Wie klingt es, wenn ein Unterwasservulkan in der Tiefsee ausbricht? Und wer lebt eigentlich in der Tiefsee? Genau mit diesen Fragen beschäftigt sich der Künstler Julien Charrière. In seinen Werken verbindet er Kunst, Umwelt und Wissenschaft. Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt derzeit seine Ausstellung »Midnight Zone«. So wird in der Wissenschaft der Bereich der Tiefsee genannt, in der absolute Dunkelheit herrscht und kein Sonnenlicht hingelangt. In verschiedenen Werken zeigt Julien Charrière, wie artenreich und auch lebendig diese Dunkelheit ist. Und auch, wie verletzlich. Denn die Ozeane und auch die Tiefsee geraten zunehmend unter Druck. Pläne für den Tiefseebergbau, die Schifffahrt, Ölplattformen, der Klimawandel und auch militärische Übungen auf und unter dem Wasser hinterlassen ihre Spuren. „In meiner Arbeit schaue ich auf Reibungspunkte, positive und negative, die menschliche Präsenz zeigen, bevor der Mensch selbst dort gewesen ist“, sagt Julien Charrière. Denn bisher ist nur ein Bruchteil der Tiefsee erforscht. Dennoch finden sich dort schon jetzt menschliche Spuren. In dieser Folge tauchen wir genau dahin ab, in die Tiefsee. Mein Name ist Sarah Marie Plekat. Hallo Kunst und Leben, der Monopol Podcast von detektor.fm.
Eigentlich wollte er mal Koch werden. Dann wurde er aber doch Künstler: Julien Charrière. Er wuchs in der Schweiz auf, in einer Landschaft, die ihn und sein künstlerisches Schaffen sehr geprägt hat. Er studierte an der Universität der Künste in Berlin, unter anderem bei Olafur Eliasson. Von ihm hat er gelernt, dass Kunst nicht gezwungenermaßen ein Objekt sein muss. Elke Buhr, Chefredakteurin des Monopol Magazins, hat Charrière im Vorfeld seiner Ausstellung in Wolfsburg getroffen. Ein Gespräch über Geräusche aus dem tiefsten Innern der Erde, die Kraft der Natur und den Ursprung der Welt.
Julien, wir haben uns schon oft getroffen. Monopol verfolgt dein Werk schon lange. Ich habe mich jedes Mal total gefreut, weil es immer etwas total Spannendes war, was du gemacht hast. Aber jetzt nochmal von vorne: Wie bist du zur Kunst gekommen? Wie bist du auf die Idee gekommen, Künstler zu werden? Ich glaube, es gibt im Grunde kein richtiges Momentum, wo man – oder bei mir mindestens – gab, dass nicht dieses Momentum: „Jetzt weiß ich, ich möchte Künstler werden.“ Ich glaube, das ist eher so ein längerer Prozess gewesen, was wahrscheinlich mit meiner Kindheit zu tun hat. Als Kind war ich auch behindert, ich konnte nicht so gut laufen und war deswegen auch sehr viel in der Landschaft, aber eher still. Und da habe ich natürlich nicht so richtig teilgenommen an anderen Aktivitäten, die Kinder vielleicht machen, wie Sport. Also soziale Aktivitäten war ich ein bisschen ausgeschlossen, dadurch, dass ich eigentlich gar nicht so gut laufen konnte. Und eigentlich diese Immersion in die Landschaft und der Tatsache, dass ich da auch in der Schweiz groß geworden bin, hat mir erstmal so einen anderen Blick auf die Welt geboten. Und ich habe einfach anders meine Umwelt, meine Umgebung verstanden. Und ich glaube, das ist vielleicht der Anfang, und vielleicht hat sich das dann irgendwie über die Jahre entwickelt. Dann hat sich natürlich ein Interesse für Erzählungen, Geschichtenerzählungen entwickelt. Und dann habe ich irgendwann begriffen, dass man auch nicht nur Wörter nutzen kann, sondern auch Bilder, Musik. Es gibt ganz viele andere Arten und Weise, wie man kommunizieren kann und wie man ein bestimmtes Storytelling machen kann. Und peu à peu habe ich dann gedacht oder habe ich mich dann irgendwie angeschaut: Was sind die unterschiedlichen Möglichkeiten für mich? Und vielleicht von dieser ersten Idee, Koch zu werden, bin ich dann auch… Koch. Kannst du gut kochen? Ich kann schon gut kochen. Ich koche nicht mehr so viel, leider, aber ich kann schon relativ gut kochen. Und mit Kochen kann man natürlich auch Geschichte erzählen. Und Zutaten sind ja auch eigentlich Materialien, mit welchen man irgendwas schafft, was dann auch eine Geschichte irgendwie trägt. Und von dort bin ich dann eher an