Ein Gedicht, das in filigraner Kalligrafie über Gesicht und Arme geschrieben wurde. Einzelne Sätze, die an Wände im öffentlichen Raum projiziert werden. Worte in Wellenform aufgeschrieben, bei denen man erst merkt, dass es eigentlich Worte sind, wenn man ganz nah ans Bild herantritt. Worte, die Karten bilden: neu erfundene Worte und solche, die in Abstraktion zerfallen und neue Formen bilden. All das sind verschiedene Formen der Written Art, geschriebener Kunst. Der vielfältigen Ausdrucks- und Darstellungsweise von Worten und Kunst widmet die Pinakothek der Moderne und die Written Art Collection in München die Ausstellung „Sweeter than Honey“. Ein Panorama der Written Art. Zu sehen sind Werke von rund 60 Künstlerinnen und Künstlern aus 20 Ländern, von der Mitte des 20. Jahrhunderts bis heute. Welche Formen des Dialogs trotz unterschiedlicher Sprachen hier entstehen, darum geht es in dieser Folge. Und damit sage ich: Hallo und herzlich willkommen zur ersten Folge in diesem Jahr 2026. Mein Name ist Sarah Marie Plekat. Hallo Kunst und Leben, der Monopol-Podcast von detektor.fm. „Sweeter than Honey“ – süßer als Honig – widmet sich dem Wort in der Kunst und dem Wort als Kunstform selbst. Darüber spreche ich jetzt mit Marleen Freund und Oliver Kase. Sie haben gemeinsam mit Marie Kathrin Krimphoff und Thomas Kellein die Ausstellung in München kuratiert. Hallo, herzlich willkommen! Schön, dass Sie da sind. Herzlich willkommen! Wir freuen uns. Hallo, vielen Dank für die Einladung. Worte umgeben uns ja täglich und ununterbrochen, ob als Sprache, als Zeichen auf Plakaten, in der Zeitung, auf Straßenschildern, im Supermarkt. Die Liste ließe sich jetzt hier unendlich erweitern. Uns geht es heute hier im Gespräch konkret um die Verbindung von Worten und Kunst oder Worten in der Kunst. Erstmal grundsätzlich gefragt: Welche Rolle spielen die denn da eigentlich? Also Worte spielen eine ganz große Rolle in der Kunst. Vor allem sind sie extrem präsent. Also wenn man mal darauf achtet und durch Museen geht oder auch über Messen mit zeitgenössischer Kunst geht, dann wird einem auffallen, dass es ganz viele Kunstwerke gibt, die Worte oder Text beinhalten oder zum Beispiel auch Schriftmedien wie zum Beispiel Zeitungspapier. Herr Kase, möchten Sie was ergänzen? Also ich denke, dass Worte tatsächlich eine ganz große Rolle spielen in der Gegenwartskunst und auch schon seit der Moderne. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass diese Grenzen zwischen Alltag und populären Medien und Kunst vielleicht fließender werden. Und natürlich greifen die Künste im Grunde auch auf Techniken und Medien zurück, die wir im Alltag finden, sei es Graffiti, sei es das Material Zeitungen, sei es das Element Buch, sei es das Element der Werbung. Das sind alles Themen, bei denen es, glaube ich, darum geht, dass die Künstlerinnen und Künstler auch die Macht der Sprache nutzen, um Botschaften zu senden und viel stärker in den Austausch mit den Betrachterinnen und Betrachtern kommen. Und könnte man dann sagen, dass Written Art eine eigene Kunstform in sich ist oder ist das eher ein Begriff, der verwendet wird, um ein Sammlungsvorhaben zu beschreiben? Ich glaube, der Begriff ist nicht sehr trennscharf und eignet sich auch nicht als Fachbegriff. Das ist der Name dieser Sammlung. Aber der Reiz besteht, glaube ich, gerade darin, dass er so unscharf ist, weil er eben von der Geste über das gestickte Bild bis zur politischen Botschaft und dem Buch und der Zeitung und der Installation eigentlich alles umfasst und im Grunde variiert wird. Ich glaube, dass diese Ausstellung und dieses Thema der Written Art eigentlich