Album der Woche: Belle And Sebastian – Girls In Peacetime Want To Dance

Das Herz sagt: Tanz!

12.01.2015

Stuart Murdoch hat nie damit gerechnet, dass seine Band Belle And Sebastian je mehr als zwei Alben rausbringen würde. Nun rückt das 20-jährige Bandjubiläum in greifbare Nähe und die Schotten veröffentlichen Album Nummer neun.

Das 20-jährige Bandjubiläum zum Greifen nahe - Belle And Sebastian (Foto: Søren Solkær)

Belle And Sebastian - Girls In Peacetime Want To Dance

Girls In Peacetime Want To Dance

Belle And Sebastian

(Matador Records, bereits erschienen)

Vier Jahre ist eine verdammt lange Wartezeit für leidenschaftliche Fans wie die der schottischen Formation Belle And Sebastian. Es hat so lange gedauert mit dem neuen Album, weil Sänger und Songschreiber Stuart Murdoch zuletzt eigentlich nur Zeit für sein Nebenprojekt „God Help The Girl“ hatte. Das gab es 2009 schon mal als Platte, aber erst nachdem 2013 auch der gleichnamige Film fertiggestellt war, hatte er den Kopf wieder frei für Belle & Sebastian.

Trotzdem hat die Arbeit am Film offenbar noch in die Aufnahmen zur neuen Platte nachgewirkt – wenn auch vielleicht eher als bewusstes Gegenprogramm. Im Film erzählt Murdoch die Geschichte eines jungen Mädchens, das nach einer persönlichen Krise sozusagen Musik als Therapieform entdeckt und mit Freunden eine Band gründet. Keiner der Protagonisten ist viel älter als 20 und die Songs sind allesamt eher jugendlich beschwingte Popmusik.

„Pop ist was für junge Leute“

Album Nummer 9 von Belle And Sebastian, „Girls In Peacetime Qant To Dance“, ist im Vergleich dazu durch und durch erwachsen, vielschichtiger und in Teilen auch kantiger. Pop ist was für junge Leute, sagt Stuart Murdoch und tut sich offenbar mittlerweile schwer damit, für sich selbst weiter ausschließlich über Popmusik zu kommunizieren.

Wenn man jung ist, handelt man eher noch aus dem Bauch heraus und sehr emotional, da ist es einfach, Popsongs zu schreiben. Mittlerweile ist das nicht mehr so leicht für mich.

An Eingängigkeit fehlt es den neuen Belle And  Sebastian-Songs trotzdem nicht, aber tatsächlich erlaubt sich Stuart Murdoch auf „Girls in peacetime want to dance“ gleich zwei durchaus radikale Breaks mit dem, was man gemeinhin von Belle And Sebastian erwartet: zum einen enthält die Platte neben den gewohnt verspielten Pop-Perlen diesmal auch vergleichsweise viele Disco-Tracks wie„The Party Line“ oder „Enter Sylvia Plath“.

Die andere, fast spannendere Veränderung ist, dass die Songs textlich teilweise eine sehr viel persönlichere Komponente haben als bisher. Stuart Murdoch ist immer sehr offen damit umgegangen, dass er sich eigentlich am liebsten Protagonisten für seine Songs ausdenkt, die dann – aus sicherer Distanz – Dinge sagen oder singen können, die ihm selbst zu privat sind. Auf der neuen Platte überrascht nun gleich der Opener „Nobody’s Empire“ mit Stuarts Erinnerungen an eine Zeit, in der er aus gesundheitlichen Gründen kaum das Haus verlassen konnte und letztlich psychiatrische Hilfe brauchte. Die vielbeschworene therapeutische Wirkung von Musik war in dieser Situation ein echter Rettungsanker, sagt Murdoch.

Mit 19 oder 20 ging es mir richtig mies. Keiner konnte mir sagen, was genau mit mir los war. Ich war komplett isoliert – dafür hatte ich aber jede Menge Zeit zum Träumen. Und dann habe ich angefangen, Songs zu schreiben. Das war meine Rettung.

Fast zwei Jahrzehnte Belle And Sebastian

Vielleicht ist es ja auch die Tatsache, dass das 20jährige Bandjubiläum in greifbare Nähe rückt, die Stuart Murdoch dann auch schon mal ein bisschen sentimental werden lässt: unter anderem, weil er offenbar nie damit gerechnet hätte, dass Belle And Sebastian jemals mehr als zwei Alben herausbringen würden.

Als wir angefangen haben, dachte ich, dass wir vielleicht eine Platte machen oder maximal zwei und sich das mit der Band dann wieder erledigt hätte. Es überrascht mich nach wie vor, dass es uns noch gibt und dass wir immer noch Freunde sind. Nur so kann man so lange zusammenarbeiten – und nur aus dieser Zusammenarbeit entstehen die wirklich guten Sachen.

Ein Teil des Charmes und vielleicht auch der Langlebigkeit von Belle & Sebastian lässt sich damit erklären, dass sich die Band tendenziell immer leicht konträr zum Zeitgeist bewegt. „Wir wollen nicht die Musik machen, die man in den Charts hört”, so lautet Murdochs kleines Band-Manifest. Es gehe eben gerade nicht darum, Erwartungen zu erfüllen oder einen Markt zu bedienen. Songschreiben ist und bleibt für ihn eine Herzensangelegenheit.

Was immer du tust – mach nie den nächsten „logischen“ Schritt. Mach das, was dein Herz dir sagt.

Disco, Pop und Ironie

Stuart Murdochs Herz sagt aktuell ganz offensichtlich: Tanz! Damit aber weder ihm selbst noch den Fans langweilig wird, ist das neue Album dann eben auch nicht nur Disco, sondern bedient nach wie vor Hipster genauso wie Freunde des gepflegt epischen Pop – mit Garantie auf feinsinnige Texte und ausreichend Ironie, so dass niemand Gefahr läuft, beim Hören das musikalische Äquivalent eines Zuckerschocks zu bekommen. Nicht auszuschließen ist dagegen, dass man sich auch bei diesem Album nur schwer dem Suchtpotential  entziehen kann, das bisher noch jede Platte der Glasgower Band mit sich gebracht hat. Davon kann sich immerhin selbst Stuart Murdoch nicht ganz frei machen, schließlich hat er auch nach fast 20 Jahren noch lange nicht genug von Belle And Sebastian.

Ich wäre nichts ohne die Band. Ich finde Bands sowieso großartig, Solo-Projekte sind mir immer ein bisschen suspekt. Wie war das denn, als sich die Smiths getrennt haben? Klar, es gab auch ein paar tolle Singles von Morrissey – aber letztlich war es doch irgendwie ein Niedergang. Eine Band ist eine unverwüstliche Sache, eine Macht eben.

Wenn Stuart Murdoch über „seine“ Band spricht, klingt es eigentlich immer wie eine Liebeserklärung. Möglicherweise ist genau das auch sein Erfolgsrezept: soviel Begeisterung kann nur ansteckend sein. Natürlich hilft es auch, dass Murdoch unbestritten zu den besten Songschreibern seiner Generation gehört. Wenn er also den Belle & Sebastian-Sound neu definieren will und dabei ausnahmsweise ein bisschen mehr auf die Disco-Schiene setzt – dann soll er!

Redaktion: Doris Hellpoldt