Tausende Satelliten kreisen heute um die Erde. Die meisten davon werden später in der Atmosphäre verglühen und Stoffe hinterlassen, die dort nicht hingehören. Forschende warnen, das könnte gefährlich werden, und das ist unser Thema heute im Spektrum Podcast. Mein Name ist Max Zimmer. Schön, dass ihr dabei seid. Spektrum der Wissenschaft, der Podcast von detektor.fm.
Was denkt ihr, wie viele Satelliten gerade so um die Erde kreisen? Ich habe mal eine Umfrage in meinem Freundes- und Bekanntenkreis gemacht, und da reichten die Zahlen so von 50 bis 500. Einer hat auch 1000 gesagt. Tatsächlich sind es aber mehr als 22.000. Also ganz schön was los da oben. Und fast die Hälfte davon gehört übrigens zu Starlink von Elon Musks Firma SpaceX. Die haben in den letzten Jahren da einiges hochgeschickt, und innerhalb der nächsten 10 Jahre sollen es noch viel, viel mehr werden. Es soll noch viel voller werden rund um die Erde. Etwa 65.000 weitere Satelliten sollen noch in den Orbit geschossen werden. Zum Teil wird das passieren von ganz neuen Akteuren wie jetzt zum Beispiel Amazon oder auch China als Land.
Das alles findet an der Grenze zwischen unserer Atmosphäre und dem Weltall statt. Da bewegen sich diese Satelliten, ja, und das ist ein Bereich, den wir technologisch immer intensiver nutzen, wissenschaftlich aber erst langsam verstehen. Und dieser Satellitenboom, der hat auch erste Nebenwirkungen, denn die bleiben ja nicht ewig da oben, sondern die sollen irgendwann kontrolliert abstürzen und verglühen. Aber inzwischen deutet sich an, die lösen sich jetzt nicht einfach spurlos auf, sondern dabei entstehen unter anderem Abfallprodukte, und einige davon könnten zum Problem werden, warnen jetzt Forschende.
Und das wirft natürlich Fragen auf: Wie stark verändert die Raumfahrt unsere Atmosphäre, und welche Gefahren birgt das? Darüber spreche ich heute mit Thomas Siebel. Der ist Ingenieur und Redakteur bei Spektrum der Wissenschaft. Hallo Thomas.
Hallo Marc. Ja, Thomas, mal vorneweg: Wozu brauchen wir die ganzen Satelliten denn eigentlich? Ja, man müsste eigentlich schon fast fragen, wo brauchen wir sie eigentlich nicht? Ich meine, das einfachste Beispiel ist die Navigation. Google Maps haben wir auf dem Smartphone. Wenn wir das nutzen, dann vernetzt sich die App mit GPS oder eben auch Galileo-Satelliten, die dort oben durch den Orbit schwirren. Das ist natürlich für uns toll, wenn wir durch die Städte manövrieren wollen, aber das wird so unfassbar weit angewendet, diese Technik für Logistik-Ketten aller Art.
Also wenn wir ein Paket bestellen, können wir mittlerweile verfolgen, wo das gerade durch die Straßen geschippert wird. Oder wenn wir einen Notruf rufen, sind wir ganz froh, wenn die Rettungsdienste dann schnell bei uns ankommen und so weiter. Also unfassbar wichtig, dieser einzelne Aspekt schon.
Jetzt, wo wir das Gespräch aufnehmen, läuft parallel die Fußball-Weltmeisterschaft. Für die Übertragung von Live-Events braucht man Satellitentechnik, und du hast es eben in der Anmoderation schon angesprochen: Es ist auch ein großes Thema im Moment, Breitband-Internet aus dem Weltall. Also Starlink von Elon Musk ist natürlich in aller Munde. Die Satellitenkonstellationen, die dort mit immer mehr Satelliten durch den Orbit kreisen, die man heute eben braucht, um Breitband-Internet in abgelegene Regionen zu bringen oder eben auch in Kriegsregionen, wie wir eben nun leider lernen mussten über die Ukraine.
