Es gibt immer so einen Spruch: Man könnte jede Bank ausrauben, wenn es nicht ein Sonntag wäre, weil es ist einfach keiner da. Die stehen alle an der Strecke. Und das ist tatsächlich so. So ein Paterberg hat halt 15 Prozent und mehr, und dann auf Kopfsteinpflaster aufstehen ist dann auch schwierig. Man braucht halt wirklich enorm viel Kraft, um da hochzukommen. Als hätte jemand einen Acker gepflügt und dann wahllos Steine reingeschmissen.
Der Hausmeister schließt dann noch mal das Velodrom auf, damit der Sportler noch seine Runde im Velodrom drehen kann. Kann man Gottesdienst dazu sagen? Wenn man sagt, es gibt irgendeinen Radsportgott oder Radsport ist so eine Art Heiliger, dann kann man das bestimmt sagen. Und das hat schon an vielen Stellen auch irgendwie was Religiöses, wie das zelebriert wird. Da hat auch eine Veränderung stattgefunden.
Also ich weiß auch zum Beispiel, dass es mal bei einem Finale von der Flandernrundfahrt der Frauen in den Niederlanden zum Beispiel mal beim Frauenfinale eine größere Einschaltquote gab als bei den Männern. Das Stadion des Radsports, das ist die Straße, die für jeden ist. Aber wenn jemand sagen würde: „Bernd, du darfst nie wieder zu den Klassikern nach Belgien“, ich glaube, dann würde ich mir einen anderen Job suchen.
Einstieg in den Fahrradpodcast
Hier ist der Antritt, der Fahrradpodcast auf detektor.fm mit der ersten April-Ausgabe 2026. Mein Name ist Gerolf Meyer und ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber für mich beginnt gerade eine der schönsten Zeiten des Jahres. Die Uhren haben sich umgestellt, die Abende sind endlich nicht mehr so dunkel, die Winterschuhe können sich ausruhen und am Osterwochenende kann ich vielleicht zum ersten Mal in diesem Jahr kurz kurz fahren und die Beinlinge ausziehen.
Mein Fahrradfrühling beginnt gerade und sicher auch eurer. Und da gehören gleich mehrere Dinge dazu: Lange Ausfahrten und endlich wieder Stops im Freisitz, Wind und Wetter durchsetzt mit Sonnenstrahlen und dem guten Gefühl, dass es ab jetzt losgehen kann mit all den Genussfahrten, von denen ich in den letzten Monaten geträumt habe. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es euch da ähnlich geht.
Und wenn wir mal nicht fahren können oder wollen, dann können wir anderen Menschen beim Radfahren zuschauen und die Schönheit dieses Sports auch am Bildschirm genießen. Und wie wir hier schon oft festgestellt haben, stecken in diesem Sport und in diesem Gegenstand, um den es hier geht, so viele verschiedene Geschichten drin. Und ich möchte mir gar nicht vorstellen, was dieser Sport ohne die großen Frühjahrsklassiker wäre, ohne die Spannung und das Drama von Rennen wie Flandern Rundfahrt und Paris Roubaix.
Genau um diese Highlights im Rennkalender geht es in dieser Ausgabe. Und bevor wir reingehen, möchte ich noch eine kurze Durchsage machen. Dieser Podcast bringt euch Woche für Woche Geschichten aus der Fahrradwelt direkt aufs Ohr und wir können das nur machen, weil wir von euch unterstützt werden. Denn es sind einige Menschen, die hier bei detektor.fm an diesem Podcast arbeiten: in der Redaktion, im Schnitt, im Marketing und im Vertrieb.
Und wir finanzieren uns einerseits durch Werbung, die bei uns immer gekennzeichnet ist, und andererseits durch euren Support bei Steady oder Apple Podcasts. Wir nennen diese großartigen Supporter das Antritt Peloton. Und wenn ihr gut findet, was wir hier machen, dann könnt ihr euch einreihen und mitrollen. Schon ab drei Euro im Monat. Wie das geht, findet ihr hinter dem Link zu Steady in den Show Notes.
Und wenn ihr dabei seid auf unserer Reise durch die Fahrradwelt, dann könnt ihr auch zu unserem Antritt Treffen hier in Leipzig am 18. und 19. Juli kommen. Wir machen mindestens eine Ausfahrt, vielleicht auch zwei, ein Live-Podcast, bei dem ihr eure Fragen stellen könnt. Wir werden mit Christian den Kuchenverzehr zelebrieren und wir werden Zeit für Austausch übers Radfahren und Podcasten und einiges mehr haben.
Wir zeigen euch einfach, wie wir hier in Leipzig Rad fahren und wo und wie dieser Podcast entsteht. Seit meiner letzten Aufzählung ist unser Peloton wieder ein Stück gewachsen und ich begrüße ganz herzlich Damian, Maik, Peter, Heiko, Bastian und Dirk. Habt ganz vielen Dank fürs Mitrollen. Ohne euch alle ginge das hier nicht.
Wichtige Woche des Radsports
Und jetzt geben wir uns gegenseitig Windschatten, denn es wird ruppig und dreckig und geschichtsträchtig und schön. Und manche würden sagen, auch ein bisschen andächtig. Wir gehen in eine wichtige Woche des Radsports. Kommt einfach mit! Antritt, der Fahrrad-Podcast von detektor.fm.
Der Straßenradsport schreibt Geschichten und für manche sind das die schönsten Geschichten, die es überhaupt im Sport gibt. Seit Jahrzehnten verläuft die Rennradsaison dabei in einem bestimmten Rhythmus. Nachdem sich ein paar Leute im Winter beim Cyclocross ausgetobt haben, geht es im Februar los. Am letzten Wochenende findet das Opening Weekend statt und im März geht es dann auf weitere wichtige Eintagesrennen. Mailand-San Remo ist hier ganz unbedingt zu nennen. Auch die Strade Bianche vorher in der Toskana sind seit ein paar Jahren nicht mehr wegzudenken.
Einen noch größeren Höhepunkt bildet aber eine Woche, in der gleich zwei der fünf großen Monumente des Radsports stattfinden. Zwischen Flandern Rundfahrt Anfang April und Paris Roubaix eine Woche später sprechen manche Menschen von der heiligen Woche des Radsports. Was diese Rennen und die Woche zwischen ihnen ausmacht, warum der Radsport hier mit religiösen Vokabeln beschrieben wird und warum er selbst dem Reiz dieser Woche verfallen ist, darüber kann ich mit Bernd Landwehr vom Radsport Magazin Cycling Magazine sprechen.
Bernd ist gerade aus Belgien zurück und ich erreiche ihn in Stuttgart. Und ich sage: Hallo an den Neckar. Hallo Bernd! Hallo, Servus! Bernd, wir stehen kurz vor der heiligen Woche des Radsports. Bist du Teil dieser Glaubensgemeinschaft? Also was Radsport und belgische Rennen anbetrifft, auf jeden Fall. Das ist auch für mich die schönste Zeit.
Das mit der heiligen Woche hat nochmal ein bisschen eine andere Bedeutung, denn die eigentlich heilige Woche ist die ohne Paris Roubaix. Also es geht dann um die flämische heilige Woche des Radsports. Die hat schon begonnen. Wir sind jetzt schon in der heiligen Woche, denn E3 Preis am vergangenen Freitag und Gent-Wevelgem jetzt am Sonntag sind schon zwei große flämische Rennen gewesen.
Jetzt am Mittwoch ist Dwars door Vlaanderen und dann am Sonntag das größte belgische Rennen, das Monument, die Flandern Rundfahrt. Also wir alle nehmen im Radsport Paris Roubaix, was ja eigentlich ein französisches Radrennen ist, aber weil es die gleichen Fahrertypen anspricht, weil es auch über Kopfsteinpflaster geht, nehmen wir das so mit in diesen flämischen Kreis der Radrennen mit rein.
Eigentlich ist es ein französisches Rennen und gehört eigentlich, wenn man es ganz streng nehmen würde, würde man jetzt nichts mit in diese flämische Ecke schieben. Aber für alle, die diese Rennen lieben, für alle, die die Kopfsteinpflaster-Rennen lieben, gehört Paris Roubaix da natürlich komplett mit dazu.
Ja, dann machen wir mal das Gegenteil von streng und sagen einfach, das sind zwei heilige Wochen. Das erste ist vielleicht die flämische und dann geht es weiter bis Paris Roubaix. Das findet man natürlich bei ganz vielen Leuten, dass eben diese Woche vor der wir jetzt stehen, wir nehmen auf hier am Dienstag, am 31. März, das ist für die dann die heilige Woche. Und natürlich gibt es auch diese flämische.
Vorbereitung auf die heilige Woche
Okay, halten wir uns mal nicht an diesen Definitionen auf, sondern sprechen wir eben über diese Woche zwischen Flandern Rundfahrt und Paris Roubaix. Wie bereitest du dich auf die vor? Also im Prinzip ist das für mich schon ein großer Block. Du hast es vorhin angesprochen: Ende Februar geht es los in Belgien mit dem Opening Weekend. Da ist Samstag und Sonntag jeweils ein Radrennen. Da bin ich eigentlich jedes Jahr da.