die Architektur und dann plötzlich an die Kunst. Und dann war Berlin auf der Strecke. Als ich 15 war, bin ich das erste Mal hier gekommen, alleine, meinen Bruder zu besuchen. Und die Stadt hat mich einfach fasziniert, die Energie. Wann war das ungefähr? Ich war 15 Jahre alt. Das heißt, eigentlich 25 Jahre her. Also um die Jahrtausendwende ungefähr. Ja. Genau. Da war Berlin halt schon Clubstadt, richtig cool. Ja, das war dann total spannend. Und als 15-Jähriger war es natürlich so: Wow! Und das hat mich sehr begeistert. Und dann wusste ich einfach direkt: Okay, das ist meine Stadt, ich werde auch da studieren. Ich habe nicht überlegt: „Okay, ich werde da für mein ganzes Leben leben.“ Ich bin jetzt 20 Jahre her, und das ist dann schnell gegangen. Aber genau, und dann sind die beiden zusammengekommen, und ich habe mich entschieden, mich zu bewerben für die Universität der Künste Berlin. Und dann bist du gelandet in… Ja, erstmal war man in das erste Jahr, was eigentlich durchgemischt ist. Und dann war ich bei Christian de Möbius für ein Jahr. Und dann war ja plötzlich die Nachricht, dass ein isländischer Künstler Professor wird, nämlich Olafur Eliasson. Und da habe ich mit damals einem sehr guten Freund von mir, der ist immer noch ein Freund, und wir nehmen immer noch im Studio teil. Der andere ist keiner. Er ist zu mir gekommen und hat gesagt: „Guck, wir müssen uns jetzt bei dieser Klasse bewerben.“ Das haben wir dann gemacht. Und das war damals das Institut für Raumexperimente. Labor, wie hieß es? Das ist genau das Institut für Raumexperimente. Und das hat Olafur gegründet 2008. Und das war so ein Pilotenprojekt, weil sozusagen eine Brücke – keine Brücke – Teil der Uni, aber nicht an der Uni, sondern über sein Studio, aber nicht für sein Studio, sondern mit der Universität der Künste. Und dann zusammen oder sozusagen gefördert auch von den Einstein-Stiftungen. Und das Pilotenprogramm war da irgendwie für fünf Jahre. Und das war eine sehr spannende Zeit und eine sehr spannende Klasse. Erstmal waren wir nur zu elf und am Ende irgendwie 38. Ich habe die letztes Jahr nicht mehr mitgemacht, weil ich dann schon absolviert hatte, meine Meisterschüler. Ich habe aber schon ein Jahr verlängert, weil ich das so gut fand, dass ich dachte: „Okay, dann nehme ich nur ein Jahr.“ Aber ich könnte nicht zwei Jahre verlängern. Da muss ich auch mein Studium zu Ende bringen. Was hast du von ihm gelernt? Ich habe wohl viel von Olafur gelernt. Ich denke mal, vielleicht so eine der größeren Lehren ist, dass Kunst nicht zwanghaft ein Objekt ist, sondern Kunst einfach ein dynamisches System sein kann. Vielleicht auch eine Knoten von unterschiedlichen Beziehungen. Das ist etwas, was man eigentlich so definieren kann, wie man es will. Das war wahrscheinlich eine neue Art und Weise, Kunst zu sehen. Dann haben wir auch viel über Wahrnehmung gelernt, dass die Realität nicht unbedingt ist, was man sieht, sondern was man macht mit dem, was man sieht. Dass diese Realität für jeden anders ist und nicht nur für andere Menschen, sondern auch für andere Wesen. Dass man die Kunst nutzen kann, um einen Perspektivwechsel zu schaffen, zu kreieren. Einen Raum, wo man vielleicht genau durch die Prismen von anderen die Welt anschaut. Diese Pluridisziplinarität war sehr wichtig bei dem Institut. Dass man durch die Linse einer Wissenschaftler, einem Breakdancer oder jemandem, der ein Bühnenbild macht, dass man genau in diesen Beziehungen einen Raum hat, wo Kunst geschaffen sein kann und Platz hat. Und dann die letzte große Lehre, dass man eigentlich auch als Künstler nicht unbedingt allein sein muss. Das Teilen war sehr wichtig, der hat das auch richtig gefördert, dass wir auch gemeinsam mit den anderen Studierenden, die jetzt auch alle meine Freunde geblieben sind, auch Arbeit zusammen machen können. Dass es nicht immer nur um ein Individuum geht, sondern ein Netzwerk. Und dass auch Ideen geteilt sein können. Dass man eine Großzügigkeit gegenüber anderen Menschen haben kann und das wiederum einen größeren Impact auf sich haben kann.