Das könnte noch viel größer werden in den nächsten Jahren. Möglicherweise werden wir dann auf der Erde irgendwann diese terrestrischen Mobilfunkmasten gar nicht mehr sehen oder brauchen, die heute überall in der Landschaft rumstehen. Die Wetter-App braucht Satellitendaten, und das ist nur ein Beispiel für Erdbeobachtung im Gesamten. Satelliten brauchen wir, um unsere Erde zu verstehen. Wie entwickeln sich die Ozeane, die Wälder, andere Ökosysteme? Dafür liefern Satelliten eben die Bilder und die Daten.
Und das ist bei weitem noch nicht alles. Satelliten bieten sehr präzise Zeitdaten. Die braucht man für Überweisungen, elektronische Zahlungen. Die Finanzsysteme sind auf diese sehr präzisen Zeitdaten angewiesen, die die Satelliten liefern. Ebenfalls Betreiber von Stromnetzen, dass da eben alles funktioniert. Also es ist unfassbar viel. Nicht zu erwähnen, dass auch das Militär sehr interessiert daran ist, was dort oben mit Satellitentechnik möglich ist.
Und das ist ja noch lange nicht das Ende der Geschichte. Das geht ja weiter. Im Moment wird darüber schwadroniert, ob man nicht Rechenzentren im Weltall betreiben könnte, um dort unsere Sprachmodelle zu trainieren und dabei die unendlich scheinende Sonne im Weltall nutzen könnte. Also es geht immer weiter. Die Bedeutung der Satellitentechnik ist heute sehr groß für uns, und sie wird weiter zunehmen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten.
Atmosphäre und ihre Schichten
Okay, die Wichtigkeit der Satelliten haben wir jetzt verdeutlicht, und dann brauchen wir noch eine kleine räumliche Einordnung oder eine Verortung. Man sagt das immer so, Thomas, aber was genau ist denn eigentlich die Atmosphäre? Also die Atmosphäre ist die gasförmige Hülle, die um unseren Planeten herum liegt. Also die Luft, die besteht aus verschiedenen Bestandteilen, vor allem Stickstoff, Sauerstoff, ist noch einiges drin in kleineren Anteilen, dann Argon, noch weniger CO2. Und außerhalb dieser Gashülle ist eben das Weltall. Also dort, wo die Erdanziehungskraft nicht mehr stark genug ist, um die Luftmoleküle zu halten, dort fängt dann das Weltall an.
Der Übergang ist natürlich allmählich. Da gibt es keine harte Grenze. Die Luft wird immer dünner und dünner. Man spricht so davon, dass ungefähr in fünf Kilometern Höhe das Weltall allmählich anfängt. Das ist dann in der sogenannten Exosphäre. Und die Exosphäre ist eine von fünf Atmosphärenschichten. Man unterteilt das tatsächlich, weil die verschiedene Eigenschaften haben. Also wir leben natürlich ganz unten in der Troposphäre, so nennt man die. Das ist also die Atmosphärenschicht bis in 15 Kilometern Höhe. Dort sieht man unsere Wolken, dort spielt sich das Wetter ab. Darüber schließt sich die Stratosphäre ab, für uns besonders wichtig, weil sich dort die Ozonschicht befindet, die uns vor harten Sonnenstrahlen schützt. Die geht so bis 50 Kilometern Höhe. Darüber schließt sich dann die sogenannte Mesosphäre an, 50 bis ungefähr 80 Kilometern Höhe. Und darüber dann die Thermosphäre. Über diese beiden Schichten werden wir heute ein bisschen mehr sprechen. Und über der Thermosphäre kommt dann irgendwo die Exosphäre. Das ist dann schon fast im Weltall.
Der Grund, warum man die Atmosphäre in fünf Schichten einteilt, ist, dass es da so einen ganz seltsamen Temperaturverlauf gibt. Also wenn man bei uns unten auf dem Boden anfängt, auf den Berg steigt, dann merkt man, je höher man steigt, desto kühler wird es. Jetzt haben wir nur Berge, die knapp über 8000 Meter gehen. Stellt man sich vor, man kommt auf 15 Kilometer hoch, da dreht sich das dann plötzlich wieder. Also wenn man von 15 Kilometern weiter in die Höhe steigt, dann befindet man sich in der Stratosphäre und dann wird es dort wärmer, je höher man geht. Das liegt daran, dass dort das Ozon liegt in der Stratosphäre. Das Ozon absorbiert Sonnenstrahlen und wärmt dadurch die Stratosphäre ab. Das geht bis 50 Kilometer Höhe ziemlich linear so weiter.
