in dieser Ausgabe fragen wir uns als DAZWISCHEN-Team: Wo und wie lernen wir eigentlich Demokratie? Und was bedeutet es für Sachsen-Anhalt, wenn Demokratieförderungsprojekte nicht mehr verlässlich durch öffentliche Gelder – wie aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben“ – unterstützt werden?
Klar ist laut Experten und Expertinnen: Demokratie müssen wir lernen, am besten schon als Kinder. Im Newsletter zeige ich Dir Schulen in Sachsen-Anhalt, die einen besonderen demokratiepädagogischen Ansatz verfolgen.
In der neuen Podcast-Folge stellen meine Kollegen Katja und Leonard Dir weitere Wege vor, Demokratie praktisch zu erleben und zu lernen. Mit ihren Interviewpartnern und -partnerinnen stellen sie fest: Demokratieerfahrungen sind wichtig, denn vielen Menschen in den ostdeutschen Bundesländern fehlt bis heute das Gefühl der politischen Selbstwirksamkeit. Das ist schlecht für die Demokratie.
Denn wenn Menschen nicht an die demokratische Gesellschaftsordnung glauben, unterstützen sie sie auch nicht und ziehen sich aus den öffentlichen Aushandlungsprozessen zurück. Das ist bereits ein Problem in Sachsen-Anhalt, sagt ein Interviewpartner im Podcast.
Umso wichtiger sind für die Menschen im Land Möglichkeiten, sich einzubringen und auszutauschen. Daher warnen die Gesprächspartner davor, staatliche Gelder wie aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben“ auslaufen zu lassen oder zu streichen, wie es aktuell passieren könnte.
Denn gerade in Sachsen-Anhalt hängen viele zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich für Demokratiearbeit und Prävention gegen Rechtsextremismus einsetzen, von öffentlichen Fördergeldern ab. Und laut Politikwissenschaftler Benjamin Höhne sind sie in den ostdeutschen Bundesländern „oftmals die einzigen Akteure, die im Feld sind und gegen Rechte die Fahne hochhalten“.
Dass politische Bildung auch Spaß machen kann, liest Du in den Veranstaltungstipps. Dort empfehle ich die Fuck-up-Night für die Demokratie, bei der lokale Politiker und Politikerinnen auf der Bühne über Fehler und Versäumnisse sprechen.
Und weil der Deutsche Wetterdienst für Sachsen-Anhalt am Wochenende bis zu 40 Grad vorhersagt, empfehle ich Dir meine bevorzugten Badeorte im Bundesland: den Schachtsee in Wolmirsleben, das Strandsolbad in Staßfurt und den Löderburger See. Alle drei haben eine gute bis ausgezeichnete Wasserqualität. Weitere Badegewässer in der Region findest Du hier.
„Demokratie lebt von Unterstützung in der Bevölkerung“
Teilnehmende eines Barcamps des Demokratieförderungsprojekts „dazwischenfunken“ der Bürgerstiftung Halle. Foto: Falk Wenzel
Demokratie ist nicht selbstverständlich. „Demokratie lebt davon, dass sie Unterstützung in der Bevölkerung findet“, sagt Benjamin Höhne, Politikwissenschaftler an der Technischen Universität Chemnitz, im Gespräch mit Katja und Leonard. Denn demokratische Prozesse sind mitunter sehr kompliziert und langwierig. Daher müsse immer wieder für Demokratie geworben werden.
Deshalb braucht es Demokratiebildung, am besten so früh wie möglich, sagen Experten und Expertinnen. Schon Kinder sollten in Entscheidungen einbezogen werden und Mitbestimmung erleben. Zentraler Ort dafür sind Schulen, wo Kinder mitgestalten können und politische Bildung erhalten. Weitere Bausteine für Demokratiebildung sind Angebote wie Kinder- und Jugendräte in Städten und Gemeinden, von denen es einige in Sachsen-Anhalt gibt. Das Dorf Spora im Burgenlandkreis setzt auf Kinderbürgermeister und -bürgermeisterinnen.
Auch Erwachsene benötigen immer wieder Gelegenheiten, Demokratie als Gesellschaftsordnung zu erleben. Ganz besonders in den ostdeutschen Bundesländern und Sachsen-Anhalt ist das wichtig, denn hier fehlen laut Höhne „Träger demokratischer Werte“ wie zum Beispiel Gewerkschaften und Kirchen. Auch die Parteien sind „im Osten schwächer“.
Umso wichtiger sind Orte, an denen Menschen sich treffen und Demokratieerfahrungen machen können. Fehlen diese, resignieren die Menschen und ziehen sich aus öffentlichen Aushandlungsprozessen zurück, sagt Pascal Begrich, Geschäftsführer vom Verein miteinander.
Doch ausgerechnet solche Orte geraten zunehmend unter Druck und könnten staatliche Fördergelder verlieren, stellen Katja und Leonard im Podcast fest. Dabei sind gerade in Sachsen-Anhalt die zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich wie der Verein miteinander für Demokratiearbeit und Prävention gegen Rechtsextremismus einsetzen, angewiesen auf öffentliche Förderung.
