Saitenwechsel | Robert Schumann 2. Sinfonie

Komponieren in Krisenzeiten

28.11.2018

Klassische Musik wird von manchen verehrt wie eine Religion. Die Komponisten werden wie Götter geheiligt, als unfehlbare Genies. Dabei sind Komponisten auch nur Menschen, die Fehler machen und deren Lebenslauf oft alles andere als gradlinig ist. So auch der von Robert Schumann.

+++Saitenwechsel wird präsentiert vom Gewandhausorchester.+++


gwh_orchester_logo_schwarz

Saitenwechsel wird präsentiert vom Gewandhausorchester.

Sich mit diesen Hintergründen zu beschäftigen, das macht klassische Musik nicht nur für die Zuhörer spannender, sondern auch für die Profimusiker, die sie aufführen. Profimusiker Eberhard Spree, Kontrabassist am Gewandhaus zu Leipzig, hat sich intensiv mit den Komponisten beschäftigt, die in Leipzig gewirkt haben, und die seine Vorgänger im Gewandhausorchester selbst kennengelernt haben.

Zum Beispiel Robert Schumann. Der wird zunächst erst mal gar nicht wirklich als Komponist wahrgenommen:

Er ist eigentlich jemand, der sein Jura- und Klavierstudium hingeschmissen hatte, dann Redakteur einer Zeitung ist. Der komponiert, aber da vor allem Klavierstücke, die etwas schwierig sind und störrisch, also als Komponist eigentlich keine Rolle gespielt hat. – Eberhard Spree, Gewandhausmusiker

Das ändert sich, als er seine ersten Sinfonien komponiert – und das fällt genau in die Zeit, in der er Clara Wieck heiratet. Die ist zu der Zeit eine berühmte Pianistin, beruflich viel erfolgreicher als er. Claras Vater streubt sich, der Ehe zuzustimmen. Er hat Zweifel, dass Schumann eine Familie ernähren kann – oder Clara so unterstützen kann, dass sie das Geld verdient.

Kann Schumann vom Komponieren leben?

Clara muss die Zustimmung ihres Vaters schließlich einklagen. Vor Gericht sagt der: „Ich hab meine Tochter nicht zur Hausfrau abgebildet, ich hab sie zur Virtuosin ausgebildet“. Und das sagt er 1840, ein moderner Ansatz aus der heutigen Sicht.

Claras Vater sagt, Schumann soll beweisen, dass er so komponieren kann, dass er damit auch Geld verdient. Schumann sagt: ja, er kann Sinfonien komponieren, aber erst wenn er Clara geheiratet hat. Und das macht er dann auch. Kurz nach der Hochzeit schreibt er die erste Sinfonie.

Im Schatten seiner Frau Clara

Im Jahr 1844 reist das Ehepaar Schumann durch Russland, eine Tournee, auf der die Pianistin Clara die Hauptrolle spielt. Das kratzt am Ego ihres Mannes. Zurück in Leipzig ergeben sich beruflich für ihn nicht die Chancen, auf die er gehofft hat. Er ist völlig frustiert. Das Paar zieht nach Dresden um.

Er schöpft in Dresden neue Kraft und beginnt die Arbeit an seiner zweiten Sinfonie. Die Inspiration, die er von anderen Komponisten bekommt, ist für Gewandhaus-Dramaturgin Ann-Katrin Zimmermann ganz deutlich in dem Werk:

Man durchwandert in dieser Symphonie quasi eine Harry-Potter-Galerie, man kommt an diesen ganzen Gemälden, Ahnen vorbei, die werden lebendig, die steigen aus ihren Bildern heraus. – Ann-Katrin Zimmermann, Gewandhaus-Dramaturgin

Welche Komponisten er in dieser Galerie zum Leben erweckt, und wieso er sich nach der Aufführung mit einem der wichtigsten Männer der Stadt zerstreitet, erzählt diese Folge des Saitenwechsels.

Gewandhaus-DramaturginWas er schreibt, ist alles eigenes, auch wenn er sich mal verneigt und mit zitathafter Nähe an Beethoven herantritt. Es ist doch immer Schumann und gerade das ist Schumann, dass er so inspiriert ist von der tiefen Dimension der Musikgeschichte.Ann-Katrin ZimmermannDramaturgin am Gewandhaus zu Leipzig 

Redaktion: Eva Morlang