Album der Woche | Calexico And Iron & Wine – Years To Burn

Die Magie des Moments

17.06.2019

Calexico sind bekannt dafür, dass sie Studio und Bühne gerne mit anderen Musikern teilen. 2005 haben sie mit Iron & Wine die EP „In The Reins“ aufgenommen haben. Mit "Years To Burn" gibt es jetzt eine Fortsetzung dieser Zusammenarbeit: acht neue Stücke die reifer klingen, aber immer noch experimentierfreudig.

Geht zusammen wie Topf und Deckel: Calexico und Iron & Wine.
Foto: Piper Ferguson

Calexico and Iron & Wine - Years to Burn

Years to Burn

Calexico and Iron & Wine

(City Slang, bereits erschienen)

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Das Album der Woche wird präsentiert von Dockin. Promo-Code: detektor.fmDockin10


Die Haare sind grauer geworden, die Bärte länger und die Familien größer bei Sam Beam alias Iron & Wine, John Convertino und Joey Burns alias Calexico. Aber die drei mittelalten Männer wollen sich musikalisch immer noch herausfordern. Sie suchen das Unerwartete im Studio, den Moment, in dem Magie entsteht, sagt der 52-jährige Burns.

Sich selbst zu überraschen ist sehr wichtig, aber auch ziemlich schwierig, weil man alle Prozesse so genau kennt. Sam, John und ich sind uns recht ähnlich, wir sind alle eher entspannt und offen für die Ideen der anderen. Wir, also John und ich, hatten keine ausgearbeiteten Demos oder konkreten Vorstellungen und ich denke, das war Sam ganz recht. Manche seiner Gitarrenparts sind dieses mal roher, er spielt nicht so perfekt sondern mit Ecken und Kanten und das mag ich sehr.

Raum für Input

Die Wege von Burns, Convertino und Sam Beam kreuzten sich zum ersten mal 2004. Beams Manager Howard Grenolds brachte sie zusammen. Die Musiker waren ein wenig skeptisch – waren Beams Songs nicht komplett und auskomponiert, gab es darin überhaupt Raum für zusätzlichen Input? Oder würden Calexico mit all ihrer Instrumentenpower die Stücke einfach plattwalzen? Die Zweifel waren ungegründet, auf In The Reins erweitern Calexico mit ihrem Gespür für cineastische Grandezza die verhuschten Folkmelodien von Iron & Wine. Beams Gesang und Burns‘ Harmonien klingen himmlisch.

Seitdem haben die Künstler immer wieder gelegentlich zusammengearbeitet – Beam ist auf einigen Calexico-Alben zu hören, gemeinsam haben sie einen Bob Dylan-Song für den Soundtrack des Films I’m Not There aufgenommen. Für mehr war lange keine Zeit, bis zum letzten Jahr. Im Dezember begaben sich die drei zusammen mit Produzent Matt Ross-Spang in ein Studio in Nashville.

Wir leben alle in unterschiedlichen Teilen der USA – Sam in North Carolina, John in Texas und ich in Arizona. In Nashville konnten wir also alle ein paar Tage in Ruhe arbeiten. Außerdem wohnt unser guter Freund Paul Niehaus dort, der auch auf dem Album zu hören ist. Die Stadt hat eine lange musikalische Geschichte, viele interessante Orte und nicht zuletzt gibt es eine Verbindung zu der Art Musik, die wir machen. Und auch zur Musik von Iron & Wine.

Mit der ersten Single Father Mountain gibt es auf Years To Burn einen Iron & Wine-typischen Wohlfühl-Song mit entspannt klimpernden Akustikgitarren, dem verschleppten Besengroove Convertinos und einem Refrain der sofort im Ohr hängen bleibt. Das melancholische Midnight Sun hat Burns am Abend vor den Aufnahmen im angemieteten Apartment geschrieben. Die geisterhaften Vocals der beiden Sänger schweben über Paul Niehaus‘ schimmernder Pedal-Steel bis der Song in ein schrilles E-Gitarren-Duell übergeht. Zwischen eher klassischem Songmaterial überrascht das atmosphärisch-ambienthafte Outside El Paso.

Vergangenheit und Gegenwart

Während auf In The Reins hauptsächlich Sam Beam den Gesang übernommen hatte, ist auf Years To Burn auch hin und wieder Joey Burns als Leadsänger zu hören. Beam hat ihm sogar seinen eigenen Song In Your Own Time überlassen.

Sam meinte, du könntest ihn doch singen! Ich bin also in unser Apartment gegangen, hab den Song in einer Stunde gelernt und wir haben ihn dann im Studio aufgenommen. Ich finde er klingt sehr nach Alternative Country, wie ein Uncle Tupelo-Song. Und die Textzeile „Someone will catch you if you fall“ mag ich sehr. Sie repräsentiert den Geist dieser Zusammenarbeit sehr gut. Ein paar Freunde treffen sich und schauen zusammen auf die Vergangenheit, aber vor allem auch auf die Gegenwart.

Years To Burn ist Teil zwei, aber keine bloße Fortsetzung von In The Reins. Hier treffen sich drei kongeniale Musiker auf einer Ebene und das Ergebnis ist mehr ist als die Summe der Einzelteile. Sie ergänzen die Stücke des jeweils anderen hörbar, ohne dass dabei dessen Charakter verloren geht. Die Magie des Moments einzufangen und dabei nicht den Song aus den Augen zu verlieren, ist alles andere als leicht. Calexico und Iron & Wine gelingt das auch dieses Mal.