Album der Woche: Talking To Turtles – Split

Raus aus der Comfort Zone

11.08.2014

Das Leipziger Duo Talking To Turtles hat seine verspielten Folk-Miniaturen aus den Anfangstagen zu komplexen Popsongs aufpoliert. Songs über das Unterwegssein und eine Comfort Zone, die man nur ungern verlässt.

Florian Sievers und Claudia Göhler denken größer auf dem neuen Talking To Turtles-Album. Foto: PR

Talking To Turtles - Split

Split

Talking To Turtles

(Devil Duck, bereits erschienen)

Split – Das Making-of

Talking To Turtles haben uns zu jedem Song ihres neuen Albums eine kleine Geschichte erzählt und uns exklusive Einblicke in die Arbeit im Studio gewährt. Seht und hört hier das Making-of:

„Eine Split-Platte mit uns selbst“

Eine tiefe, warme Orgel eröffnet das neue Talking To Turtles-Album. Ein bisschen gibt sie die Richtung vor für die nun folgenden knapp 40 Minuten. Das Leipziger Duo denkt größer. Flächige Sounds statt zartem Glockenspiel. Und auch der Gesang nimmt größere Räume für sich in Anspruch. Die Folk-Miniaturen der Anfangstage sind komplexen Pop-Songs gewichen.

Split ist Albumtitel und Devise zugleich. Mit der Hälfte der Songs ging es nach Berlin ins Studio. Die restlichen Songs waren zwar schon da, aber bei weitem nicht so ausgereift. Also haben Claudia Göhler und Florian Sievers die Platte in zwei Sessions aufgenommen: 10 Tage im Februar, 10 Tage im April/Mai.

… und irgendwie hatten wir das Gefühl, dass die Songs, die für die jeweilige Aufnahme-Session geplant waren, sich zumindest im Ansatz voneinander unterscheiden. Die Songs von der einen Session klingen vielleicht ein bisschen rauer, traditioneller und nahbarer. Dann haben wir gedacht: Vielleicht ist das ja eine Split-Platte mit uns selbst. Es gibt ja so Split-Veröffentlichungen mit zwei Bands, damit es günstiger ist beim Releasen.

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Songs über das Unterwegssein

Die ästhetische Trennung ist auf dem finalen Resultat gar nicht so unbedingt wahrnehmbar. Die zehn Songs auf Split klingen homogen, trotz der Trennlinie in der Tracklist. Geblieben ist die inhaltliche Trennung. Zu fast jedem Song gibt es einen Partner-Song, der ein ähnliches Thema beackert, aber aus einer anderen Perspektive draufguckt. In den Songs „Fling“ und „Passenger Seat“ geht’s zum Beispiel um das Unterwegssein.

Man kann vielleicht auch sagen: Wenn Musiker zwei Jahre auf Tour waren, dann schreiben die halt immer darüber, wie das ist, wenn sie auf der Straße unterwegs sind. Daher kommt das auch. Bei uns ist es so, dass wir einen großen Teil unseres Unterwegsseins mit der Musik immer zu zweit erlebt haben. Wir waren einfach viel zu zweit im Auto. Das ist natürlich eine Situation, aus der man viel zieht. Man denkt darüber nach, was das mit einem macht. So über die Jahre hinweg. Ich würde sagen, dass das prinzipiell etwas Gutes mit uns gemacht hat. Und das steckt in diesem Song drin.

Talking To Turtles haben den einfachen, glatten Pop-Song schon immer gescheut. Und auch auf Split denken die beiden immer mal um die Ecke, schlagen kurz vor dem Abzweig zur Gefälligkeit noch ein paar Haken. Doch in Songs wie „Green“ fällt auf: Ganz so verschwurbelt ist das nicht mehr.

Wir mussten lernen, auf dieser Platte auch mal Songs zu machen, die nicht dreimal in der Dynamik zerfallen und wieder zusammengebaut werden. Das ist ein Song, der in einem Tempo durchgeht und den genießen kann, ohne zu verkopft zu sein. Den kann man einfach so fließen lassen. Durchgehende Snare Drum, von vorn bis hinten.

Eine bedrückende Nestwärme

Die Texte entstehen oft assoziativ, erzählt Sievers. Zeile für Zeile legen sich Ideen über das musikalische Gerüst. Manchmal entsteht daraus ein unkonkretes, diffuses Gefühl, manchmal aber auch ein greifbares Thema. „Safetyville“ z.B. kann man wunderbar als Hommage an die Generation Bausparvertrag lesen. Und spätestens wenn man sich vor Augen führt, wie behütet man aufgewachsen ist und wie sehr man jene beneidet, die statt der vernünftigen Jobwahl volles Risiko gegangen sind, fühlt man sich irgendwie ertappt und selbst als Bewohner in diesem Safetyville.

Zum Beispiel dieses Schlagwort „Nestwärme“ – das passt schon zu dem Song. Aber weniger in einem positiven Sinne, sondern eher im Sinne einer Comfort Zone, aus der man ungern rausgeht. Es geht um den Wunsch danach, einfach mal jemand zu sein, der Sachen macht, ohne darüber nachzudenken. Wir waren in den letzten Jahren immer mal wieder in den USA. Und da wird einem das so anders vorgelebt. Allerdings muss man dazusagen, dass die ganz anders aufwachsen. Es liegt einfach in unserer Natur, dass wir uns so ein bisschen heimelig fühlen wollen.

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Der Magic Moment im Studio

Den Vorgänger von Split haben Talking To Turtles noch in Seattle aufgenommen. Doch wozu in die Ferne schweifen, wenn man sich im Berliner Studio des befreundeten Produzenten Simon Frontzek einnisten kann. Der weiß nicht nur, an welchen Rädchen er am Mischpult drehen muss, sondern auch, wie man in einer Tonstudioumgebung die richtige Stimmung eines Songs einfängt.

Tatsächlich ist die Suche nach diesem „Magic Moment“ im Studio manchmal schwierig. Den gibt’s nur ganz selten. Die innere Einstellung wirkt sich ja nicht nur auf den Gesang aus, sondern auch darauf, wie du dein Instrument spielst. Ganz schwierig. Aber Simon hat uns da immer gute Hilfestellungen gegeben. Man versetzt sich in die Stimmung, in der man die Idee für den Song hatte. Dann hat er das immer ganz gut gespiegelt: „Ich verstehe schon, was du mir da gerade sagen wolltest mit der Art, wie du den Song gesungen hast, aber das ist echt ein bisschen too much.“

Auf ihrem dritten Album haben Talking To Turtles ihre Mitte gefunden. Sie haben dicker aufgetragen, aber nicht zu dick, haben kompositorisch entschlackt und vereinfacht, aber ihre Kanten beibehalten. Das Resultat klingt stimmig und macht großen Spaß. Jetzt müssen eigentlich nur noch ein paar hippe Blogs aufspringen und die Sache mit der nächsten USA-Reise ist geritzt.