Das brand eins Magazin zum Hören | BONUS: Ignoriert der Staat Selbstständige?

Selbst und ständig - und vom Staat ignoriert?

18.03.2017

"Neue Selbstständige", "prekäre Kreative", "Solo-Selbstständige" - Millionen Deutsche sind zwar selbstständig, aber mitnichten sozial abgesichert. Ob Krankheit oder Rente: dem Staat fehlen Ideen, wie man das lösen könnte. Die Folge: bezahlen müssen die "Neuen Selbstständigen" wie die Großen, Sicherheit haben sie wie die Kleinen. Ein Debattenbeitrag.

Warum Büroarbeit immer mehr wie Fabrikarbeit organisiert wird, „lean office“ aber immer mehr Menschen den Spaß an der Arbeit nimmt? Warum wir auf Arbeit besser doch nicht authentisch sein sollten? Und warum Begriffe wie Demut, Barmherzigkeit und Bescheidenheit beim Nachdenken über Führungskräfte eine größere Rolle spielen sollten? Diesen Fragen geht das aktuelle brand eins Magazin zum Hören nach, denn es hat den Schwerpunkt „Neue Arbeit“. An dieser Stelle veröffentlichen wir ein Interview aus der Sendung in einer längeren Fassung als Bonustrack.


Wann haben Sie das letzte Mal einen Selbststständigen, gefragt, wie es so geht? Die Chance, dass man als Antwort bekommt: „Naja, selbst und ständig, ne?“, ist ziemlich hoch. Selbstständig sein, das umwehte lange Zeit ein gewisses Prestige: eigener Chef sein, mehr verdienen als Angestellte. Doch das ist Vergangenheit.

Selbstständige verdienen heute mitunter so wenig Geld, arbeiten so viele Stunden und sind sozial so schwach abgesichert, dass immer öfter der Staat einspringen muss.

Alte Medizin für neue Symptome

Dort kennt man das Problem. Antworten oder gar Lösungen aber hat man nicht. Stattdessen werden alte Instrumente einfach auf neue Lebenswirklichkeiten gestülpt.

So müssen sich Selbstständige natürlich auch bei einer Krankenkasse versichern. Für viele von ihnen aber bedeutet das immens höhere Beiträge, als für Angestellte. Nach dem gleichen Prinzip wird in der Politik seit geraumer Zeit die Idee einer Rentenversicherungspflicht diskutiert.

Eine gute Idee? Nur auf den ersten Blick. Denn für Millionen Selbstständige könnte das zur ernsthaften Bedrohung werden: sie verdienen schlicht nicht genug.

Alte Berufe für Neue Selbstständige?

Was das Problem noch verschärft: die Selbstständigen gibt es gar nicht mehr. An Ärzte, Anwälte und Architekten haben wir uns gewöhnt. Dass Journalisten, Grafiker und Programmierer Freiberufler sind, ist ebenfalls nix Neues.

Heute aber arbeiten auch immer mehr Lehrer, Handwerker und Ingenieure „frei“, oftmals auf Grundlage von sogenannten „Werkverträgen“. Und die Entwicklung geht weiter: im Wachgewerbe, in der Reinigungsbranche – alles Berufe, die dem klassischen Bild des Unternehmers so gar nicht entsprechen, es de facto heute aber immer öfter sind.

Rente, Krankenkasse & Co. – Selbstständig zahlt drauf

Kann man denen soziale Absicherung einfach „verordnen“? Wer schaut nach, ob die das Existenzminimum überhaupt erreichen? Genügt es, wenn der Staat später irgendwann über die Grundsicherung einspringt? Oder müsste man sich nicht allmählich von alten Dogmen verabschieden – und zum Beispiel darüber nachdenken, ob auch Solo-selbstständige Arbeit subventioniert wird?

„Soll allein der Markt entscheiden? Oder braucht es Regeln, die Erwerbstätigen ein Existenzminimum garantieren? Bei Arbeitnehmern ist diese Frage beantwortet. Bei den neuen Selbstständigen steht sie noch aus.“ So fasst Christian Sywottek das Problem in seinem Text „Die Ungeliebten“ zusammen. Mit detektor.fm-Moderator Christian Bollert hat er darüber gesprochen.

Der Staat sagt: der Markt entscheidet – wenn ein Geschäftsmodell nicht funktioniert, dann soll der Selbstständige eben ausscheiden. Es ist die Frage, ob das Sinn macht. Weil Selbstständige ja nun durchaus einen volkswirtschaftlichen Beitrag leisten: durch ihre Dienstleistung, die sie erbringen – und sie verleihen diesem ganzen wirtschaftlichen Konstrukt eine große Flexibilität. Und das ist ja das, was wir gemeinhin wünschen. – Christian Sywottek


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