Wie formen Materialien unser Leben? Wie ist modularer Bau möglich? Und wie sollten Räume überhaupt gestaltet sein, dass es sich darin gut leben lässt? Mit genau diesen Fragen beschäftigten sich die Macher im Bauhaus Anfang des 20. Jahrhunderts. Den beiden Gründern Walter Gropius und Henri van de Velde ging es um die Verschmelzung von Kunst und Leben, um eine Art zu gestalten und zu bauen, die lebenswert ist. Am 28. März erreichen die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum des Bauhauses in Dessau ihren Höhepunkt. Mit der Eröffnung der Hauptausstellungen „Glas, Beton, Metall und Algenschutt CO2“ wollen die MacherInnen dem Bauhaus im wahrsten Sinne des Wortes an die Substanz. Denn genau damit haben sie sich besonders auseinandergesetzt: Mit den Materialien aus denen das Bauhaus gemacht ist. Insgesamt sieben Jahre war das Bauhaus in Dessau. In dieser kurzen Zeit entstanden so viele Bauhausbauten wie in keiner anderen Stadt. Darunter das Schulgebäude, die Meisterhäuser und das historische Arbeitsamt. Mit Beton, Glas, Stahl, Eisen und Aluminium formten sie dort neue Ideen des Lebens, die bis heute wirken. Wie sie das gemacht haben, darüber wollen wir in dieser Folge sprechen. Mein Name ist Sarah Marie Plekart. Hallo Kunst und Leben, der Monopol-Podcast von detektor.fm.
Die Ideen des Bauhauses Anfang des 20. Jahrhunderts waren weit über das Bauen hinweg revolutionär. Und das nicht nur im Denken, sondern auch auf einer ganz konkreten materiellen Ebene. Im Detail kann ich das im zweiten Teil dieser Folge mit Dr. Barbara Steiner besprechen. Sie ist Direktorin und Vorständin der Stiftung Bauhaus Dessau. Vorher begrüße ich aber Elke Buhr, Chefredakteurin des Monopol Magazins. Mit ihr möchte ich noch einmal über die Anfänge und Grundsätze des Bauhauses sprechen. Hallo Elke.
Hallo. Das Bauhaus in Dessau, das feiert ja seit dem vergangenen Herbst 100 Jahre. Es ist nach 2019 die zweite 100-Jahr-Feier. Warum gibt es jetzt eigentlich eine zweite Runde? Ja, verwirrend. Man dachte, man hätte dieses 100 Jahre Bauhaus irgendwie geschafft. Stattdessen geht es jetzt wieder von vorne los. Aber es ist ja auch schön, denn das Bauhaus ist ja ein Thema, womit man sich immer wieder beschäftigen kann und auch immer intensiver. Wir haben das jetzt auch wirklich in diesen Jahren immer wieder getan. Der historische Fakt ist eben, dass das Bauhaus von Gropius und Henry von der Velde in Weimar gegründet wurde 1919. Das ist dann aber 1924, als es dort in Thüringen einen Rechtsruck in der Regierung gab, umziehen musste. Das heißt, da kamen rechte Kräfte an die Macht und die haben dem Bauhaus das Geld gestrichen, weil sie das als links verortet haben. Dann sind die nach Dessau gegangen, weil Dessau damals eine stabil sozialdemokratisch regierte Stadt war, eine aufstrebende Industriestadt. Da gab es einen Flugzeughersteller, Juncker hieß der, und der hat gesagt: „Ja, kommt doch her, ich unterstütze euch.“ Und es war ein gutes Umfeld. Und deswegen ist dann Gropius mit seinem Bauhaus nach Dessau gegangen. Und dort wurde dann dieses fantastische Bauhausgebäude auch extra dafür gebaut. Also es war dann auch sehr schön, weil man da dann zum ersten Mal auch konnte die Schule in einem Gebäude residieren, was nach den Bauhaus-Prinzipien auch erbaut worden war, also von Gropius auch entworfen. Und das gibt es ja heute noch dieses Gebäude. Und da wird dann natürlich jetzt auch das Jubiläum gefeiert.
