detektor.fm-Session mit Bonaparte

"Empathie ergibt plötzlich Sinn"

13.06.2017

Entspannt, gediegen, minimalistisch – all das war Bonaparte bisher nicht. Neuerdings schlägt der knallbunte Zirkus um den Schweizer Sänger und Songschreiber Tobias Jundt aber nachdenklichere Töne an. Woher kommt die Zurückhaltung?

Der Kaiser! Tobias Jundt alias Bonaparte zu Gast im Studio. Foto: detektor.fm

Wer in den letzten Jahren auf einem der legendären Konzerte von Bonaparte war, der bekam irgendwas zwischen Kindergeburtstag, Sex-Show und Punk-Revue. Doch die Songs auf dem fünften Bonaparte-Album“The Return Of Stravinsky Wellington“ implizieren, dass irgendwas anders ist im Bonapartschen Zirkus. Ein bisschen weniger Rabatz, ein paar nachdenkliche Töne, mal poetisch, mal politisch.

Es ist schön, mal eine Platte zu machen, die einfach nur eine Platte ist. Ich mach mit Bonaparte schon immer das, wo ich gerade stehe in meinem Leben. Deshalb ist diese Platte viel mehr eine Studioplatte geworden. Weil ich auch nicht mehr die ganze Zeit auf Tour sein will. Ich hab’s mir ja zehn Jahre ganz hart gegeben.

Das Über-Ego ist nur noch halb so spannend

Tatsächlich wird es begleitend zum Album neben ein paar wenigen Festival-Auftritten nur ein einziges Konzert geben. Tobias Jundt, der Kopf von Bonaparte, hat einen Gang runtergeschalten und eine Songwriter-Platte aufgenommen, die nicht mehr vorrangig als Soundtrack für wilde Liveshows herhalten soll. Der zweifache Vater entdeckt Themen, die es so im Bonaparte-Kosmos noch nicht gab.

Indem man so ein ganz kleines bisschen zur Evolution dieses Planeten beiträgt, findet man es nur noch halb so spannend, so ein Über-Ego durch die Welt zu schleppen. Man macht sich Gedanken über sonnigere Dinge: Nachhaltigkeit, Community, Familie. Empathie ergibt plötzlich Sinn.

And the world goes: tweet, tweet, tweet

White Noize“ ist einer dieser Songs, in dem sich Jundt Gedanken macht. Über die schwindende Mittelschicht, über „Cocain Cowboys“ und „Wall Street Vampires“ und über eine Welt, die sich in Rage twittert. Wenn jemand mit seiner Musik Menschen nur zum Tanzen oder Lachen bringen will, sei das bereits ein sehr wichtiger Beitrag zur Gemeinschaft, sagt Jundt. Aber wenn ein Künstler die Möglichkeit hat, sich am Diskurs zu beteiligen, sei es eben auch wichtig, Stellung zu beziehen.

Als Künstler hat man ja nun mal eine andere Stellung als die meisten anderen Berufe. Was man tut, wird verstärkt: durch detektor.fm, Spotify, Platten und Konzerte. Am Ende ist es nur die Haltung eines einzelnen Menschen, aber die Veränderung beginnt bei jedem Einzelnen. „White Noize“ stellt nur Fragen. Man spürt meine Haltung schon, aber ich will, dass die Leute ihre Haltung definieren.

Die Bonaparte-Familie

Bonaparte ist 2017 mehr denn je eine Familienangelegenheit. Jundts Frau hat bei drei Songs der neuen Platte mitgearbeitet und sogar die kleine Tochter durfte mal ans Mikrofon.

Bonaparte war immer ein familiäres Unternehmen. Mein Bruder hat immer die Grafik gemacht, meine Frau immer die Fotos. Und die Tänzer und Musiker, mit denen ich auf Tour gehe, sind immer Leute, die mir in dem Moment nahe stehen. Deshalb verändert sich das auch die ganze Zeit. Ich wollte nie eine Band sein, die eine Zwangsgemeinschaft ist.

Kurz vor Veröffentlichung seines neuen Albums war Tobias Jundt alias Bonaparte zu Gast im detektor.fm-Studio. Hier gibt’s das komplette Interview zum Nachhören.