über Till Eulenspiegel zu sagen gibt in 14 Minuten unterbringt. Es gibt keinen Grund, auch nur ein Wort mehr zu sagen.

In diesem Jahr feiert die Klassikwelt den 150. Geburtstag von Richard Strauss. Auch das Gewandhausorchester huldigt ihm mit einem großen Zyklus. Bei Strauss kann man eben noch so viel mehr entdecken als nur die ersten Takte von Zarathustra.