Was sind denn die Grundsätze des Bauhauses? Man denkt immer, das sei so einfach. Es ist natürlich überhaupt nicht einfach. Also vielleicht ist interessant, vor allen Dingen der Impuls, aus dem heraus das entstanden ist. Also man muss sich vorstellen, die Industrialisierung hat ja eigentlich komplett verändert, wie Dinge hergestellt wurden und hat das Umfeld der Menschen total verändert. Vom Stil her hat aber der sogenannte Historismus, den es zunächst bis zur Jahrhundertwende gab, eigentlich vor allen Dingen versucht, das mit sozusagen industriell hergestellten Ornamenten zu verkleben. Also das heißt, man hat praktisch das Widtholz, es war dann Stahl oder es war vielleicht Beton und es war vielleicht seriell hergestellt, aber es hat so ein bisschen so getan, als wäre es so wie früher. Und Henri van der Velde, ein Gestalter, und Gropius haben halt gemeinsam gesagt: „Nein, man muss eine Ästhetik entwickeln und auch eine Produktionsweise entwickeln, die der Moderne angemessen ist. Und wir wollen, dass die Menschen, also auch die Durchschnittsmenschen, sozusagen in einem Umfeld leben, was ästhetisch gestaltet ist. Also wir wollen eine gute Gestaltung, die das ganze Leben umfasst.“ Damit waren die auch nicht alleine. Das war um die Jahrhundertwende, gab es viele Bewegungen in die Richtung, also Arts and Craft auch in Großbritannien oder auch die Wiener Werkstätten und so. Die haben alle gesagt: „Okay, wie können wir eigentlich besser gestalten auf eine Weise, die der Moderne, das heißt dem industriellen Zeitalter, angemessen ist?“ Und das war eigentlich die Idee des Bauhauses. Und interessant daran finde ich, dass es damit eigentlich begann zu sagen: „Wir gucken wieder mehr aufs Handwerk.“ Also das ist ja eigentlich kontraintuitiv. Also man denkt ja, es geht jetzt um industrielle Fertigung, aber da ging es eigentlich erst später drum. Sondern am Anfang haben die erstmal diese Vorkurse entwickelt, wo halt die ganzen Studierenden erstmal mit verschiedenen Materialien umgegangen sind und wo sie wirklich nochmal von vorne geguckt haben: „Wie stellen wir eigentlich mit unseren Händen Dinge her?“ Und da kommt auch diese ganze Geschichte mit den fantastischen Webmaterialien, also mit den Textilien, die die da hergestellt haben, auch mit dem Geschirr und so weiter. Das kommt halt aus diesem Impuls heraus. Und später hat sich dann das, also auch nach dem Umzug nach Dessau, hat sich dann das Bauhaus auch ganz viel damit beschäftigt: „Wie bauen wir zum Beispiel modulare Häuser? Also wie können wir so Reihenhäuser machen? Wie können wir Häuser aus vorgefertigten Teilen machen, damit die trotzdem lebenswert sind, aber halt viel günstiger herzustellen und die breite Masse in bessere Häuser befördert?“ Und ja, deswegen ist das ganz lustig, auch weil ich finde, zum Beispiel, es gibt ja auch ganz tolle Künstler, die im Bauhaus gelehrt haben, so wie Klee oder auch Kandinsky. Und natürlich sind die wiederum, haben ja nichts zu tun mit Reihenhäusern. Also es geht da in ganz unterschiedliche Richtungen auch.
Das wäre jetzt auch meine nächste Frage gewesen, weil ja auch sehr unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten ja auch dort zusammengekommen sind. Wie hat denn, also du hast gerade schon gesagt, die Durchdringung natürlich auch des gesamten Lebens mit diesen Ideen, wie also im Grunde ja auch eine Verschmelzung von irgendwie Idee, Leben und Kunst. Wie hat denn dann das Bauhaus oder vielleicht auch Ideen des Bauhauses die Kunst inspiriert und vielleicht auch in die andere Richtung? Wie hat die Kunst das Bauhaus inspiriert? Also die Idee des Bauhauses war ja zunächst mal: Es ist alles eins. Also Kunst und Gestaltung hat keine Hierarchie und alles dient am Ende, also Gropius hat gesagt, alles läuft am Ende auf die Architektur hinaus. Also alles dient dem Bauen. Das hätte wahrscheinlich Kandinsky wiederum nicht unterschrieben, der wahrscheinlich auf die Autonomie seiner Gemälde dann doch bestanden hätte. Aber in jedem Fall diese Grundidee, dass eben alle zusammen lernen und auch alle zusammen arbeiten und dass die Gestaltung eben sich nicht nur auf das Kunstwerk an der Wand, sondern eben auf das Gesamtkunstwerk des Raumes, in dem man sich befindet, bezieht. Also ich glaube, das ist so das Zentrale. Und ansonsten, meine Lieblingsfotos waren immer die von den Bauhauspartys. Die haben halt so Feste veranstaltet und dann waren da Theatervorführungen mit diesen fantastischen Kostümen von Schlemmer. Und man kann sich richtig vorstellen, dass das so richtig abging. Und vor allen Dingen war ja auch das Bauhaus die einzige oder eine der wenigen Schulen, wo halt Frauen auch relativ gleichberechtigt mitmachen konnten. Das heißt, das ist für die Partys natürlich auch viel besser.