eine Münze ist, die noch geprägt werden muss. Und das ist jetzt eben ein Vorschlag, um sichtbar zu machen, was Written Art alles sein kann, im Grunde von der Poesie bis zur Politik. Und es ist ein Teil des Reizes, dass es da noch wahnsinnig viel zu entdecken gibt, glaube ich. Da würde ich gerne tiefer einsteigen. Frau Freund, Sie zeigen ja Werke aus mehr als 80 Jahren, vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis heute. Wie hat sich hier, das ist ja ein sehr sehr großer Zeitraum, wo sehr, sehr viel passiert ist. Wie hat sich denn dort die Rolle des Wortes verändert? Also genau wie Sie sagten, wir steigen ein mit der Nachkriegskunst, wo wir also abstrakte Gesten haben, also Gesten, die eigentlich wie wortlose Impulse auf den Leinwänden stehen. Also es ist informell, die gestische Abstraktion der 50er Jahre. Und das verändert sich aber dann relativ schnell, nämlich bereits in den 60er Jahren mit dem Aufkommen der Konzeptkunst, die Schrift als Material angesehen und auch so eingesetzt hat. Also eines der frühesten Werke ist ein Werk von dem japanischen Künstler Onkawara aus dem Jahr 1966. Eine Leinwand, die wir zeigen, die das Datum 3. November 1966 zeigt. Und er malte eben eine Leinwand pro Tag und zwar immer mit dem Datum in der Konvention des Landes, in dem er sich gerade aufhielt. Und das ist eine sogenannte Today-Serie, wo man immer nur das Datum geschrieben sieht. Und davon ausgehend gibt es jetzt auch in der Gegenwartskunst ganz viele Arbeiten, die also mit typografisch gesetzten oder sehr geometrischen Text- und Schriftbildern arbeiten. Also auch ein anderes sehr bekanntes Beispiel ist zum Beispiel Lawrence Wiener, also der wirklich auch Sprache und Schrift als Material betrachtet hat. Wir haben eine Arbeit in der Ausstellung, die zeigt in sieben Sprachen den Satz „Die Grazia einer Geste“, also „the grace of a gesture“. Und ich denke, daran kann man schon ganz gut erkennen, wie es sich eigentlich von einer abstrakten Handgeste hin zu einem typografisch gesetzten Wortbild verändert hat über die Laufe der Jahre. Ganz interessant finde ich, das ist, glaube ich, dann schon, könnte man verstehen als eine große große Abstraktion. Sie haben ja auch ein Werk von Katharina Grosse mit in der Ausstellung, die ja eigentlich auch sehr bekannt natürlich dafür ist, wirklich mit sehr leuchtenden Farben große Flächen zu füllen. Wie passt sie da rein? Also Katharina Grosse passt natürlich auch über die Geste hinein. Die Ausstellung erkundet Written Art in den Bereichen Geste, Typografie und Kalligrafie. Und Katharina Grosse ist jetzt gerade, was das Zeitgenössische anbelangt und als Künstlerin für mich ein ganz wichtiges Gegengewicht auch gegenüber den überwiegend männlichen Künstlern der Nachkriegszeit, die eben gestisch abstrakt gearbeitet haben. Und gleichzeitig lässt sich an ihrer Arbeit auch verdeutlichen, dass das auch eine sehr performative Kunstform sein kann, also vor allem in der raumgreifenden Dimension ihrer Arbeiten. Wir zeigen sogar die größte Leinwand, die Katharina Grosse mit fast zehn Metern je geschaffen hat, in der Ausstellung. Und auch natürlich da ihr Arbeitsprozess, der Malprozess, wie sie ihren Körper, also ihre körperlichen Gesten ja mit einer Farbpistole erweitert, ist ein performativer Aspekt, der auch in der Ausstellung in anderen Werken noch erkundet wird. Herr Kase, wir haben jetzt gerade über Gesten gesprochen. Das gehört ja auch zum Sprechen dazu. Sprache und Worte, das ist ja untrennbar miteinander verbunden. