Wie der Negativzins unsere Wirtschaft verändert

Geld kauft Zeit, aber keine Konjunktur

03.03.2016

Auch nach acht Jahren leidet die Wirtschaft erheblich unter den Folgen der Finanzkrise. Um für Konjunktur zu sorgen, erhöht die EZB immer weiter den Negativzins. Doch das eigentliche Ziel bleibt dabei auf der Strecke.

Das Verständnis von Geld wird durch die aktuelle Geldpolitik der Zentralbanken erheblich durcheinandergewirbelt. Auf einmal wird man zur Kasse gebeten, wenn man sein Kapital anlegen möchte, und verdient Geld beim Verschulden. Der Zins, wie wir ihn kannten, scheint zu verschwinden.

Auf schätzungsweise 5,9 Billionen Euro belaufen sich momentan Staatsanleihen mit negativer Rendite. Doch warum investieren Anleger in Anleihen, mit denen sie am Ende sogar Verluste machen?

Man fürchtet die Stabilität des Finanzsystems. Deswegen flüchtet man in die vermeintlich besten Schulden, nämlich die Staaten. Es ist eigentlich ein Symptom für eine fundamentale Vertrauenskrise in das Finanzsystem. – Daniel Stelter, Makroökonom

Der Geist der Finanzkrise

Seit mehreren Jahren versuchen die Zentralbanken die Folgen der Finanzkrise abzufedern. Als geldpolitische Maßnahmen wurde deswegen unter anderem ein milliardenschweres Anleihekaufprogramm ins Leben gerufen und der Negativzins eingeführt. Seit der Einführung des Strafzinses durch die Europäische Zentralbank im Jahr 2014 hofft man auf eine Erholung der Wirtschaft und eine steigende Inflationsrate. Doch das Zwei-Prozent-Ziel wird man laut Schätzungen auch dieses Jahr wieder verfehlen.

Es wird versucht, über die Notenbank das Schuldenproblem zu lösen. Es wird verzweifelt versucht, Inflation zu erzeugen. Nur in einem Umfeld von sehr hohen Schulden herrscht eigentlich eher Deflation.  – Daniel Stelter

Stattdessen droht Deflation, eine steigende Schuldenlast der Industrienationen und eine unzufriedene Bankenlandschaft. Während sich Staaten durch die lockere Geldpolitik immer billiger verschulden, suchen Banken nach Möglichkeiten, die Folgen des Negativzinses auszugleichen. Die anfallenden Kosten, die Banken für ihre überschüssigen Einlagen bei der Zentralbank über Nacht zahlen müssen, werden mittlerweile an den Kunden übertragen.

Die Zinspolitik für den kleinen Mann

Zuerst waren nur Investoren von der Zinspolitik der EZB betroffen, doch mittlerweile ist der Negativzins auch im Alltag der Verbraucher angekommen. Sozialversicherungsträger werden mittlerweile auch zur Kasse gebeten. Die Krankenkassen beispielsweise haben im vergangenen Jahr 1,8 Millionen Euro für den Gesundheitsfond gezahlt, um dessen überschüssiges Geld bei der kontoführenden Bank einlagern zu können.

Für unsere Altersvorsorge ist das ein fatal schlechtes Signal. Eigentlich müssten wir alle mehr sparen, um für unser Alter vorzusorgen, als bei Szenarien mit höheren Zinsen. – Daniel Stelter

Trotz fallendem Negativzins hat sich die wirtschaftliche Situation kaum verbessert. So beweist die aktuelle Versteigerung einer japanischen Anleihe mit negativer Rendite, dass Anleger eher bereit sind, für Staatsanleihen eine extra Gebühr zu bezahlen, anstatt Geld in die reale Wirtschaft zu investieren. Die Geldpolitik der EZB scheint damit immer weiter die Realwirtschaft zu verfehlen.

Wie der Negativzins unsere Finanzwelt und Wirtschaft beeinflusst, hat detektor.fm-Moderator Alexander Hertel von Ökonom Daniel Stelter erfahren. Wieso es der Weltwirtschaft so schwer fällt, sich zu erholen, hat er erst kürzlich in seinem neuen Buch „Eiszeit in der Weltwirtschaft“ veröffentlicht.

presseportrait_daniel-stelterWir sind mittlerweile gefangen in einem System, wo wir so viele Schulden haben, dass diese Schulden gar nicht mehr bedienbar sind und schon gar nicht bedienbar wären mit einem normalen Zinsniveau.Daniel Stelter ist Makroökonom, Strategieberater und hat sich besonders auf die Finanzkrise spezialisiert. 

Redaktion: Johanna Siegemund