Das sagt Elke Buhr, Chefredakteurin des Monopol Magazins. Vielen lieben Dank Elke für das Gespräch. Gerne. Am 28. März eröffnen in Dessau die Ausstellungen „Glas, Beton, Metall“ im historischen Werkstattflügel des Bauhausgebäudes und „Algenschutt CO2“ im ehemaligen Kaufhaus Zieg. Sie bilden mit drei weiteren Ausstellungen und zahlreichen Veranstaltungen den Höhepunkt der Feierlichkeiten anlässlich 100 Jahre Bauhaus in Dessau. Und so viel kann ich vorwegnehmen: Es wird konkret, denn sie wollen den Bauhaus an die Substanz. Was sie da gefunden haben, darüber spreche ich mit Dr. Barbara Steiner. Sie ist Direktorin und Vorständin der Stiftung Bauhaus Dessau. Hallo Frau Steiner. Guten Tag. Für die Ausstellungen haben Sie sich intensiv mit den Materialien des Bauhauses beschäftigt. Im Kern sind das Beton, Metall und Glas. Wie haben diese Materialien das Bauen und das Leben der Menschen Anfang des 20. Jahrhunderts verändert? Diese Materialien waren an sich nicht neu. Das heißt, es gibt eine Zeit, auch im 19. Jahrhundert, hatte man letztendlich schon Experimente in diese Richtung gemacht. Und das hat auch Gropius sehr stark fasziniert, also auch der Silobau zum Beispiel. Und was dann aber allerdings neu war, ist eine bestimmte Art und Weise, wie diese Materialien eingesetzt wurden, also wie sie zusammenkommen. Da hat er ja auch schon mit den Faguswerken in diese Richtung gearbeitet. Aber es kulminiert dann gewissermaßen in diesem Gebäude, in dem Schulgebäude, das dann nach dem Umzug von Weimar nach Dessau hier in dieser Stadt errichtet wurde. Und dieses Gebäude wurde dann von den Zeitgenossen gefeiert als Ausdruck einer neuen Zeit. Also es hatte einfach das Gefühl vermittelt: „Das ist das Neue und so sieht die Zukunft aus.“ Also auch so eine Aufbruchsstimmung, die damit einherging. Und Gropius hat ja selbst immer wieder gesagt: „Ja, Lehm und Holz, das sind die alten Materialien und jetzt geht es hin zum neuen Bauen. Und da ist natürlich Beton und Glas und Metall, also jetzt Eisen und Stahlbeton, das ist die Zukunft.“ Und wenn man dann genauer reinschaut, dann sieht man, dass das eher sozusagen zunächst mal als Verheißung da war, als Versprechen. Man war noch gar nicht so weit, wie man es sich erträumte. Also was jetzt zum Beispiel im Wohnungsbau dann die serielle Fertigung, also den industriellen Maßstab anbelangt. In Dessau sieht man noch sehr viel Handarbeit. Aber auch beim Bauhausgebäude, und das werden wir in der Ausstellung auch zeigen, in dem Kapitel Beton, da gab es noch keine industrielle Vorfertigung. Also man hatte nicht dann schon die Betonteile in den Fabriken erzeugt und dann angeliefert, sondern das wurde vor Ort alles noch geschalt. Und wenn man dann sich die Fotos anschaut, dann könnte man meinen, also jetzt von der Bauphase, als wäre das ein Holzbau. Und man hatte so viel Holz eingesetzt, also es wurde sozusagen vor Ort gegossen, Schalung, Beton rein, Schalung wieder ab. Und das hatte so viel Holz gebraucht, dass tatsächlich es damals problematisiert wurde, dass auf diese Art und Weise die Wälder verschwinden. Also das hatte tatsächliche Auswirkungen, ganz konkrete Auswirkungen auf die Landschaft. Was die Zeitgenossen auch faszinierte, war Licht. Also ein Gebäude, das sehr viel Glas letztendlich hat, also der Werkstattflügel komplett verglast. In der Nacht strahlte dieses Gebäude. Und Elektrizität, das ist auch etwas. Ja klar, es gab Elektrizität, aber es war natürlich eine Erscheinung, so könnte man das sagen, in der Nacht ein Gebäude in dieser Art und Weise zu beleuchten. Und man hat dann auch sehr klug Beleuchtungskörper eingesetzt, also diese berühmten Kugellampen von Marianne Brandt, aber auch Max Krajewski. Also man hat ja unterschiedliche Leuchtentypen im ganzen Gebäude. Die sieht man von außen. Das heißt, das war nicht nur tagsüber so eine Art Schaufenster, sondern es war in der Nacht auch nochmal eine beeindruckende Lichtwirkung. Und dazu brauchte man ja entsprechende Infrastrukturen. Und das interessiert uns im Jubiläum auch: Wo kommt denn die