Editors über ihr sechstes Album „Violence“

Der lange Atem

29.03.2018

Mit fast 15 Jahren Bandgeschichte sind die Editors mittlerweile länger aktiv als die Beatles es miteinander ausgehalten haben. Zwar lief es auch bei den Editors nicht ganz ohne Krisen und personelle Umstellungen ab, aber mittlerweile scheinen sie eine unerschütterliche gemeinsame Basis entwickelt zu haben.

Können auf eine fast 15-jährige Bandgeschichte zurückblicken – Editors. Foto: Rahi Rezvani

Kollektive Effizienz

Es ist nicht so einfach, eine Band dauerhaft zusammenzuhalten. Das braucht, wie jede Beziehung, viel guten Willen und gemeinsam investierte Zeit. In einer Fünfer-Konstellation, wo der Bandjob mit dem jeweiligen Familienleben an ganz verschiedenen Orten ausbalanciert werden muss, ist die Herausforderung nochmal größer. Für die Editors funktioniert das nur, weil sie sich bewusst Zeit für die Band reservieren.

Für das neue Album „Violence“ haben die fünf Musiker sich für mehrere Wochen zusammen in einem Haus in Oxford eingemietet und eine Art spätes Studentenleben zelebriert. Tagsüber haben sie an Songs gearbeitet, abends die lokale Pub-Landschaft erkundet. Damit sie die kurze gemeinsame Zeit effektiv nutzen können, geht es allerdings nicht ganz ohne Vorarbeit im Heimstudio, gibt Sänger Tom Smith zu.

Wenn wir an einer Platte arbeiten, bin ich normalerweise erstmal eine ganze Weile alleine für mich. Ich habe zuhause einen kleinen Raum mit einem Klavier und einem Pro Tools-Rechner, wo ich an Songs schreiben kann. Es braucht Zeit, bis die Ideen kommen. Das ist ein bisschen, wie auf den Bus zu warten: manchmal kommen sie gleichzeitig und ich schaffe zwei oder drei Songs die Woche. Und manchmal sitzt man ewig rum und nichts passiert.

Neuer Input vom Elektronik-Frickler

Wenn die Ideen einmal da sind, lohnt es sich auch, die Band zusammenzuholen und gemeinsam nach der finalen Form für die Stücke zu suchen. Für den richtigen Inspirationsfunken zur sechsten Editors-Platte haben sie sich noch zusätzlichen Input gesucht. Mit Blanck Mass kam ein überzeugter Elektronik-Frickler dazu, der alle Demos einmal komplett nach seinem Geschmack überarbeitet hat.

Er hat uns seine Versionen der Songs geschickt, nachdem er sie einmal seinem verqueren elektronischen Denken unterzogen hat. Wir bekamen die Stücke also zurück und sie waren zwar noch wiedererkennbar, aber soundtechnisch auf einem völlig anderen Level. Manche davon waren verdammt großartig, mit anderen konnten wir nicht so viel anfangen. Aber es war immer inspirierend, die Songs aus seinem Blickwinkel zu sehen.

Obwohl es nicht alle Vorschläge von Blanck Mass tatsächlich auf das Album geschafft haben, sind doch viele Stücke von seiner Handschrift geprägt. Für die Editors war es aber wichtig, nicht auf alles zu verzichten, was den Bandsound aus ihrer Sicht ausmacht. Also galt es, für jeden Song die richtige Mischung zu finden zwischen dem klassischen – und bisher sehr erfolgreichen – Kern aus Piano und Gitarren und ergänzenden Electro-Anleihen.

Am Ende musste eben das Bauchgefühl stimmen. Diese Entscheidungsbasis funktioniert offenbar ganz gut für die Band – im Studio in Oxford gab es jednfalls regelmäßig gemeinsame Erleuchtungsmomente, erinnern sich Tom Smith und Gitarrist Justin Lockey.

Es gab da ein wiedererkennbares Muster: Wir hatten diese Inspirationsmomente immer nachmittags um kurz nach vier. Vermutlich, weil wir normalerweise um fünf Schluss gemacht haben. Jedes Mal, kurz bevor wir los wollten, passierte irgendwas, das wir noch schnell aufnehmen wollten. Für mich sind das die extra-schönen Momente, wenn in diesem Raum etwas Besonderes mit allen fünf von uns geschieht, weil wir unseren Groove finden oder eine Atmosphäre schaffen, die wir einzeln nie erzeugen könnten.

Studiozeit heißt Teamarbeit

Es könnte eins der Erfolgsrezepte der Editors zu sein – zu wissen, wann das „Wir“ das „Ich“ schlägt. Obwohl Tom Smith einen Großteil des Songschreibens im Alleingang übernimmt, bedeutet Studiozeit dann doch immer Teamarbeit. Das gemeinsame Ringen um das beste Ergebnis rettet manchmal auch Stücke, die sonst im heimischen Archiv von Tom Smith verloren gehen würden. „Magazine“ war so ein Fall von kollektiver Wiederbelebung – und wurde letztlich sogar die erste Single als Appetizer für „Violence“.

Songs werden ja zum Glück nicht schlecht wie Milch. Wenn ich etwas einigermaßen Brauchbares geschrieben habe, dann nehme ich mir das immer mal wieder vor. Bei „Magazine“ gab es so eine Art „Heureka“-Moment, nachdem wir den Refrain verändert hatten und plötzlich machte alles Sinn. Textlich und bei der Melodie blieb aber eigentlich alles gleich. Es gibt also Songs, die wieder auftauchen und um ihr Überleben kämpfen.  

Langlebigkeit ist kein Schimpfwort

Nicht nur die Songs der Editors sind Überlebenskünstler – die Band hat das gleiche Talent, über lange Zeit relevant zu bleiben. Natürlich machen sich auch die Editors Gedanken darüber, wie lange sie diesen Job noch machen wollen – oder können. Die Antwort lautet bisher aber immer: So lange es geht.

Für manche Menschen ist “Langlebigkeit” ein Schimpfwort, aber alle Bands, die wir lieben und respektieren, haben sich lange gehalten. Wir stehen auch an einem Punkt, wo Justin und Elliot an drei Alben mitgewirkt haben – also genauso viele, wie wir in der ursprünglichen Bandzusammensetzung aufgenommen haben. Was kommt als Nächstes? Keine Ahnung. Ich weiß nicht, ob wir auch mit 50 oder 60 noch Platten aufnehmen. Wir machen einfach das, was für uns funktioniert.

Wenn man also „Violence“ als Momentaufnahme lesen will dafür, wo Editors gerade stehen, dann scheint das jedenfalls eine komfortable Position zu sein – mit genug Selbstbewusstsein und Motivation auch über das aktuelle Album und die anstehende Tour hinaus. Und wie sie selbst richtig erkannt haben: Ausdauer ist nicht die schlechteste Eigenschaft im Musikgeschäft.