Album der Woche: Dan Mangan – Oh Fortune

28.11.2011

Was braucht ein britisches Prinzenpaar wie William und Kate für ihre erste offizielle Auslandsreise? Klar, einen angemessenen Soundtrack. Und genau dafür suchte der kanadische Premierminister in diesem Sommer eine Art „Hofkomponisten“. Gefunden hat er ihn in Dan Mangan, ein Songwriter, der momentan offenbar Kanadas musikalischer Überflieger schlechthin ist.

Hat nicht nur eine Katze, sondern auch ein Band: Dan Mangan (Foto: Promo)

Oh Fortune ist das erste Album des kanadischen Vorzeige-Musikers Dan Mangan, das auch in Europa offiziell zu haben ist, aber man hört sofort, dass es kein Debüt ist. Hier ist ganz klar ein Profi am Werk, ein Mensch, der weiß, wie seine Musik am besten wirkt. Mangan blickt mit seinen 28 Jahren bereits auf eine beachtliche Karriere zurück, die in seiner Heimat auch schon von diversen Musikpreisen und Titeln wie „Künstler des Jahres“ gekrönt wurde. Mit 20 veröffentlichte er eine erste EP und wurde schnell als neue Folk-Hoffnung gefeiert. Mangans neues Album mit Blick auf seine Anfänge aber einfach unbesehen in die Singer-Songwriter-Ecke zu packen, würde der Platte nicht gerecht – und auch Mangan selbst sieht sich mittlerweile lieber als ein vielseitig ausgerichteter Musiker.

Ich strebe nicht danach, in dieser Folk-Sparte eingeschlossen zu sein: der bärtige weiße Typ mit seiner Gitarre. Es ist für mich sehr wichtig, zu wachsen und Neues auszuprobieren, verschiedene Sounds zu entdecken und zu experimentieren. Ich weiß nicht, wohin mich das letztlich bringen wird – es könnte mit der Zeit in verschiedene Richtungen gehen, aber genau das finde ich spannend.

Trotz aller Experimentierfreude bleibt Oh Fortune verwurzelt in der Folk-Tradition. Mangan ist ein Meister im Balancehalten: er schafft es, zum einen die philosophischen Grundpfeiler des Folk beizubehalten, zum anderen die Genre-Grenzen für sich aber nicht zu eng zu stecken. Ja, er schreibt ehrliche, geradlinige Songs und konzentriert sie auf das Wesentliche. Aber daneben gibt es auch viel Raum für die Band, die sich austoben darf und dabei große orchestrale Momente erzeugt.

Ich habe das Album bewusst kompliziert und vielschichtig gemacht – es ist eine Art Spiegel des Lebens. Und das Leben ist nun mal chaotisch und kompliziert. Und letztlich mag ich auch den Gedanken, ein Album zum zehnten, zwanzigsten oder fünfzigsten Mal zu hören und dann immer noch etwas zu entdecken, was du vorher noch nicht darin gehört hast.


Oh Fortune hat viele übersprudelnde, aber auch ganz in sich gekehrte Momente. Mangans Stimme klingt stellenweise dreckig und rau, dann wieder ganz leise, warm und sanft. Mangan legt mit den ersten Songs auf Oh Fortune ein vergleichsweise hohes Tempo vor und injiziert zusätzlich eine Extra-Dosis positiver Energie. Dazu stehen die ruhigen Songs im weiteren Verlauf des Albums in starkem Kontrast, aber auch diese Stücke entwickeln eine ganz besondere Kraft und wirken gerade deshalb lange nach.

Obwohl Mangan selbst von sich sagt, er sei nicht besonders gut darin, Liebeslieder zu schreiben, finden sich auch sehr gefühlvolle Stücke auf dem Album. Allerdings sind Mangans Liebeserklärungen sehr viel subtiler als die, die man aus den üblichen „boy-meets-girl“-Popsongs kennt. Daffodils ist eine dieser fast beiläufigen Liebeserklärungen, ein ganz kurzes Stück, das fast nur aus einer Aneinanderreihung buchstäblich blumiger Kosenamen besteht, kleine liebevolle Familieninterna, die einen intimen Blick in die Lebens- und Liebesgeschichten seines Großvater und seiner Mutter erlauben.

Familie und das Älterwerden, sagt Dan Mangan, seien für ihn gerade Themen, die in sehr beschäftigen. Bevor er das Album geschrieben hat, habe er viel über existentielle Dinge nachgedacht – über Entfremdung, Isolation und das Sterben – alles Ängste, die viele Menschen mit sich herumtragen. Ein morbides Album sei Oh Fortune deshalb aber noch lange nicht – eher eine gesunde Auseinandersetzung mit den Unausweichlichkeiten des Lebens.

Man kann nicht ohne den Tod über die Existenz nachdenken. Es ist tatsächlich sehr hilfreich, eine gesunde Assoziation damit zu verbinden. Sich mit dem Tod zu arrangieren, ist ein guter Anfang, das Leben tatsächlich schätzen zu lernen. Viele dunklere Themen auf dem Album werfen vielleicht einen Schatten, so dass die Leute denken, es sei ein düsteres Album. Ich glaube aber nicht, dass das so ist. In den Songs schwingen eine Art Triumph oder Hoffnung mit.

In seinen Songs, sagt Dan Mangan, siegt am Ende immer die Hoffnung. Und nicht nur seine Musik ist von dieser positiven Grundeinstellung geprägt – Mangan ist generell Mensch, der optimistisch in die Zukunft blickt und sich nicht von Ängsten einschränken lassen will.

Ein Motto von mir ist tatsächlich: „Fuck Fear!“. Viele Leute sagen, dass sie Angst vor dem Sterben haben. Ich denke, viele haben eher Angst vor dem Leben. Es gibt überhaupt zu viel Angst. Menschen treffen aus Angst falsche Entscheidungen. Sie werden boshaft, eifersüchtig und wütend. Viele Dinge auf dieser Welt passieren nur, weil die Menschen Angst haben und ihre Angst führt dazu, dass sie rationale Gründe für absurde Dinge finden. Um ein gesundes Leben zu führen, ist es wichtig, seine Angst zu überwinden.

Oh Fortune ist Mangans Versuch, die schönen und die schwierigen Dinge im Leben in Einklang zu bringen, das Gute genau wie das Schlechte gleichermaßen zu akzeptieren. In seinen Texten bewegt er sich dabei zwischen Ironie und ehrlichen Bekenntnissen, ist nachdenklich und trotzdem irgendwie sehr unbeschwert. Auch musikalisch sind die Songs fast immer mit einer ordentlichen Portion Optimismus gespickt – und damit auf jeden Fall ein geeignetes Gegenmittel bei November-Blues.