Album der Woche: The Head And The Heart – The Head And The Heart

18.04.2011

Man kann sich schlecht vorstellen, dass an grauen und verregneten Orten Musik entstehen kann, die das Herz aufgehen lässt. The Head And The Heart sind ein guter Beweis dafür, dass es trotzdem funktioniert: ihre Heimatstadt Seattle gehört eher nicht zu den Orten, die wegen ihres guten Wetters besucht werden. Trotzdem schafft es ihre Musik, ein optimistisches und klares Bild beim Hörer zu hinterlassen.

The Head And The Heart - The Head And The Heart

The Head And The Heart

The Head And The Heart

(Cooperative Music/ Universal, bereits erschienen)

Graue Tage, an denen es gar nicht hell werden möchte, viel Regen, lange kalte Winter aber dennoch viel Natur, viel Grün und viele Berge – so sieht es aus, in und um Seattle, der Wahlheimat von The Head And The Heart. Bei so einer reinen und natürlichen Umgebung liegt es auch nahe, dass sich die sechs Musiker mit Leib und Seele dem Folk verschrieben haben. Kennengelernt haben sie sich bei Open Mic Nächten in Seattle. Anfangs haben sie nur zusammen gejammt – später haben sie dann das neue Songmaterial am Publikum ausprobiert.


The Head And The Heart sind nicht in Seattle geboren, alle haben im Laufe der Zeit ihre Heimat hinter sich gelassen und sind in die Stadt im Nordosten Amerikas gezogen. Das spiegelt sich auch in ihrer Musik wider. So erzählen sie auf ihrer aktuellen Platte Geschichten vom Suchen und Finden der Liebe, von Abschieden und Neuanfängen und von dem Ort, den man zu Hause nennt. Gut zu hören ist das in dem Song Ghosts. Dort werden die Gedanken verarbeitet, die Jonathan Russell bei seinem Umzug nach Seattle beschäftigt haben.

Wir haben diesen Song aus der Perspektive von jemandem geschrieben, der gerade aus seiner Heimatstadt weggezogen ist und die meisten seiner Freunde verlassen musste. Jeder hat diese großen Ideen und Träume in seinem Leben und es gibt immer eine Person, die raus geht und es wirklich durchzieht. Und der Song ist eben aus der Perspektive dieser Person geschrieben.

So hat nicht nur der Umzug nach Seattle die Musik von The Head And The Heart beeinflusst, sondern auch die Stadt an sich. Vorher hat Jonathan vor allem Indie-Rock und weniger Folk gehört. So hat er den Zugang zum Album einer weiteren Band aus Seattle, den Fleet Foxes, erst gefunden, als er selbst von der Atmosphäre der Stadt umgeben war:

Ich muss gestehen, dass die Platte der Fleet Foxes für mich mehr Sinn gemacht hat, als ich nach Seattle gezogen bin. Das Wetter, der graue Himmel, die Bäume und die Berge. All das scheint die richtige Landschaft für die Platte zu sein. Ich habe das Album erst nicht verstanden, weil es mir viel zu sanft war im Vergleich zu den Sachen, die ich sonst höre. Als ich dann in den Nord-Westen gezogen bin, habe ich es verstanden. Vielleicht macht man diese Musik wegen der Kulisse und der Landschaft. Vielleicht liegt es auch daran, dass man sich gegenseitig unterstützt. Es gibt da auf jeden Fall gerade eine Szene, eine Folk-Bewegung.

In diese Folk-Bewegung reihen sich The Head And The Heart mit ihrem Debüt wunderbar ein. Besondere Highlights sind Rivers And Roads und Honey Come Home. Rivers And Roads beginnt, einhergehend mit der besungenen Sehnsucht, schleppend und schwermütig. Der Song steigert sich jedoch immer weiter, was der authentischen Stimme von Violinistin Charity zu danken ist und endet in der mit allen Leibeskräften gesungenen Zeile: Rivers and Roads ’till I reach you. Honey Come Home ist ein Friedensangebot an die einstige Liebe, in der alles als selbstverständlich vorausgesetzt wurde. Der Protagonist hat sogar den Kühlschrank geputzt und seine Wäsche weggeräumt und bettelt nun: Honey, come home.

Musikalisch setzen The Head And The Heart auf klare Strukturen, alles sehr ehrlich, passend zu den offenherzigen Texten. Klavier, Gitarre, Violine, Bass und Drums, hier und da mal ein Glockenspiel, aber das wars dann schon an Schnickschnack. Die Stimmen der Bandmitglieder harmonieren perfekt miteinander, sodass ein sehr kraftvoller, klarer und unendlich weiter Sound entsteht. So etwa, als würde man im Umland von Seattle auf einem Berg stehen und an einem klaren Morgen den weiten, ungetrübten Blick über die Stadt genießen.