Lieblingsband auf 4 Zoll – Wie Smartphones Livekonzerte verändern

09.08.2013

Smartphones sind mittlerweile auch aus dem musikalischen Alltag nicht mehr wegzudenken. Aber sie können auch zum Problem werden. Wenn sie zum Stimmungskiller auf einem Konzert werden und hunderte Videos von schlechter Qualität bei Youtube hochgeladen werden. Jetzt regt sich auch unter Musikern der Widerstand gegen die Smartphone-Filmerei.

Muse-Sänger Matthew Bellamy im Fokus der Smartphones bei einem Auftritt in Bern. Foto: benediktv I flickr.com

Ein Konzertmitschnitt vom Lieblingskünstler ist heute meistens nur noch einen Mausklick entfernt: Rihanna in Berlin, Crystal Fighters in Barcelona, oder Woodkid beim Melt! Festival. Smartphonevideos mögen mittlerweile über eine gute Bildqualität verfügen, der Sound ist jedoch unterirdisch. Denn trotz immer besserer Technik und der Möglichkeit, Videos direkt in einem sozialen Netzwerk hochzuladen, ein Handymikrofon ist kein Profigerät.

In Maßen Filmen

hat kein Problem damit, wenn das Lieblingslied für private Zwecke gefilmt wird (Foto: Dennis Dirksen)Niels Freverthat kein Problem damit, wenn das Lieblingslied für private Zwecke gefilmt wird (Foto: Dennis Dirksen) 

Der Hamburger Liedermacher Niels Frevert möchte eigentlich kein Spielverderber sein. Doch bei einem seiner Konzerte untersagte er einem Zuschauer das Mitfilmen. Ihm geht es um die Art und Weise:

Wer das für sein Privatvergnügen filmt und das bleibt dann in dem gewissen Rahmen: völlig in Ordnung. Und dann kann er meinetwegen auch was filmen, wo ich mich verspielt habe oder den Text nicht mehr wusste, alles völlig in Ordnung. Nur bitte nicht das ganze Konzert und bitte nicht auch noch ungefragt ins Netz stellen.

„Put That Shit Away“

Sprecherin von YouTube-DeutschlandMounira LatracheSprecherin von YouTube-Deutschland 

Immer mehr Künstler drücken ihre Ablehnung für Handyvideos offen aus. Die New Yorker Indierocker YeahYeahYeahs appelierten neulich mit Plakaten, anderen Besuchern das Konzert nicht durch etliche Handydisplays zu versauen. Wilco-Sänger Jeff Tweedy forderte während eines Konzertes einen Besucher auf, das Filmen zu unterlassen. Und Starpianist Krystian Zimerman brach ein Konzert ab, nachdem er einen Handyfilmer bemerkte. Zimerman beklagte daraufhin, dass die Vernichtung der Musik durch YouTube enorm sei.

Mounira Latrache sieht das anders. Die Sprecherin von YouTube-Deutschland begreift die Videoplattform vor allem als Chance:

Ich würde es auch als positive Sache sehen, wenn ein Video geteilt wird oder ein gutes Konzert. Das bedeutet ja nicht, dass man nicht mehr zum Konzert geht, weil man es im Video schonmal gesehen hat, sondern im Gegenteil. Das könnte auch ein sehr guter Anreiz sein, um auf ein Konzert zu gehen.

Unwissenheit oder Vorsatz?

Auch wenn ein Konzertmitschnitt ein Anreiz für mehr Besucher sein kann, ihn bei Youtube zu veröffentlichen ist illegal. Jeder Nutzer muss vor dem Hochladen versichern, dass er der Urheber ist und muss folgenden Text bestätigen:

Wichtig: Du darfst zum Beispiel TV-Shows, Musikvideos, Konzertmitschnitte oder Werbevideos nicht ohne Berechtigung hochladen, es sei denn, es sind nur Materialien enthalten, die du selbst erstellt hast.