Was euch ja auch verbindet, ist eine interessante Art der Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Natur. Und wenn ich darüber nachdenke, denke ich, vielleicht ist es auch – du hast gesagt, du hast dich auch als Kind schon natürlich in dieser Schweizer Natur, hast dich auf eine bestimmte Weise dazu verhalten. Und wenn man bedenkt, okay, er kommt aus Island. Also das sind schon sozusagen – das sind ja so Landschaften, die uns Berlinern nicht so nah sind und wo die Natur natürlich viel stärker, viel präsenter ist in der Wahrnehmung. Glaubst du, das hat was damit zu tun, dass ihr beide euch mit Natur auch beschäftigt? Ja, ich denke auf jeden Fall. Da gibt es Beziehungen zu bestimmten Landschaften, Naturorten, die wirklich einfach auch eine bestimmte Art der Naturgewalt darstellen. Das Überdimensionierte ist gegenüber so der Mensch, also die uns sozusagen wiederum einfach in – also Landschaften, die uns hinterfragen, eigentlich: Was ist unser Maßstab gegenüber der Welt? Ich glaube, Island macht das. Ich denke, der Schweiz zu einer bestimmten Art und Weise. Ich weiß es, aber schon sehr domestiziert. Findest du? Ja, da gibt es überall eine Hütte, eine Straße, man kann irgendwo mit dem Postbus. Trotzdem, wenn man in die Alpen ist, dann spürt man einfach so Kraftorte, die machen was mit einem. Also man fühlt das einfach, das ist so ein Urgefühl, da kann man sich nicht von befreien. Und das ist auch einfach diese Berührung mit diesen Kräften, die haben mich extrem geprägt und haben natürlich auch eine große Auswirkung in der Art und Weise, wie ich mich ausdrücke, auch durch meine Arbeit und meine Projekte. Das hat genauso bei Olafur, glaube ich, der Fall ist. Und deswegen, das verbindet uns natürlich. Er interessiert sich natürlich viel mehr für diese Phänomene, also die Natur als Phänomen. Und wie kann man das sozusagen übersetzen in einen Raum? Und ich interessiere mich sehr für nicht nur das Phänomen, sondern auch die Geschichte oder was wir sozusagen auf einen bestimmten Ort projizieren. Weil ein Ort ist ein Canvas. Und schlussendlich, wir lesen den nur durch die Kulturen und durch eigentlich die Geschichte, die wir auf diesen Ort projizieren. Und egal, ob diese Geschichten wissenschaftliche Geschichten sind oder jegliche Art eigentlich von Erzählungen, prägen den Ort und verändern eigentlich die Art und Weise, wie ich den Ort wahrnehme. Und als Künstler beschäftige ich mich damit und versuche, das manchmal zu dekonstruieren oder zu hinterfragen oder einfach zu gucken, was macht sozusagen dieser Ort und was ist eigentlich der Unterschied zwischen dem, was der Ort ist als Substanz, als materielle Präsenz, als vielleicht Kraft. Und was ist eigentlich diese kulturelle, die dann darüber liegt? Und kann ich eigentlich die voneinander trennen oder gibt es irgendwie Berührungspunkte, die interessant sind? Und da oft artikuliere ich dann meine Arbeit. Ich weiß nicht, ob das irgendwie eine Antwort ist für dich. Ja, ja, total.
Also das Letzte, was ich von dir gesehen, beziehungsweise erspürt habe, war die Vulkan-Installation, die jetzt gerade bei deiner Galerie Dietrich und Schlechtreden zu sehen war, die ich aber auch schon in Basel gesehen hatte. Also man legt sich eigentlich am besten auf den Boden und dann vibriert das so und man bekommt – es ist so ein bisschen beängstigend, also finde ich. Also es ist – man ist gleichzeitig so geborgen, finde ich. Also es ist so dieses Grollen von der Erde ist gleichzeitig irgendwie ganz schön, aber wird dann manchmal auch ganz schön beängstigend. Man denkt so: Oh Gott! Also man hat dann totalen Respekt vor dieser Gewalt. Und dabei ist das doch eigentlich alles – das sind ja nur Lautsprecher und ein Sound. Oder wie hast du das gemacht? Nur lautverschönernd? Sound ist vielleicht kurz gesagt. Also im Grunde, es gibt ja zwei Installationen oder zwei Arbeiten. Einmal Stonespeakers, was erst mal in Palais de Tokyo gezeigt wurde. Da hatte es eine kleine Einzelausstellung, die hieß auch Stonespeaker. Und das war einfach nur dieses Raum, so ein Eco Chamber eigentlich. Und dann gab es