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der Written Art Collection. Hier stammen die Werke her. Und dort geht es vor allem um Werke von KünstlerInnen aus dem Westen im Mittleren und Fernen Osten. Da treffen also ganz unterschiedliche Kulturkreise, ganz unterschiedliche Sprachen allein von der Art, wie sie präsentiert werden, wie sie aufgeschrieben werden, aufeinander. Wie kann ich mir da einen Dialog vorstellen? Das war für uns natürlich auch eine ganz entscheidende kuratorische Frage. Wie bringt man unterschiedliche Geografien und Zeiten miteinander zu sprechen? Und in den Dialog die Written Art Collection hat fast 500 Werke. Und es sind eben auch geografische Bereiche: Middle East, Ostasien, Südasien, in die wir eigentlich sonst gar nicht so detailliert hineinschauen. Insofern war das für uns auch eine spannende Entdeckungsreise. Und wir haben das getan, indem wir gerade dieses Thema der Geste zum Beispiel, also der abstrakten Geste in Kombination mit der Kalligrafie eigentlich transnational, sage ich jetzt mal, kuratiert haben. Also das heißt, zum Beispiel gibt es einen Raum, der heißt Kalligrafische Impulse, wo man sehen kann, wie sich das Westliche informell mit der japanischen Kalligrafie als Inspiration auseinandersetzt. Da gibt es eine große Arbeit von Kao Götz, ein riesiges Triptychon. Und gegenüber sieht man eine japanische Kalligrafie von Yuichi, der nach 1945 die japanische Kalligrafie erneuert hat in Auseinandersetzung mit dem Westen. Also diese Dialoge haben stattgefunden. Und die versuchen wir einfach durch die direkte räumliche Nähe und durch die Durchblicke in den verschiedenen Räumen sichtbar und spürbar zu machen. Dass man sieht, da gab es nach 1945 einen ganz entscheidenden internationalen, transnationalen Impuls, die Künste auch aus einer globalen Geste heraus zu erneuern. Also das wäre das Gestische. Und bei der Kalligrafie, tatsächlich gerade auch aus dem Middle East-Bereich, ist man natürlich mit der Fremdheit der Zeichen erstmal konfrontiert, weil wir haben neun Sprachen in der Ausstellung, unter anderem Arabisch und Farsi. Und das sind natürlich Schriften, die wir selbst auch nicht lesen können. Aber das Schöne daran ist ja, dadurch, dass es da das Bildverbot gab, dass ein Buchstabe ohnehin in seiner Schriftbildlichkeit wahrgenommen wird. Und diese Fremdheit des Nicht-Lesen Könnens erlaubt es einem eben auch im Grunde, die westliche Schule der Abstraktion im Blick zu haben und eine Schrift über ihre Bildlichkeit zu erschließen. Also um Ihnen ein Beispiel zu sagen: Wenn wir ein abstraktes Bild von Kandinsky anschauen, das heißt „träumerische Improvisation“, wo es um das Geistige in der Kunst geht und um die Musikalität, da haben wir auch ein gewisses Training, Bilder über Farbklänge und Gesten eigentlich wahrzunehmen. Und teilweise sind diese kalligraphischen Arbeiten aus der Gegenwart, die spielen auch so mit der Schrift, dass man sie teilweise gar nicht mehr lesen kann, weil das natürlich auch Künstler und Künstlerinnen sind, die reisen und nicht nur in ihren heimatlichen Geografien tätig sind und die wiederum auch einen Ansatz haben, der über die Abstraktion oder über die Kalligraphien ihrer Länder hinausschaut. Und plötzlich gibt es ein Werk von Khaled Al Sayy, zum Beispiel, das heißt „Door to Paradise“. Das ist eine riesige, über fünf Meter lange Arbeit in einer speziellen, schmuckvollen arabischen Kalligraphie, die so ein Lichtbogen ist, wo die Buchstaben anfangen zu tanzen, die man sich auch mit einem westlichen Blick sehr, sehr gut erschließen kann, weil da geht es quasi um die Darstellung der Spiritualität und des Göttlichen durch das Licht, nur dass sich das eben in der Arabeske der Zeichen und der Ornamente eigentlich fügt. Aber das ist durchaus etwas, was