Album der Woche | Jay Som – Anak Ko

Nüchtern in der Wüste

Als Jay Som kombiniert Melina Duterte Dreampop, Shoezage und Indierock und hat damit schon viel Lob eingefahren. Ihr letztes Album „Everybody Works“ hat bei Pitchfork das Prädikat „Beste neue Musik“ bekommen. Ihr drittes Album „Anak Ko“ ist in einem kleinen Haus in der Wüste entstanden.

Melina Duterte ist Jay Som.
Foto: Lindsey Byrnes

Jay Som - Anak Ko

Anak Ko

Jay Som

(Lucky Number / Rough Trade, bereits erschienen)

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Das Album der Woche wird präsentiert von Dockin. Promo-Code: detektor.fmDockin10


Am liebsten nimmt Melina Duterte alias Jay Som ihre Songs zu Hause auf. Zum Glück hat sie tolerante Nachbarn, die sich während der Aufnahmen zu ihrem dritten Album Anak Ko nur einmal beschwert haben. Ob sie denn um zwei Uhr morgens noch Karaoke singen müssten, das war allerdings Dutertes Geburtstagsfeier. Aber eigentlich sorgt ihr „Schlafzimmer“-Pop eher für Begeisterung als für Protest. Und Schlafzimmer stimmt auch nur, weil sie eben immer noch in ihrem Zimmer aufnimmt, anstatt in ein teures Studio zu gehen. Das braucht Jay Som aber auch nicht für ihre wunderbaren Songs zwischen Shoegaze und Dreampop.

Musikerin statt Krankenschwester

Geboren und aufgewachsen ist Melina Duterte in der San Francisco Bay Area, ihre Eltern sind aus den Philippinen in die USA eingewandert. Ihr Vater hat eine Zeitlang als DJ gearbeitet und als Kind hat Duterte seine Plattensammlung durchgehört, vor allem 70er Funk hat ihr gefallen. Ihre Mutter schenkte ihr eine Gitarre, sie lernte Green Day-Songs nachspielen und begann schon in der Grundschule Songs zu schreiben. Ihre Eltern hatten sich für ihre Tochter eine eher traditionelle Karriere, zum Beispiel als Krankenschwester, vorgestellt, unterstützten aber ihre musikalischen Ambitionen. Allerdings – ganz nach dem Motto keine halben Sachen – sollte sie auch Produktion lernen und sich mit der geschäftlichen Seite auskennen und natürlich ihre Instrumente beherrschen. Die harte Arbeit hat sich gelohnt. 2015 lud sie einige Songs bei Bandcamp hoch und nur wenig später hatte sie einen Plattenvertrag. Auf ihren ersten beiden Alben schrieb, spielte und arrangierte sie alles selbst.

Auf Anok Ko spielt sie zwar immer noch die meisten Instrumente, hat sich aber auch ein paar Freunde zur Unterstützung eingeladen. Mit dabei waren unter anderem
Annie Truscott von Chastity Belt oder Taylor Vick von Boy Scouts. Geschrieben hat Duterte die Songs in einem kleine Haus im Joshua Tree Nationalpark. In ihrer neuen Heimat Los Angeles war sie zu abgelenkt, sagt sie. Musikalisch lässt sie zwischen wirbelndem Dreampop, 70s-Softrock und 90er Alternative wenig aus. Mal fühlt man sich an Yo La Tengo, mal an PJ Harvey oder The Smiths erinnert. Den aus verschiedenen Genres zusammengebauten Songs drückt sie mit ihrem seuselnd-süßlichen Gesang den Jay Som-Stempel auf.

Mein Kind

Ihre Songs handeln unter anderem von alten Beziehungen wie der Opener If You Want It, neuen Romanzen (Tenderness) und Sucht. Seit über einem Jahr trinkt sie keinen Alkohol mehr, nachdem sie eine Weile nach ihrem Geschmack ein wenig zu viel in Bars unterwegs gewesen ist. Das thematisiert sie den Song Get Well, wo es heißt “How do you find peace / With a drink in your hand?”.

Anak Ko ist Tagalog, die am weitesten verbreitete Sprache auf den Philippinen und bedeutet auf Deutsch „Mein Kind“. Das ist der Spitzname, den Dutertes Mutter benutzt und zeigt auch wie wichtig ihr die Musik ist. Zum Glück hat sie sich gegen die medizinische Karriere entschieden, sonst könnten wir uns heute nicht an diesem tollen zeitlosen Album erfreuen.