Nicht still sitzen können, vergesslich und schnell unaufmerksam oder abgelenkt sein, Aufgaben nicht priorisieren können, keine innere Ruhe haben, impulsiv und sensibel sein und so weiter. Die Liste von möglichen Symptomen für Menschen, die von der Aufmerksamkeitsdefizitstörung bzw. der Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätsstörung, also von ADS oder ADHS, betroffen sind, ist lang. Schätzungen zufolge sind rund 2,5 Prozent der Bevölkerung von ADHS oder ADS betroffen. Die Diagnose erhalten vor allem Kinder. Seit einigen Jahren werden jedoch immer mehr Erwachsene mit der Störung diagnostiziert. Was genau ist ADHS und wieso ist die Diagnose von Erwachsenen so schwierig? Das klären wir heute hier im Wissenschafts-Podcast von detektor.fm. Mein Name ist Ina Lebedjew. Schön, dass ihr wieder eingeschaltet habt. Das Forschungsquartett: Wissenschaft bei detektor.fm.
Immer mehr Erwachsene erhalten die Diagnose ADHS oder ADS. Dabei gibt es deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Welche sind das und wie kann eine Diagnose Betroffenen helfen? Damit hat sich meine Kollegin Alina Metz beschäftigt. Hallo Alina. Hallo Ina. Viele können mit dem Begriff ADHS wahrscheinlich grob etwas anfangen. Kannst du trotzdem noch mal einordnen, was das genau bedeutet? Gerne. Also genau, ADHS steht für, du hast es ja schon gesagt, Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätsstörung und ist eigentlich eine Unterform von ADS, der Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Die Krankheit wird primär bei Kindern erkannt, wenn sie sehr unruhig und hyperaktiv oder auch verträumt sind, nicht still sitzen können und/oder Probleme haben, sich zu konzentrieren oder aufmerksam zu sein. Dabei sind Jungs oft hyperaktiver, während Mädchen eher verträumt und unaufmerksamer sind. Allerdings gibt es noch deutlich mehr Symptome bei ADS und ADHS, wie du am Anfang auch erzählt hast. Dazu gehören zum Beispiel Priorisierungsprobleme, Vergesslichkeit, mangelnde Selbstdisziplin, Unpünktlichkeit, schnelle Stimmungswechsel, instabiles Selbstwertgefühl oder auch Schwierigkeiten mit Mitmenschen. Dabei gilt natürlich auch zu sagen, dass nicht jede ADS-betroffene Person jedes Symptom haben muss.
Wie ist das denn? Einmal ADS, immer ADS, stelle ich mir vor, irgendwie. Aber kann sich an den Symptomen im Laufe des Lebens was ändern oder bleibt das immer gleich? Das kann sich ändern. Erwachsene sind zum Beispiel recht häufig ein Mischtyp, also mal hyperaktiv, mal unaufmerksam. Man kann aber auch als Kind hyperaktiv sein und später den unaufmerksamen Typ haben oder halt umgekehrt. Das hat mir Dr. Astrid Neulopkowitz im Gespräch erklärt. Sie ist Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie und beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren schwerpunktmäßig mit dem Thema ADS bei Erwachsenen und speziell auch bei Frauen. Jetzt habe ich ja auch am Anfang gesagt, dass immer mehr Erwachsene diagnostiziert werden. Warum ist das überhaupt so? Um einmal bei den Grundlagen anzufangen: Tatsächlich dachte man einfach bis vor wenigen Jahrzehnten, dass ADS und ADHS gar nicht bei Erwachsenen vorkommt, sondern sich nach dem Kindesalter quasi verwächst. Die Diagnose für Erwachsene wurde erst in den 1990er Jahren Stück für Stück etabliert. Und vorher hat es quasi kein Wissen über die Krankheit bei Erwachsenen gegeben, so Astrid Neulopkowitz. Und seit 25 Jahren haben wir das aber und haben auch Leitlinien. Seit dieser Zeit. Leitlinien sind immer die wichtigsten Behandlungsempfehlungen in der Medizin. Und es wird seit 25 Jahren eigentlich nicht wahrgenommen und umgesetzt, dass ADS häufig ist. Das ist dreimal so häufig wie die Schizophrenie. Aber es wird, dadurch dass es nicht gelehrt wird, auch nicht in den Köpfen der Behandler. Und damit kann man nur das erkennen, was man weiß. Und damit wird es eben nicht erkannt. Die Diagnosezahlen bei Erwachsenen steigen also seit rund 25 Jahren kontinuierlich. Laut dem Deutschen Ärzteblatt sind die diagnostizierten ADS- und ADHS-Fälle bei den deutschen Erwachsenen zwischen 2015 und 2024 fast um das Dreifache gestiegen. Das liegt unter anderem daran, dass es gerade durch Social Media ein größeres Bewusstsein dafür gibt. Wenn also eine Person über ihre Symptome und ihren Alltag mit ADS spricht, erkennen sich ZuschauerInnen oder HörerInnen darin vielleicht wieder, beschäftigen sich dann damit und suchen anschließend nach einem medizinischen Gespräch.