man verstehen kann. Und selbst wenn man die Dinge nicht versteht, ist es eben wichtig, dass man einen emotionalen, subjektiven Zugang auch dazu findet und sich auch mit dieser Fremdheit zunächst mal auseinandersetzt. Das habe ich mich in der Vorbereitung nämlich auch gefragt. Also klar, einem Werk kann ich mich ernähren, indem ich es einfach erst mal betrachte, es auf mich wirken lasse, vielleicht auch gucke, was macht es mit mir. Und dann eben in den zweiten Schritt, wenn eben dann Schrift verwendet wurde oder das eben Teil dieses Werkes oder das Werk an sich ausmacht, wie ich mir das erschließe und ob ich es eigentlich verstehen, also inhaltlich verstehen muss, was dort geschrieben wurde oder ob das für die Rezeption eigentlich an zweiter Stelle wird. Wie ist Ihre Erfahrung mit diesen Werken gewesen? Ich darf vielleicht mal kurz beginnen. Das ist eine Erfahrung der zunehmenden Öffnung. Also da ist zunächst mal ein gewisser Respekt und auch eine gewisse Fremdheit. Aber wir hatten zum Beispiel eine Meisterkalligrafin, Goynaz Fati, auch vor Ort während der Pressekonferenz, die uns auch noch mal bestätigt hat, dass das Gemälde, was sie gemacht hat, im Grunde auch für sie gar nicht mehr lesbar ist. Also die hat über Jahre jeden Tag acht Stunden Kalligrafie trainiert und hat das dann quasi irgendwann entlernt und hat versucht, aus diesen Zeichen eine individuelle Sprache zu finden, die für sie eben auch nicht lesbar ist. Und das nimmt einem dann sozusagen die Fremdheit. Aber es geht schon darum, dass man sich mit den Biografien, mit den Kontexten auseinandersetzt. Und es gibt tatsächlich auch viele Arbeiten, wo wir dann eine Übersetzung quasi ergänzt haben in den Erläuterungstexten, weil das zum Beispiel wichtig ist, den Kontext zu kennen. Das ist zum Beispiel bei Monira Alsol Madelaine, das wäre so ein Beispiel. Also von Monira Alsol haben wir eine Soundinstallation in der Ausstellung, weil wir nämlich auch vom geschriebenen Wort in einem Saal übergehen zum gesprochenen Wort. Und diese Soundinstallation besteht aus einem begehbaren Zelt, in dem man die Stimme einer libanesischen Sängerin hört, die die 24 Stunden des Tages auf Arabisch durchzählt. Auf Arabisch sind das sehr poetische Begriffe, teilweise auch etwas altmodisch. Aber das ist dann zum Beispiel die Morgenröte oder später Nachmittag ist Heimkehrzeit. Und auch um das nicht nur erfahrbar zu machen, die Stimme im Raum, sondern auch eben wirklich vermitteln zu können, die unterschiedlichen Sprachen und den unterschiedlichen Sprachgebrauch, haben wir dann zum Beispiel auch eine dreisprachige Übersetzung, Arabisch, Englisch und Deutsch, zu dem Werk in den Saal gegeben, damit eben auch Besucherinnen da ganz individuell auch ihren Zugang finden können und sowohl hören als auch nochmal dann nachlesen können. Und gerade dieser Aspekt mit der Stimme ist auch einer, der sich immer wieder in der Ausstellung durchzieht. Also auch eine Fragestellung: Wer besitzt überhaupt eine Stimme? Und auch in der Gesellschaft und auch: Wer hat Meinungsfreiheit? Das ist zum Beispiel ein Aspekt, ein sozialkritischer Aspekt, der sehr häufig bei der Written Art aufschaut. Können Sie das einmal genauer erklären mit einem Beispiel vielleicht bitte? Es gibt eine Neuerwerbung in der Ausstellung und zwar ist das eine Arbeit von Shilpa Gupta, also der in Mumbai lebenden und Mumbai geborenen Künstlerin, die eine fantastische Arbeit gemacht hat. Die heißt „For In Your Tongue I Cannot Fit“. Das sind eigentlich Bücherregale, die nur teilweise gefüllt sind mit 100 Buchmonolithen aus Metall gegossen aus Kanonenmetall, wo es darum geht, dass all diese