Und man muss sich das so vorstellen, dass bis zur Flandern Rundfahrt die letzten zwei Wochen davor, ist jeden dritten Tag ein Radrennen dort. Und kein kleines. Die kleinen Radrennen gibt es auch noch und jede Menge Nachwuchswettbewerbe. Aber da sind halt wirklich alle drei Tage richtig große Radrennen. Und da versuche ich so viele mitzunehmen, wie es geht und lege mir da eigentlich jedes Frühjahr so einen Plan zurecht, bei welchem möchte ich sein.
Und das geht natürlich auch ein Stück weit danach, welche Rennen mir am meisten gefallen und was zum Arbeiten ganz gut ist. Und das ist jedes Jahr ein bisschen anders bei mir, wie ich vor Ort bin. Aber ich verfolge sowieso die Rennen automatisch und ich versuche so viel wie es geht, dort zu sein.
Wenn du sagst, du machst das so ein bisschen danach, wie dir die Rennen gefallen. Für welchen Rhythmus hast du dich in diesem Jahr entschieden? Was gefällt dir in diesem Jahr besonders? Ich war bei meinem Lieblingsrennen, E3 Preis, vergangenen Freitag. Da war ich dort und bin dort geblieben und auch noch bis gestern. Bin erst heute Nacht zurückgekommen bis nach Gent-Wevelgem. Und bin jetzt diese Woche kurz zu Hause, fahre dann zur Ronde und bin dann quasi vor Paris Roubaix bleibe ich dann quasi auch dort.
Du hast dein Lieblingsrennen erwähnt. Warum ist es denn dein Lieblingsrennen und welches war es nochmal? Der E3 Preis, also heute heißt es E3 Saxo Classic. Und das ist ein sehr spezielles Radrennen. Es heißt auch die kleine Flandern Rundfahrt. Und die kleine Flandern Rundfahrt deshalb, weil es ein bisschen kürzer ist, also nur knapp 200 Kilometer lang.
Aber das Besondere bei dem Radrennen ist, es ist ähnlich schwer wie die Flandern Rundfahrt, was jetzt so die Berge anbetrifft. Und dadurch, dass es aber nicht ganz so lang ist, kommen mehr Fahrer in Frage, die sich dort zeigen können. Und das führt auch oft dazu, dass offensiver gefahren wird, das Rennen weniger erwartbar ist. Und eigentlich sportlich ist es immer großartig.
Und noch dazu ist es vor Ort, mag ich es auch einfach. Also die Atmosphäre, die dort ist, es ist halt eher ein kleineres Rennen. Es gehört auch jetzt nicht zu einem großen Veranstalter, sondern es ist ein kleines Team, die das machen. Und das hat so viele Ebenen, die es total interessant machen.
Es ist zum Beispiel das Rennen, die das einfach perfektioniert haben, diese VIP-Busse jeweils zu den Plätzen hinzubringen, wo die das Rennen sehen können. Und dann springen die, wenn die Fahrer durch sind, springen die alle wieder in diese Reisebusse und dann fahren die zum nächsten Anstieg und springen alle wieder raus. Und das ist schon sehr beeindruckend.
Und man kann da im Pressezentrum, du hast das Gefühl, bei dem Radrennen, du kannst zwischendrin nicht mal auf Toilette gehen, weil es kann sein, du kommst fünf Minuten später und du hast eine entscheidende Wendung verpasst und verstehst gerade nicht, was da passiert. Und das alles in Kombination, auch wie die Leute dort sind.
Da gibt es ein Juniorenrennen und die Junioren stehen auf dem Podium und da stehen halt trotzdem, keine Ahnung, 250 Leute bei der Siegerehrung von den Junioren vor der Bühne und machen Party. Und das ist schon sehr speziell.
Die Woche zwischen Flandern und Roubaix
Mindestens zwei Aspekte von denen, die du genannt hast, habe ich ja auch auf dem Zettel. Also diese Unberechenbarkeit und dadurch die Spannung, die da sportlich dazu kommt, und auch diese Bedeutung, die es offensichtlich vor Ort hat. Dann lass uns doch mal übergehen zu dieser anderen Woche, also der Woche zwischen Flandern Rundfahrt und Roubaix oder Paris Roubaix.
Diese beiden Rennen sind sicher vielen Menschen, die diesen Podcast hören, irgendwie ein Begriff. Gehören zu dieser Woche noch andere Rennen oder handelt es sich wirklich um diesen einen Sonntag und den darauf folgenden? Also unter der Woche ist noch der Scheldepreis. Das ist ein Rennen, was auch in Flandern stattfindet. Das ist eher so für die Sprinter. Früher hat man gesagt, das ist so die Sprinter-WM, weil da die ganzen schnellen Leute da sind.
Das Rennen ist auch noch mit dabei. Da fahren jetzt allerdings auch nicht alle, die da sind. Also die beiden Monumente, Flandern und Roubaix, die stechen da ganz klar oben raus. Dann lass uns über die beiden mal sprechen: Flandern und Roubaix. Warum stechen die raus? Was macht die jeweils aus?
Also die Flandern Rundfahrt ist halt das flämische Radrennen. Das ist das größte Radrennen in Belgien. Man muss sich das so vorstellen, dass in Belgien mit all diesen kleineren Rennen, über die wir gesprochen haben, das schreibt alles so eine steigende Anspannung in der ganzen Region. Der Gipfel ist dann die große Flandern Rundfahrt und alles, was vorher passiert, wird halt betrachtet.
Okay, was heißt das jetzt? Der hat bei E3 Preis gewonnen und der bei Gent-Wevelgem. Und was heißt das jetzt für die Flandern Rundfahrt? Und die Flandern Rundfahrt ist halt einfach ein absolut krasses großes Event. So ein Rennen gibt es eigentlich nicht nochmal. Und es ist ein riesen Festtag einfach in komplett Flandern.
Und es gibt immer so einen Spruch: Man könnte jede Bank ausrauben, wenn es nicht ein Sonntag wäre, weil es ist einfach keiner da. Die stehen alle an der Strecke. Und das ist tatsächlich so. Also dieses Radrennen hat halt eine enorme Bedeutung. Das ist ein Riesen-Event. Da gibt es am Vortag einen Cyclo-Sportive-Event. Da nehmen zigtausend Leute dran teil jedes Jahr. Da kommen ganz viele aus der ganzen Welt.
Und dieses Rennen hat so eine riesige Tradition. Und es ist sportlich faszinierend. Und die Fans machen es zu dem, was es inzwischen geworden ist. Und das ist ganz ganz speziell, wenn man sieht, was da rund um den Oude Kwaremont, wo die Fahrer dreimal vorbeikommen, was da los ist. Und dann auch die Fahrerinnen des Front-Pelotons hinterher, auch noch, was da los ist. Das ist wie eine Stadion-Atmosphäre. Das ist unglaublich krass.
Und so ist das dann auch hinterher. Da gibt es überall noch Partys und die an der Strecke wohnen nicht und gehen alle vor die Tür. Ich habe zu beiden Rennen, über die wir jetzt sprechen, Flandern und Roubaix, auch eigentlich so spezielle Begriffe gefunden, die ich vor allem in Verbindung zu diesen Rennen kenne. Also bei Flandern sind das Hellinge. Was sind denn Hellinge? Das sind kurze Anstiege. Einige oder viele von ihnen haben Kopfsteinpflaster. Und in der Regel sind die kurz, giftig und nicht sehr angenehm zu fahren.
Aber jetzt nichts Dramatisches. Doch wenn man 18 von den Dingern und dann über 250 Kilometer, dann sind das am Ende halt die Stellen, die scharf richten einfach im Rennen. Und da leiden selbst die Allerbesten der Welt mächtig. Ja, und sie sind auch richtig knackig steil, auch wenn sie nicht so lang sind. Also ich kenne das aus Berichten von Leuten, die dann selber mal dort gefahren sind, die gesagt haben, das ist so krass, ich muss einfach absteigen.
Es ging nicht. Also wenn es nass ist, ist es sowieso krass. Ich bin gestern noch eine kleine Runde gefahren, bin da auch über die Mauer von Gerardsbergen gefahren. Und ich hatte so das Gefühl, das letzte Mal ist 20 Jahre her. Ich habe gedacht, die ist noch steiler geworden. Also die sind halt teilweise dann wirklich auch so ein Paterberg, der hat halt 15 Prozent und mehr. Und dann auf Kopfsteinpflaster aufstehen ist dann auch schwierig.
Und man braucht halt wirklich enorm viel Kraft, um da hochzukommen. Und selbst wenn die Unterschiede dann irgendwann klein sind, an diesen kurzen Anstiegen reißen dann die Lücken auseinander. Und das ist eigentlich das, was dann auch meist sehr spektakulär ist.
Ja, du hast jetzt genannt: Oude Kwaremont, Mauer von Gerardsbergen und Paterberg. Sind das dann auch so die Highlightzonen, sag ich mal, also da, wo die meisten Leute stehen, weil es dort am spannendsten ist, weil dort diese Unberechenbarkeit, die du vorhin schon genannt hast, da auch so ein bisschen mit reinkommt? Ja, und das Rennen hat sich so ein bisschen verändert. Der Veranstalter hat den Parcours vor einigen Jahren verändert.
Also früher war das Rennen von A nach B und dann war so die Kappelmür, die Mauer von Gerardsbergen, das war so der Moment der Entscheidung. So, da konnte man mit oder auch nicht. Und da war dann auch die Hölle los und wahnsinnig viele Menschen und unglaublich. Und jetzt hat man den Parcours vor, ich glaube, sind jetzt knapp zehn Jahre, den Parcours verändert.