Und wir haben jetzt eine ganz merkwürdige Situation. Wir haben auf der einen Seite durch das Internet eine Überidentifikation, also dass zu viele sagen, ich habe ADS, weil es ist auch nicht alles richtig, was im Internet publiziert wird, muss man klar sagen. Und wir haben auf der anderen Seite aber eine Diagnostik- und therapeutische Unterversorgung, weil eben zu wenig Fachärzte und Psychotherapeuten sich mit ADS auskennen. Fragen Sie mal die Patienten, die fahren durch ganz Deutschland. Die haben Wartezeiten von Jahren, bis sie überhaupt eine Diagnose bekommen. Und das dürfte eigentlich nicht sein, denn eigentlich ist das nicht etwas, was in eine Spezialambulanz gehört, sondern jeder Psychiater und jeder Psychologe müsste das können, weil es ein Krankheitsbild aus unserem Fachgebiet ist.
Wie sieht denn so eine Diagnose bei Erwachsenen überhaupt aus? Dafür gibt es auf jeden Fall bestimmte Leitlinien, an denen sich ÄrztInnen bzw. PsychologInnen orientieren können. Wichtig ist dabei, sich a) die Zeit zu nehmen und vor allem b) den gesamten Lebenslauf einer Person zu berücksichtigen. Es gibt kein erworbenes ADS, das bringt man mit auf die Welt. Und das ist einfach auch bei der Diagnostik gefordert, dass das eben die Kernsymptomatik der ADS darstellt, dass man die darstellen kann im Lebensverlauf und dass das auch eine Relevanz hat. Mal unaufmerksam sein, mal chaotisch sein, mal gestresst sein, natürlich hat das jeder. Aber wenn das eben doch sich durch das ganze Leben zieht, hat es eine unglaubliche Relevanz auch für den Erfolg, den man im Leben hat, für soziale Beziehungen, für das Arbeitsleben. Wichtig für die Diagnostik sind also u.a. Schulzeugnisse, Persönlichkeitsbeschreibungen von den Eltern und/oder PartnerInnen und verschiedene Tests, die z.B. folgende Fragen stellen: Können Sie längere Texte lesen? Haben Sie Schwierigkeiten, sich Stoff zu behalten? Machen Sie alles auf den letzten Drücker? Kriegen Sie Ihre Arbeit nicht zu Ende? Haben Sie ein Problem damit, aufzuräumen und Ihre Sachen zu finden? Sind Sie sehr vergesslich? Haben Sie viele Gedanken im Kopf? Springen Ihre Gedanken? Können Sie abends schlecht abschalten? Sind Sie sehr schnell kränkbar und verletzbar? Für manche Betroffene ist all das jedoch normal. Also dieses Verhalten oder das Gedanken hin und her springen und man nicht an Dingen dranbleiben kann, weshalb sie nie über eine Diagnose nachgedacht haben. Andere hingegen sagen, dass sie sich unfassbar viel Mühe geben, nicht aufzufallen und so etwas wie unruhig sitzen und hibbelig sein aktiv versuchen, zu unterdrücken. Ich muss ja sagen, das klingt sehr, sehr anstrengend und nach einer doppelten Belastung. Also einerseits diese Symptome haben und diese dann auch noch unterdrücken zu müssen, stelle ich mir schwierig vor.