Schriftsteller und Schriftsteller seit dem 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart eigentlich Zensur, Verfolgung und im Exil im Grunde ausgesetzt waren. Und das sind viele Schriftsteller und Schriftsteller, die wir eigentlich gar nicht kennen in dem westlichen Kontext. Und es sind eben große Lücken in diesen Bücherregalen, und diese Lücken sind quasi mit Glühbirnen beleuchtet. Und sie gibt diesen Dichterinnen und Dichtern eine Stimme, indem die Gedichte, die in den Büchern sind, auf dem Deckel quasi des Buches eingeprägt sind. Und das ist natürlich eine Form der Positionierung für Erinnerungsarbeit, für Menschenrechte, für Meinungsfreiheit. Und das lässt dann natürlich darüber nachdenken, wer Thais Kanons ist, wer eine Stimme hat, wie man eine Stimme zurückgeben kann und wie man auch mit solchen kulturellen Lehrstellen arbeitet. Also das Thema des Buches spielt in der Ausstellung natürlich eine große Rolle, aber auch der politisch engagierten Künstlerinnen und Künstler, die eben in der Lage sind, durch ihre Arbeit eben Stimmen hörbar zu machen, die autokratische Regime eigentlich unhörbar gemacht haben. Über Shilpa Gupta haben wir in diesem Podcast auch schon gesprochen. Das heißt, wer sich da nochmal weiter informieren möchte, nochmal einsteigen möchte in ihre Kunst, auch nochmal en Detail, kann da gerne nachhören. Wir haben gerade viel über Geste gesprochen, übers Hören. Kann man die Werke auch haptisch erfahren? Darf man was anfassen? Ich glaube, in unserem Fall tatsächlich nicht. Mir fällt kein Werk ein. Allerdings haben wir einige Installationen oder zumindest Werke räumlich so gehängt, dass man sie begehen kann. Also dass man auch wirklich unterschiedliche Atmosphären hat, dass man Schrift und den Umgang mit Schrift auf ganz vielseitige Weise erfahren kann. Beispielsweise haben wir eine Rauminstallation von Rikrit Thiravanija in der Ausstellung, und er hat 2007 seine eigene Schrift designen lassen. Die heißt auch Thiravanija One, und die findet man ganz häufig in seinen Werken, also auch zum Beispiel in seinen Installationen, partizipativen Werken, wie zum Beispiel auch Tischtennisplatten oder ganzen Bannern oder auch Wallpaintings oder eben auf Texttafeln aus Edelstahl, die auch verspiegelt sind. Solche haben wir in der Ausstellung, und darin verwebt er unterschiedliche Referenzen aus Filmen, aus Literatur. Tatsächlich in diesem Fall ein ganz konkreter Verweis auf Lewis Carrolls „Alice in Wonderland“, aber das verwebt er eben auch mit einem politischen Kommentar. Also diese Arbeit hat den Titel „A Million Rabbit Holes“ und ist eigentlich sogar das jüngste Werk in der Ausstellung. Im September 2024 ist das entstanden, also zwei Monate im Vorfeld zu der letzten US-Präsidentschaftswahl, auf die diese Arbeit ganz explizit auch Bezug nimmt. Ja, das finde ich eine sehr schöne Frage. Tatsächlich haben wir keine Schriften, die man berühren kann, weil ich denke gerade auch natürlich an die Blinden Schrift, an die Braille-Schrift. Das ist natürlich auch ein intersubjektiv und international greifbares Modell. Das ist tatsächlich nie Thema dieses Sammlungskonzepts gewesen. Aber es geht natürlich teilweise auch um das Relief der Schrift und um die Abwesenheit der Schrift. Das hört sich jetzt kompliziert an, ich mache es ganz konkret. Wir haben zwei Arbeiten von Glenn Ligon in der Ausstellung, die Durchpausungen sind auf einem ganz dünnen Transparentpapier von Gemälden, die er selbst gemacht hat und die mit Texten von James Baldwin arbeiten, also mit literarischen Texten, wo es natürlich um die ganze Frage der Diskriminierung der Schwarzen in der US-amerikanischen