Und dann gelangt man in die Mesosphäre, dort wird es dann wieder kühler, je höher man steigt, bis man an die Thermosphäre gelangt in 50 bis 85 Kilometern, und dort wird es dann allmählich wieder sehr heiß. Das ist der Grund, warum man von unterschiedlichen Atmosphärenschichten spricht. Die haben tatsächlich unterschiedliche Eigenschaften. Und das wird uns gleich noch beschäftigen.
Jetzt nach dieser kleinen Verortung nehme ich mal noch eine Verortung vor. Und zwar gehen wir mal einfach an die Ostsee, Thomas. Genau genommen nach Kühlungsborn. Ein schöner Ort da an der Küste. Da haben Wissenschaftler im Februar letzten Jahres, also 2025, eine interessante Beobachtung gemacht, die mit allem, was wir bisher schon besprochen haben, zu tun hat. Was haben die denn gesehen? Eine Wolke, aber keine normale Wolke. Dort in Kühlungsborn, das ist in der Nähe von Rostock, dort ist das Leibniz-Institut für Atmosphärenphysik. Und die haben LIDAR-Geräte bei sich am Institut. Die richten sie gegen den Himmel und die messen also, welche Atome und Moleküle sich weit über der Erde befinden in der Mesosphäre und in der Thermosphäre.
Indem sie diese Atome und Moleküle dort oben vermessen, können sie beispielsweise darauf schließen, welche Temperaturen dort oben vorherrschen. Also so ein LIDAR-System ist im Prinzip ein Laser, der wird mit einer bestimmten Wellenlänge nach oben in den Himmel gerichtet. Dann wird er von Atomen oder Molekülen dort oben reflektiert, und Teile dieses Laserstrahls gelangen dann eben wieder zurück ans Institut. So wird das gemessen.
So, und jetzt haben die also im Februar 2025, genau genommen am 20. Februar, eine Wolke gemessen, die extrem hoch ist, in 75 Kilometern in der Mesosphäre. Also zur Erinnerung nochmal: Unsere Wolken, die wir von der Erde aus sehen, sind höchstens 15 Kilometer hoch. Und diese Wolke bestand nicht etwa aus Wassertröpfchen, so wie wir das kennen, sondern aus Lithium. Dass diese Forscher an dem Institut für Atmosphärenphysik dort oben was anderes messen, außer Luftteilchen, ist jetzt gar nicht so ungewöhnlich. Deren Alltagsgeschäft sozusagen über mehrere Jahre und Jahrzehnte war, dass sie dort oben die Rückstände von Meteoroiden beobachten oder von kosmischem Staub. Der dringt nämlich auch von außen, also vom Weltall aus, in die Atmosphäre und es verglüht dann dort oben. Das sind dann die Sternschnuppen, die wir so beobachten.
Und die hinterlassen so verschiedene Stoffe: Natrium, Magnesium, Eisen zum Beispiel. Und die misst dieses Institut normalerweise. Diese Meteoroiden und der kosmische Staub, die hinterlassen aber kein Lithium da oben, zumindest nicht in diesen enormen Mengen, wie das die Forschenden dort am 20. Februar 2025 vermessen haben. Also die Konzentration war dort plötzlich zehnmal so hoch wie normal. Und dieses Lithium, da ist die Frage: Wo kommt das her? Das haben keine Außerirdischen dort hingebracht, sondern wir Menschen. Und zwar über Raumfahrtechnik.
Die haben sich dann gefragt, wo kann dieses Material, das dort eigentlich nicht hinkommt, eigentlich herkommen? Die haben dann ein spezielles Wettermodell verwendet und haben versucht, rückzuverfolgen, wie sich diese Lithiumwolke denn eigentlich bewegt hat dort oben in der Mesosphäre, ungefähr auf 95 Kilometern Höhe. Und sie konnten ziemlich genau nachvollziehen, dass diese Lithiumwolke 20 Stunden vorher vor der Messung über der westirischen Küste war. Und zwar genau dort, wo zu diesem Zeitpunkt eine Falcon 9-Rakete abgestürzt ist. Also das sind diese Raketen, mit denen SpaceX die Starlink-Satelliten ins Weltall bringt.