Jetzt haben wir vorhin darüber gesprochen, dass es im Kindes- und Jugendalter oft einen Unterschied zwischen ADS-betroffenen Jungen und betroffenen Mädchen gibt. Ist das bei Erwachsenen auch noch so? Ja, beziehungsweise erhalten Frauen oft auch einfach später ihre Diagnose als Männer. Und das liegt eben genau daran, dass die Symptomatik anders ist und wie so oft im Gesundheitssystem frühere Studien fast ausschließlich auf Daten von Jungen und Männern basieren. Außerdem sind unsere Gesellschaft und das Bild, wie ein Mädchen beziehungsweise eine Frau sich verhalten soll, schuld. Das Interessante ist wirklich, dass bei Frauen dieser unaufmerksame Typ häufig nicht erfasst wird, weil er auch so unspektakulär ist. Die Mädchen sind in dem Jugendalter verträumt, abwesend, vergesslich, oft auch ganz dünnhäutig, hypersensitiv, trauen sich so gar nicht zu, können sich nicht so zur Wehr setzen. Und das wird nicht assoziiert mit ADHS. Noch dazu kommt, dass Mädchen ein ganz großes Interesse daran haben, nicht aufzufallen. Die wollen so sein wie die anderen, die strengen sich wahnsinnig an, dass niemand merkt, dass sie eigentlich total vergesslich und ablenkbar sind. Schwierigkeiten, sich selbst zu organisieren und zu motivieren, treten dann häufig auf, wenn man das Elternhaus verlässt, unter anderem deshalb, weil man gewisse Strukturen hinter sich lässt. Das führt dann auch oft zu anderen psychischen Erkrankungen. Also gibt es eine direkte Verbindung zwischen ADHS und anderen Krankheiten? Definitiv. Verschiedenen Statistiken zufolge erkranken rund 80 Prozent der ADS-Betroffenen an mindestens einer seelischen Begleiterkrankung, rund 50 Prozent an mindestens zwei. Wir sehen fast nie einen Patienten, der nur ADS hat, sondern die haben zusätzlich Depressionen, weil sie nicht weiterkommen, weil sie scheitern im Leben. Sie haben oft Angstzustände, weil sie Versagensängste haben, weil sie einfach oft versagt haben. Sie haben oft Suchterkrankungen, weil Sucht ist oft eine Selbstbehandlung. Rauchen funktioniert unheimlich gut bei ADS. Mit Rauchen können sie das ADS in den Griff kriegen. Es ist nur einfach keine gute Behandlung. Mit Alkohol können sie sich abends beruhigen und haben nicht mehr tausend Gedanken im Kopf. Ist nur auch keine gute Selbstbehandlung. Cannabis macht einen auch ein bisschen ruhiger, aber ist auch keine gute Selbstbehandlung. Also das heißt, ADS-Betroffene suchen schon nach Möglichkeiten, wie sie diese Symptomatik in den Griff bekommen. Aber das ist eben mit Sucht kein guter Weg. Übrigens sind diese Begleiterkrankungen auch einer der Gründe, warum die Diagnosen bei Erwachsenen derzeit steigen. Denn immer mehr junge Erwachsene gehen in Therapie wegen psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Angstzuständen, Sucht oder Zwangsstörungen. Und am Ende ist eventuell eine unentdeckte ADS- oder ADHS-Diagnose einer der Auslöser oder sogar der Auslöser.