Bevölkerung geht. Und diese Buchstaben auf den Gemälden sind im Relief, und Ligon paust die quasi durch auf eine Art und Weise, dass sie nicht mehr lesbar sind, dass sie verschwinden. Und das ist natürlich auch ein Thema, sich mit der Unverständlichkeit der Welt, der Unlesbarkeit der Welt, aber auch mit der Exklusivität von Wissen auseinanderzusetzen. Das ist schon auch ein wichtiges Thema in der Ausstellung. Es gibt ein Kapitel, das heißt „Poesie und Alphabet“, wo es eben darum geht, dass Künstler und Künstlerinnen Fantasiealphabete erfinden oder dass das Thema der Kommunikation der Schrift nicht mehr gelingt, nicht mehr gelingen kann, weil Schrift auch eine Frage der Autorität ist oder weil die Welt einfach nicht mehr lesbar und entzifferbar ist und verständlich ist. Und Künstler deshalb häufig hergehen, seit der klassischen Moderne, und sich ihre eigenen Fantasiealphabete erfinden. Also mittelbar ist das Thema der Körperlichkeit der Schrift schon ein Thema, aber nicht in Form des konkreten Reliefs. Ich würde zum Abschluss gerne auf den Titel der Ausstellung nochmal zu sprechen kommen, und zwar „Sweeter Than Honey“. Warum? Also erstmal ist es ein sehr poetischer Titel. Man hat im wahrsten Sinne irgendwie eine Assoziation, ein Bild vor Augen. Und wir haben uns auch ganz konkret von einem Werktitel inspirieren lassen von Susan Hefuna’s „Knowledge is Sweeter Than Honey“. Das ist ein Mashrabia. Das ist eine Arbeit von 2012. Sie ist selber in Deutschland geboren und in Kairo aufgewachsen, und ihr Leben, also zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen aber eben auch Sprachräumen, prägt wirklich ihre Biografie. Und wir haben dieses Mashrabia, ein arabisches Fenstergitter, im Ausstellungsraum frei installiert, in dem eben „Knowledge is Sweeter Than Honey“ auch in der Gitterstruktur lesbar ist, auf Arabisch allerdings. Und man kann also diese Arbeit von beiden Seiten betrachten und auch umgehen. Und gerade da, in diesem, sage ich mal, transnationalen Kulturtransfer, aber auch den verschiedenen Seiten und auch irgendwie die Öffnung eines Dialogs, haben wir viele Aspekte gefunden, die sich anhand von diesem Werk gut darstellen lassen, aber auch für die ganze Ausstellung gültig sind. Die ganze Sache hat noch im Grunde einen anderen Aspekt, nämlich dass Honig in verschiedenen Weltreligionen eigentlich für die Süße der Erkenntnis und des Wissens steht. Und uns hat auch daran gefallen, dass es natürlich eine gewisse Sinnlichkeit und eine gewisse Konkretheit hat. Wenn, was ist süßer als Honig? Und die Botschaften, die politischen Botschaften, das ist auch ein bisschen ironisch, die da drin stecken, sind natürlich alles andere als süß, sondern sie sind häufig relativ bitter. Aber Susan Hefuna hat uns eben auf der Pressekonferenz auch verraten, dass es ihr auch um die Subjektivität geht, weil man kann diese Schrift tatsächlich nur dann lesen, wenn man relativ weit von diesem Gitter wegsteht. Und „Wissen ist süßer als Honig“, da gibt es verschiedene ganz persönliche Assoziationen. Und insofern geht es eben auch nicht um die Normierung des Wissens, sondern um den individuellen Blick. Und das ist etwas, was uns natürlich daran auch gefällt, dass jeder seine eigenen Kontexte und seine Wissensbegriffe mitbringt, um solche Titel zu interpretieren. Also dann muss ich noch ergänzen: Sie sehen, dass wir uns viele Gedanken über den Titel gemacht haben. Besonders spannend fand ich persönlich auch, dass es natürlich auch eine feministische Ebene eröffnet, weil also „Wissen ist süßer als Honig“. Natürlich gerade für Frauen kann Wissen ein mächtiges Werkzeug sein, um sich zwischen