hast Du schon einmal davon gehört, dass man mithilfe von Tennisbällen ein multimillionenschweres Investment verhindern kann? 2024 warfen Fußballfans bei Bundesliga-Spielen Tennisbälle aufs Spielfeld, um den Spielbetrieb zu stören. Das war ihre Art des Protests gegen die Pläne der Deutschen Fußball Liga (DFL), Investoren an den künftigen Medienerlösen zu beteiligen. Die Fans befürchteten eine weitere Kommerzialisierung des Profifußballs und einen wachsenden Einfluss von Geldgebern und -geberinnen auf den Spielbetrieb. Nach wochenlangen Protesten zog die DFL die Verhandlungen zurück. Die Fans hatten ihr Ziel erreicht.
Falls Du Dich jetzt fragst, was das mit dieser Newsletter-Ausgabe zu tun hat: Solche und andere Protestformen nennt Aktivist, Journalist und Buchautor Arne Semsrott in unserem Interview als Möglichkeit der demokratischen Zivilgesellschaft, Widerstand gegen eine autoritäre Wende in Deutschland zu leisten. Mein Kollege Leonard hat mit Arne Semsrott gesprochen und zwar nach einer Lesung aus seinem Buch „Gegenmacht: Die Zivilgesellschaft schlägt zurück“ in Magdeburg, zu der es fast nicht gekommen wäre.
Denn die Magdeburger Stadtverwaltung hatte die Lesung in der Stadtbibliothek zunächst abgesagt, mutmaßlich auf politischen Druck der AfD. Nach einer öffentlichen Debatte über das vermeintliche Einknicken der Stadtverwaltung gegenüber der rechtspopulistischen Partei und den Umgang öffentlicher Einrichtungen mit politischem Druck konnte die Lesung dann doch noch stattfinden.
Wie Arne Semsrott die Debatte wahrgenommen hat, was er über sein sachsen-anhaltisches Publikum sagt und wie sich die demokratische Zivilgesellschaft in Sachsen-Anhalt aus seiner Sicht mobilisieren und auf eine mögliche AfD-geführte Landesregierung vorbereiten kann, hörst Du in der neuen Podcast-Folge.
Hier blicken wir außerdem in den Saalekreis. Dort konnten Bürger und Bürgerinnen einen neuen Landrat oder eine neue Landrätin wählen. Der AfD-Kandidat Uwe Arendt hat im ersten Wahlgang die meisten Stimmen geholt. Manche Beobachter und Beobachterinnen deuten das Ergebnis als „ersten Stimmungstest vor der Landtagswahl“. Wie es jetzt weitergeht und wie die Bürgermeisterwahlen im Saalekreis ausgegangen sind, liest Du weiter unten.
Wenn Du Dich jetzt auch etwas down fühlst, so wie ich, dann sag‘ mir doch in der Umfrage, was Dir Hoffnung macht. Auch die Veranstaltungstipps, darunter das kostenlose Zukunftsfestival „Streit & Zuversicht“ mit einem richtig spannenden Programm ab Freitag in Halle, sollen Hoffnung machen und den Zusammenhalt in Sachsen-Anhalt stärken.
Arne Semsrott über die Macht der Zivilgesellschaft
Arne Semsrott bei einer Lesung in Magdeburg. Foto: Leonard Schubert
Über eine abgesagte Lesung des Autors und Journalisten Arne Semsrott aus seinem Buch „Gegenmacht: Die Zivilgesellschaft schlägt zurück“ in der Stadtbibliothek Magdeburg wurde in den vergangenen Wochen viel debattiert. Am Ende fand sie dennoch statt und zwar gleich zwei Mal. In der neuen DAZWISCHEN-Folge erzählt er Leonard, warum er glaubt, dass das ein Paradebeispiel für die Kraft des zivilgesellschaftlichen Widerstandes gegen Druck und Einschüchterungsversuche vonseiten der AfD war.
Semsrott zufolge befindet sich Deutschland in einer autoritären Wende als Reaktion auf eine „sehr starke extrem rechte Partei“, die AfD. Menschenrechte und demokratische Rechte würden weniger geschätzt als früher. Er hält es für gefährlicher, sich an die rechte Agenda anzunähern und Kompromisse zu suchen, als „selbstbewusst, offensiv und laut die Werte des Grundgesetzes zu verteidigen“. Er kritisiert auch, dass sowohl Parteien als auch Medien noch zu oft auf die AfD schauen, anstatt selbst Themen zu setzen. Dadurch bekommt die Partei seiner Meinung nach „eine Öffentlichkeit, die sonst keine hat“.
Im Gespräch sagt er, dass er Gefühle wie Verzweiflung und Ohnmacht angesichts der hohen Umfragewerte für die AfD und der Probleme im Land wie zum Beispiel das Auseinanderdriften von Arm und Reich gut nachvollziehen kann. Gleichzeitig sieht er „viele tolle Initiativen, Bewegungen und Organisationen, die wirklich einen Wandel bewerkstelligen“. Er ermutigt in seinem Buch und bei Lesungen Menschen, sich diesen anzuschließen, und dann gemeinsam „einzelne Maßnahmen zu finden, die es schaffen, den Status quo zu durchlöchern“. Die Energie, die er bei seinen Lesungen spürt, stimmt ihn jedenfalls sehr optimistisch. „Die Leute sind on fire“, sagt er im Gespräch.