Wie kann denn eine Diagnose Betroffenen helfen? Laut Astrid Neulopkowitz und anderen ExpertInnen gibt es verschiedene Behandlungsempfehlungen. Als erstes ist das die Psychoedukation. Das bedeutet, den PatientInnen genau zu erklären, dass sie anders sind. Dass niemand daran Schuld hat, weil man eben so auf die Welt gekommen ist und das größtenteils genetisch ist. Viele ADSler fühlen sich so als Versager: „Ich habe schon drei Therapien gemacht, ich kann immer noch nicht anfangen und immer noch nicht aufräumen.“ Niemand kann was dazu. Es ist neurodivers. Es ist einfach anders. Man hat ein anderes Stärke- und Schwächeprofil. Und das genau zu erklären, hilft dem Patienten unheimlich. Einmal zum Thema Selbstakzeptanz, auch zum Verstehen der eigenen Lebensgeschichte. Und einfach auch: Es gibt noch andere, die so sind wie ich. Ich bin nicht ein Tiefflieger, sondern ich habe halt ADS. Dabei oder generell betrachtet kann eine Psychotherapie oder Gruppentherapie helfen. Noch besser funktioniert für viele Betroffene aber eine Behandlung mit Medikamenten wie Ritalin oder Dexamphetamin Elvanse. Das liegt daran, dass Betroffene ein neurobiologisches Problem mit dem Botenstoff Dopamin haben. Dopamin reguliert in unserem Gehirn Motivation, Konzentration und auch Stimmungsstabilität. Und bei ADS-Betroffenen wird eben genau dieser Stoff zu schnell abgebaut. Dadurch sind diese Netzwerke für Konzentration und Motivation einfach nicht gut connected, was mithilfe von Medizin jedoch verbessert werden kann. Aber das ist wirklich oft game- and life-changing. Diese Medikation, die dann Betroffenen hilft, die sagen dann manchmal: „Das ist wie 10 mal Weihnachten. Ich kann jetzt ein Buch lesen. Ich kann jetzt anfangen. Ich nehme mir vor, ich will die Küche aufräumen, ich mach das wirklich. Oder ich lerne jetzt für die Bachelorarbeit. Ich weiß, ich muss lernen und kann den ersten Schritt nicht machen. Und ich kann jetzt bei der Sache bleiben und ich kann das jetzt auch fertig machen.“ Und das ist überhaupt diese Erfahrung: Ich kann das. Und mein Gehirn gibt das her. Das ist oft unglaublich beglückend für Menschen, dass sie sich so selbstwirksam erleben können und dass sie auf einmal das stemmen können, was sie sich immer gewünscht haben.
Ja, krass, das kann ich mir echt gut vorstellen, dass das ein unglaubliches Gefühl sein muss. Ein Bewusstsein, du hast es vorhin beschrieben, ist inzwischen da in der Gesellschaft. Die Zahl der Diagnosen steigt. Aber braucht das Thema eigentlich noch mehr Aufmerksamkeit? Laut der ADS-Expertin sollten sich auf jeden Fall mehr Menschen damit beschäftigen, v.a. ihre KollegInnen in der Medizin. Es braucht ihr zufolge mehr AnsprechpartnerInnen, also mehr Fachkräfte, die ADS oder ADHS diagnostizieren und damit auch umgehen können. Aber auch im beruflichen Kontext wünscht sie sich ein größeres Bewusstsein. Eine ADS-Diagnose kann für den Betroffenen oder die Betroffene entscheidend sein, welchen Berufsweg er oder sie einschlägt. Oftmals kann es dann auch helfen, mit dem Chef oder der Chefin darüber zu sprechen. Astrid Neulopkowitz zufolge ist es z.B. hilfreich, nicht mitten in einem Großraumbüro zu sitzen, weil die Ablenkungsgefahr zu hoch ist. Oder klare Strukturen und trotzdem eine abwechslungsreiche Arbeit zu haben. Auf die ADS, da haben ganz viele Stärken. Das ist mir immer ganz wichtig. Die sind kreativ, die sind intuitiv, die sind flexibel, die haben oft so eine große Begeisterungsfähigkeit. Die können anders denken, einfach viel origineller. Und das kann man auch nutzen als Firma, aber man muss eben Menschen an die richtigen Plätze setzen.
Und da finde ich eben diese Neurodiversitätsdiskussion sehr hilfreich. Was steckt hinter einer ADS-Diagnose? Und was bedeutet sie vor allem für Erwachsene? Darüber hat meine Kollegin Alina Metz mit Dr. Astrid Neulopkowitz gesprochen. Sie ist Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie und beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren schwerpunktmäßig mit dem Thema ADS bei Erwachsenen. Ich danke dir für das Gespräch, Alina. Gerne. Und damit verabschieden wir uns von euch. In den Shownotes verlinken wir die Anlaufstelle ADHS Deutschland, die Aufklärung bietet und Selbsthilfegruppen vermittelt. Wenn euch mehr Themen rund um Wissenschaft und Forschung interessieren, dann abonniert das Forschungsquartett gerne auf der Podcast-Plattform eurer Wahl. Die Redaktion für diese Folge hatten Alina Metz und ich, Ina Lebedjew. Und damit sage ich ciao und vielleicht bis zur nächsten Woche. Das Forschungsquartett: Wissenschaft bei detektor.fm.