Doch bei vielen Nutzern sorgt dieser Hinweis für Verwirrung. In vielen Internetforen findet sich die gleiche Frage:

Ich verstehe nicht was die damit meinen. Wie gesagt: Ich habe A – selbst gefilm und B – selbst bearbeitet. Es ist also mein Video. Ist das dann ok?

Die Antworten sind hingegen vielfältig: „Man darf ja Filmen, schließlich hat man für die Karte bezahlt.“, „Viele Bands finden das doch gut, als kostenlose Werbung.“ oder „Eigentlich nicht, aber es machen ja alle, und die werden ja nicht alle verklagt.“ sind nur einige Meinungen. Dabei ist die richtige Antwort einfach. Mounira Latrache sieht jedoch keinen Vorsatz bei den Usern, die gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen:

Ich glaube, die meisten Nutzer freuen sich einfach, dass sie von einem Lieblingskünstler ein tolles Video gemacht haben und denken sich in erster Linie nichts dabei, wie da die Rechte geklärt sind.

Zu viele Daten für einen Filter

Das Thema Urheberrecht ist bei Musik im Internet besonders komplex. Denn das Urheberrecht liegt meistens bei den Labels. Selbst wenn Bands nichts gegen die Amateuraufnahmen haben, kann ein Label dagegen vorgehen. Dennoch ist Youtube voll mit den Mitschnitten – wie viel geschützter Content darunter ist, weiß niemand genau. Deshalb versucht Youtube dem Problem mit einem automatischen Filter entgegenzuwirken, erklärt Mounira Latrache:

Da können sowohl Musiker als auch Video- und Kinorechteinhaber ihre Inhalte einmal wie einer Art Fingerabdruck ablesen lassen. Und das System erkennt dann automatisiert, ob ein Video tatsächlich von diesem Rechteinhaber kommt und benachrichtigt ihn dann umgehend. Er hat dann die Möglichkeit die Inhalte zu blocken, weil er sagt, er möchte die Inhalte auf gar keinen Fall woanders haben.

Doch weil der Filter bei der Masse an Videos nicht alles findet, müssen die Urheber selbst aktiv werden. Manche Künstler verzichten aber aus Promotionzwecken darauf.

Stimmungskiller Handykamera

Niels Frevert hat noch keinen Konzertmitschnitt sperren lassen. Trotzdem sagt er, ein Handyvideo kann keine Konzertatmosphäre einfangen, es kann sie aber zerstören:

Je größer die Veranstaltung ist, desto weniger berührt das die Show. Aber wenn’s klein und intim ist, wird’s durch die Filmerei weniger intim.

Sänger von The/Das und Bodi Bill warnt vor  Konzertentfremdung durch Smartphones (Foto: anna.k.o.)Fabian Fenk (li.)Sänger von The/Das und Bodi Bill warnt vor Konzertentfremdung durch Smartphones (Foto: anna.k.o.) 

Intimität kann bei einem Liedermacher-Konzert das entscheidende Kriterium sein. Aber auch große Popkonzerte können unter den Hobbyfilmern leiden, wie Bodi-Bill-Sänger Fabian Fenk bestätigt:

Wenn viele Leute im Publikum sind, die voll darauf aus sind, endlich mal ein eigenes Video von Rihanna zu haben, ist die Stimmung vielleicht nicht so super abgedreht, wie wenn keiner ein scheiß Handy in der Tasche hat.

Unabhängig von der Größe des Konzerts sind sich beide Musiker aber einig, dass es zu viele Konzertmitschnitte im Netz gibt. Und im schlimmsten Fall trübt es das eigene Konzerterlebnis, wenn der Lieblingskünstler nur noch einen Klick entfernt ist.

Besonders die Konzerte, die einem postiv in Erinnerung sind, wo man auch da war – die sollte man sich nicht im Internet raussuchen. Es könnte sein, dass sie dir dein Gefühl zerstören, das du hattest.