Elektrizität her? Dann ist man in dieser Region. Wir sind in Mitteldeutschland, im mitteldeutschen Industriegebiet, was ja auch ein Attraktor war, überhaupt diese Region auszuwählen und hier hinzuziehen für das Bauhaus. Da ist man dann bei der Braunkohle, Braunkohleabbau. Und das interessiert uns auch beim Jubiläum, also hineinzuschauen in die Region, aber auch in die Vernetztheit. Denn wenn Sie jetzt bleiben wir bei Stahl, dann brauchen Sie ja Stahlwerke, Walzwerke. Sie brauchen Hüttenwerke. Die Eisenerze müssen irgendwo abgebaut werden. Und das Interessante ist auch, wenn das an sehr vieles davon aus der Region kam, holte man sich zum Beispiel aus dem Rheinland oder aus Schweden Rohstoffe. Also das ist etwas, was damals auch schon sehr ausformuliert war. Also diese weltweiten Vernetzungen, also auch was Zement anbelangt. Holytheus zum Beispiel hatte man auch Werke im Zementanlagenbau in Ostafrika. Und all das interessiert uns: Wie kommt es dann zu den Gebäuden? Wie kommt es zu den Alltagsobjekten, zu den Stahlrohrmöbeln, zu den Lampen? Wo kommen die Rohstoffe her? Welche Wege nehmen die Rohstoffe? Wie werden sie verarbeitet? Tja, und dann, wenn das Produkt da ist, was passiert dann damit? Und wie nehmen das Menschen oder wie haben damals Menschen diese Produkte angenommen? Weil, ja, sagen wir mal, so neue Zeiten sind auch von Unsicherheiten und Ängsten begleitet. Und das war damals genauso wie heute.
Lassen Sie uns da vielleicht bei dem letzten oder vorletzten Punkt, den Sie gerade auch gemacht haben, mit diesem Weg des Materials nochmal ganz konkret werden. Weil Sie sich ja eben auch diese geopolitischen und wirtschaftlichen Aspekte anschauen. Welchen Weg können Sie das nochmal nachzeichnen, bevor jetzt ein Glas oder ein Rohstoff, der aus Sand zum großen Teil besteht, eine Glasscherbe im Werkstattflügel wurde? Welchen Weg hat dieses Material genommen, also quasi vom Ursprung bis zur Fertigung? Gut, da bin ich jetzt nicht die ultimative Spezialistin, weil ich könnte das nicht alles in Bezug auf die Gegenwart sagen, aber jetzt in Bezug auf die Historie des Bauhausgebäudes. Das ist eine Ausstellung, die ja Dorothea Roos kuratiert mit Peter Biber. Aber so viel, ja, der Sand, der wird abgebaut. Und es gibt ja auch immer noch hier eine sehr berühmte Sand- und Kiesgrube bei Zettweil und Keiner. Also kommt der Sand, dann brauchen Sie Quarzsand. Sie brauchen ja dann letztendlich Soda. Also Sie müssen alle möglichen Bestandteile mal haben, Rohstoffe, um dann letztendlich Glas schmelzen und verarbeiten zu können. Damals gab es auch neue Technologien und Verfahren, die das möglich machten. Die Glasproduktion war im Umbruch. Also so wie alle anderen neuen Produkte ja auch letztendlich immer Voraussetzungen hatten, nicht nur in den Rohstoffen, sondern auch in den Technologien. Also wie groß kann zum Beispiel eine Glasscheibe werden? Und das ist ja auch etwas, was im Bauhausgebäude sensationell war. Also der Werkstattflügel, das sind ja verhältnismäßig kleine Scheiben, Kristallglas. Gropius wollte unbedingt Kristallglas. Und das war natürlich ziemlich teuer. Da musste er ja auch noch vorstellig werden und dafür werben, dass er das überhaupt zu einem guten Preis bekommen hat, den auch seine Frau dabei unterstützt. Dann gibt es aber in den Treppenhäusern, in diesen berühmten Treppenaufgängen relativ große Glasscheiben. Das war sensationell. Das kommt uns heute ja natürlich alles nicht so sensationell vor, aber damals war es das sehr wohl. Und was machte das Glas? Welche Qualitäten hat es? Also auch diese Ein- und Ausblicke zu geben. Also das ist etwas, was ja auch diese Verbindungen, dieses Innere auch zu zeigen oder dieses Hinausschauen, die Natur, die dann auch in das Gebäude wandert, das Umfeld, das hineinwandert. Also es braucht dann relativ viel, bis es dann also auch an Produktionsaufwand, an Einsatz von auch Mitteln, also wir reden auch von Ökonomie, weil Ökonomien spielen natürlich auch eine ganz wichtige Rolle, bis dann tatsächlich so eine Glasscheibe in das Gebäude kommt.