unterschiedlichen kulturellen Sprachräumen sicher bewegen zu können. Und insofern wird das auch von der Arbeit verkörpert. Eine inhaltliche Frage habe ich noch ganz kurz: Mashrabia. Sie sagten, es ist ein Fenstergitter. Ist das ein Fenstergitter, was nur in bestimmten Räumlichkeiten auftaucht oder ist das generell auch in Wohnhäusern zu finden? Das ist ein traditionelles architektonisches Element, das man eben gerade in der arabischen Architektur immer wieder findet. Und normalerweise, was eben mit ganz vielen Ambivalenzen spielt, auch klimatische Gründe natürlich, dass dieses Element so entworfen wurde. Aber es geht auch darum, dass zum Beispiel Frauen dahinter, gerade in geschlechtlich getrennten Bereichen, unverschleiert sitzen können, aber trotzdem rausschauen können auf den Platz vor dem Haus, auf die Straße. Also auch diese Ambivalenz zwischen Sichtbarkeit und Verborgenheit, aber auch Privatraum und öffentlicher Raum spielt eine ganz große Rolle. Es geht eigentlich um architektonische Strukturen oder Membrane, die soziale Verhältnisse abbilden. Und das Tolle an diesen Mashrabias ist, dass die in Kairo von Handwerkern gefertigt werden und gedrechselt werden. Und die sind ineinander gesteckt. Also da ist nichts irgendwie verschraubt. Und deshalb sind die auch nie so ganz perfekt und das dürfen sie auch nicht sein. Und insofern bildet sich da einfach auch viel ab, was Traditionen und Erinnerungen betrifft, aber eben immer an dieser Grenze von Innen- und Außenraum, weiblich-männlich, Einschluss-Ausschluss, Privat und öffentlich, Stille und Straße. Und es ist einfach ein vielgültiges Bild, das in verschiedener Hinsicht für uns besonders interessant für diese Ausstellung war. Und deshalb hat dieses Fenstergitter auch eine ganz zentrale Rolle eigentlich im ersten großen Ausstellungsraum. Es ist eben auch besonders spannend, dass geschriebene Kunst eine ganz starke Verbindung zum öffentlichen Raum hat. Und uns das also auch bei der näheren Betrachtung von den Werken aufgefallen ist, wie sehr wir dadurch geprägt sind, dass also im Raum der Straße, in der Öffentlichkeit mit Schrift und Zeichen gearbeitet wird, die unser tägliches Leben strukturieren und navigieren. Und dass es auch eine gewisse Ästhetik in der Written Art gibt, die im Grunde aus dem öffentlichen Raum, von der Straße übernommen wurde. Wenn man gerade eben jetzt vor Leinwänden steht, die mit Sprühfarbe entstanden sind und diese Graffiti-Ästhetik zum Beispiel haben. Ich würde das nicht gleichsetzen mit Street Art, aber es gibt Aspekte, die eben gerade mit der Ästhetik aus dem öffentlichen Raum sehr, sehr stark spielen und die schriftlichen Elemente übernommen haben. Also wirklich sehr, sehr viel zu entdecken in der Ausstellung „Sweeter than Honey“. Ich habe gesprochen mit Oliver Kase und Marleen Freund. Vielen, vielen Dank für das Gespräch, Sie beide. Vielen Dank! Besichtigen könnt ihr „Sweeter than Honey“ noch bis zum 12. April. Also ihr habt noch ein bisschen Zeit, München zu fahren. Vielleicht seid ihr auch schon dort. Ist auf jeden Fall immer eine Reise wert. Was bewegt die Kunstwelt? Über welche Werke und KünstlerInnen wird gerade gesprochen und wie sieht es in der Kulturpolitik aus? Darum geht es hier bei Kunst und Leben, dem Podcast in Kooperation mit dem Monopol Magazin. Neue Folgen, die gibt es immer zweimal im Monat und zwar am Dienstag. Produziert hat diese Folge Wiebke Stark und mein Name ist Sarah Marie Plekat. Ich freue mich auf ein weiteres tolles Kunstjahr 2026 mit vielen neuen Eindrücken und Entdeckungen. Macht’s gut und bis zum nächsten Mal. Kunst und Leben, der Monopol-Podcast von detektor.fm.