Man hat jetzt die Schleifen eingeführt. Man fährt bei der Flandern Rundfahrt nicht mehr über die Mauer von Gerardsbergen. Das sorgte erst für einen großen Aufschrei. Inzwischen ist es aber so, dass es, glaube ich, viele das akzeptiert haben, dass es vielleicht sogar interessanter sein kann. Und man hat halt jetzt die Möglichkeit, die Fahrer und dann auch die Fahrerinnen mehrfach zu sehen in einem relativ kleinen Gebiet.
Und die kommen halt dann an dem Oude Kwaremont einfach dreimal vorbei, die Männer. Und das macht es dann schon auch für alle, die dorthin fahren und dort einen Tag verbringen, macht es natürlich auch cooler zu erleben. Wenn ich jetzt überhaupt nichts von dem Rennen wüsste und das jetzt so mir angehört habe, dann würde ich jetzt so kurz zusammenfassen: Es geht in Schleifen über diese kurzen knackigen Anstiege, diese Hellinge, und dort ist Kopfsteinpflaster. Und da finden eben in harten Steigerungen so die Entscheidungen statt. Kann man das so sagen?
Das kann man knapp so zusammenfassen. Taktisch sind die Rennen sehr an hohe Detailtiefe in dem, was passieren kann. Jetzt versuchen natürlich Leute, die wissen: Ich kann jetzt, wenn dann Mathieu van der Poel oder Tadej Pogacar am Oude Kwaremont oder Kopfsteinpflaster losfahren, sprich Vollgas geben. Es gibt Fahrer, die wissen: Da kann ich nicht mitfahren. Die müssen sich natürlich was anderes überlegen.
Die überlegen sich dann: Okay, dann mache ich es vielleicht so, dass ich vorher schon mal wegfahre. Dann bin ich vor denen, wenn die dort fahren, dann können die so schnell fahren, wie die wollen. Dann holen die mich da hinterher wieder ein. Und ich kann dann mich bei ihnen im Windschatten kann ich es mir schön bequem machen. Und das gehört auch zu diesen Rennen dazu, dass sie taktisch meist sehr, sehr interessant sind und jetzt viel interessanter und viel kniffliger als jetzt zum Beispiel eine Tour de France Etappe oder so. Das gehört dann auch dazu.
Aber im Kern kann man das so beschreiben.
Paris Roubaix
Okay, dann kommen wir mal zum nächsten Monument, zu Paris Roubaix. Wie würdest du das beschreiben? Was ist da charakteristisch? Also das Kopfsteinpflaster. Paris Roubaix ist das Kopfsteinpflaster-Radrennen schlechthin. Das kann man auch mit nichts vergleichen. Das Kopfsteinpflaster, was dieses Radrennen hat, braucht man nicht denken. Ich habe ja bei uns im Ort gibt es auch in der Innenstadt ein Kopfsteinpflaster. Das ist was ganz anderes.
Und das Kopfsteinpflaster von Paris Roubaix kann man auch nicht mit dem Kopfsteinpflaster von der Flandern Rundfahrt vergleichen. Das ist wie so ein, gibt es auch so einen bekannten Ausspruch: Es ist wie als hätte jemand einen Acker gepflügt und dann wahllos Steine reingeschmissen. So, und so ist das teilweise auch.
Und dieses Radrennen hat halt mehr als 50 Kilometer über dieses Kopfsteinpflaster. Und das ist einfach, also im Prinzip ist es der Anachronismus des Radsports. Es ist eigentlich absurd, dass man sagt, heute geht es immer drum und noch eine bessere Straßenqualität und noch mehr Sicherheit und hier und da. Und dann findet man es aber großartig, über Kopfsteinpflaster zu fahren, was definitiv ungeeignet ist, um dort Radrennen auszutragen.
Aber genau das macht es eben aus, dass es ist wie ein Sport, der eigentlich aus der Zeit gefallen ist. Und das ist das, was sich überträgt und was die Faszination dieses Rennens ausmacht. Und natürlich dann mit vielen einzelnen Elementen, die dann noch dazu führen, die alten Steinduschen in Roubaix. Also erst mal das Finale im Velodrom von Roubaix, ein altes Beton-Velodrom.
Und dann gibt es da wirklich noch die alten Duschen, so ganz alte Steinduschen. Und jeder Gewinner kriegt dort seine Plakette, dass er dort mal gewonnen hat. Und es ist alles so extrem aufgeladen mit der historischen Bedeutung und mit dem, dass es halt mit nichts vergleichbar ist. Und das macht Paris Roubaix einfach so besonders.
Ich finde es total interessant, dass du Anachronismus sagst, weil wir sind ja in der Phase des Radsports, wo sehr wissenschaftlich gearbeitet wird. Noch im Vergleich zu vor 10, 15 Jahren ist man auch schon wieder viel weiter. Es werden ganz viele Faktoren versucht auszuschließen: technisch, taktisch, ernährungsmäßig, alles Mögliche, was da rein zählt.
Und trotzdem übt es halt diesen Reiz aus, weil es eben, gerade wie du sagst, aus der Zeit gefallen ist. Also es ist so ein interessanter Kontrast, finde ich. Auch der andere Begriff, der mir eingefallen ist, oder braucht man nicht lange dafür, dass einem der einfällt zu Paris Roubaix, sind dann diese Pavés. Also das ist so das, was die Hellinge für Flandern sind, würde ich sagen, sind die Pavés dann für Paris Roubaix, oder? Absolut.
Und die Stücke werden unterteilt. Die werden vorher genau angeschaut: Wie schwer sind die? Und dann gibt es so von ein bis fünf Sterne, gibt es dann quasi so eine Einordnung. Und so ein Fünf-Sterne-Pavé, wie jetzt Parfum de l’Abre, das ist das letzte schwere Pflasterstück oder auch der Wald von Arnberg. Das ist halt einfach eine Schneise durch den Wald in einem alten Minengebiet.
Und dieses Kopfsteinpflaster ist so absurd grob, das ist irre. Und die Kopfsteinpflaster-Abschnitte in der Historie stand das Rennen schon mal fast vor dem Aus, weil überall die Straßen neu gemacht worden sind. Und dann hatten die nur noch, ich glaube, ich nagele mich jetzt nicht fest, aber ich glaube, irgendwie nicht mal mehr 20 Kilometer hatten sie noch Kopfsteinpflaster.
Und dann haben sie irgendwann gesagt: Okay, jetzt haben wir ein Problem. Dann haben die sich wirklich auf die Suche begeben, wieder Kopfsteinpflasterstücken zu finden. Und die werden jetzt wirklich in Handarbeit von einem Verein gepflegt, die da jeden Winter hingehen, die Stellen ausbessern, wenn dann wieder die Traktoren das ganze Jahr drüber gefahren sind, die dann teilweise auch die Sachen renovieren.
Also der Wald von Arnberg, der wurde vor ein paar Jahren wirklich grundlegend renoviert. Da haben die über einen Abschnitt von mehr als einem Kilometer die ganzen Steine rausgemacht und wieder reingesetzt. Und das alles trägt natürlich auch dazu bei, dass dieses Rennen so besonders ist, wenn man um das alles weiß.
Das ist ein Radsport-Heiligtum und das wird halt gepflegt. Und diese Faszination, die dieses Rennen ausübt, kann ich auch nur jedem empfehlen, einfach da mal hinzufahren und sich das mal anzuschauen. Weil wenn man das vom Fernseher kennt, sieht es spektakulär aus. Aber wenn man das mal live vor Ort erlebt, betrachtet man das nochmal ganz anders.
Ich habe vor ein paar Jahren meine Familie mit hingenommen und jedes Jahr meldet sich jetzt meine Mutter bei mir und sagt, dass das so toll war, als sie damals dort war und das zu sehen. Und sie erzählt jedes Mal von der Lautstärke und von den völlig fertigen Männern, die kaum noch Körperspannung hatten und dort übers Pflaster hoppelten. Und die Fans, und das ist es eigentlich in Kombination.
Und das Tolle ist auch, wenn man dann die Stimmung betrachtet, das ist in Flandern ganz genauso. Da wird der erste genauso gefeiert wie der letzte. Oder der letzte ganz sicher ein bisschen mehr als der 50. Weil wenn die Jungs dann da mit Riesenrückstand ankommen und die haben kaum noch Körperspannung, man kann denen ins Gesicht gucken und sehen, wie fertig die sind. Für die Leute, die da am Rand stehen, ist halt jeder, der das irgendwie durchhält, ist irgendwie ein Held. Und genau so werden die gefeiert.
Ja, du hast selber gesagt: Heiligtum jetzt in dem Gespräch. Ich würde gerne versuchen, noch ein bisschen näher daran zu kommen, was das eigentlich ausmacht. Also wenn Leute dann so diese Pavés pflegen und sich darum kümmern und wenn sie da so mitgehen und so mitfiebern, dann ist das ja ein Ausdruck von einer ganz besonderen Bedeutung, die das hat.
Kannst du noch ein bisschen genauer sagen, worauf die Fuß, also woraus speist sich diese Faszination der Leute? Ich glaube, das hat sich entwickelt. Es ist nicht so, dass Paris Roubaix vom ersten Tag an, denke ich, das Rennen ist über 100 Jahre alt. Keine Ahnung, wie das vor 100 Jahren war. Aber ich weiß, wie es jetzt wahrgenommen wird.