Sie haben vorher auch schon darüber gesprochen, jetzt in Bezug auf Beton beispielsweise, dass diese Idee der industriellen Fertigung oder dieser modularen Fertigung, dass das noch gar nicht an dem Punkt war, an dem man sich das eigentlich vorstellte und dass die Menschen sich Sorgen machten, dass durch diese Holzkonstruktionen die Wälder verschwinden. Wie hat man denn damals das schon thematisiert? Also wir haben beispielsweise auch Walter Gropius und seine MitstreiterInnen das thematisiert, was sie da eigentlich tun. Weil sie haben natürlich, also sie müssen sich ja dessen bewusst gewesen sein, dass wenn sie mit bestimmten Materialien arbeiten, dass das einen Effekt auch auf die Umgebung hat. Also mir ist nichts bekannt und ich könnte mir auch gut vorstellen, dass dieser Wunsch, auch auf die neuen Zeiten mit neuen Mitteln und Möglichkeiten zu reagieren, dass der so groß war, dass das, was Sie jetzt fragen, das ist eine typische Frage der jüngeren Zeit oder sagen wir mal so des späten 20. Jahrhunderts. Deshalb würde ich sagen, vermutlich gab es da nicht so viele Überlegungen, sondern das war letztendlich in so einem Fortschrittstreben eingebettet. Und es war ja schon der Gedanke, dass sich das letztendlich rasant, also Geschwindigkeit war sowieso ein Thema in jeder Hinsicht, dass die Entwicklungen so schnell vorangehen. Also auch dieser Glaube, also auch diese Technologie-Gläubigkeit, wenn man so will, Fortschritts-Gläubigkeit, dass es dann auch tatsächlich Lösungen gibt. Also man hatte bestimmte Dinge gedanklich antizipiert, also auch, sagen wir, modulares Bauen, Standardisierung. Das war natürlich auch, wenn ich modular baue, ich brauche Standardisierung. Wenn ich serienmäßig produzieren will, dann sind das alles Voraussetzungen, die es braucht. Und das wurde ja schon geschaffen. Das ist ja auch nicht von heute auf morgen passiert. Wenn man jetzt sich den Siedlungsbau in Dessau-Dörden anschaut, da gibt es ja auch einen Film, der ja auch guten Einblick gibt in diese Veränderungen und auch, wie letztendlich dieser Stolz, dass man dann eine Zimmerdecke in 45 Minuten verlegen konnte, weil da eben Teile vorgefertigt waren. Aber es war extrem viel, was noch auf der Baustelle unter unglaublich viel Einsatz von Menschen und menschlicher Arbeit produziert wurde. Nichtsdestotrotz, die Überlegungen waren da und es hatte ja nicht lange gedauert und dann hat es sich ja entsprechend umsetzen lassen. Ja, ich denke jetzt an die Plattenbauten im Ostteil Berlins. Also das ist eine Region, wo ich aufgewachsen bin. Deswegen ist es für mich sehr konkret. Marzahn und auch Hellersdorf, diese Plattenbauten. Ich selber bin in dem Q3A-Bau aufgewachsen. Also das ist ja wirklich serielles Bauen. Da ist es auch so, dass in der DDR das Bauhaus hat sich ja dann in der DDR wieder gegründet. 1976 hatte es schon auch ein sehr starkes Interesse, ein wieder erwachtes Interesse am Bauhaus gegeben. Und das hat natürlich auch mit dem seriellen Wohnungsbau zu tun, aber auch überhaupt mit Formgebung. Und das hat das Ganze begünstigt, nachdem die Jahrzehnte davor das Bauhaus nicht hoch im Kurs stand. Es gab diesen Vorwurf des Formalismus, der im Raum stand, und auch dieser Kosmopolitismus. Also dass letztendlich sehr vieles von dem, was man sich auch in das Bauhaus vielleicht hinein imaginierte, sich nicht mit den Wertvorstellungen eines Arbeiter- und Bauernstaats vertrug.
