Album der Woche: Stornoway – Bonxie

Vogel-Folk

13.04.2015

Der promovierte Ornithologe Brian Briggs hat jüngst im Guardian einen Appell veröffentlicht: Schulkinder sollten Vogelstimmen genauso lernen wie andere Fremdsprachen, um die Natur besser verstehen zu können. In seiner zweiten Karriere als Sänger der Band Stornoway geht er jetzt mit gutem Beispiel voran.

Der Vogel im Fokus - Stornoway experimentieren mit Vogelstimmen. Foto: PR

Stornoway - Bonxie

Bonxie

Stornoway

(Cooking Vinyl, bereits erschienen)

Stornoway hatten schon immer eine Vorliebe für exotische Instrumente und ungewöhnliche Geräuschquellen. Auf ihrem neuen Album „Bonxie“ sind es tierische Gastmusiker, die zur einzigartigen Stornoway-Klanglandschaft beitragen.

Zwanzig unterschiedliche Vogelstimmen sind auf der Platte zu hören – mal mehr, mal weniger offensichtlich eingebaut in die Songs. Eins der schönsten Beispiele dafür ist „Lost Youth“, wo im Intro der Ruf des Moorschneehuhns zu hören ist: ein ziemlich skurriles Geräusch, dessen Charakter Stornoway überraschend nahtlos in die Musik integrieren und fortführen.

Moorschneehuhn und Raubmöwe

Den Titel „Bonxie“ hat das Album nach dem schottischen Namen für die dort heimische Große Raubmöwe bekommen. Kein Zufall, immerhin ist Stornoway-Sänger Brian Briggs studierter Ornithologe. Schon seit dem ersten Album der Band, „Beachcomber’s Windowsill“, ist klar, dass Brian eine besonders enge Verbindung zum Meer und zu Seevögeln hat – beides immer wieder wichtige Motive bei Stornoway.

Ich liebe die Küste, ich habe viel Zeit da verbracht als ich für den Naturschutz gearbeitet habe. Am Meer habe ich mich schon immer zuhause gefühlt – und glücklich.

Nachdem die Band lange ihre Basis in Oxford hatte, ist Brian mittlerweile an die südwalisische Küste gezogen – näher ans Meer und mitten rein in die Landschaft, in der er sich am wohlsten fühlt. Genau dort sind die Songs für „Bonxie“ entstanden. Der Atlantische Ozean hat dann auch einen besonderen Platz auf der Platte bekommen – der Opener „Between the Saltmarsh and the Sea“ passt als Liebeserklärung an die Küste genauso wie für den einen besonderen Menschen.

Sehnsucht nach Weite

Fast jede Klanglandschaft der Stornoway-Songs zeichnet ein akustisches Bild von Strand, Wind und Weite. Das war bei den bisherigen Alben auch so, allerdings war es da eher Ausdruck einer Sehnsucht als der tatsächlichen Erfahrung. Schließlich ist Oxford ein ganzes Stück entfernt vom Meer, sagt Keyboarder Jon.

In den Songs gibt es viele Bezüge zur Küste und zur Wildnis, während Oxford ja klassisches Binnenland ist und kein bisschen wild. Da ist also ein Stück Eskapismus dabei, eine Sehnsucht nach dem Draußen und nach Weite.

Mittlerweile ist Jon der einzige in der Band, der noch in Oxford wohnt. Bassist Oli verbringt die meiste Zeit in London und sein Bruder & Stornoway-Schlagzeuger Rob ist gerade in New York. Das ist dann auch fast die einzige Stadtlandschaft, die auf dem neuen Album eine Rolle spielt, zu hören bei „Man On Wire“ – ein Song über den Balanceakt auf dem Drahtseil als Metapher fürs Leben in der modernen Großstadt.

Pop mit Verkleidung

Fast jeder Song auf „Bonxie“ hat Ohrwurmpotential und es ist schwer, gegen den permanenten Mitsing-Impuls anzukommen. „It’s pop, but in disguise“ – Popmusik, die sich verkleidet hat, so beschreibt es Frontmann Brian. Auch Bassist Oli Steadman hat seine Schwierigkeiten damit, Stornoway einer bestimmten Stilrichtung zuzuordnen. Aber immerhin sei der Mix ziemlich konkurrenzlos.

Es ist unser eigener Mix, etwas, was ich so noch nie woanders gehört habe. Ich glaube, wir machen das nicht mal absichtlich, wir sind einfach bei dieser seltsamen Mischung aus Folk, Soul und allen möglichen Dingen gelandet.

Stornoway haben ihren Experimentierdrang und den Entdeckergeist auch bei diesem Album nicht verloren, sie sind nur besser darin geworden, die Zuhörer mitzunehmen in ihre Soundwelt. „Bonxie“ ist wie einmal tief durchatmen – jeder Song eine kleine Alltagsflucht, inklusive Wellenrauschen. Die bisher schönste Platte des Frühjahrs.