Und eben diese Absurdität und diese Geschichte und mit dem, was da alles dazugehört und welche Dramen sich dort abgespielt haben. In der jüngeren Geschichte, jetzt zum Beispiel mit John Degenkolb, der zweite Deutsche, der das Rennen überhaupt gewonnen hat. Und er stand kurz davor, es noch mal aufs Podium zu schaffen und stürzt dann ganz unglücklich im letzten schweren Pflasterstück.
. Solche Geschichten schreibt halt so ein Rennen. Und es gibt ein ganz berühmtes Zitat. Da hat ein Teilnehmer, das ist schon viele, viele Jahre her, er hat gesagt: „Dieses Rennen ist furchtbar. Man macht sich in die Hose und man stürzt. Es ist alles verdreckt. Man kriegt keine Luft.“
Und dann wird da gefragt: „Ja, und wie ist denn, willst du denn noch mal teilnehmen?“ Und dann ist die Antwort: „Ja klar, ist das geilste Rennen der Welt.“ Und diese Faszination, dass sie sowohl das für die Fans hat, aber auch für die Sportler. Sie wollen hinterher in der Steindusche duschen. Es gibt Sportler, die erreichen nach dem Zeitlimit das Ziel.
Und es gibt immer wieder die Geschichte, dass dann der Hausmeister schließt und dann nochmals das Velodrom aufmacht, damit der Sportler noch seine Runde im Velodrom drehen kann. Er ist natürlich längst übers Zeitlimit und steht in keiner Ergebnisliste, aber er möchte gerne dieses Rennen beenden im Velodrom.
Und ich glaube, diese Kombination aus diesem allen, dass es absolut einzigartig ist, so was gibt es nicht noch mal. Dann hat es eine riesige Tradition, wahnsinnige Geschichten dazu. Und diese körperliche Leistung ist halt so sehr sichtbar und erlebbar auch für die Zuschauer.
Und das ist, wenn man einmal im Velodrom gesehen hat, wie die Jungs dort völlig fertig sind und denen in die Augen gucken kann und man sieht ihnen an, was die da gerade geleistet haben. Das ist natürlich auch ein Teil der Faszination.
Geschichte der Monumente
Du hast jetzt ein paar Mal die Geschichte angesprochen. Nach der wollte ich dich auch fragen: Bei beiden Rennen kannst du das so ein bisschen nachvollziehen, für uns ein bisschen nacherzählen, wann die sich wirklich so herausgeschält haben zu diesen Monumenten, wann sie diese Bedeutung bekommen haben. Oder lässt sich das gar nicht so genau sagen?
Na, man muss halt dazu sagen, dass die eine wahnsinnige Tradition haben. Und das ist ja das, was für alle Monumente gilt. Die sind alle über 100 Jahre alt. Die brauchen zwei Seiten im Roadbook, ganz hinten, um alle Sieger auflisten zu können.
Das machen die natürlich, um das auch noch mal zu signalisieren, was dieses Rennen bedeutet. Und viele von den Rennen sind ja so eine Flandernrundfahrt zum Beispiel, eines der ersten ganz, ganz großen Rennen. Und diese Bedeutung, die sie haben, die ist auch nicht erst seit 30 oder 40 Jahren da.
Die ist eigentlich schon immer da. Und sowas führt dann natürlich auch zu, dass die Bedeutung immer noch weiter wächst, weil sie halt schon vor 50 Jahren die wichtigsten Rennen gewesen sind für diese Fahrertypen, so wie eine Tour de France schon vor 50 Jahren das wichtigste Rennen war. Und das setzt sich natürlich so auch fort.
Tradition und Sport
Ja, und ich könnte mir auch so ein bisschen so von außen erklären: Geschichte kann man halt nicht kaufen. Also man kann jetzt irgendwas Neues entwickeln und das kann dann auch irgendwie beeindruckend und in verschiedenen Dimensionen irgendwie toll sein. Aber eine Tradition, die hast du halt oder die hast du nicht.
Und dann will man die vielleicht auch deswegen pflegen, weil was anderes hat man ja gar nicht. Ja, also da geht es sicher um Traditionspflege, aber das macht das Rennen schon von sich selbst. Und natürlich geht es auch immer darum, das ist Sport und das ist ein Stück weit auch Business.
Und natürlich wird da geschaut, dass so möglichst viele Menschen bei dem Hobby Rennen teilnehmen können, weil über die Startgelder finanzieren die natürlich viel von dem Event mit. Das ist ganz klar. Aber diese Einzigartigkeit und dieses etwas Besonderes zu sein und dadurch eine Faszination auszuüben, das ist, glaube ich, das, was die großen Events dann auch im Kern haben.
Strade Bianca und Flandern Rundfahrt
Und du hast ganz am Anfang mal Strade Bianca angesprochen. Das zum Beispiel gibt es jetzt noch gar nicht so lange, aber es ist halt auch besonders. Es hat einen speziellen Charakter. Und so ein bisschen sucht ja auch der Veranstalter noch danach, was ist denn so der perfekte Weg für das Rennen.
Sie hatten es jetzt immer mal wieder noch ein bisschen schwerer gemacht. Jetzt in diesem Jahr haben sie es wieder ein bisschen leichter gemacht, um einfach auch für eine große Unterhaltung zu sorgen. Und ich glaube, dieses Einzigartige.
Und man muss auch dazu sagen, bei einer Flandern Rundfahrt zum Beispiel, ein großer Punkt sind die Menschen, die das dazu machen. Das hat wirklich ganz Flandern steht da an der Strecke. Und das sind Schulklassen von A nach B und vor jedem Haus ist eine Party.
Und das ist halt die Runde. Das ist der Rundensonntag. Und das ist viel mehr als ein Radrennen. Kann man Gottesdienst dazu sagen? Wenn man sagt, es gibt irgendeinen Radsportgott oder Radsport ist so eine Art Heiliger, dann kann man das bestimmt sagen.
Und das hat schon an vielen Stellen auch irgendwie was Religiöses, wie das zelebriert wird. Jetzt sprechen wir beide in Deutschland auf Deutsch über diese Rennen. Und wenn wir in Deutschland über Sportbegeisterung sprechen, daran denken, dann fällt vielen Menschen als erstes Fußball ein.
Vergleich zwischen Radsport und Fußball
Und auch da die Treue zu Vereinen, was weiß ich, Schalke, Dortmund, um da nur irgendwie zwei Beispiele zu nennen. Also wo man auch so religiöse Elemente eigentlich drin hat. Da scheinen sich ganze, naja, die Lebensabläufe, also wie so eine Woche zum Beispiel getaktet ist.
Das scheint sich nach dem Spielplan zu richten. Würdest du sagen, das ist vergleichbar mit dem Stellenwert, den Radsport da eben in Belgien und Nordfrankreich hat? Es ist schwer, die Sportarten miteinander zu vergleichen, weil sie im Kern schon unterschiedlich sind.
Im Fußball hat man einen Verein, meistens den man irgendwie mag oder da ist man aufgewachsen. Und das hat auch immer so eine Komponente zwischen der einen gegen den anderen. Und das hat Radsport in meiner Wahrnehmung eher weniger.
Also klar, man kann das eine Team vielleicht mehr mögen oder meistens den einen Sportler. Also die wechseln ja auch immer mal. Und da geht es aber eher um die Sache insgesamt, also dass man auch ein Stück weit das zusammen erleben kann.
Radsport in Belgien
Und ich glaube, der Stellenwert, das kann man sich in Deutschland nicht vorstellen, wie groß Radsport eigentlich in Belgien ist. Also in Nordfrankreich dann schon gar nicht mehr so. Aber gerade in Belgien, wie groß Radsport dort ist.
Die letzten zwei Wochen vor der Flandern Rundfahrt gibt es jeden Tag drei Seiten in den größten Zeitungen, was da so passiert. Und es ist immer schwer, die Sportarten miteinander zu vergleichen. Aber der Stellenwert, den dort Radsport hat, der ist auf jeden Fall immens.
Und das merkt man immer. Und mir passiert es häufiger, wenn ich mal irgendwo im Hotel bin vor der Flandern Rundfahrt und da war ich noch nie. Und dann werde ich irgendwie angesprochen: „Ja, morgen ist hier so ein Radrennen.“ Und ich sage dann: „Ja, ich weiß.“
Ach so. Und ich erkläre dann, warum ich da bin. Dann kann es passieren, dass der Hotelbesitzer dann mit mir noch eine Stunde über die Taktiken der einzelnen Mannschaften diskutieren möchte. Und der kennt dann jeden Fahrer und weiß Bescheid.
Gemeinschaft im Radsport
Und das ist schon krass. Das Schöne aber am Radsport jetzt für mich ist, dass zum Beispiel wenn man an der Strecke steht, eigentlich feiert man das zusammen und nicht: „Ich finde jetzt den Pogacar toll und ich finde den Van der Poel toll.“
Und natürlich werden die Belgier jetzt in Belgien besonders angefeuert. Das ist klar. Aber es ist doch mehr ein Miteinander als jetzt irgendwie ein Gegeneinander. Ja, also klar sind solche Vergleiche immer irgendwie schief und vielleicht auch ein bisschen schwierig.