Und dieser Absturz war ziemlich spektakulär damals für alle, die es gesehen haben. Also die ist unkontrolliert abgestürzt. War auch in den Nachrichten, hat man Bilder gesehen. Richtig, ja. Also ein riesen Feuerball am Himmel über Irland hat das angefangen. Dann ist er gezogen über England, Niederlande, über Berlin ist das gezogen. Und in Polen, in der Stadt Posen, ist sogar noch ein Tank runtergegangen von dieser Oberstufe. Und wie du sagst, das hat ganz schön Wellen geschlagen.
Und der Grund, warum dort Lithium gemessen wurde, ist, dass die Außenwand von dieser Falcon 9-Rakete aus einer Legierung besteht, die sich Aluminium-Lithium nennt. Die schmilzt und verdampft dann dort oben, und dadurch entstehen Aluminiumoxide und eben Lithium. Und das haben die Forschenden nachgewiesen. Und ja, alle waren in heller Aufregung. Es war der erste direkte Nachweis, dass Weltraumschrott die obere Atmosphärenschicht verunreinigt. War zwar allen so ungefähr klar, dass das wohl passieren muss, aber man hat es eben noch nie gemessen.
Besonders war, dass man genau den Ort und Zeitpunkt der Verunreinigung nachweisen konnte. Also die Forschenden haben das an der Ostsee, haben sie eine Wolke gemessen und konnten genau sagen: Okay, diese Lithiumwolke, die ist nicht etwa über der Ostsee entstanden, sondern vor Westirland. Was außerdem sehr ermutigend war für diese Arbeit, war, dass es der erste Nachweis war, dass man das vom Boden aus messen konnte. Man muss dort nichts hochschicken in die Mesosphäre, um diese Stoffe zu messen. Nein, es reicht ein LIDAR-Gerät, das irgendwo am Boden installiert ist. Also eine kleine Sensation auf jeden Fall für die Forschenden da an der Ostsee.
Und alles, was du jetzt beschrieben hast, also diese Rakete und die Rückstände und so, das ist ein Beispiel für etwas, was eigentlich dauernd passiert, aber über das wir noch viel zu wenig wissen. Nämlich, was ist denn eigentlich, wenn Satelliten oder eben Raketen, wie in dem Fall, zur Erde zurückkehren? Wir haben ja schon gesagt, die sollen gar nicht darauf ausgelegt sein, dass die für immer da oben bleiben. Vielleicht kannst du mal erklären, wie läuft denn das normalerweise ab?
Rückkehr der Satelliten
Ja, also so ein bisschen weiß man schon, was da vor sich geht, wenn die abstürzen. Also zunächst, was man vielleicht wissen sollte: Du hast es angedeutet, was in den Orbit gebracht wird, das muss dort auch wieder raus. Also ansonsten, wenn die ganzen Satelliten dort oben rumfliegen und in der Umlaufbahn bleiben würden, dann hätten wir ein Riesenproblem mit Weltraumschrott. Das heißt, nachdem Satelliten ein paar Jahre lang außer Betrieb sind, müssen die raus. Und das heißt in der Regel, dass sie zum Absturz gebracht werden. Die haben dann noch so ein paar Kraftstoffreserven. Damit werden die im Prinzip zur Erde angetrieben, wenn sie nicht sogar von alleine wieder in Richtung Erde stürzen.
Und wenn so ein Satellit abstürzt, dann wird er ungefähr 100 Kilometer über dem Boden abgebremst durch die Luft dort oben. Die Luftmoleküle reiben natürlich an diesem Satelliten, und der erhitzt sich, und zwar ziemlich stark. Und so 75 bis 80 Kilometern über dem Boden zerplatzt er dann plötzlich. Also in der Mesosphäre aus dem einen Satelliten werden mehrere große Teile. Die fangen an zu schmelzen und zu verdampfen. Ja, nur die größeren Teile verdampfen dabei nicht vollständig. Die fallen dann wie Kerzenwachs eigentlich zur Erde.