Grundschulkinder stimmen an der Freien Schule GoitzscheFlieger in Bitterfeld-Wolfen in selbstgebauten Wahlkabinen ab. Foto: Karina Ende
Schulen in Sachsen-Anhalt sollen laut Bildungsministerium „Orte gelebter Demokratie“ sein. Doch laut dem 16. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung wird dafür zu wenig Unterrichtszeit aufgewendet. Experten und Expertinnen wie Andreas Petrik, Professor für Didaktik der Sozialkunde an der Universität Halle, finden einem Medienbericht zufolge außerdem, dass politische Bildung in Sachsen-Anhalt zu spät beginnt, nämlich ab der 8. Klasse im Sozialkundeunterricht.
An manchen freien Schulen in Sachsen-Anhalt liegt der Fokus aber ganz klar auf demokratischem Miteinander, und zwar schon ab der 1. Klasse. An der 2023 gegründeten Freien Schule GoitzscheFlieger in Bitterfeld-Wolfen besprechen die Grundschüler und Grundschülerinnen einmal wöchentlich im Schulparlament wichtige Themen. Dort haben sie zum Beispiel beschlossen, dass sie jeden Tag Spielzeug mitbringen wollen, erzählt Vorstandsmitglied und Lernbegleiterin Karina Ende. Alltagspartizipation werde zudem im täglichen Morgenkreis gelebt, in dem jedes Kind ebenfalls seine Anliegen vortragen kann. Des Weiteren dürfen die Kinder eigene Lernprojekte umsetzen sowie bei der Planung von Exkursionen mitbestimmen.
An der Saaleschule in Halle-Trotha konnten die Schüler und Schülerinnen einem Medienbericht zufolge Anfang dieses Jahres die Einführung einer Demokratiestunde durchsetzen. Hier haben sie im Vorfeld der Landtagswahl alle paar Wochen Zeit, sich zu überlegen, wo sie im Schulalltag gern demokratisch mitentscheiden würden und können sich mit Parteiprogrammen und Wahlkampagnen auseinandersetzen.
Weitere Schulen mit demokratiepädagogischen Ansätzen sind die Freie Schule Elbe-Havel-Land in Kamern im Landkreis Stendal und die Freie Schule Anhalt in Köthen. Die Freie Schule Elbe-Havel-Land hat im Konzept die Mitgestaltung der Dorfgemeinde verankert. Durch den „Prozess der Kommunikation mit der Gemeinde“ sollen die Kinder ihren Lebensraum mitgestalten können und so „zu demokratischem Denken und Handeln“ befähigt werden. Und die Freie Schule Anhalt nennt „Demokratisierung“ als pädagogische Leitlinie.
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Fuck-up-Night für die Demokratie und Bildungs-Basteltage
Bei der Fuck-up-Night für die Demokratie sprechen Politiker und Politikerinnen über ihr Scheitern. Foto: Tom Waurig
Politiker und Politikerinnen sprechen über ihre Fehler
Bei der Fuck-up-Night für die Demokratie treten lokale Politiker und Politikerinnen vor ihr Publikum und sprechen über Fehler und Versäumnisse. Die Veranstaltung soll helfen, eine neue politische Fehlerkultur zu etablieren. Denn Fehler gehören dazu. Spott und Häme hingegen schrecken vor politischem Engagement ab.
Termine: 25. Juni Wittenberg | 30. Juni Zeitz | 1. Juli Stendal | 2. Juli Bitterfeld-Wolfen | jeweils ab 19/19.30 Uhr | kostenlos | Infos
Gesprächsabend über Herausforderungen des Rechtsstaates
Wie Vertrauen in den Rechtsstaat, seine Handlungsfähigkeit und demokratische Stabilität gestärkt werden können, darüber sprechen Gäste aus Justiz, Politik und Gesellschaft bei einem Gesprächsabend der Konrad-Adenauer-Stiftung. Zu Gast sind unter anderem die Justizministerin Franziska Weidinger und der Präsident des Landesverfassungsgerichts Uwe Wegehaupt.
Der Verband junger Medienmachender Sachsen-Anhalt fjp>media lädt zu seinem jährlichen Planungstreffen, den Bildungsbasteltagen, ein. Interessierte bis 27 Jahre können dort eigene Idee für Workshops, Seminare oder Fahrten einbringen. Am Ende soll der (fast) komplette Workshop-Plan für 2027 stehen. Mit Übernachtung und Verpflegung.
Vergangene Woche habe ich im Zusammenhang mit der gestiegenen Lebenszufriedenheit der Sachsen-Anhalter und Sachsen-Anhalterinnen und der überdurchschnittlich hohen Lebenszufriedenheitder Menschen im Saalekreis und in Halle gefragt, wie zufrieden Du aktuell mit Deinen Leben bist. So haben Du und die anderen Leser und Leserinnen abgestimmt:
Ausblick
In der kommenden Woche geht es um die Sorgen von Migranten und Migrantinnen in Sachsen-Anhalt vor der Landtagswahl im September. Meine Kolleginnen Marie und Katja analysieren die Migrationspolitik der AfD, sprechen mit Undra Dreßler, der Geschäftsführerin des Migranten-Dachverbandes Lamsa, über Rassismus, Vorurteile und die Forderungen der migrantischen Gemeinschaft im Falle einer AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt. Außerdem geht es um die Rolle von Migranten und Migrantinnen im Kampf gegen den Fachkräftemangel und eine schrumpfende Bevölkerung in Sachsen-Anhalt.
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