so eine Weiterführung, Black Smoker. Das war in Tangeli, dann in Berlin. Ich komme nicht nach Wolfsburg und deswegen haben wir dann zwischenzeitlich in Berlin gehabt, weil Berlin sollte eine Art Brücke zwischen Tangeli und Wolfsburg. Die Ausstellung, also die Stonespeakers, also die Installation geht aber dann ins Mona in Tasmanien. Was man eigentlich da erfährt, sind eine Live-Übertragung von Datenströmen. Die kommen aus Monitoring-Stationen in Berlin und in Basel, aus dem Tiefsee. Also aus Orten, wo wirklich einfach die Kräfte der inneren Erde in Berührung kommen mit dem Ozean. Also wirklich das Boden der Ozean, aber auf bestimmte Orte von Subduction, also Orte, die einfach aktiv sind. Das heißt, Black Smoker sind eigentlich Unterwasser-Vulkane. Das sind so Orte, einfach wo das Magma, was relativ nahe liegt an der Erdkruste, natürlich beim Ozeanboden wirklich dann durchkommt. Und da, wo extrem viel Austausch gibt, ist ein Gas, also einfach ein Stoffwechsel zwischen der inneren Erde und dem kalten Ozean mit diesem enormen Druck. Und diese Orte sind besonders betrachtet von Wissenschaftlern, weil die natürlich auch der Ort sind, wo sich vielleicht Erdbeben ergeben können, was vielleicht dann einen Tsunami erzeugen kann. Und ich habe mit meinem Team ein System entwickelt, wo wir sozusagen Zugang durch die unterschiedlichen wissenschaftlichen Institutionen an diese Sensoren und Zugang zu diesen Sensoren und zu dieser Data. Und diese Data wird dann live gespielt. Also einmal – ich weiß nicht, warum du es auf Deutsch sagst, aber we sonify the data. Also es wird in Klang verwandelt, eigentlich. Die Data wird in Klang verwandelt und er wird vor allem in Klang, die spürbar sind, weil die meisten von eigentlich, was diese Sensoren wahrnehmen, ist weit von dem, was unser Hörsinn, aber auch unser Körper wahrnehmen kann. Weil unser Körper ist eigentlich auch ein Werkzeug. Man spürt Klang, man nimmt das nicht so oft wahr. Nee, es ist der ganze Körper. Du bist plötzlich selber so eine Art Lautsprecher, weil du vibrierst ja komplett. Und es ging darum, dass eigentlich der größte Organ, das wir haben, um die Welt eigentlich zu erkunden, ist unsere Haut. Aber das ist auch ein Organ. Dadurch, dass wir Klamotten anhaben, dadurch, dass wir eigentlich gar nicht so oft nackt in die Welt sind, wir nehmen dieses Organ nicht so viel wahr, außer mit unseren Händen. Und da, bei der Arbeit geht es um dieses kinesthetische Momentum, wo einfach Klang durch die Haut, durch den Körper, durch irgendwie auch unser Höhlenkörper, unsere Lungen, unser Bauch wahrnehmbar sein kann. Und wir bringen eigentlich diese Prozesse, die eigentlich in sehr tiefer Frequenz sich ergeben, auf so eine Schnittstelle, so ein Threshold vom spürbar und hörbar. Also zwischen 1 Hertz und 22, ab 18 fangen da unsere Ohren an, irgendwie auch was aufzunehmen. Und dann gibt es natürlich auch nochmal eine Art Landschaft, so ein Soundscape, der ist teilweise auch live, aber teilweise auch wie angebrannt in der Komposition. Also der wiederholt sich. Das stammt aus Aufnahmen von Wissenschaftlern, auch in der Tiefe des Sees. Aber da hört man irgendwie auch so ein Spam, Wale oder man hört natürlich auch den Schiffsverkehr, was man wirklich tatsächlich auf 4000 Meter dann immer noch hört. Weil es geht natürlich auch um diese drei Arten der Klänge, die auch so wichtig sind für die Ausstellung, sowohl in Tangeli als auch in Wolfsburg. Es gibt natürlich Geoakustik, das ist ja alles, was Erdprozesse ist, aber vom Erdbeben bis auf die Wellen, die gegen die Felsen crashen. Und es gibt natürlich die Bioakustik, also alle Wesen, alle Leute, die das Meer bewohnen, machen Klang. Das weiß man schon länger, aber es ist nur ganz neu, dass man das wirklich erkundigt. Also Fische singen, die haben gesungen vor den Vögeln. Also man sagt eigentlich: „Singing like a bird“, aber sollte man „Singing like a fish“ sagen. Und Fische kommunizieren und Krebse und sonst allem, die machen alle Klang. Wir haben natürlich nicht den Ohrsinn, um diese Klänge eigentlich wahrzunehmen unter Wasser. Man