Album der Woche: Boy & Bear – Limit Of Love

Unperfekter Hochglanz-Pop

02.11.2015

Der Erfolg ihres letzten Albums "Harlequin Dream" brachte dem australischen Quintett Boy & Bear einen waschechten Tour-Marathon ein. 170 Konzerte spielten sie – und waren danach dem Burnout nahe. Es wurde also Zeit, in Ruhe am Nachfolger zu arbeiten. "Limit Of Love" heißt der und ist unser Album der Woche.

Boy & Bear  - Limit Of Love

Limit Of Love

Boy & Bear

(Nettwerk, bereits erschienen)

Eingängige Songs mit höchster Ohrwurm-Wahrscheinlichkeit, außerdem (und jetzt kommt das vielleicht schlimmste aller Lobesworte im Indie-Kosmos): massenkompatibel. Alles das kann man Boy & Bear vorwerfen – oder man kann sie genau dafür mögen.

„I could be all the right things“, singt Dave Hosking in einem Song auf dem neuen Boy & Bear-Album, „Limit of Love“, und meint eigentlich die unsinnigen Versuche, sich in allem anzupassen, um das absehbare Ende einer Beziehung herauszuzögern. Aber die Zeile fasst auch das musikalische Potenzial der Band zusammen – denn irgendwie machen Boy & Bear Musik, die so rundum gefällig klingt, dass es fast unheimlich ist. Boy & Bear selbst haben die einfachste aller Erklärungen für ihren Erfolg: es ist schlichtweg gute Pop-Musik.

Unsere Songs haben irgendwie alle was poppiges. Wir machen nicht wirklich Kommerz-Pop, aber es gibt auf jeden Fall die klassischen Pop-Elemente in unserer Songstruktur – Instrumental, Bridge, Strophe und Refrain – das volle Programm.

Live mit dabei im Wohnzimmer

Das klassische Songwriting-Prinzip hat schon in den 60ern funktioniert, meint Boy & Bear-Bassist Dave Symes, und ganz offensichtlich tut es das immer noch. Das neue Album „Limit of Love“ ist aber auch in anderer Hinsicht old school. Weil es die bevorzugte Arbeitsweise ihres Produzenten Ethan Johns ist, haben Boy & Bear diesmal alle Songs live eingespielt. Das birgt zwar das Risiko von kleinen Ungenauigkeiten und nicht ganz perfekten Takes, dafür wirkt aber eben auch nicht alles so glatt und hochglanzpoliert, sagt Dave Symes.

Wir sind nun mal fünf Leute, die aufeinander reagieren. Wenn einer von uns etwas schneller spielt oder lauter oder bei einem bestimmten Sound besonders mitgeht – dann beeinflusst das die anderen. Und wir wollten genau diese Dynamik bei den Aufnahmen festhalten, dieses Gefühl, dass wir alle in einem Wohnzimmer sitzen und ein paar Songs spielen – und wer die Platte hört, ist quasi auch dabei.

Der sechste Boy bei Boy & Bear

Auch beim Songschreiben gab es diesmal unterschiedliche Ausgangspunkte innerhalb der Band – es war eben nicht nur Frontman Dave Hosking, der mit der Akustikgitarre erste Ideen entwickelt. Manchmal kam der erste Impuls auch über Bass und Schlagzeug oder dadurch, dass alle gemeinsam im Studio standen. Der Boy & Bear-Sound habe so ein paar neue Geschmacksrichtungen dazu gewonnen, sagt Dave Symes. Daran hat natürlich auch wieder Produzent Ethan Johns Anteil, mit dem sich die Band in Peter Gabriels „Real World“-Studio im Südwesten Englands eingemietet hat. Die Live-Atmosphäre war offensichtlich ansteckend – irgendwann fragte Ethan, ob er nicht den einen oder anderen Part einspielen könnte.

Ethan lag auf dem Sofa im Studio und wir dachten alle, er schläft. Irgendwann sprang er auf und fragte: „Habt ihr was dagegen, wenn ich hier ein bisschen Keyboard dazu spiele?!“ Letztlich hat er alles Mögliche gespielt, Keyboards, Gitarre, Schlagzeug. Und er ist in allem richtig gut. Es war toll, ihn mitmachen zu lassen.

Ein kleiner Triumph der Imperfektion

Ethan Johns hat sich auf  „Limit of Love“ also die Ehrenmitgliedschaft bei Boy & Bear erspielt – und nebenbei das dritte Album der Australier zu einem kleinen Triumph der Imperfektion gemacht. Das Schlussstück der Platte, „Fox Hole“, ist dafür das beste Beispiel. Boy & Bear-Frontmann Dave Hosking war nach dem ersten Take nicht zufrieden mit seinem Gesang und wollte eine weitere Version aufnehmen. Ethan hat es ihm ausgeredet – der nicht ganz perfekte Take habe gerade deshalb etwas Besonderes. Manchmal sei eben etwas, das zuerst nach Kompromiss aussieht, bei genauerem Hinsehen die beste Lösung. Lektion gelernt, meint Dave Symes.

Manchmal ist deine Idee eben nicht die, die sich durchsetzt. Da muss man respektvoll miteinander umgehen und offen dafür sein, dass die andere Idee vielleicht auch die bessere ist.

Der schönste Nebeneffekt einer live eingespielten Platte ist, dass sich die Songs prima auf die Bühne bringen lassen. Genau das haben Boy & Bear auch als Nächstes vor. Nach den USA, Australien und Großbritannien ist Deutschland im Frühjahr mit weiteren Konzerten dran. Bis dahin liefert „Limit of Love“ ausreichend Stoff zur Überbrückung und zum Vorfreuen.


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