Sie haben gesagt, dass Zeit ein ganz zentraler Aspekt war, sodass man dann schnell auch die Hoffnung hatte, dass sich dann Lösungen finden werden. Sie schauen in der zweiten Ausstellung, also der zweiten von fünf, „Eigenschutz CO2“, ganz konkret ins Jetzt und auch ein Stück weit in die Zukunft. Das ist eine Ausstellung, die in dem ehemaligen Kaufhaus Zieg in der Innenstadt eine Art Musterausstellung präsentiert. Hier soll es vor allem um CO2-armes Restaurieren und Renovieren gehen. Welche neuen Erkenntnisse haben Sie denn aus dieser Auseinandersetzung über das Bauhaus gewonnen? Nun, dass Menschen vielleicht auch etwas demütiger geworden sind, also auch nicht mehr davon ausgehen, dass sie alles unter Kontrolle haben. Dass es auch ein kooperativeres gibt, also jetzt auch durchaus im Sinne einer größeren Sensibilität gegenüber Umweltfragen oder auch wie das Verhältnis von Mensch und anderer Spezies ist. Also das ist etwas, was in die neuere nicht nur Forschung, sondern auch in die Praxen einfließt. Und zum einen interessiert uns an dieser Ausstellung: Es ist ja ein Gebäude im Übergang, ein Gebäude mit vier Etagen, drei davon stehen leer. Und wir gehen in eine Etage mit 1000 Quadratmetern und wir nehmen von diesem Gebäude auch den Ausgangspunkt. Denn Kaufhäuser, das ist auch so eine Typologie der Moderne, wenn man so will. Und die ist ja heute auch an ein Ende gekommen. Also es gibt ja sehr viele und immer mehr leer stehende Kaufhäuser. Das heißt, die Frage, was ist denn mit diesen Orten, die stellt sich ja auch noch und die spielt auch eine Rolle. Aber was auch eine Motivation war: Im Inneren sieht es so aus wie im Werkstattflügel des Bauhausgebäudes. Und also wenn man da schnell hinschaut oder wenn man Fotos sieht, dann könnte man das wirklich verwechseln. Da es um Alternativen geht zum Bauen von damals. Also interessanterweise sind die Baustoffe, wobei es jetzt nicht nur ums Bauen geht, von denen Gropius sagte, dass sie alt sind und dass sie abgelöst werden und durch Beton, Stahl, Eisen und Glas ersetzt werden, dass Lehm und Holz jetzt wieder hoch im Kurs stehen. Wobei auch da, und insofern ist das nicht, wir gehen wieder vor die Moderne, sondern auch da stellt sich die Frage, wie beim Bauhaus auch nach der Maßstäblichkeit: Wie kommt man in den großen Maßstab? Weil es gibt wunderbare Kleinstprojekte, die sehr nachhaltig sind, aber wie kann man das für eine Masse umsetzen? Also insofern ist auch das, was jetzt an Alternativen im Raum steht, daran orientiert. Also auch, wie kann man auch den Hebel größer machen? Also wenn wir jetzt, und wir wissen ja, alle, dass die Bauindustrie sehr viel Verantwortung trägt für einen zu hohen CO2-Fußabdruck, also wie kann man da ansetzen und was sind Alternativen? Wobei auch schon ganz deutlich ist: Eine Lösung wird es nicht geben, sondern das wird eine Vielzahl von Wegen sein, die gleichermaßen beschritten werden. Und was auch deutlich ist, dass Lokalität eine gewisse Rolle spielt und gleichzeitig globale Verflechtungen. Also in Gleichzeitigkeiten zu denken und nicht zu sagen: „Das eine oder das andere“, sondern diese beiden haben sich schon sehr stark ineinander geschoben. Natürlich, Lokalität wird interessant, wenn es geht: Wo wird produziert? Wie vermeide ich lange Wege? Aber man sieht ja, dass ein Austausch letztendlich auch weit darüber hinaus stattfindet, aber dass wir auch heute weltweite Verflechtungen haben, die ja letztendlich Auswirkungen haben auf alles, was dann auch an einem Ort passiert. Und das ist in der Ausstellung dann entsprechend relevant. Ja, und wenn ich sage, das Verhältnis ändert sich auch, dass diese Idee, wer gestaltet, mit