nimmt manche wahr, manche kann man das ja gar nicht, weil die einfach auf Frequenzen oder zu niedrig sind. Und wir haben ja einfach Luft in die Ohren und deswegen sind wir alle wie taub unter Wasser. Es gibt leider heutzutage eine neue Art vom Klang. Ich habe über drei erzählt. Der dritte ist natürlich anthropogenic Sound, der Maschinenklang, der menschliche Klang. Der menschlich gemachte Klang, was eigentlich zu der Bioakustik gehören sollte, aber man kann da gar nicht mehr sagen: „Das ist Bioakustik“, weil es ist einfach so laut, dass das ganze Rest komplett unterdrückt. Und das ist so ein Riesenproblem. Und Klang geht sehr schnell durch die Wassersäule und deswegen, wenn man hier Klang macht, dann ist es auch mehrere Kilometer werden dann einfach beeinflusst von diesen Klangquellen. Und das ist sowohl Tiefseebergbau als natürlich so Ölförderung, als jegliche Art von Transporten und Sonar. Und die Armee macht natürlich auch extrem viel Klang ins Meer. Ja, und dann noch alles, was dazukommt. Wir sind einfach von weit die lautesten, ohne dass man richtig das weiß oder sich eine Vorstellung von macht.
Ja, das ist ja bei dir immer so. Man sagt ja immer, du bist der Künstler des Anthropozäns, sozusagen. Also du gehst da hin, wo eigentlich – du gehst sozusagen an die Ränder der bewohnten Welt, um dort den Müll des Menschen zu finden. Also wenn du auf irgendwelche, keine Ahnung, auf Eisberge kletterst oder – ich weiß nicht, ich habe dich einmal – da haben wir telefoniert, da hast du gesagt: „Ja, heute besteige ich den Ätna“ oder so. Also du gehst immer an die – das passiert immer wieder. Das zum Thema, ja, das Kind, das nicht laufen kann und jetzt irgendwie den Vulkan hochklettert. Jedenfalls, du gehst an die Ränder dessen, was man machen kann, und dort findest du eigentlich den Menschen und das, was er anrichtet. Oder? Ja, genau. Also ich denke mal, eigentlich beschäftige ich mich sehr viel mit dem Berührungspunkt zwischen Mensch und Natur. Und ich mag ja überhaupt nicht über diese Dichotomie zu reden, weil es gibt ja nicht so eine Trennung. Wenn man einfach schon mal Natur sagt oder Umwelt, man suggeriert, dass es ja einen Außen gibt. Das gibt es natürlich nicht. Da ist natürlich das Vokabular, der Wortschatz, irgendwie kommt auf seine Grenze, weil wir der Wortschatz ist eigentlich so ein Erbe von viel längerer Kulturgeschichte, die einfach immer wieder versucht hat, den Menschen zu extrahieren. Und das ist mit Monotheismus und es wäre vielleicht zu lang, das jetzt komplett zu besprechen. Aber im Grunde schaut meine Arbeit eigentlich Orte, wo Reibungspunkte gibt. Die können positiv oder negativ sein, oft leider negativ, aber nicht immer. Und wo sozusagen die menschliche Präsenz vorkommt, vor vielleicht sogar, dass der Mensch richtig da ist. Also jetzt gerade zum Beispiel in der Tiefsee, wir sind schon dort. My presence presents myself. Wir sind immer da. Aber das ist sehr schwierig, uns vorzustellen, warum und wie sind wir eigentlich schon da, wenn wir noch das Gefühl haben, dass wir das noch gar nicht erreicht haben. Und da denke ich, gibt es irgendwie fruchtbares Terrain, um einfach Geschichten zu erzählen und einfach Kunst zu machen. Und an diese Orte besuche ich oft. Und in diese Begegnungen – also nicht, dass ich jetzt die Tiefsee besuchen könnte, weil das funktioniert nicht. Aber vielleicht bin ich dann über die Tiefsee und denke ich an den Tiefsee und vielleicht geht ein kleiner Tauchroboter nach unten und guckt. Aber ich versuche da eigentlich in Berührung zu kommen. Und aus diesen Begegnungen versuche ich eigentlich etwas zu präsentieren oder zu kristallisieren, was vielleicht dann Arbeit wird. Immer mit dem Gedanken, dass man eigentlich eine bestimmte Universalität bietet. Weil die Arbeit soll nicht so eine Anekdote sein, sondern reden über etwas, das vielleicht eine Anekdote ist, aber uns ermöglicht, über etwas viel komplexer und viel größer nachzudenken. Und dann schlussendlich, Anthropozän ist ein Wort, das dann die ganze Zeit bestritten wird, über welches ich auch nicht richtig eine