Aber mir wurde das jetzt auch so während wir sprechen da so ein bisschen noch bewusster, wer mit dem Vergleich mal weiter schreiben will. Also ich kenne auch so Berichte über so Supporters Clubs, die dann bestimmte Fahrer irgendwie oder Fahrerinnen unterstützen.
Aber es kommt mir insgesamt weniger konfrontativ vor, als man das manchmal beim Fußball kennt. Auch wenn nicht alle Fußballfans sich so verhalten, ist mir völlig klar. Aber beim Fußball kommt mir schon oft wie eine schärfere Rivalität vor.
Flandern als Stadion
Und naja, wenn wir jetzt so Flandern als Stadion sehen, also ist das vielleicht eher so eine Sache, dass man von diesem einen Spiel in diesem Stadion Anhänger ist und nicht so jetzt einer bestimmten Mannschaft. Oder vielleicht verlaufe ich mich auch ein bisschen mit diesem Gedanken.
Ne, würde ich. Also so ist auch meine Wahrnehmung. Und natürlich gibt es auch Fans, die es übertreiben. Und dann haben wir auch schon gesehen, dass dann sogar mal geboot worden ist, gerade jetzt mal bei Fahrern, die man vielleicht irgendwie nicht so mochte oder so.
Aber in der Regel ist das doch ein extremes Miteinander. Und ich glaube, das hängt auch so ein bisschen damit zusammen. Die Leute verfolgen ja jetzt nicht den Sport nur ein paar Jahre. Und die Sportler wechseln ja.
Das heißt, jemand, der so alt ist wie ich, der hat halt quasi schon zwei oder drei Generationen von großen Sportlern. Nehmen wir mal an, ich wäre jetzt Belgier und wäre da aufgewachsen, hätte ich schon mehrere Generationen erlebt.
Und auch das verändert nochmal den Blick darauf. Und man kann natürlich auch, es gibt auch große Fans von belgischen Mannschaften, natürlich. Aber im Kern habe ich schon auch das Gefühl, dass es eher ein Miteinander ist und eher so Fansein von dem Sport.
Radsport in der Bevölkerung
Und dieses mit den Supportercafés und mit dem, was da dranhängt, Radsport ist halt in Belgien auch so fest in der Bevölkerung drin. Das ist jetzt auch kein Riesenland. Und da gibt es quasi in jedem Dorf jemanden, der irgendwie Profi geworden ist oder mal war oder gerade noch ist.
Und der wird natürlich dann in dem Dorf auch unterstützt. Und der bleibt dann da auch ein in Anführungsstrichen Star. Und das ist auch immer wieder schön zu sehen, wie auch die alten Helden dann dort gefeiert werden.
Also wenn dann ein Fahrer, der aus der Region kommt, wo dann vielleicht der Start ist von dem einen oder dem anderen Rennen, und der tritt dann danach auf, dann sieht man: Okay, da ist immer noch eine Verbundenheit da.
Und da wird sich jedes Mal Mühe gegeben. Da sind dann ganz viele, kommen die ganzen Kindermannschaften jetzt auch wieder in Trekkos, die Kids von den Nachwuchsmannschaften an die Strecke und gucken sich das an.
Und meine Wahrnehmung ist auch, dass da viel weniger gegeneinander ist, sondern eher so ein Miteinander. Und das war auch vor 20 Jahren zum Beispiel bei Paris Roubaix. Da hat man gemeinsam an der Strecke gestanden und dann war nicht mit Smartphone und im Internet und ich gucke mir das Finale an, sondern da hat man sich dann mit 30, 40 wildfremden Menschen zusammen um so ein kleines Kofferfernseher-Gerät bei irgendjemandem, der so was hatte, drumherum gesetzt und hat gemeinsam dann das Finale geguckt.
Und heute steht man halt vor einer großen Leinwand, die es dann dort inzwischen ja auch gibt. Also auch das merkt man, wie sich das verändert hat. Aber grundsätzlich bin ich da bei dir. So ist auch meine Wahrnehmung.
Frauenradsport
Sprechen wir da eigentlich von einer Faszination vor allem für den Männerradsport oder würdest du sagen, das gibt es auch für den Frauenradsport? Für die Frauenrennen gibt es auch. Also der Männerradsport hat natürlich eine viel größere Historie und der hat auch immer noch eine größere Bedeutung.
Das ist, wenn man jetzt einfach nur guckt, wie viele Menschen sind jetzt dann dort. Aber da hat auch eine Veränderung stattgefunden. Also ich weiß auch zum Beispiel, dass es mal bei einem Finale von der Flandernrundfahrt der Frauen in den Niederlanden zum Beispiel mal beim Frauenfinale eine größere Einschaltquote gab als bei den Männern.
Und das hat natürlich auch immer wieder damit zu tun: Hat man vielleicht eine Frau aus dem Land, die dann da ums Sieg fahren kann? Das war natürlich so. Aber dass es jetzt ein Paris-Roubaix für die Frauen gibt, ist auch eine tolle Sache.
Das merkt man auf jeden Fall. Und ich glaube auch, dass wenn die Veranstalter, und das würde ich jetzt mal bei beiden Veranstaltern unterstellen, wenn sie sich versuchen, möglichst beiden gerecht zu werden, dass man das auch sieht, dass sich das auch überträgt.
Aber natürlich ist es auch eine Frage, wie viel Informationen bekommt man? Wie sehr kann man da Interesse dann wecken bei den Leuten? Aber ich glaube, da gibt es auch eine große Veränderung jetzt in den vergangenen zehn Jahren, würde ich sagen.
Zukunft des Frauenradsports
Ja, und wenn wir so mit Blick auf diesen Aspekt mal in die Zukunft schauen, meinst du, das kann und wird sich noch weiter angleichen? Ich finde es sehr schwer zu prognostizieren, in welche Richtung das gehen wird.
Ich habe so ein bisschen das Gefühl, die Entwicklung des Frauenradsports hat so eine Geschwindigkeit angenommen, die vielleicht ein bisschen zu hoch ist, dafür, dass alle Ebenen des Sports Schritt halten können. Und im Spitzenbereich haben wir eine wahnsinnig schnelle Entwicklung.
Wenn wir gucken, die Tour de France Femme und auch die Spitzensportlerinnen. Aber auf der Basis und der Struktur und wenn wir sehen, wie viele Renntage gibt es, wie viele Sportlerinnen wirklich auf Topniveau gibt es, haben die Mannschaften überhaupt die Möglichkeiten, einen Rennplan zu machen, wo man sagt, das ist gesund?
So kann das auch gesund wachsen. Da finde ich, steht der Frauenradsport vor einer Herausforderung, einfach eine Balance zu finden auf ganz vielen Ebenen. Und ich persönlich habe auch das Gefühl, vielleicht wäre es besser, nicht zu versuchen, den Frauenradsport an den Männerradsport anzugleichen, sondern eher einen eigenen Weg zu gehen, zu schauen, wo hat der Frauenradsport vielleicht etwas, was eine Besonderheit ist, was es vielleicht auch interessanter macht, wo man vielleicht auch eine besondere Faszination oder Ebene findet und dass die Rennen auch durchaus anders ablaufen können.
Herausforderungen im Frauenradsport
Und man kann auch die Frage stellen: Muss jetzt unbedingt der Frauenrennenkalender an den Männerrennkalender angepasst werden oder findet man nicht einen eigenen Weg für eine eigene Dramaturgie? Also für mich, der das ja nur beobachtet, ist es total schwer im Moment zu prognostizieren, in welche Richtung wird es gehen.
Aber ich würde mir auf jeden Fall wünschen, dass alle Beteiligten dort nicht nur dem kurzen ökonomischen Erfolg nachjagen, sondern sie die Möglichkeit bekommen, wirklich eine solide Struktur aufzusetzen, um das wirklich nachhaltig so voranzubringen, dass es wirklich gelingen kann, dort etwas aufzubauen und dass es sich auch gesund entwickeln kann.
Paris-Roubaix und die Medien
Ja, dem entnehme ich so ein bisschen die Suche nach dem, was wäre jetzt das solide, du hast es schon gesagt, das nachhaltige Wachstum, also dass sich da etwas entwickelt, was sich selbst trägt, selbst verstärkt und selbst vielleicht auch auf eine eigene Weise entwickeln kann.
Weil klar, der Gedanke, warum muss das immer an den Männerkalender angepasst sein, den finde ich schon auch ganz spannend, sich die Frage zu stellen. Ganz konkretes Beispiel jetzt Paris-Roubaix. Das Frauenrennen findet jetzt auch am Sonntag statt.
Bisher war es so, dass es am Samstag stattgefunden hat. Jetzt wird es auf den Sonntag mitgelegt. Da gibt es sehr gute nachvollziehbare Gründe, wo man sagen kann, ist total logisch, das zu tun. Ein Grund, der auch so ein bisschen genannt wird, dabei ist, dass dann natürlich auch viel mehr Menschen an der Strecke stehen, die dann am Sonntag da sind.
Die gucken dann erst die Frauen und kurz danach kommen die Männer. Und so hat man eine schönere Atmosphäre. Wenn ich das jetzt aus meiner Warte betrachte, für uns Journalisten ist es extrem schwer.
Also jetzt für mich persönlich zum Beispiel ist es so, dass ich gar nicht weiß, wie soll ich das machen? Wie soll ich die Interviews mit den Frauen führen können? Und jede Teilnehmerin hat ihre eigene Geschichte bei so einem Rennen, genauso wie jeder Teilnehmer seine eigene Geschichte hat.