Okay, Tanks aus Titan oder Karbonfasern überleben den Sturz auch hin und wieder, wie wir jetzt gelernt haben. Aber das meiste Material aus dem, was diese Raumfahrttechnik besteht, schmilzt und verdampft dort oben in der Mesosphäre. Von der Erde aus sieht das natürlich spektakulär aus. Diese tollen Schweife, die man dann sehen kann. Und diese Schweife, die bestehen also aus Raumfahrttechnik-Material, also vor allem aus Aluminiumoxiden, aber auch Kupfer, Lithium, seltene Erden.
Okay, aber das klingt ja jetzt alles erstmal ganz durchdacht. Man bringt die nach oben und sorgt auch dafür, dass man sie wieder runterholen kann und dann verglühen die. Also wo ist jetzt das Problem? Also das Problem ist, dass diese Stoffe eben nicht dort oben hingehören. Auf natürliche Weise hat man die dort vielleicht in Spuren oben, aber nicht in dieser Menge, wie sie dann entstehen durch die abstürzende Raumfahrttechnik.
Die Mesosphäre, über die wissen wir noch gar nicht so viel. Was wir wissen, ist, dass sie uns auch vor der harten Sonnenstrahlung schützt. Und in den nächsten Jahren wird dort eben richtig viel menschengemachtes Material dort oben eingebracht werden, das dort eigentlich nichts zu suchen hat. Dass dort Material von außen, vom Weltall, reinkommt, ist nichts Außergewöhnliches. Ich habe ja schon gesagt, Meteoriten und kosmischer Staub dringen dort auch ein. Das sind ungefähr 12.000 Tonnen im Jahr, und die hinterlassen dort Stoffe wie Natrium, Magnesium oder Eisen.
Und jetzt kommen aber die Satelliten. Du hast es schon in der Anmoderation erwähnt: Heute haben wir ungefähr 22.000 Satelliten dort oben im Weltall, ein paar mehr sogar. Ungefähr die Hälfte davon geht auf das Starlink-Netzwerk zurück. Bis Mitte der 2030er Jahre wäre das doch mal extrem viel mehr Satelliten, die dort oben sein werden. Vor allen Dingen getrieben durch diese Megakonstellation. Also Starlink ist ja nun nur ein Netzwerk, das dort hochkommt. Amazon plant etwas Ähnliches. Guo Wang, eine Firma aus China, möchte das auch aufbauen. Und es wird damit gerechnet, dass allein bis Mitte der 2030er Jahre 65.000 Satelliten dort oben sein werden. Also ungefähr eine Verdreifachung der Menge von heute.
Diese Satelliten sind meistens klein, und die haben eine kurze Lebensdauer. Und wie gesagt, wenn sie fertig sind mit ihrem Betrieb, dann stürzen die wieder ab. Und die sollen natürlich niemandem auf den Kopf fallen. Deswegen baut man die so, dass sie möglichst vollständig in der Atmosphäre verdampfen. Das, was da bislang runterkam an Raumfahrtechnik, das war noch relativ wenig im Vergleich zu dem, was an Material von Meteoroiden und kosmischem Staub in die Atmosphäre eingedrungen ist. Also 12.000 Tonnen kommen normalerweise durch die Meteoroiden rein. Raumfahrtechnik waren es bisher so ungefähr 360 Tonnen im Jahr. Also das entspricht so einem Anteil von drei Prozent.
Aber allein mit den Konstellationen, die heute geplant sind und ins Weltall geschickt werden und in den nächsten Jahren dann eben auch wieder abstürzen werden, kommt man auf 4.800 Tonnen. Das wären dann also schon 40 Prozent der Menge, die auf natürliche Weise in die Atmosphäre gelangen. Was damit passiert? Keine Ahnung. Das ist ein riesiges Experiment, das jetzt über unseren Köpfen stattfindet.
Es gibt ein großes Problem, das dabei eine Rolle spielt. Da muss ich nochmal auf die Atmosphärenschichten eingehen. Wir leben in der Troposphäre. Über uns ist die Stratosphäre. Die haben einen Selbstreinigungsmechanismus. Also alles, was dort an Verunreinigung reingeht, verschwindet irgendwann wieder. In der Mesosphäre, wo diese ganze Raumfahrtechnik jetzt verdampft, da gibt es diesen Reinigungsmechanismus nicht. Die Stoffe bleiben dort, die reichern sich an. Und welche Folgen hat das potenziell? Wir wissen es leider nicht genau.