Meinung habe. Aber eigentlich die Tatsache, dass man erkennen muss, dass wir Teil von planetarischen Systemen sind, Teil von Prozessen, Teil von Dynamik. Und dass wir eigentlich diese Prozesse und diese Dynamiken einfach auch beeinflussen. Und dass immer mehr mit Maßstäben, die einfach gar nicht mehr zu tun haben mit unseren Körpern, sondern mit Maßstäben, die zu tun haben mit unseren Unternehmen, die einfach industriell sind, das müssen wir einfach wahrnehmen und wir müssen das auch beleben können und auch fühlen können. Und ich denke, dass die Kraft der Kunst ist, dass man einfach Sachen, die man vielleicht auch schon weiß, länger, weil wir haben das schon tausendmal in Zeitschriften oder im Radio gehört. Aber wenn man das spürbar oder erlebbar machen kann, dann hat man eine ganz andere Art und Weise, das zu verstehen, also das einfach zu bewohnen. Und da sind auch Ausstellungen so wichtig, weil sie sind Orte, wo man einfach die gleiche Begegnung machen kann und vielleicht einfach diese Komplexität plötzlich bewohnen kann und daraus einfach Gedanken erzielen kann, die uns ermöglichen, einfach die Realität dann anders wahrzunehmen oder anders einfach zu verstehen oder unsere Rolle innerhalb dieser komplexen Fabrik, das man einfach Welt nennen mag, einfach zu reflektieren. Wo sind wir eigentlich da? Also wenn ich – ich bin ja im Tängeli in deiner Ausstellung gewesen in Basel und die ja auch jetzt in anderer Form in Wolfsburg dann zu sehen ist, man hat schon das Gefühl, das ist so eine Reise, die du da gebaut hast. Also man kann mit dir zu ganz vielen spannenden und seltsamen Orten reisen und dann hat man immer wieder dieses Erhabenheitsgefühl und aber auch dieses Erschrecken darüber. Also die Natur ist erschreckend und der Mensch ist aber eigentlich noch schlimmer, oder? Ja, aber nicht fanghaft. Das kann man ja so oder so einfach erfahren. Aber ja, die Ausstellungen, beide Ausstellungen, die sind beide anderer Art vom Reisen. In Tängeli war das so von einem Raum zum anderen. Das war wirklich so wie eine Exkursion, dass man sozusagen auf drei Stockwerke unternehmen könnte und die auch wirklich einfach mit diesen drei Stockwerken fast räumlich angeordnet waren. Aber genau, eine Reise durch Orte, mit welchen ich mich beschäftigt habe oder mit welchen ich einfach in einem Dialog gewesen bin. Manche für mehrere Jahre, so wie die arktische Region Grönland. Da habe ich in den letzten sieben Jahren einfach immer wieder viele Begegnungen gemacht und die haben mich immer inspiriert, neu an Arbeit zu machen. Und ich denke, das wird immer wiederkehren in meiner Arbeit. Und dann andere Orte, die neu waren, so wie der Tiefsee. Und dann auch eine Art von Tauchgang. Also für mich war das eigentlich so ein Driftdive. Kannst du tauchen? Tauchst du auch? Ich tauche, ja. Natürlich war klar, er klettert, er taucht. Nein, ich tauche eigentlich viel lieber, als ich klettere. Okay, ich denke, man lernt sehr viel unter Wasser über die Oberfläche und auch was es bedeutet, die Oberfläche zu bewohnen und auf die Oberfläche zu leben. Und der Raum unter Wasser ist nämlich ein ganz anderer Raum, der ganz andere Regeln hat, der auch ein dreidimensionaler Raum ist, wo wir auch in die drei Dimensionen uns bewegen können und wo man einfach wirklich versteht, wie sein Körper einen direkten Einfluss auf die Welt hat und wie die Welt wiederum auch einen direkten Einfluss auf den Körper hat. Man wird einfach von Strömung genommen und in Bewegung gebracht. Wenn man aber bewegt, bewegen sich auch die Gegenstände wiederum, weil wir einfach die gleiche Masse haben wie Wasser. Wir sind eigentlich für 70 Prozent Meereswasser, aber wir kommen alle von dort. Und ich finde, das ist eigentlich fast so eine Art des Kommunions, wenn man wieder in Wasser geht. Also wir kommen zweimal aus dem Wasser, natürlich. Aber wir waren woanders. Wir waren woanders, genau. Wir waren eigentlich bei der Reise. Du hast gesagt, in Basel war es halt so eine Exkursion über mehrere Etagen und in Wolfsburg ist natürlich das Setting ein bisschen anders, aber es gibt trotzdem