Herausforderungen für Journalisten
Und viele Geschichten sind total interessant und machen total Spaß, die zu transportieren. Und jetzt ist aber das Problem, wenn ich ins Velodrom gehe, wenn die Frauen ins Ziel kommen, dann beginnt bei den Männern schon das Finale.
Das bedeutet, ich kann dann das Männerrennen gar nicht so verfolgen, dass ich in der Lage dazu bin, hinterher wirklich die Geschichten zu greifen, weil ich das Rennen gar nicht gesehen habe. Und das zum Beispiel macht es extrem schwer.
Und das betrifft ja jetzt nicht nur mich, das betrifft ja meine Kollegen in einem gewissen Maße auch. Und Geschichten, jetzt mal unabhängig davon, auch Geschichten sind ja immer überlagert.
Die letzten Jahre hatte man immer eine große Probiergeschichte am Samstag. Im vergangenen Jahr war das die Geschichte von Pauline Ferrand-Prévot, die eigentlich vorher krank war und gar keine Favoritin. Und plötzlich gewinnt sie den Stein.
Und es war eine Riesengeschichte, eine tolle Geschichte. Und jetzt ist es aber so, jetzt haben wir nur noch den einen Tag. Und da müssen dann irgendwie beide Geschichten müssen dann irgendwie reinkommen.
Und was passiert denn, wenn Tadej Pogacar jetzt dieses Jahr Paris-Roubaix gewinnt? Wie viel Platz sind denn noch für die anderen Geschichten? Und das finde ich dann ehrlich gesagt ein bisschen schade. Jetzt in dem konkreten Fall.
Es gibt dann natürlich noch viel mehr Komponenten, die man betrachten muss. Man muss Samstag die Strecke sperren und Sonntag die Strecke sperren. Samstag ist der Jedermann-Wettbewerb. Da musste man immer gucken, dass das mit den Frauen nicht kollidiert.
Wie kriegt man noch die Nachwuchsrennen unter? Also die können jetzt nicht einfach ein Fingerschnippen und sagen: „Ja, Frauen Samstag, Männer Sonntag, kriegen wir alles hin.“ Da steckt schon viel dahinter.
Vorbereitung der Teams
Aber in dem konkreten Fall bin ich zum Beispiel der Meinung, für den Wert des Frauen-Roubaix und für die Geschichten, die dann auch transportiert werden, die auch wieder Menschen inspirieren können und auch wieder junge Fahrerinnen, die das miterleben können und in der Breite wäre es aus meiner Sicht vielleicht an der Stelle besser, das auf den Samstag zu machen.
Und das ist das, was ich meine. Man muss an vielen Stellen überlegen, was ist so der beste Kompromiss und für was. Ja, jetzt haben wir so ein bisschen so einen Einblick bekommen in deine Arbeit und in die Fragestellungen, die sich da für dich stellen.
Als Journalist, der davon berichtet, lass uns mal noch auf die Sportlerinnen und Sportler und Teams schauen. Wie bereiten die sich denn gerade auf diese Rennen vor? Also jetzt konkret für Paris-Roubaix ist es so, dass die allermeisten Teams entweder schon Ende vergangenen Jahres oder jetzt im Frühjahr sich die Parais-Stücke genau angeschaut haben.
Also die sind da wirklich hingefahren. Das ist auch ein großes Materialthema bei den Mannschaften. Also gibt Mannschaften, die haben zum Beispiel mit einem, bei Wismar war das so, die können den Luftdruck steuern während des Rennens und haben dort ein System.
Das wird natürlich auch getestet. Für alle anderen Mannschaften ist es auch ganz wichtig, auf dem Kopfsteinpflaster man kann es wirklich konkret zu testen, auch wie es sich anfühlt für die Sportler und Sportlerinnen. Und das ist längst passiert.
Recon und individuelle Vorbereitung
Vor Paris-Roubaix gibt es so ein Recon, wie bei jedem anderen Rennen auch. Meistens zwei Tage vor dem Rennen, dass die dann noch mal sich ein paar Stücke angucken. Aber die große Besichtigung für das Setup, welches Fahrrad an welcher Stelle und wie und was macht man, das ist alles längst passiert.
Und der Weg zu Paris-Roubaix zum Beispiel ist für die Fahrer manchmal unterschiedlich. Die einen sagen, es ist für mich sehr wichtig, dass ich die Flandern Rundfahrt im Vorfeld gefahren bin.
Andere sagen, es ist vielleicht gehe ich lieber noch mal trainieren und nehme die Belastung jetzt an der Stelle nicht, die Rennbelastung mit, mit dem ganzen Stress und mit dem Reisestress, der da dazugehört. Das entscheiden die Mannschaften und ein Stück weit auch die Fahrer dann individuell.
Aber für die allermeisten ist es tatsächlich so, dass jetzt Flandern und Roubaix das sind zwei ganz dicke, wichtige Rennen. Das sind die absoluten Highlights. Da ist das Teilnehmerfeld schon sehr ähnlich.
Aufwand der Teams
Ja, und auch so auf Teamseite ist ja auch ein sehr großer Aufwand, der da betrieben wird mit Ersatzlaufrädern, die man dann noch extra postiert und sowas. Da scheint es mir auch so zu sein, dass der Aufwand größer ist als bei anderen Rennen. Definitiv.
Die Mannschaften versuchen, wenn es geht, alle Pflasterstellen abzudecken. Also der Hintergrund ist ganz einfach: Normalerweise hat man ein Auto dahinter, wo die Ersatzteile drauf sind.
Nun geht es aber über schmale Wege. Das gilt sowohl für die Flandern Rundfahrt als auch für Paris-Roubaix. Das Feld reißt auseinander in ganz viele Gruppen und das Auto ist dann irgendwo fünf Minuten, zehn Minuten hinter irgendeiner Gruppe.
Das heißt, wenn man dort anhalten muss und das Auto ist gerade ganz weit hinter einem, ist das Rennen im Prinzip gelaufen, weil man um dann wieder nach vorne zu kommen, ist sehr, sehr schwer.
Ersatzlaufräder und Verpflegung
Das heißt, man versucht eigentlich an jedem Parais-Stück jemanden zu postieren, der irgendwie Ersatzlaufräder hat von der Mannschaft. Genauso mit der Verpflegung auch. Viele Mannschaften, die haben so die Bidon Guys, also die Jungs mit den Trinkflaschen.
Da gibt es Mannschaften, die laden zum Beispiel die Locals, also die Leute, die gehören gar nicht zum Team, aber das sind halt Leute, die die Strecke halt extrem gut kennen und die ein Stück weit auch aus dem Radsport kommen und über Jahre auch eine Beziehung zu der Mannschaft haben.
Die frühstücken morgens mit den Profis gemeinsam und dann werden die postiert überall an der Strecke und die reichen dann quasi die Flaschen an. Und so versucht man über die ganze Strecke verteilt, die Möglichkeit zu haben, dass man von der Strecke eine Flasche greifen kann.
Und natürlich auch an den Schlüsselstellen bei Paris-Roubaix, die Pflastersektoren, dass man da jemanden hat, der mit dem Ersatzlaufrad dasteht.
Favoriten für die Rennen
Was können wir denn ganz konkret sportlich erwarten? Wie schaust du jetzt kurz vorher auf beide Rennen, bei Männern und Frauen? Was sind für dich so die spannenden Punkte? Auf wen setzt du?
Also wenn wir mit der Flandern Rundfahrt beginnen, ich glaube, also bei den Männern ist der Top-Favorit Tadej Pogacar. Und man muss auch ganz klar sagen, das Rennen ist überhaupt so schwer.
Also von dem, was ist mit der Länge, mit der Belastung. Da kommen eigentlich höchstens eine Handvoll Fahrer in Frage, die da überhaupt um den Sieg fahren können. Und der Mann der da so ein bisschen oben rausguckt, ist Tadej Pogacar.
Wir haben gesehen, dass Mathieu Van der Poel auf dem Kopfsteinpflaster jetzt in Roubaix auf dem Flachen vielleicht noch einen Takt besser ist als Tadej. Aber ob er jetzt bei der Flandern Rundfahrt in der Lage ist, bei Pogacar dabei zu bleiben, das ist so die Frage.
Aber auch das ist ja Theorie. Bei diesem Rennen kann so viel passieren. Es kann einen Massensturz geben. Man kann in einem falschen Moment Defekt haben. Es kann, selbst ein Fahrer wie Tadej Pogacar kann mal einen schlechten Tag haben oder er nimmt einen Beutel an und schlägt was gegen das Knie oder so.
Taktiken und Strategien
Natürlich versucht das Team, so was, wenn es geht, auszuschließen. Lieber nimmt ein Teamkollege was an und reicht es ihm. Aber gerade bei einem Rennen wie einer Flandern Rundfahrt kann so viel passieren. Das gilt natürlich genauso für Paris-Roubaix.
Aber ich sage mal, in der reinen Theorie ist Tadej Pogacar der absolute Top-Favorit. Und dahinter ist Mathieu Van der Poel. Mal gucken, ob Van der Poel so stark wie er jetzt gewesen ist, ob er in der Lage ist, vielleicht bei Pogacar am Rad zu bleiben, wenn der am Quaggermont oder Paterberg dann wegfährt.