Die Debatte um seine abgesagte Lesung jedenfalls hätte im Kleinen gezeigt, dass viele Leute etwas erreichen können. Nämlich dass die Oberbürgermeisterin von Magdeburg, Simone Borris, eingelenkt, die Absage zurückgenommen und am Ende sogar zwei Lesungen hat stattfinden lassen. Semsrott glaubt, dass könnte die Verhältnisse in Magdeburg verändert haben.
Im Saalekreis hat am vergangenen Wochenende der AfD-Kandidat Uwe Arendt im ersten Wahlgang der Landratswahl die meisten Stimmen erhalten. Drei Bewerber und eine Bewerberin kämpften um den Posten. Sollte Arendt bei der Stichwahl am 28. Juni die absolute Mehrheit bekommen, könnte mit dem Merseburger zum ersten Mal in Sachsen-Anhalt ein AfD-Politiker ein Landratsamt führen.
Arendt holte am Sonntag 43,26 Prozent der Stimmen. Sven Czekalla von der CDU kam auf 36,63 Prozent. Kerstin Eisenreich (Die Linke) lag mit 13,17 Prozent der Stimmen weit dahinter, ebenso Einzelbewerber Lars Zaruba mit 6,94 Prozent.
Gegen den 59 Jahre alten Polizeibeamten Arendt führt laut Medienberichten die Polizeiinspektion Halle derzeit ein Disziplinarverfahren. Trotz Krankschreibung soll er Wahlkampfauftritte wahrgenommen und als DJ aufgelegt haben.
Weiterhin fanden in zwei Gemeinden im Saalekreis Bürgermeisterwahlen statt. In Steigra kann der 42 Jahre alte parteilose Michael Stockhaus Bürgermeister bleiben. Er war der einzige Bewerber und erhielt 75,4 Prozent der abgegebenen Stimmen.
In Teutschenthal gewann Tilo Eigendorf mit 65,3 Prozent der gültigen Stimmen. Damit bleibt der Kandidat der Unabhängigen Bürgervertretung (UBV) Bürgermeister der 13.000-Einwohner-Gemeinde. Hinter ihm weit abgeschlagen folgten Marcus Bachus (18,4 Prozent) und Mario Talamini (16,3 Prozent), beide parteilos.
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Umfrage
Was macht Dir mit Blick auf die Zukunft am meisten Hoffnung?
Das Zukunftsfestival in Hamburg. Foto: David Ausserhofer/ZEIT STIFTUNG BUCERIUS
Zukunftsfestival in Halle will Zusammenhalt stärken
Die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die Stiftung Bürger für Bürger und weitere Partner laden zum Zukunftsfestival „Streit & Zuversicht“ in den Volkspark in Halle ein. Angekündigt sind Konzerte, Live-Talks und Workshops sowie die Premiere der ersten Fuck-up-Nacht für die Demokratie. Mit dabei: Politik- und Musikgrößen wie Moderatorin Sandra Maischberger, Welt-Chefredakteur Robin Alexander, Herausgeberin Dagmar Rosenfeld sowie Talkmaster Jan Plewka mit Band. Außerdem wird der Jugend-Engagement-Preis verliehen. Ziel des Festivals ist es, den Zusammenhalt und die Gemeinschaft zu stärken.
Spitzenkandidaten und -kandidatinnen stellen sich Fragen
Unter dem Motto „Solidarische Perspektiven für Sachsen-Anhalt: Wir haben die Wahl!“ lädt die Bildungseinrichtung Arbeit und Leben Sachsen-Anhalt Interessierte zu einer Diskussion mit den Spitzenkandidaten und -kandidatinnen der demokratischen Parteien, darunter Ministerpräsident Sven Schulze (CDU), ein. Die Teilnehmenden begegnen ihnen in Themenräumen, wo Vertreter und Vertreterinnen von Organisationen der solidarischen Zivilgesellschaft wie dem Deutschen Gewerkschaftsbund Sachsen-Anhalt, dem Kinder- und Jugendring Sachsen-Anhalt und dem Arbeiterwohlfahrt Landesverband Fragen zu ihren Positionen und Parteiprogrammen stellen.
Im Rahmen der Reihe „Verwegen in Gardelegen“ liest der Autor Kaleb Erdmann aus seinem aktuellen Buch „Die Ausweichschule“. In dem autofiktionalen Roman geht es um den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium im Jahr 2002, erzählt aus der Perspektive eines elfjährigen Jungen. Erdmann selbst war Schüler des Gutenberg-Gymnasiums zur Zeit des Amoklaufs. Moderiert wird der Abend von dem Filmproduzenten Christoph Herms und der Autorin Valerie Schönian, die Gardelegen geboren ist. Herms ist in Gardelegen aufgewachsen. Ziel der Reihe ist es, einen Raum zu schaffen, in dem die Teilnehmenden Kultur erfahren und sich austauschen können.
Wie wichtig sind Hochschulen und Forschungseinrichtungen für die Zukunft Sachsen-Anhalts?
Ausblick
In der kommenden Woche geht es um die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt. Laut aktuellen Umfragen ist Wirtschaft für die Menschen das Topthema bei der anstehenden Landtagswahl. Daher schauen wir: Wie ist es um sie bestellt und ist alles so düster, wie es derzeit gezeichnet wird? Thema wird auch sein, was ein AfD-Sieg für Unternehmen in diesem Bundesland bedeuten würde. Denn während die AfD in den Umfragen derzeit sehr hohe Zustimmung erfährt, warnen Wirtschaftsexperten wie Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, vehement vor ihrer Wahl.
Bis dahin wünsche ich Dir eine gute Zeit
Anne
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