natürlich einen Parcours, der einen da durchführt. Oder? Ja, aber die Ausstellung ist schon anders. Das ist wie so kein Einstieg, sondern ein Eintauchen in die Ausstellung. Der ist relativ kurz und soll auch etwas verwirrend sein. Also dass man ein bisschen so diese Orientierung verliert, und dass man einfach mal erstmal das Gefühl hat, okay. Man erkennt vielleicht das Museum nicht genauso wie in Tangli, wo die ersten Räume waren. Und es ist ja so dunkel, dass man auch gar nicht weiß, wo mein Körper anfängt und endet und wo ist der Raum. Stimmt, die Leute werden immer schon so ein bisschen aggro, meinen also manche. Manche kommen damit nicht klar, die müssen dann sofort Licht anmachen und sind so: „Hä, wo bin ich denn?“ Das ist ganz gut. Die Idee war eigentlich so, dass man einfach ein bisschen die Grenze seines Körpers verliert und dass man sich erstmal in eine Rekalibrierung von seinem sensoriellen Apparatus begibt. Wir sind einfach gewohnt, als was wir gewohnt sind, und plötzlich sind wir in einer anderen Situation. Das ist genau das Gleiche wie beim Tauchen. Man muss einfach verlernen und wieder komplett neu lernen, wie kann ich einfach diese Realität bewohnen? Wie komme ich einfach mal klar mit, wo ich gerade bin? Und das ist mit dem Museum viel einfacher. Das ist nur mit Dunkelheit gemacht, aber man hat trotzdem so ein ähnliches Momentum des Ungleichgewichts und der Unsicherheit. Und dann, ja, viele machen natürlich das Handy an. Das ist ja schade, aber das macht eigentlich was mit einem. Und dann kommt man so wie befreit oder man hat eigentlich die Außenwelt nach hinten gelassen. Man ist einfach da und man ist auch aufnahmefähig für die Ausstellung. Das ist ganz wichtig. Und da in Wolfsburg geht man durch diesen kurzen Parcours, und dann öffnet sich eigentlich so diese Riesenhalle, die recht kompliziert ist. Als Künstler gigantisch! Es ist einfach gigantisch. Die Decken sind so hoch, dass egal, was man da reintut, es ist entweder viel zu klein oder es fühlt sich wie eine Messehalle an. Also da haben wir auch mit Andras Beithin sehr viel daran gearbeitet, eigentlich für so und einfach auch genau eine Gesamtwirkung oder ein Gesamtbild zu schaffen. Also es ist sehr offen, die Ausstellung. Also fast das Gegenteil von Tangli, weil es sehr verschachtelt war. Da ist einfach, man kommt und dann ist es einfach so ein Riesenraum, und da drin sind die unterschiedlichen Arbeiten. Also es ist viel mehr diese Dreidimensionalität, dass man eigentlich unter Wasser hat.
Und sag noch was, machst du in Venedig? Apropos unter Wasser. Du bist über Wasser in Venedig, hoffentlich. Ich hoffe, wir sind alle über Wasser in Venedig. In Venedig habe ich die Ehre, eine Ausstellung im Museum Corrèe zu machen. Das ist direkt am Markusplatz. Das ist der ehemalige Napoleon-Palazzo. Und Napoleon war, unter vielen anderen Sachen, auch ein Förderer von Kunst, aber Neoklassizismus. Und sein Favoritenkünstler war Canova, der Ikone des Neoklassizismus. Und es gibt ja die ersten fünf Säle vom Museum Corrèe, die bekannten Canova-Säle. Immer ein anderer Mythos, eigentlich aus Griechenland. Es fängt eigentlich mit Venus und dann Cupid an, und dann gibt es Icarus, und das endet mit Orpheus. Und das sind so die Skulpturen und der Höhepunkt der Skulpturen. Und ich bespiele sozusagen diese fünf Räume als Einzelausstellung, was eigentlich fast so eine Duo-Ausstellung ist mit Canova. Weil ich mich natürlich nicht direkt mit den Skulpturen, sondern wirklich einfach mit der Geschichte hinter den Skulpturen beschäftige. Und da versuche ich, in einen Dialog zu treten. Das eröffnet dann am 29. April, also direkt kurz vor der Biennale, und dann läuft das bis November auch. Und das ist natürlich ein ziemlich besonderes Projekt. Das ist auch ein krasser Ort, voll mit Geschichte. Und das Museum Corrèe hat ja auch die Gesamtsammlung, sozusagen, ist auch das Museum für Venezia mit so allen Artefakten und alten Mapements, also Weltkugeln aus dem 16. Jahrhundert. Es gibt so viele Geschichten in diesem Museum. Das ist natürlich total schön als Kontext für meine Arbeit. Und damit versuche ich zu spielen. Die Ausstellung heißt „Spiral Economy“ und geht nicht unbedingt um das Unterwasser. Geht wirklich um diese unterschiedlichen Geschichten, die da in dieser Skulptur stecken. Aber es geht eigentlich auch viel um unsere Beziehung zu Geologie und unsere lithische Herkunft. Im Grunde: „How Teeth are Reef and how Bones are Stones.