wem wird gestaltet, dann oder auch, sagen wir es mal so, es gibt auch ein anderes Materialverständnis. Es geht auch darum, dass diese Idee von Material, also etwas Passivem, also etwas, das letztendlich da ist und sich dann nicht wieder verändert, dass es schon darum geht, dass Material selbst etwas Aktives ist, dass es in Wechselbeziehungen steht zu anderen Materialien, zur Umgebung. Also auch, eigentlich würde ich sagen, es geht auch um das Leben der Stoffe selber und letztendlich, was dann auch daraus zu machen ist. Also was besonders anschaulich ist, ist Mycelien. Also Mycelien einzusetzen, also oder auch, wenn das organische Stoffe sind, nachwachsende Rohstoffe, Algen, also das spielt bei uns in der Ausstellung auch eine ganz wichtige Rolle. Also Mycelien, Pilzstrukturen. Ja, genau.
Okay, aber es geht natürlich nicht nur um Materialien, sondern auch um den Umgang mit den Materialien. Was hat das für soziale Auswirkungen? Also auch andere Formen der Nutzung, auch der Wiederverwertung, also Bauen im Bestand. Im Prinzip ist das Plädoyer bei uns: Am besten ist gar nichts Neues mehr Bauen, sondern auf jeden Fall dort ansetzen, wo schon etwas ist und wie gehen wir mit dem um, was schon in der Welt ist, mit allen Herausforderungen, die das mit sich bringt, weil das rechtlich sehr schwierig ist, also mit vorhandenen Bauteilen zum Beispiel zu arbeiten. Also wir merken, dass wenn es um Plattenbau geht, da gibt es auch ein Beispiel, da muss natürlich sehr viel geprüft und also auch diese Zertifizierungen. Also mit allem, was sozusagen jetzt neu in die Welt kommt, bis letztendlich Materialien oder Bauteile eingesetzt werden können, muss man sehr lange Prüfverfahren durchlaufen. Und dann erst geht es, und sehr vieles geht dann auch gar nicht. Und das ist auch noch ein Aspekt, der in der Ausstellung dann eine wichtige Rolle spielt. Also nicht nur darüber zu sprechen, sondern auch Beispiele zu zeigen, eigene Beispiele zu zeigen, also dort, wo wir auch nicht weiterkommen oder nur mit Mühe weiterkommen. Also, denkt man an ein banales Beispiel: Wir müssen zwei Brandschutzwände haben, die wir in der Ausstellung zeigen. Die eine wird aus Gipskartonplatten sein, weil da schon Gipskartonplatten sind. Aber die musste versetzt werden. Da haben wir geschaut, was gibt es in diesem Bereich. Und wir sind dann bei Recyclinggips gelandet, wobei auch ganz klar ist, das ist nicht die Lösung. Das ist vielleicht interessant, wenn man schon einen großen Bestand hat. Aber dann geht es um eine zweite Brandschutzwand, die unbedingt aus Lehm sein sollte. Und da haben wir sehr viele Wege gehen müssen. Jetzt haben wir zwar eine Lehmbauwand, die ist aber jetzt sehr schwer, weil Lehmbauplatten, die dann ja auch mit etwas gefüllt werden müssen, das, was da hineinkommt, gibt es plötzlich nicht mehr. Das ist eine Thermojute. Und damit, weil das ganze Bauteil zertifiziert wurde, können wir das nicht einsetzen. Auch wenn es einen Ersatz gäbe mit Stopfhampf, der genauso Qualitäten hätte und der für sich genauso geprüft wurde, ist es die Kombination. Das ist jetzt natürlich viel zu detailliert und wahrscheinlich auch für die meisten nicht interessant. Aber wir wenden letztendlich auf uns selber. Wir gehen bestimmte Wege auch und merken, dass man an Punkte kommt, wo man dann eben im Moment nicht weiterkommt. Aber das wird dann ausgestellt. Das ist dann exemplarisch. Ansonsten, also neben den Anwendungen am Gebäude, gibt es ja dann auch einen Fußboden, einen Kunststoffboden aus DDR-Zeiten. Da würden die meisten wahrscheinlich sagen: hässlich, also dieses olle Teil. Aber wir werden ihn reparieren, und das hat mehrere Gründe. Zum einen