Das wird man sehen. Und für den Rest gilt es aber natürlich, die wissen: Okay, wenn wir einfach warten, bis Pogacar losfährt und wir wollen dann mitfahren, das können wir nicht. So können wir das Rennen nicht gewinnen.
Das bedeutet, die müssen sich was anderes überlegen. Und ich hatte es vorhin schon mal angesprochen, so die alte Taktik: Ich fahre halt. Vorher los und der muss mich dann einholen. Und ich bin schon mal vor ihm.
Das ist natürlich das Logischste an der Stelle. Aber das weiß natürlich das Team von Tadej Pogacar auch. Und dann lassen die nicht einfach eine starke Gruppe mit, das klingt jetzt fies, aber so zweite Reihe Fahrern, die immer noch zur absoluten Weltspitze gehören.
Die lassen die natürlich nicht einfach fahren, sodass die dann zwei Minuten Vorsprung haben, sondern sagt dann das Team: „Ne, ne, ihr fahrt nicht weg. Jetzt fahren wir einfach so schnell, dass ihr gar nicht wegfahren könnt.“
Also für die Flandern Rundfahrt sehe ich tatsächlich Tadej Pogacar in der absoluten Favoritenrolle. Bei Paris Roubaix ist es, glaube ich, ausgeglichener zwischen ihm und Mathieu van der Poel.
Auch da sehe ich Wout van Aert deutlich stärker, weil es weniger hoch und runter geht, als es flach ist. Und es geht auch eher darum, eine hohe Geschwindigkeit mit viel Watt zu treten. Und es gibt aber natürlich noch eine ganze Reihe von Fahrern, die da auch die Chance haben, aufs Podium oder in Podiumnähe zu fahren. Das sind die absoluten Top-Protagonisten.
Wie ist es bei den Frauen? Bei den Frauen würde ich sagen, ist es ein bisschen offener. Auch da muss man sagen, für die Flandern Rundfahrt hat man so einen Mix aus Fahrerinnen, die sehr gut bei Eintagesrennen sind. Und dann kommen halt noch die Fahrerinnen dazu, die einfach auf jedem Terrain dann auch Weltspitze sind. Zum Beispiel eine Demi Wollering, die halt auch extrem stark ist, wenn es berghoch geht. Und dadurch, dass die Flandern Rundfahrt auch der Parcours der Frauen extrem schwer ist, muss man mal gucken, wie das Rennen sich so entwickelt.
Ich glaube, bei den Frauen ist es noch ein bisschen offener, würde ich denken. Also eine Lotte Kopecky zum Beispiel ist da immer für diese Rennen jemand, wo man auf den Zettel haben muss und hat auch schon gewonnen die Flandern Rundfahrt. Und aber auch eine Elisa Longo Borghini ist da jemand, wo man sagen kann, die zählt da absolut mit zu den Top-Favoritinnen. Aber auch dort kann vielleicht die Taktik und vor allen Dingen auch die Anzahl der Fahrerinnen im Finale eine sehr große Rolle spielen.
Also wenn eine Gruppe zum Beispiel wegfährt und mehrere Fahrerinnen von dem Team, dann kann eine Fahrerin sagen: „Also in der Gruppe hinter uns habe ich eine Fahrerin, die super schnell ist. Ich gehe jetzt nicht mit durch die Führung, ich spare jetzt meine Kräfte. Du musst jetzt weiterfahren.“ Dann kann sowas natürlich auch eine ganz andere Dynamik annehmen. Und ich halte das bei den Frauen für ein bisschen realistischer zu sehen, dass es da vielleicht auch eine Überraschung gibt als jetzt bei den Männern.
Ja, wie ist es bei Roubaix bei den Frauen? Bei Roubaix bei den Frauen haben wir jetzt in den vergangenen Jahren so viele Austragungen, gab es ja noch nicht, aber haben wir schon ganz unterschiedliche Sachen erlebt. Also wir hatten da im ersten Jahr die Lissi Decknen, die dann einfach weit vorm Ziel losgefahren ist. Und das ist halt auch so ein Punkt. Bei Paris Roubaix stellt man sich das immer so vor, als sei das Pflaster das Schlimme oder das Schlimmste. Ja, das stimmt.
Aber es geht für alle Fahrer und Fahrerinnen darum, ganz vorne möglichst Position zwei oder drei auf das Pflasterstück zu fahren. Weil wenn dort ein Sturz passiert, und es passieren ganz viele Stürze während dieses Rennens, und man ist hinter so einem Sturz, A) riskiert man selber zu stürzen und B) eventuell muss man anhalten und warten, und dann sind die anderen schon weg. So, das heißt, für alle gilt: Vor jedem Pflasterstück Position fahren bedeutet vorne sein, vorne reinfahren.
Das bedeutet, dass der Stress und die Hektik und die Positionskämpfe vor den Pflasterstücken extrem groß sind. Und das führt manchmal sogar dazu, dass der Stress für alle vor dem Pflasterstück größer ist und die dann, wenn sie auf dem Pflaster sind, erst mal kurz ein bisschen durchatmen können. Und da zum Beispiel die Lissi damals, die ist halt einfach ganzzeitig losgefahren und hat sich da den Stress erspart, und die wurde nie wieder eingeholt. Oder eine Alison Jackson, die gewonnen hat, quasi im Prinzip eine ähnliche Strategie: „Ich bin in einer Gruppe und gucke dann, wie ich hinkomme.“
Ja, für mich dieses Jahr, ich denke, eine Lotte Kopecky ist für Roubaix auf jeden Fall eine, also ich würde sie ganz oben hinsetzen. Einfach von dem, sie ist jetzt wieder extrem stark. Wenn sie nicht stürzt, wenn sie gesund bleibt, glaube ich, ist sie auf jeden Fall eine Fahrerin, wo ich sage, die ist auch endschnell. Also wenn eine Gruppe ins Velodrom kommt, kann die auch gewinnen. Aber auch da, da kann so viel passieren.
Und ich meine, letztes Jahr hätte ich im Leben nicht gedacht, dass Poulain Ferrer Prévot Roubaix gewinnt. Ja, ich habe vor diesem Gespräch mit einem Freund, dem diese beiden Rennen sehr, sehr viel bedeuten, so ein bisschen so zusammen darüber nachgedacht, was das eigentlich ausmacht. Also worin diese Faszination jetzt für uns steckt. Der Freund ist von hier, der ist aus Sachsen. Der ist nicht jemand, der da vor Ort in Belgien ist.
Und wir sind auf so einen, mindestens mal auf so einen Dreiklang gekommen. Und so ein bisschen scheint mir das auch jetzt in dem drin zu stecken, was du gesagt hast. Ich schildere dir das mal kurz. Also wir haben einerseits bei diesen Rennen so diese unglaubliche Härte, so angesichts dieser Bedingungen. Also dieses Korbsteinpflaster, du hast es vorhin schon gesagt, diese paar W-Abteilungen. Und das ist nicht das Korbsteinpflaster, was wir hier in irgendwelchen Dörfern oder Nebenstraßen haben. Das ist noch eine andere Geschichte.
Und aus dieser Härte folgt dann was? Gibt es so einen modernen Begriff für, da sagt man so Underbiking dazu. Also das Rennrad ist per se nicht unbedingt das geeignetste Gerät, um auf diesen Passagen zu fahren. Das macht das Ganze noch mal spannend, technisch fahrtechnisch und alles, was dazukommt. Und dann daraus folgt eben diese Unberechenbarkeit, die ich an ganz vielen Stellen bei dir raushöre. Man kann das einfach nicht sagen.
Und das ist so ein Dreiklang, der, glaube ich, oder Vierklang, wenn wir die Tradition noch mit dazu nehmen, der so eine wahnsinnige Spannung herstellt dabei. Würdest du dich dem anschließen? Grundsätzlich auf jeden Fall. Dazu kommt dann noch die Komponente mit den Zuschauern und was sie halt daraus machen. Also wenn man in dem Velodrom steht, da ist so wie so ein Brodeln.
Und dann in dem Moment, wenn die Fahrer einfahren, dann geht die Geräuschkulisse so hoch. Und das zum Beispiel ist etwas, das ich jedes Jahr wieder faszinierend finde. Und ich bin um nichts neidisch. Ich habe einige Freunde, die Ex-Profis sind. Einige davon sind mehrfach Paris Roubaix gefahren. Und ich neide niemandem etwas. Ich will auch nicht tauschen, um gar nichts. Also überhaupt nicht.
Aber jedes Jahr rufe ich einen sehr guten Freund von mir an und sage: „Du, ich wäre auch gerne mal die Runde hier im Velodrom gefahren.“ Und ich glaube, das geht vielen so. Ich glaube, vielen Fans geht es einfach so. Sie würden das gerne auch mal erleben. Das ist so eine Projektionsfläche irgendwie. Und das macht das dann auch aus, dass man sie komplett anfeuert und ausflippt.
Und da so eine Stimmung herrscht, dadurch, dass man irgendwie sagt, man ist Teil des Ganzen. Und eigentlich hätte man, würde man das auch ganz gerne mal erleben. Diesen Moment, da in so einem wie jetzt zum Beispiel im Velodrom da einzufahren oder mal den Quarremont zu fahren in so einer Kulisse. Das ist halt schon irgendwie was Verrücktes.