“ Und schlussendlich kommen wir alle aus dieser Geologie und Biologie. Und wir entstehen aus diesen unterschiedlichen Prozessen. Die Ausstellung geht eigentlich um solche Prozesse und Beziehungen zwischen dem menschlichen Körper und Geologie und Zeit. Spannend! Und was ist dein nächstes Projekt? Wo reist du als nächstes hin? Was werden wir Verrücktes von dir hören, wenn du mal aus diesem ganzen Ausstellungswahnsinn wieder herausgekommen bist? Ja, also ich glaube, das spannendste Projekt neben Klavenhofsburg ist ganz wichtig. Und Corrèe ist genauso wichtig. Ich glaube, das spannendste und aufregendste Projekt für mich ist eine Kommission im Mona Museum in Tasmania. Das ist eine Ausstellung auf 2000 Quadratmetern mit dem Titel „Hardcore“. Aber daneben gibt es eine permanente Arbeit, eine Kommission unterirdisch. Ich arbeite seit zweieinhalb Jahren daran. Das ist eine Zeitmaschine. Endlich! Du hast es geschafft! Wer, wenn nicht du? Die Besucher ermöglichen eine Reise zurück zu dem Ursprung des Lebens auf der Erde. Eine Rückreise zu einem Momentum, das heißt „The Great Oxidation Event“. Das ist das Momentum, wo Sauerstoff entstanden ist, damals durch die Cyanobakterien, die plötzlich die Fähigkeit bekommen haben, aus Sonnenlicht Carbon und Oxygen zu schaffen. Also dieser Ur-Atmungsgang, was sozusagen die Geschichte der Erde schwer beeinflusst hat. Und man geht durch diese Arbeit zurück an diesen Ursprung. Und man wird diesen Ursprung auch verkörpern können. Ich kann ja nicht viel mehr sagen. Der Arbeitstitel ist „Breathe“ und es ist ein Pavillon unterirdisch, was ich gerne als Tiefzeitkapelle bezeichnen möchte, wo man wirklich einfach in eine Kommunion mit diesen Urmomenten der Weltgeschichte kommen kann. Und nur eine Person, egal für wie lange, darf rein. Das ist für mich so, weil es ist wirklich zweieinhalb Jahre. Und da waren sehr viele Reisen involviert in Western Australia, weil man da an der Weltoberfläche steht. Man steht eigentlich auf dem Boden des Ur-Ozeans, des Archean Ocean, was drei Billionen Jahre her über die Erdoberfläche sich befindet. Und das ist, glaube ich, für mich das Aufregendste gerade. Und dann die neuen Projekte, die ergeben sich dann langsam, aber wahrscheinlich weiter unter Wasser mit Korallen. Also mehr mit Korallenriffen. Auch mit Restauration von Korallenriffen. Also Schnittstelle Naturschutz und Kunst. Das habe ich jetzt die letzten zwei Jahre immer mehr gemacht. Auch mit Wald oder Nebelwald in Ecuador. Gerade machen wir auch ein größeres Conservation-Projekt in Brasilien, im südlichen Amazonas. Und das werde ich dann so weiterentwickeln, aber dann unter Wasser mit Kelp und Korallen. Unternehmen beschäftige ich mich immer wieder für das Untergrund. Und es wird sicherlich viele Arbeiten geben, die mit Höhlen zu tun haben. Mit Höhlen, genau. Okay, gut. Also wir reisen dieses Jahr mit dir nach Wolfsburg, nach Venedig, nach Tasmanien, was wirklich weit ist, und in alle beliebigen Höhlen, die wir finden. Ich freue mich total drauf! Vielen Dank, Julien Charrière. Das war ein sehr schönes Gespräch. Ja, sehr gerne. Vielen Dank, Elke Buhr, Chefredakteurin des Monopol Magazins, hier im Gespräch mit dem Künstler Julien Charrière. Noch bis zum 12. Juli zeigt das Kunstmuseum Wolfsburg seine Ausstellung „Midnight Zone“. Eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Tiefsee. Kunst und Leben, den Podcast in Kooperation mit dem Monopol Magazin, gibt es immer zweimal im Monat am Dienstag. Neue Folgen findet ihr überall da, wo es Podcasts gibt. Mein Name ist Sarah Marie Plekart. Ich bedanke mich bei euch fürs Zuhören, sage Tschüss und bis zum nächsten Mal. Kunst und Leben, der Monopol Podcast von detektor.fm.