Also die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beginnen, das jetzt allmählich zu verstehen. Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, die wollen da jetzt auch gar nicht so alarmistisch verstanden werden. Also die malen jetzt noch nicht den Weltuntergang an die Wand, aber sie sagen, wir müssen jetzt anfangen zu verstehen, was dort oben vor sich geht. Mit Gerd Baumgarten beispielsweise habe ich darüber gesprochen, vom Institut für Atmosphärenphysik. Der zieht so diverse Szenarien auf, die so vorstellbar wären. Eins wäre beispielsweise, dass Funkwellen nicht mehr übertragen werden könnten vom Boden in den Orbit, weil dann vielleicht eine metallgesättigte Mesosphäre dazwischen liegt, die die Übertragung von Funkwellen vielleicht stört.
Das wäre wirtschaftlich natürlich fies für die Betreiber solcher Satelliten, aber eben auch für uns als Gesellschaft. Ich habe eingangs erwähnt, wie wichtig diese Satellitenkommunikation für uns mittlerweile ist. Das wäre so ein Szenario. Man könnte sich vielleicht auch einen absoluten Glücksfall vorstellen, Stichwort Geoengineering. Vielleicht helfen diese Fremdstoffe in der Mesosphäre ja auch, den Klimawandel zu kompensieren. Wer weiß das? Gerd Baumgarten sagt, es könnte aber auch passieren, dass wir vielleicht die Ozonschicht zerstören oder dass wir Kondensationskeime für Wolken liefern in einer Menge, die wir bislang nicht hatten und dadurch den Wasserzyklus auf der Erde verändern.
Also Gerd Baumgarten sagt, nichts davon können wir momentan ausschließen. Und das Gefährliche daran ist, dass wir eben nicht wissen, was passiert. Vielleicht passiert auch einfach gar nichts. Kann auch sein. Das hat man sich früher aber eben auch gedacht, als man beispielsweise Industrieabwässer in die Flüsse leitete und erst später gemerkt hat, verdammt, das ist gefährlich, was wir da machen und wir zerstören eben unsere Ökosysteme. An diesem Punkt stehen wir gerade und das ist ein großes Experiment mit offenem Ausgang.
Fazit
Ja, krass. Aber das ist einfach dann zu lange vernachlässigt worden oder man hat sich da zu wenig Gedanken drum gemacht. Kann man wohl so sagen. Also bislang war das Problem vielleicht auch einfach noch nicht so groß, weil wie gesagt, die Mengen an Raumfahrtschrott waren noch nicht so groß, wie sie jetzt zu erwarten sind. Jetzt, Mitte der 2010er Jahre, sind wir massiv in die kommerzielle Raumfahrt eingestiegen. Die Menge an Satelliten, die ins All befördert wird, geht durch die Decke. Das ist ja praktisch ein exponentieller Verlauf.
Ja, wie gesagt, die kommen dann irgendwann wieder zurück. Wir haben uns keine Gedanken darüber gemacht, was das mit der Mesosphäre macht, weil wir die Mesosphäre eigentlich auch nie für irgendwas nutzen. Die ist schon unfassbar weit weg von uns. Gerd Baumgarten nennt sie gern die Ignorosphäre. Die war uns einfach bis jetzt egal, aber jetzt drückt sie eben ins Bewusstsein mit diesen Messungen, auch speziell die, das Institut für Atmosphäre und Physik dort vorgenommen hat. Das Thema ist jetzt auf dem Radar. Gerade die ESA oder auch insgesamt die Raumfahrttechnik-Community ist interessiert an dem Thema. Mal sehen.
Also sie wird nicht weiter ignoriert, diese Mesosphäre und was dort oben vor sich geht. Mal sehen, wie es weitergeht. Also nach dem Motto: besser spät als nie, schaut man sich das jetzt auf jeden Fall an. Thomas, dann zum Abschluss vielleicht noch die Frage: Blicken wir doch mal so ein bisschen voraus. Also was will man da jetzt besser erforschen und welche technischen oder vielleicht auch politischen Lösungen wären denn denkbar?