Und man kann das, also ich kann jetzt nicht einfach hier, wenn ich jetzt, wenn mich das interessieren würde, ich könnte jetzt aber nicht einfach rübergehen zum VfB und sagen: „Ich will jetzt mal mit meinen zwei Jungs da mal eine Runde kicken bei euch im Stadion.“ Das wird vermutlich nicht klappen. Aber ich kann da hingehen an jedem anderen Sonntag. Gut, sind da ein paar mehr Radrennen in Belgien, aber du weißt, wie ich es meine.
Du kannst da ganz normal hingehen. Du nimmst dein Fahrrad und du fährst da hoch und dann bist du der Mathieu van der Poel. Und ich glaube, das ist etwas, was das Stadion des Radsports ist, ist die Straße, die für jeden ist. Und jeder kann da hinfahren und jeder kann das machen. Und man kann das gemeinsam machen, in einer kleinen Gruppe, in einer großen Gruppe, jeder für sich alleine. Und man kann es erleben.
Und das ist, glaube ich, ein Punkt, der da bei ganz, ganz vielen Menschen, die da stehen, komplett mit rein spielt, dass es das auf ein Stück weit nachvollziehbar macht. Ja, ich nicke ganz heftig, weil das was ist, was mir auch immer bewusster wird, dass das für mich persönlich absolut zu dieser manchmal unfassbaren Schönheit dieses Sports zählt, dass ich wirklich, ich kann selber ins Stadion, ich kann selber auf die Spielfläche.
Ich performe da natürlich nicht so wie die Leute, die das professionell machen. Aber ich kann irgendwie auch dort an diesem Punkt, und dann kann man sich ja noch ganz anders mit denen identifizieren. Und die Nähe, das geht ja im Fußball auch nicht. Du kannst jetzt nicht sagen: „Ich möchte jetzt gerne mal kurz mir die Trinkflasche von, keine Ahnung, hier beim VfB Dennis Undorf, glaube ich, später mir mal holen oder mal mit dem kurz darüber reden, was der denn für eine Übersetzung hatte.“
So, und mit dem Radsport kann man aber, da kann man dastehen und man sieht die direkt vor sich. Die fahren an einem vorbei. Es ist, ich habe das in Gent-Wevelgem wieder erlebt, ein kleines Mädchen, die mit so einem Trikot und stand, die ganze Familie mit da. Und die hatte so ein Leuchten in den Augen und hat die ganzen Fahrerinnen, die gekommen sind, abgeklatscht.
Und das ist etwas, das ist in vielen Sportarten nicht vorstellbar, dass da so eine Nähe ist. Aber man kann das, man kann dann dastehen. Und das finde ich auch faszinierend, wie respektvoll doch die aller allermeisten Fans sind, die dann im Ziel fragen nach Bidon, Bidon und wie bereit will ich. Also ihr habt das gesehen, Julius Johansson von UAE, der ist extra noch mal rumgekehrt und zurückgefahren und hat dann seine Trinkflasche dem Kind gegeben, was natürlich mega gefreut hat.
Aber auch die Sportler merken das. Und ich glaube, das ist so eine Mischung. Und diese Nähe, die gibt es, glaube ich, in ganz, ganz wenigen Sportarten, dass man zu den Idolen, dass man denen so nah sein kann und abklatschen und was weiß ich auch immer. Ja, und ich nicke schon wieder und hoffe, dass diese Nähe erhalten bleibt, dass das möglich ist, dass das auch in Zukunft so ist.
Für alle von uns, die es jetzt nicht an die Strecke schaffen und nicht auf die Strecke, sondern die wahrscheinlich in Deutschland bleiben oder österreichisch, wo auch immer sie uns hören. Was würdest du sagen, wo kann man am besten bei den Rennen verfolgen? Ja gut, die werden ja im Fernsehen übertragen. Also man kann sich die Radrennen im Fernsehen anschauen.
Ich mahne gerade bei Paris Roubaix dazu, doch zeitig einzuschalten. Also lieber die eigene Radrunde etwas eher zu machen, um dann tatsächlich die letzten 100 sich angucken zu können, um wirklich auch das, was sich dort entwickelt, das Radrennen, was sich dann dort entwickelt, nachvollziehen zu können. Das ist das, was ich empfehle. Und das gilt ein Stück weit bei der Flandern Rundfahrt, muss ich sagen.
Also wenn die das erste Mal in Quaremont fahren, da ist gut, wenn man da schon mal das Fernsehgerät angeschaltet hat. So, das ist, glaube ich, eine ganz gute Sache. Wo das jetzt genau zu welcher Uhrzeit wo genau gezeigt wird, das weiß ich nicht. Aber ich weiß, das ist auch bei Discovery gibt es ja den Stream, wo man dieses Eurosport-Programm sehen kann. Da werden die Rennen ab Start live gezeigt.
Ich mache mal noch zum Abschluss ein ganz kleines Experiment mit dir. Wir haben jetzt hier fast eine Stunde über die beiden Rennen gesprochen oder über noch mehr Rennen. Und du bist merklich fasziniert davon. Eine ganz kleine Gruselgeschichte: Wie wäre Radsport für dich, wenn es solche Rennen nicht gäbe? Ich kann es mir tatsächlich nicht vorstellen, Radsport ohne die Klassiker im Frühjahr in Belgien.
Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ich meinen Job dann noch so machen würde, weil das auch für mich persönlich ist das eigentlich die schönste Zeit des Jahres. Also ich könnte mir vorstellen, meinen Job noch zu machen, wenn mir jetzt jemand sagen würde, ich habe das schon mehrfach gesagt, aber wenn mir jemand sagen würde: „Du darfst nie wieder zur Tour de France fahren.“ Tour de France, toll, Riesenevent, alles großartig. Dann würde ich sagen: „Okay, ist schade, aber ist okay.“
Aber wenn jemand sagen würde: „Bernd, du darfst nie wieder zu den Klassikern nach Belgien.“ Ich glaube, dann würde ich mir einen anderen Job suchen. Zum Glück darfst du in diesem Jahr hin. Ich gehe davon aus, wir können von dir lesen oder also auf CyclingMagazin.de oder wo können wir noch irgendwas sehen? Gibt es noch andere Stellen, wo du auftauchst?
Ja, also ich versuche ja, mal viele, viele Interviews zu machen mit den Sportlern direkt nach den Rennen. Also ich gebe mir da auch große Mühe. Dann versuchen wir insgesamt als Magazin, dass wir da auch versuchen, die Sportler, die jetzt vielleicht nicht so im Rampenlicht stehen, die auch mal zu zeigen und auch mal mit denen über ihr Rennen zu sprechen.
Jetzt bei Gent-Wevelgem zum Beispiel der Tim Rex, das ist in Belgien, aber der spricht auch Deutsch. Ich habe ein Interview gemacht. Der ist das erste Mal bei so einem großen Klassiker mitgefahren. Und das ist einfach cool, mit jemanden zu sprechen, der direkt nach dem Ziel diese Euphorie noch in sich hat, bei so einem großen Rennen dabei gewesen zu sein.
Und alle Interviews, die man dort machen kann, gerade jetzt bei Roubaix im Velodrom, man sieht den Jungs einfach an, was die durchgemacht haben, aber was es ihnen auch bedeutet. Das mag ich sehr, sehr gern. Also das machen wir. Die gibt man sich bei YouTube angucken. Wir haben auch einen Podcast, wo wir darüber sprechen. Und ansonsten, ja, also aber über du hast schon vollkommen recht, das Cycling Magazine, wenn man danach sucht, findet man eigentlich alles so.
Ja, und ich packe die Links zu Cycling Magazine und zu allem anderen, was du genannt hast, in die Show Notes. Fast eine Stunde habe ich hier mit Bernd Landwehr vom Cycling Magazine darüber gesprochen, was diese ganz besondere Woche oder diese besonderen Wochen in Belgien ausmacht. Ich habe es jetzt ein bisschen besser verstanden, auch was Bernd daran fasziniert. Und ich sage vielen Dank und ich wünsche dir vor allen Dingen viel Spaß.
Vielen Dank. Und bin mir ganz sicher, dass ich das haben werde. Nach diesem Gespräch mit Bernd erstelle ich mir jetzt meinen Fahrplan für die nächsten beiden Wochenenden. Und eigentlich ist es nicht nur ein Fahrplan, sondern auch ein Schauplan, denn ich werde natürlich versuchen, Flandern und Roubaix auch aus der Ferne zu verfolgen.
Irgendwann möchte ich auch selbst mal über Hellinge und Pavé rumpeln. Und dass ich das tun sollte, das ist mir nach diesem Gespräch noch einmal klarer geworden. Vielleicht wird das ja was im nächsten Jahr. In der nächsten Woche wird es auf jeden Fall was mit dem nächsten Antritt, denn der erscheint am 10. April. Und für unser Peloton ein Stück früher.
Ihr erreicht uns auf Instagram und Mastodon und unter antritt.detektor.fm. Und den schönen Schnitt diese Woche hat Paula Bildemann aus unserem großartigen Audio-Team übernommen. Ich wünsche euch jetzt eine gute Zeit und uns allen ein bisschen von diesem wohligen, dankbaren Gefühl, dass wir diesen wunderbaren Sport verfolgen und ausüben können. Und wie auch immer ihr das macht, ich sage gute Fahrt und bis nächste Woche, wenn ihr mögt. Ciao.
[Musik: Bombay Bicycle Club & The Staves – Road]