Album der Woche | Lambchop – This (Is what I wanted to tell you)

Persönlich und direkt

Lambchop haben sich als eine der innovativsten Bands der amerikanischen Musikszene etabliert. Das Musikerkollektiv um Songwriter Kurt Wagner verbindet Genres wie Folk und Country mit Soul und Electronica zu einem ganz eigenen Sound. Das gilt auch für das neue Album „This (Is what I wanted to tell you)“.

Zieht erste Bilanz: Kurt Wagner von Lambchop.
Foto: Steve Gullick

Lambchop - This (Is what I wanted to tell you)

This (Is what I wanted to tell you)

Lambchop

(City Slang, bereits erschienen)

Das ging mit dem Titelsong los und ich dachte mir, mal sehen ob ich das Wort „you“ in jedem einzelnen Songtitel verwenden kann. Damit wird eine direkte Beziehung zu einer einzelnen Person angedeutet, statt das Publikum als anonyme Masse anzusprechen. Das hat mir gefallen, denn ich wollte ohnehin persönlicher sein, was meine Themen betrifft. Mit you meine ich also den Hörer bzw. die Hörerin.

…sagt Lambchop-Mastermind Kurt Wagner. Das letzte Album FLOTUS war seiner Frau Mary Manzini gewidmet, auf This (Is what I wanted to tell you) schaut er nach innen. Wagner ist vor ein paar Monaten 60 Jahre alt geworden und zieht in den Songs eine erste Bilanz. Er befasst sich aber auch mit aktuellen Dingen, alltäglichen Sorgen und dem Leben in den USA unter Präsident Trump. Im Stück The Air is Heavy and I Should Be Listening to You stellt er zum Beispiel fest „This is the new not normal“. Aber Wagner erzählt keine Geschichten im herkömmlichen Sinn. Die Texte sind eher eine Aneinanderreihung von Gedanken, die auch manchmal nicht unbedingt logisch sind, gibt er zu.

Ich mache mir ständig Notizen und schreibe Ideen auf. Aus dieser Sammlung kann ich jederzeit schöpfen. Es kommt nur darauf an, die passenden Zeilen für die Songs zu finden. Es muss sich richtig anfühlen und gut klingen, auch wenn es inhaltlich vielleicht nicht viel Sinn ergibt.

Zusammenarbeit mit Matthew McCaughan

Seine wie immer zurückhaltend vorgetragenen Ausführungen werden von einem dicken Teppich aus elektronischen Sounds begleitet. Sie wabern und rauschen, während veträumtes Pianogeklimper, ein groovendes Schlagzeug und ein knarzender Bass den Stücken so etwas wie Struktur geben. Irgendwo im Hintergrund seufzt die Pedalsteel, überraschend tauchen eine Mundharmonika oder eine jazzige Trompete auf und verschwinden wieder im Soundteppich. Wagner hat die Songs in enger Zusammenarbeit mit Matthew McCaughan geschrieben.

Die meisten Leute kennen Matthew wahrscheinlich als Drummer von Bon Iver oder Hiss Golden Messenger. Aber er arbeitet auch mit Sounds. Ich kenne ihn schon sehr lange und vor einiger Zeit hat er mich um ein paar Gesangssamples gebeten, mit denen er experimentieren konnte. Er hat dann in seinem Studio Sessions aufgenommen, abstrakte elektronische Musik zwischen 15 und 30 Minuten lang. Die waren die Grundlage für die neuen Stücke. Ich hab mich also nicht wie früher mit einer Gitarre hingesetzt, sondern sein Material benutzt und daraus die Songs gemacht.

Wie schon auf dem letzten Album FLOTUS verfremdet Wagner seine tiefe, rauchige Stimme mit allerlei Effekten. Im Laufe der acht Songs nimmt die Stimm-Modulation immer weiter ab, bis sie im letzten Stück Flower ganz wegfällt. Überhaupt sticht dieser kurze, vergleichsweise sparsam arrangierte Song aus dem Rest des Albums heraus.

Der Song fungiert fast wie ein Nachtrag in einem Brief, ein PS: Ich liebe dich. Das Wort „Flower“ ist sehr suggestiv. Ist das ein Geschenk oder der Anfang von etwas? Ich war der Meinung, dass wir das Album mit diesem Song abschließen sollten. Um den Fluch zu brechen, sozusagen. Nach all den Wall-of-Sound-mäßigen Stücken, die sehr groß und laut sind, haben wir diesen Song nicht gemastert. Das unterstreicht nochmal die Intimität des Gesprächs, hier bin ich ganz direkt, ohne irgendwelche Effekte.

PS: Ich liebe dich

This (Is what I wanted to tell you) ist ein überraschendes, ehrliches und berührendes Album. Kurt Wagner und Lambchop verbinden Experimentierfreude mit einer hypnotischen Atmosphäre und einem untrüglichen Gespür für gute Songs. Das stete Suchen nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten hat sich wieder gelohnt.