Also sicher ist, das Institut für Atmosphäre und Physik darf jetzt erstmal weitermessen. Die werden neben Lithium jetzt auch andere Stoffe in den Fokus nehmen. Und dieses Institut wird dann erstmal die Grundlage dafür schaffen, um solche Verschmutzungen durch Weltraumschrott künftig auch systematisch zu erfassen. Also das, worüber wir jetzt geredet haben, war eine Einzelmessung. Vielleicht kann man das weltweit koordiniert machen. Wie gesagt, es braucht eigentlich nicht so viel, außer dann eben so ein LIDAR-System. Es gibt auch andere Messsysteme, die da in Frage kommen.
Und solche Messungen würden beispielsweise schon dabei helfen, Modelle zu überprüfen oder zu optimieren, die uns helfen zu verstehen, was dort oben passiert, wie sich dieser verdampfende Raumfahrtschrott auf die Erdatmosphäre oder auch auf die Ozonschicht auswirkt. Und solche Modelle, die uns das sagen, die wären schon mal viel wert.
Ja, wenn sich jetzt herausstellen sollte, dass das, was dort oben passiert, doch irgendwie schädlich ist für uns, dann könnte man sich mehrere Optionen vorstellen, dass beispielsweise die Menge an Raumfahrtmaterial, das dort hochgeschossen wird, beschränkt wird, ähnlich wie ein Emissionsrechtehandel. Oder dass man vielleicht dazu übergeht, statt solche, ich sag mal in Anführungszeichen, Wegwerfsatelliten dort hochzuschicken, vielleicht Satelliten hochschickt, die oben bleiben und zwischendurch mal gewartet werden, mit neuer Hardware versehen werden, zwischendurch sodass sie eben nicht unbedingt abstürzen müssen. Wäre auch eine Vorstellung.
Man könnte sich auch vorstellen, dass Satelliten vielleicht so gebaut werden, dass sie in der Mesosphäre eben nicht mehr verdampfen, sondern in Millimeterpartikel zerfallen, die dann allmählich runter zur Erde trudeln, anstatt oben in der Mesosphäre zu verbleiben. Das sind alles so Ideen. Was genau kommt, wissen wir eben nicht. Wir sollten es aber auf dem Radar haben, damit es uns nicht unerwartet Schwierigkeiten bereitet, die dann vielleicht in einer Zukunft so groß sind, dass wir sie nicht mehr beherrschen können. Wir wissen es eben nicht. Und das wird spannend, wie das Thema jetzt weitergeht.
Voll, weil eben, wie du ja auch eingangs erwähnt hast, die Zahl der Satelliten einfach so rapide steigen wird in den nächsten Jahren. Und wir die ja natürlich auch brauchen, ist ja ganz klar. Aber irgendwie dann doch wieder klassischer Fall von: Man fängt was an und hat sich aber noch nicht so ganz überlegt, was dann am Ende mit den Überresten oder dem Müll vielleicht passiert. Das kennen wir ja auch aus anderen Gebieten. Und wir sollten das immer im Auge behalten.
Und deshalb empfehle ich euch auch, Thomas‘ Artikel da nochmal zu lesen. Auf spektrum.de könnt ihr das Ganze nochmal nachschauen. Da gibt es auch nochmal ein paar Bilder dazu, und man sieht auch nochmal diese verglühenden Teile da am Himmel. Und ja, Thomas, dir sage ich vielen, vielen Dank fürs Erklären. Vielen Dank, Marc.
Und euch vielen Dank fürs Zuhören.
Das war es für diese Woche hier beim Spektrum Podcast. Gerne nächsten Freitag wieder dabei sein. Dann gibt es wie immer eine neue Folge.
Und bis dahin gerne abonnieren, kommentieren, bewerten und teilen. Das hilft uns sehr. Auch dafür vielen, vielen Dank.
Mein Name ist Max Zimmer. Das war der Spektrum Podcast. Und ich sage Tschüss und macht’s gut.
Spektrum der Wissenschaft. Der Podcast von detektor.fm.