ist ja ein Fußboden, wie überhaupt alle Materialien, sehr stark mit Emotionen und Bedeutungen, Wertungen aufgeladen. Und dieser Boden, der ist eben einer der prominentesten. Also, den gibt es nach wie vor noch an sehr vielen Orten. Und alle Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, kennen diesen Fußboden auch. Deshalb behalten wir ihn natürlich auch schon. Und die Firma, die den hergestellt hat, die Nachfolgefirma, die hat noch das Archiv und hat noch diese Musterbücher. Diese Firma ist inzwischen ein Global Player, nämlich aufgekauft. Also auch wieder so ein Fall: Was wird dann aus einem Unternehmen? Sitzt jetzt in London. Und wie werden wir jetzt diesen Fußboden mit einem Architekturbüro aus Berlin, mit Hütten und Palästen, reparieren? Das ist ein tolles Konzept. Also, das heißt, es wird auch in dieser Ausstellung einige ästhetische Zumutungen geben. Ästhetische Zumutungen, das nehme ich jetzt mal auf. Wir haben jetzt sehr viel Material über Architektur und Bauen gesprochen. Sind jetzt die Ausstellungen des Jubiläums nur etwas für Besucher, die sich explizit für Architektur interessieren? Oder wer kann da noch was für sich entdecken? Also, warum sollten Menschen unbedingt nach Dessau fahren? Ja, also ich hatte ja schon gesagt, es geht nicht ums Bauen. Wir haben jetzt da mit dem Gebäude angefangen, und darum sind wir da. Und das andere Gebäude, das Kaufhaus Seeck, ist natürlich auch ein Ausgangspunkt. Aber ich würde mal so sagen, wir reden von einer materiellen Welt, die uns umgibt. Und das ist etwas, mit dem jeder etwas anfangen kann. Und diese materielle Welt, die ist nicht einfach nur da, sondern die tut etwas mit uns. Und wir tun auch etwas mit dieser materiellen Welt. Und die Erfahrungen, die jemand hat, also letztendlich auch so ein Erfahrungswissen im Umgang mit dem, was man ganz alltäglich wir umgeben uns mit Dingen. Und das letztendlich auch nochmal deutlicher zu machen, also da auch dafür zu sensibilisieren, was auch diese Dinge mit einem machen oder was man selbst mit diesen Dingen tut, das ist auch etwas, was in der Ausstellung eine Rolle spielt. Aber es geht natürlich auch noch zurück. Also, es hat schon sehr viel auch mit Alltagsfragen zu tun, mit dem historischen Bauhaus, wo ja letztendlich auch diese Auseinandersetzung mit Materialfragen, die ist ja da schon eingeschrieben. Im Vorkurs, in den Werkstätten, in der Produktion. Also auch dieses Interesse daran, ganz aktiv auch sich einzuschalten in diese Gestaltung der materiellen Welt. Und auch ging es auch um Alternativen letztendlich. Und das wird jetzt in diesen beiden Ausstellungen auch der Fall sein, weil wir ja auch aus der Gegenwart in die Vergangenheit schauen. Also auch auf das historische Bauhaus. Und das sind Fragen unserer Gegenwart. Also auch, was ist aus dem geworden oder wie haben sich unsere Einstellungen letztendlich verändert? Wie schauen wir heute auf das was uns umgibt? Was verändern wir oder was wollen wir nicht verändern, aber sollten wir vielleicht verändern? Das sind Fragen, die letztendlich das Bauhaus umgetrieben hat in der Vergangenheit, aber die letztendlich für heute genauso relevant sind. Das sagt Dr. Barbara Steiner. Sie ist Direktorin und Vorständin der Stiftung Bauhaus Dessau. Vielen lieben Dank, Frau Steiner, für das Gespräch. Kunst und Leben, den Podcast in Kooperation mit dem Monopol Magazin, gibt es immer zweimal am Dienstag hier bei detektor.fm. Ihr findet alle Folgen auch überall da, wo es Podcasts gibt. An euch sage ich vielen Dank fürs Zuhören. Mein Name ist Sarah Marie Plekart. Macht’s gut und bis zum nächsten Mal. Kunst und Leben, der Monopol-Podcast von detektor.fm.